Freitag, 30. Mai 2025

Der Zauber der Edelsteine: Historischer Roman von Johanna von Wild

 

Mit „Der Zauber der Edelsteine“ entführt die Autorin in das 16. Jahrhundert und in ein Handwerk, das mir bisher kaum vertraut war: die Edelsteinschleiferei. Im Mittelpunkt steht Emilia, die Tochter eines Edelsteinschleifers aus Waldkirch, deren Leben von familiären Verpflichtungen und gesellschaftlichen Zwängen geprägt ist. Besonders die Entscheidung ihres Vaters, sie aus wirtschaftlichen Gründen mit Paul Gabler zu verheiraten, stellt sie vor große innere Konflikte – vor allem, weil sie in Elias, den Lehrjungen, verliebt ist.

Was mich an diesem Buch besonders beeindruckt hat, ist die sorgfältige und detailreiche Darstellung des Handwerks, ich wusste z. B. nicht, dass auch Edelsteinschleifer auf die Walz gingen. Diese Aspekte waren mir vorher völlig unbekannt, und die Autorin schafft es, sie sehr anschaulich und glaubwürdig zu vermitteln. Die sozialen Strukturen und Rituale der Edelsteinschleifer werden so lebendig, dass man fast das Gefühl hat, selbst Teil dieser Welt zu sein.

Die Handlung spielt an verschiedenen Orten, von Waldkirch bis nach Antwerpen, wo Elias bei einem jüdischen Diamantschleifer lernt. Diese Stationen geben interessante Einblicke in die Vernetzung des Handwerks und die Lebensumstände jener Zeit. Die Liebesgeschichte zwischen Emilia und Elias ist dabei präsent, ohne den historischen Rahmen zu dominieren – sie fügt sich harmonisch ein und macht die Figuren und ihre Entscheidungen nachvollziehbar.

Auch stilistisch hat mich der Roman überzeugt. Die Sprache ist klar und unaufgeregt, ohne überflüssiges Pathos. Die Figuren wirken authentisch, ihre Konflikte sind glaubwürdig geschildert. Nebenfiguren wie Paul und sein Bruder sind differenziert gezeichnet und verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe.

Fazit:
„Der Zauber der Edelsteine“ ist ein ruhiger, atmosphärisch dichter Roman, der eine vergangene Epoche und ein wenig bekanntes Handwerk anschaulich macht. Wer historische Romane schätzt, die mehr bieten als reine Liebesgeschichten und sich auch mit gesellschaftlichen und handwerklichen Themen beschäftigen, wird hier gut aufgehoben sein. Für mich war die Lektüre eine bereichernde Erfahrung und ich freue mich schon auf weitere Bücher der sympathischen Autorin.




  • Herausgeber ‏ : ‎ Gmeiner-Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 12. März 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 2025.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 416 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3839207657
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3839207659

Dienstag, 27. Mai 2025

Schuhe, Wald und schräge Vögel: Gardaseekrimi (ungewöhnliche Krimis vom Gardasee 1) von Viola Eigenbrodt


Die Autorin Viola Eigenbrodt hat den Meran verlassen und entführt uns in ihrem neuesten Krimi „Schuhe, Wald und schräge Vögel“ an den schönen Gardasee. Dort ermittelt seit Neuestem Patti Mayrhofer, die sich mit ihrer Familie hier niedergelassen hat. Gemeinsam mit ihrer Kollegin, Marescialla Gloria Rossi, der Kommandantin der Hauptwache in Riva del Garda, wird sie zu einem Leichenfund auf einem Spargelfeld gerufen. Einer der Saisonarbeiter, Joe Diop, hat statt Spargel, der aus der Erde ragt, die Finger des jungen Försters Bippo Conte entdeckt. Joe stammt aus Burkina Faso und träumt eigentlich von einer Karriere als Schuhmacher für die Reichen und Schönen. Stattdessen muss er sich als Saisonarbeiter verdingen, aktuell auf dem Spargelfeld des ziemlich unsympathischen Andrea Raffo.

