Jahrtausendelang gab die Natur einen festen Rhythmus vor. Am Tag herrschte rege Geschäftigkeit – doch nach Sonnenuntergang sank alles in die Welt des Schlafs und der Träume. Nur nachtaktive Geschöpfe und leidenschaftliche Noctivaganten wie Goethe, der bei Mondschein schwimmen ging, genossen die Dunkelheit.
Aktivitäten der Nacht haftete stets etwas Subversives, Verbotenes, Aufregendes an. Doch mit der Erfindung künstlicher Beleuchtung kam der Nacht immer mehr ihr Mythos abhanden. Straßenlaternen machten die Nacht zum Tag. »Töten wir das Mondlicht« war der Schlachtruf der Futuristen, deren Bewegung mit dem Aufkommen von legendenumwobenen Nachtclubs, Tanzpalästen und dem Berliner »Cabaret« einherging.
Echte Finsternis finden wir heutzutage nur an entlegenen Orten oder paradoxerweise in künstlich geschaffenen Umgebungen, die den Tag zur Nacht machen: Nachttierhäuser oder Dunkelrestaurants, die sich großer Beliebtheit erfreuen.
In Bernd Brunners »Buch der Nacht« begegnen wir mystischen Nachtgestalten, Aberglaube und Bräuchen und begeben uns auf eine Entdeckungsreise, die uns darüber staunen lässt, welche Geheimnisse die Nacht bis heute birgt.
Wenn man mich fragt, was ich lese, antworte ich meist: alles außer Sachbücher. Aber wie es so ist, es gibt immer Ausnahmen und ich bin immer dafür auch mal etwas außerhalb meiner bevorzugten Genre zu lesen.
Das Buch der Nacht von Bernd Brunner
ist eine dieser Ausnahmen.
*Was gibt es nicht alles zu sehen, wenn aller Augen geschlossen sind* Rétif de la Bretonne
Brunner zeigt es uns in seinem Buch auf, er beginnt auch gleich mit der Beschreibung des Sonnenuntergangs und das tut er auf so anschauliche Art und Weise, dass ich den Sonnenuntergang quasi vor mir sehe, dieser Einstieg in das Buch ist hervorragend gewählt, er erzeugt eine Stimmung die mich durch alle Kapitel begleitete.
Die einzelnen Kapitel sind mit den Themen übertitelt, die sie behandeln.
Die Muße nächtlicher Lesestunde
Allem, was der Autor in diesem beschreibt, kann ich nur zustimmt, was kann es schöneres geben als sich gemütlich im Schein einer Leselampe, die nur einen begrenzten Raum erhellt, einer Geschichte hinzugeben, sich zu gruseln oder gedanklich in ferne Länder zu reisen, ungestört vom Leben, das am Tage unweigerlich stört?
Nächtliche Verwandlungen
Brunner beschreibt wie sich unsere Wahrnehmungen in der Nacht verändern, bekanntes wird zu unbekanntem. Wie kann das sein, das ist doch Unsinn, so denkt man vielleicht im ersten Moment, doch wenn wir darüber nachdenken kennen wir das doch alle
Die Äste, die nachts am Fenster kratzen, sind in der Nacht furchteinflößend, während wir sie tagsüber nicht einmal beachten. Und wer schon einmal mitten in der Nacht auf die Ankunft eines Zuges gewartet hat, der 2 Stunden Verspätung hatte weiß, dass diese 2 Stunden ohne Ablenkung, viel, viel länger dauern als die gleiche Zeitspanne im Tagestrubel.
Kapitel für Kapitel führt Brunner uns durch die Nacht und er endet mit dem Aufgang der Sonne, kurz zuvor beginnen die ersten Vögel mit ihrem Lied, während die meisten Menschen noch schlafen, oder zumindest allmählich müde werden.
Brunner untermalt seine mal sachlichen, mal fast poetisch anmutenden Texte mit Zitaten und Auszügen aus den Schriften berühmter Menschen. Thomas Hardy, Martin Luther King, Selma Lagerlöf, Laurie Anderson um nur einige zu nennen, kommen zu Wort.
Das wohl berühmteste:
Nur im Dunkeln sieht man die Sterne von Martin Luther King
zeugt von der Hoffnung, die selbst in den schwersten Stunden niemals stirbt.
Das Buch lässt mich mit einem guten Gefühl zurück, es mag sich seltsam anhören, aber nach dem Lesen der einzelnen Kapitel fühlte ich mich ausgeglichener als vorher.
Das erlebe ich eigentlich selten, ein Buch, das mich zufrieden zurücklässt und das, obwohl es *nur* die Nacht beschreibt.
Die Aufmachung sollte ich noch erwähnen, der tiefblaue Einband wird verziert von unendlich vielen funkelnden Sternen, die Schrift und der abgebildete Halbmond leuchten je nach Lichteinfall mehr oder weniger intensiv. Je nach meiner aktuellen Stimmung empfinde ich das als wunderschön oder kitschig. Im Gegensatz zum funkelnden Einband ist das Innere des Buches eher schlicht gehalten, die Texte werden in einem schlichten grauen Rahmen in Szene gesetzt, der mit dem Fortschreiten der Nacht immer dunkler wird und ab ihrem Höhepunkt wieder verblasst.
- Herausgeber : Galiani-Berlin; 1. Auflage, Ungekürzte (7. Oktober 2021)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 192 Seiten
- ISBN-10 : 3869712309
- ISBN-13 : 978-3869712307

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