Patti kennen aufmerksame Leser bereits aus den Meran-Krimis der Autorin, und so war ich gespannt, wie sich die sympathische Ermittlerin am Gardasee schlägt. Auch ihre Partnerin Lukrezia di Lorenzini, die als Gerichtsmedizinerin arbeitet, ist wieder mit von der Partie. Die Vertrautheit mit diesen Figuren macht den Einstieg für Fans der Reihe besonders reizvoll.

Neu im Ermittlerteam ist Ispettore Paul Messner von der Kripo, der eine zentrale Rolle bei der Aufklärung des Falls einnimmt. Im Zusammenspiel mit Patti und Gloria wirkt Messner zunächst etwas überheblich gegenüber seinen weiblichen Kolleginnen und zeigt sich gelegentlich launenhaft. Ob sich dieser erste Eindruck im weiteren Verlauf bestätigt, bleibt abzuwarten – auf jeden Fall sorgt seine Art für zusätzliche Dynamik und Reibung im Team.

Viola Eigenbrodt bleibt ihrem besonderen Stil treu: Mit viel Gespür für Atmosphäre und feinem Humor schafft sie es, die malerische Umgebung des Gardasees lebendig werden zu lassen. Die Ermittlungen sind klassisch aufgebaut und führen durch ein Netz aus Verdächtigen, falschen Fährten und überraschenden Wendungen. Besonders gelungen sind die bildhaften Beschreibungen der Landschaft und das authentische Lokalkolorit, das den Leser direkt nach Norditalien versetzt. Ganz nebenbei erfährt man auch etwas über die Geschichte der Region – ein Aspekt, der mir persönlich sehr gefällt und neugierig macht auf die Menschen und die Landschaft Norditaliens.

Der Fall selbst ist komplex und spannend konstruiert. Immer wieder tauchen neue Motive und Geheimnisse auf – nicht nur im Umfeld des Opfers, sondern auch bei den Ermittlern selbst. Die Autorin versteht es, die Spannung bis zuletzt zu halten und am Ende alle Fäden logisch und nachvollziehbar zusammenzuführen. Sie überraschte mich mit einem Täter, mit dem ich nicht gerechnet hätte – so, wie es bei einem guten Krimi sein soll.

Fazit:
„Schuhe, Wald und schräge Vögel“ ist ein atmosphärisch dichter, unterhaltsamer und clever konstruierter Krimi, der nicht nur Fans der Meran-Reihe begeistern wird. Der gelungene Wechsel an den Gardasee, die vielschichtigen Figuren und die raffinierte Handlung machen das Buch zu einem echten Lesevergnügen.



  • ASIN ‏ : ‎ B0F3DBDB6S
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. April 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 264 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8316405404

Montag, 26. Mai 2025

KÜSTENKESSEL: Ostseekrimi - Inselkrimi (Die Kommissarin auf der Insel, Band 12) von Eva Lirot



Am Südstrand der Ostseeinsel Fehmarn hat eine neue Diskothek eröffnet. Der Laden brummt, ist voll mit gut gelaunten Touristen, die ausgelassen feiern. Doch im Hintergrund lauern Schatten. Ein Mann in der Menge hat seine Augen auf eine teure Uhr gerichtet. Eine Frau überprüft diskret die Taschen eines ahnungslosen Paares. Die Diebstähle häufen sich. Die Partygäste geraten in Aufruhr. Inselkommissarin Frieda Lieken ist angehalten, die Diebe schnellstens zu stellen. Doch dann spitzt sich die Lage dramatisch zu, als eine der Kellnerinnen aus der Diskothek tot aufgefunden wird

Mit „Küstenkessel“ liegt nun schon der zwölfte Fall für Frieda Lieken vor – und wie gewohnt gelingt es Eva Lirot, die besondere Atmosphäre der Insel Fehmarn einzufangen. Man kann auch dieses Buch lesen, ohne die Vorgängerbände zu kennen, aber warum sollte man sich des Vergnügens berauben Lieken und ihre wunderbare Familie, ihren cholerischen Vorgesetzten Heiner Eisler kennenzulernen und natürlich die spannenden Fälle mitzuverfolgen. Ich mag ihren Schreibstil sehr, denn er lässt immer genügend Raum für die eigene Vorstellungskraft, sowohl was die Umgebung als auch die Figuren betrifft.


Dieser Band ist für mich wohl der emotionalste Fall der Reihe. Eigentlich wollte Frieda gemeinsam mit Martin die diamantene Hochzeit ihrer Großeltern feiern, als ein Telefonat sie zu einem Einsatz ruft, in der beliebten Inseldiskothek kam es zu einer Schlägerei und mehreren Diebstählen. Dort begegnet sie der jungen Kellnerin Anneke. Zu ihr spürt Frieda eine unerklärliche Verbindung, die sie auch nach dem Dienst nicht mehr loslässt. Umso härter trifft es sie, als Anneke kurz nach ihrem Treffen ermordet wird. Dass sie den Mord nicht verhindern konnte, bringt Frieda kurz ins Wanken und lässt sie an ihren Fähigkeiten als Kommissarin zweifeln. 
Gut, dass es ihren Verlobten und natürlich Oma Lieken gibt, die Frieda wieder aufbauen und ihr helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Aufklärung des Mordes an Anneke. Schon bald gerät der Diskothekenbesitzer in den Fokus der Ermittlungen, doch soll es wirklich so einfach sein, den Mord an der jungen lebenslustigen Frau aufzuklären oder besteht doch ein Zusammenhang mit den Diebstählen in der Diskothek, eine weitere Spur führt zu dem Gaunerpärchen Rico und Maya.

Was mir an der Reihe immer wieder gefällt, ist die Balance zwischen Spannung und dem Blick auf Friedas persönliches Umfeld. Auch in „Küstenkessel“ gelingt es der Autorin, Friedas Zweifel und ihre emotionale Betroffenheit glaubhaft darzustellen, ohne ins Pathos abzurutschen. 

Fazit:
Ein atmosphärisch dichter Krimi, der nicht nur durch einen spannenden Fall, sondern auch durch seine leisen Zwischentöne überzeugt. Für Fans der Reihe ein Muss und für alle, die Regional-Krimis mit Charakter mögen, eine klare Leseempfehlung.



  • ASIN ‏ : ‎ B0DZVHM2YN
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 4. Mai 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 193 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8311243544

Sonntag, 25. Mai 2025

KRETIN: Es ist Böse von Astrid Korten

 


Schon das düstere Cover von Astrid Kortens Psychothriller Kretin weckte meine Neugier – und ich kann vorwegnehmen: Das Buch hat meine Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern übertroffen.

Die Geschichte setzt im Juli 2006 ein, als in der Nähe von Gröbenried ein junges Paar brutal enthauptet aufgefunden wird. Einer der beiden Toten ist der Sohn eines einflussreichen Münchner Verlegers. Mit den Ermittlungen werden die Hauptkommissare Joshua Krabbe und Elva Tillström betraut – zwei Figuren, die im Verlauf der Handlung an Tiefe gewinnen und mir zunehmend ans Herz gewachsen sind. Beide sehen sich nicht nur mit einem äußerst rätselhaften Fall konfrontiert, sondern auch mit persönlichen inneren Spannungen. Besonders eindrucksvoll fand ich, wie verwirrend die Ermittlungen für beide – und damit auch für mich als Leserin – geraten. Immer wieder glaubte ich, auf der richtigen Spur zu sein, nur um kurz darauf erneut in die Irre geführt zu werden.

Parallel zur Gegenwart entwickelt die Autorin einen zweiten Handlungsstrang, der im Jahr 1936 einsetzt. Hier steht Benno im Mittelpunkt, ein gesellschaftlich Ausgestoßener, von den Dorfbewohnern als „Kretin“ verspottet.  Zunächst bleibt unklar, wie dieser historische Strang mit den aktuellen Morden zusammenhängt ,doch nach und nach entfaltet sich ein beklemmendes Bild, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart auf verstörende Weise berühren.

Das Wechselspiel zwischen den beiden Zeitebenen sorgt für eine düstere, vielschichtige Atmosphäre und hält die Spannung durchgehend hoch. Astrid Korten versteht es meisterhaft, psychologische Spannung aufzubauen und mit den Erwartungen der Lesenden zu spielen. Bis zum Schluss bleibt offen, wie alles zusammenhängt – und was es mit dem Mythos um den „Kretin“ auf sich hat, der über Generationen hinweg im kollektiven Gedächtnis des Dorfes nachhallt.

Besonders hervorheben möchte ich die bildhafte, oft metaphorische Sprache, mit der Korten das Unheimliche und Bedrohliche fast greifbar macht. Ein Zitat, das mir besonders im Gedächtnis geblieben ist:

„Der See war still geworden. Aber niemand glaubte, dass er bereits alle seine Geheimnisse preisgegeben hatte.“ (S. 174)

Auch die Figurenzeichnung überzeugt: Die Ermittler wirken glaubwürdig und vielschichtig, die Nebenfiguren sind sorgfältig entwickelt, manchen davon möchte man lieber nicht persönlich begegnen. Die Handlung ist rasant, atmosphärisch dicht und voller unerwarteter Wendungen. Das Ende kam für mich völlig überraschend und hat mich auch nach dem Zuschlagen des Buches nicht losgelassen.

Fazit:
Kretin es ist Böse, ist ein intensiver Psychothriller mit einer bedrohlich dichten Atmosphäre. Astrid Korten gelingt es, komplexe Themen in eine fesselnde Handlung einzubetten.  Wer atmosphärische, vielschichtige Thriller schätzt, dürfte hier auf seine Kosten kommen. Eine klare Empfehlung – und die Hoffnung, dass noch viele weitere Geschichten dieser Art folgen. Und für mich bleibt tatsächlich die Frage: Ist das Böse in einem Menschen angeboren oder wird jemand aufgrund der Umstände, unter denen er aufwächst, erst zu einem bösen Menschen?


  • ASIN ‏ : ‎ B0F545N5VP
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. April 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 237 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8319300096


Donnerstag, 15. Mai 2025

Merlin und Princess: Alte und neue Freunde von Rika Mohn


 "Das kann er nicht machen!" Wer von den beiden mehr entrüstet ist, lässt sich schwer entscheiden. Der Schäferhund-Husky-Rüde Merlin hat Liebeskummer. Seine Herzensdame ist eine wunderschöne, reinrassige Husky-Hündin. Deren Besitzer hält jedoch nichts von Mischlingen, er will reinrassige Welpen verkaufen können. Für seine Katzenfreundin Princess wäre Merlins Glück eine halbe Katastrophe, denn sie mag keine Hundewelpen. Die zweite Hälfte der Katastrophe bahnt sich auch schon an. Ihre alte Besitzerin will die Katze zurückholen. Auf keinen Fall darf das passieren! Princess würde lieber sterben, als in das Horror-Haus zurückzukehren! Doch ihre Chancen stehen schlecht. Princess hat Merlins Familie durch ihren Katzen-Dickkopf so gründlich verärgert, dass eines der Mädchen sie lieber heute als morgen loswerden möchte. Ob die beiden Pechvögel ihr Schicksal noch wenden können?


Ich habe schon den ersten Band rund um Merlin und Princess sehr gern gelesen, obwohl Geschichten mit tierischen Protagonisten eigentlich nicht mein bevorzugtes Genre sind. Umso neugieriger war ich auf die Fortsetzung mit der herrlich überheblichen Princess und dem liebenswerten Schäferhund-Husky-Mix Merlin.

Inzwischen leben die beiden bei Felix, Julia, ihren Töchtern Marie und Sophie und drei weiteren Katzen. Princess hat es mit ihrem einzigartigen Charme geschafft, sich an die Spitze der tierischen Hausgemeinschaft zu setzen, während Merlin einfach nur zum Liebhaben ist. Besonders Sophie genießt die gemeinsamen Hunderennen mit ihm – bis Princess sich heimlich ins Wohnmobil schleicht und prompt auffliegt. Das hat Folgen: Merlin wird disqualifiziert, die Familie muss enttäuscht nach Hause zurückkehren, und auch für Merlin ist das ein harter Schlag, denn er ist unsterblich in die Husky-Dame Kassie verliebt. Als dann noch Princess’ ehemalige Besitzerin auftaucht und die berühmte Katze zurückhaben will, spitzt sich die Lage weiter zu. Der Tumult, der im Zuhause der Familie bei ihrer Ankunft entsteht, ist ziemlich amüsant.

Was mich besonders begeistert hat: Rika Mohn lässt sowohl Merlin als auch Princess zu Wort kommen und schafft es, Themen wie Freundschaft, Zusammenhalt und Familie mit viel Herz und Humor zu erzählen. Besonders berührt haben mich die Begegnungen zwischen Princess und Lore, einer taffen Straßenkatze, die sie mit dem kleinen Luca zusammenbringt, – eine Begegnung, die absolut alles verändert. Aber mehr dazu verrate ich nicht, denn das müsst ihr selbst lesen.

Für mich ist Merlin und Princess – Alte und neue Freunde eine gelungene Fortsetzung, die mich zum Schmunzeln und Nachdenken gebracht hat.




  • Herausgeber ‏ : ‎ Machandel-Verlag; 1. Edition (31. März 2025)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3959594607
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3959594608

Dienstag, 6. Mai 2025

Die Schlange von Sermione von Isabella Archan

Während der ersten wärmeren Tage des Jahres habe ich zu einem Kriminalroman gegriffen, der mich gedanklich direkt an den Gardasee entführt hat – ein stimmungsvoller Start in die Frühlingssaison mit einem ungewöhnlichen Fall und einer ebenso ungewöhnlichen Ermittlerin.

Manchmal reicht schon der erste Satz, um in eine Geschichte hineingezogen zu werden. So ging es mir bei Isabella Archans Die Schlange von Sirmione, vor allem da ich ja schon gespannt auf ihr neustes Buch gewartet habe. Was zunächst wie ein wohlverdienter, wenn auch erzwungener Urlaub am Gardasee beginnt, entwickelt sich schnell zu einem spannenden Kriminalfall, der ganz ohne große Effekthascherei auskommt – dafür aber mit viel Feingefühl für Figuren und Schauplätze punktet.

Im Mittelpunkt steht Edwina Teufel, eine Ermittlerin, die sich selbst nicht schont und auch in der Fremde kein Auge zudrücken kann. Ihre klare, oft schonungslos direkte Art und ihr untrügliches Gespür für das Ungewöhnliche machen sie zu einer interessanten Hauptfigur, die nicht einfach nur „sympathisch“ ist, sondern vielschichtig und eigenständig. Ihre  Ermittlungen rund um einen seltsamen Fund – einer Schlange im Fundbüro – führen sie in ein Geflecht aus kleinen Geheimnissen, Eitelkeiten und Schuld. Ich mochte sie nicht immer, so manches Mal war sie mir etwas zu direkt:

 „Ich bin nicht hier, um nett zu sein“, sagte Edwina und schenkte ihrem Gegenüber einen Blick, der keine Widerrede duldete."

„Edwina scherte sich nicht um Höflichkeiten, wenn sie eine Spur roch. Dann wurde sie zur Zornnatter, die zupackte, biss und nicht lockerließ.“

Und das passt dann auch zu ihr und zu dem was sie in ihrer bisherigen Laufbahn erlebt hat:

 „Edwina hatte gelernt, dass Freundlichkeit oft ein Luxus war, den man sich im Polizeialltag nicht leisten konnte – zu viele hatten versucht, sie mit Nettigkeiten zu täuschen.“

Irgendwie mochte ich sie dann doch.

Was diesen Krimi für mich besonders gemacht hat, ist die Kombination aus leichtem, beinahe sommerlichem Erzählton und einer unterschwelligen Spannung, die sich langsam, aber stetig aufbaut. Der Gardasee ist nicht bloß Kulisse, sondern wird in all seinen Facetten – touristisch, mondän, aber auch alltäglich – eingefangen. Dazu kommt Archans Blick für das Zwischenmenschliche, den ich sehr geschätzt habe.

Ein ruhiger, kluger Krimi, der zeigt, dass Spannung nicht laut sein muss, um Wirkung zu entfalten. Wer Krimis mag, die mehr sind als bloße Kulisse für Mord und Totschlag, wird hier auf seine Kosten kommen.

Erwähnenswert:
Isabella Archan wurde 2025 mit dem renommierten GLAUSER-Krimipreis in der Kategorie Kurzkrimi ausgezeichnet. Sie erhielt den Preis für ihre Kurzgeschichte „Fröndenberger Fäden“, erschienen in der Anthologie „Verbrechen nebenan. Mord am Hellweg XI.“ im Grafit Verlag.



  • Herausgeber ‏ : ‎ Haymon Verlag; 1. Edition (27. März 2025)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 300 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3709979846
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3709979846

  • Montag, 5. Mai 2025

    Erdrutsch: Roman (Neue Paradiese 1) von Burkhard Spinnen (Autor), Charles Wolkenstein (Autor)

    Die Geschichte die Burkhard Spinnen und Charles Wolkenstein erdacht haben beginnt recht spektakulär: Auf einem Steilhang des Monte Croce di Muggio entdeckt Aurelio Campanna der Tibeter, wie er von allen genannt wird, weil er schon einige Berge in Tibet bestiegen hat,einen Mann der scheinbar mit Vögeln spricht. Nach einiger Recherche findet Aurelio heraus das es sich bei dem Vogelmann um den Tierarzt Giorgio Colombo handelt. Kurz darauf kommt es zu einem Erdrutsch – ein Ereignis, das eine Kettenreaktion weiterer Hangabbrüche in den Alpen auslöst. Die Frage, ob die Vögel vor den Katastrophen gewarnt haben, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. An der Seite des „Vogelmanns“ agieren eine renommierte Krähenforscherin und ein engagierter Bergsteiger. Schon bald treten auch internationale Akteure auf den Plan: Die Schweiz bittet um Amtshilfe, die katholische Kirche sieht in dem Mann einen neuen Franziskus, und für die Klimabewegung wird er zur Projektionsfigur.

    Spinnen und Wolkenstein gelingt es, die Schönheit der Alpenregion eindrucksvoll mit der Bedrohung durch menschliche Ignoranz und klimatische Umbrüche zu kontrastieren. Die Handlung ist vielschichtig: Vertreter*innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Aktivismus treffen aufeinander. Dabei werden Scheinheiligkeit, Aktionismus und Wunschdenken schonungslos offengelegt. Die Autoren entwerfen mit kritischer Fantasie ein beunruhigendes Zukunftsszenario, das zugleich gegenwärtige Debatten widerspiegelt.

    Besonders gefallen hat mir der Schreibstil des Autorenduos: klar und präzise, zugleich poetisch. Die Landschaftsbeschreibungen sind atmosphärisch dicht, die Dialoge auf den Punkt, die Figuren sind nie nur gut oder böse. Erdrutsch ist mehr als ein Gesellschaftsroman – es ist ein literarischer Weckruf, der Themen wie Klimawandel, Naturzerstörung und gesellschaftliche Verantwortung eindringlich verhandelt. Wer Romane schätzt, die nicht nur unterhalten, hat hier die richtige Wahl getroffen.

    Erdrutsch ist ein gut durchdachter  Roman, der aktuelle Fragen von Umwelt, Politik und gesellschaftlichem Wandel aufgreift, ohne einfache Antworten zu liefern. Wer bereit ist, sich auf das ungewöhnliche Szenario einzulassen, wird mit einer vielschichtigen und stilistisch überzeugenden Lektüre belohnt.


    • Herausgeber ‏ : ‎ Kanon Verlag Berlin; 1. Edition (24. April 2025)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3985681619
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3985681617


    Sonntag, 4. Mai 2025

    Die dem See begegnen: Geschichten von Daniel Göring

     

    Als ich „Die dem See begegnen“ von Daniel Göring gelesen habe, hat mich vor allem die besondere Atmosphäre der Geschichten berührt. Der See ist hier viel mehr als nur ein Ort – er wirkt fast wie ein stiller Begleiter, der die Gefühle der Menschen widerspiegelt. Es ist faszinierend, wie der See in den einzelnen Geschichten eine so zentrale Rolle spielt und dabei eine ruhige, fast meditative Stimmung erzeugt.

    Die einzelnen Geschichten sind kurz, aber voller Tiefe. Manchmal sind sie leise und nachdenklich, manchmal überraschend intensiv. Besonders gefallen hat mir, wie Göring mit wenigen Worten viel ausdrücken kann und dabei Raum lässt, um selbst zu interpretieren. Es ist schön, dass die Geschichten nicht alles vorgeben, sondern mich einlud, eigene Gedanken und Gefühle mit einzubringen.

    Nicht jede Geschichte habe ich auf Anhieb ganz verstanden, was mich manchmal etwas zurückgeworfen hat. Das hat aber auch dazu geführt, dass ich immer wieder zum Nachdenken angeregt wurde und das Buch beim Lesen in ruhigen Momenten genossen habe. Es ist kein Buch, das man schnell durchliest, sondern eines, das sich Zeit nimmt und bei dem man sich auf die Atmosphäre einlassen sollte.

    Mir hat der Schreibstil sehr gefallen. Göring schafft es, eine ruhige Stimmung zu vermitteln, die mich beim Lesen immer wieder in den Bann gezogen hat. Seine Worte ließen mich tief eintauchen in die Atmosphäre der Geschichten. In meinen Augen steht der See dabei als Metapher für das Gefühlsleben der handelnden Personen – seine Ruhe, aber auch die Tiefe und manchmal die zerstörerische Kraft, die darin verborgen liegt.

    Da ist z.B. die Geschichte "Laugenbretzel" in der sich der Bürgermeister Raoul Waeber am Tag der Entscheidung ob er wieder gewählt wird in seinem Büro aufhält und sich bei einem Blick auf ein Seebild, das von seinem Vorgänger hinterlassen wurde, versteht was dieser ihm sagen wollte "Lass dich nicht blenden, jetzt wo du im Sonnenschein stehst.Ehe du dich versiehst, schlägt das Wetter um und du findest dich in einem Sturm wieder" 

    Für mich ist „Die dem See begegnen“ ein Buch, das man am besten in ruhigen Momenten liest, obwohl es sich um Kurzgeschichten handelt, sind sie nicht schnell weggelesen.

    Mein Fazit:
    Ein stimmungsvolles, schönes Buch mit Geschichten, die nachklingen und zum Nachdenken anregen. Weil ich nicht jede Geschichte sofort ganz erfassen konnte, gebe ich 4 von 5 Sternen. Dennoch hat mich der Schreibstil immer wieder fasziniert und das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis gemacht.



    • Herausgeber ‏ : ‎ Neptun Verlag (4. April 2025)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 122 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3858203858
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3858203854

    Freitag, 2. Mai 2025

    Zombie Zone Germany: Welt in Trümmern von Simona Turini


     Zombies: Dumpfe, hirnlose Monster, getrieben von einem unstillbaren Hunger – seit langem faszinieren sie mich, egal ob auf der Kinoleinwand oder zwischen Buchdeckeln. Mal sind es die klassischen, schlurfenden Untoten, mal moderne Varianten, aber immer steht eine Frage im Raum: Wie reagieren wir Menschen, wenn die Welt in Trümmern liegt? Genau diese Frage stellt die Zombie-Zone- Germany-Reihe aus dem Amrûn Verlag in den Mittelpunkt – und das mit einer Intensität, die mich von Anfang an begeistert hat.

    Was diese Reihe für mich so besonders macht, ist der unverwechselbare deutsche Lokalkolorit, den jede Novelle und Kurzgeschichte mitbringt. Hier werden nicht einfach nur Zombies auf die Straßen geschickt – es geht um die Menschen, um ihre Ängste, Hoffnungen und die kleinen Funken der Solidarität, die selbst im Angesicht der Apokalypse aufglimmen. Die Geschichten sind unabhängig voneinander lesbar, doch sie alle eint die düstere, authentische Atmosphäre eines Deutschlands, das von hohen Betonmauern umgeben und von Verzweiflung, aber auch Überlebenswillen geprägt ist.

    Simona Turinis „Welt in Trümmern“ ist ein Blick in die Abgründe der Überlebenden

    Die Autorin verlegt die Handlung ihrer Novelle einige Jahre nach dem Ausbruch der Zombie-Apokalypse.  In diesem düsteren Setting begegnen wir "Molly" Hanke, einem ehemaligen Kirmesboxer, der sich nun als Bordellbesitzer durchschlägt – wobei seine Mitarbeiterinnen „nicht mehr immer ganz frisch“ sind, um es vorsichtig auszudrücken.


    Molly hat sich mit Johann „Jessy“ Schulz, dem letzten großen Frankfurter Gangsterboss, einen mächtigen Feind gemacht. Jessy ist auf Rache aus, und so bleibt Molly nur die Flucht. Gemeinsam mit Sandrine, einer seiner cleveren Mitarbeiterinnen, versucht er zunächst, sich irgendwo in Frankfurt zu verstecken. Doch die Angst vor Jessy ist so groß, dass ihnen überall die Türen verschlossen bleiben. Schließlich bleibt nur die Hoffnung auf einen Neuanfang: An der belgischen Grenze, so heißt es, gibt es ein Moor, durch das man die Grenze nach Belgien überqueren kann – dort hin haben sich zwei von Mollys Freunden bereits aufgemacht, um sich ein neues Leben aufzubauen. Ohne Sandrine, die sich in der Natur etwas auskennt und klug agiert, wäre Molly, der sich als großmäuliger Versager entpuppt, allerdings nie so weit gekommen.


    Unterwegs treffen sie auf Kerstin und ihren kleinen Sohn Carlo, die sich auf einem gut verbarrikadierten Hof durchschlagen. Kerstin tut alles, um ihr Kind zu schützen und zu ernähren – auch wenn das bedeutet, moralische Grenzen zu überschreiten. Kurz nach diesem Treffen zeigt sich Mollys widerwärtiges Macho-Gehabe besonders deutlich in einer Szene in Kerstins Küche, wo er mit protziger Attitüde die Führung an sich reißt – ein abstoßendes Beispiel dafür, wie patriarchale Dominanzfantasien selbst in der Apokalypse fortbestehen.

    Turini scheut sich nicht, ihren Leserinnen und Lesern auch mal widerwärtige Bilder in den Kopf zu setzen – aber das gehört zu einer Zombiegeschichte manchmal eben dazu. Sie zeigt aber auch, was die Menschen antreibt: Jessy etwa wird aus Liebe zu seinem Sohn zum erbarmungslosen Rächer. Während sich manche Kunden vollkommen verroht mit Zombie-Prostituierten vergnügen, kämpfen andere für deren Rechte – beides Auswüchse einer entgleisten Realität, die mir gleichermaßen unbegreiflich erscheinen. Wer beim Lesen ein gutes Vorstellungsvermögen hat, sollte Kekse und Schokolade bei der Lektüre vielleicht besser weglassen, denn Turini zieht die düster-skurrile Linie konsequent durch, auch auf Kerstins Hof kommt es zu sehr speziellen Szenen.

    Fazit

    Simona Turini gelingt es, mit „Welt in Trümmern“ die Abgründe der Überlebenden in der Zombie Zone Germany gnadenlos offenzulegen. Ihre Figuren sind alles andere als Helden – oft unsympathisch, getrieben von Angst, Überlebenswillen und manchmal auch purer Verzweiflung. Besonders eindrücklich entlarvt sie, wie selbst in der anarchischen Endzeit männliche Protagonisten wie Molly an überholten Machtbildern festklammern – ein Kontrapunkt zu den weiblichen Figuren, die durch Pragmatismus und Empathie das eigentliche Rückgrat der Überlebensgemeinschaften bilden. Wer die Reihe kennt, weiß: Hier wird nichts beschönigt, aber gerade das macht den Reiz aus. Ein weiterer starker Beitrag zur wohl spannendsten deutschen Zombie-Anthologie!


    Und warum ich nun unbedingt wissen will was Faye Hell und Simona Turini mit einem Einkaufswagen zu tun haben, erfahrt ihr, wenn ihr das tolle Vorwort von Faye Hell lest. Und Popcorn will ich nun auch.



    • Herausgeber ‏ : ‎ Amrun Verlag; 1. Edition (26. März 2025)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Taschenbuch ‏ : ‎ 132 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3958694322
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3958694323