Freitag, 30. Januar 2026

Der andere Arthur von Liz Moore


Arthur Opp lebt zurückgezogen in seinem New Yorker Stadthaus. Der ehemalige Professor hat kaum noch Kontakt zur Außenwelt; nur Lieferdienste klingeln täglich an seiner Tür. Sein Haus verlässt er lediglich, um den Müll hinauszustellen. Sein früheres Leben endete, als er beschuldigt wurde, ein Verhältnis mit seiner Studentin Charlene gehabt zu haben. Arthur betritt die Universität nie wieder.

Der Kontakt zu Charlene reißt dennoch nicht sofort ab. Über Jahre hinweg stehen sie in Briefkontakt. Arthur schildert darin Begegnungen, einen Alltag, ein Leben außerhalb seiner vier Wände. Doch nichts davon ist wahr. Er verschweigt, dass er stark übergewichtig ist, dass er vereinsamt und dass er zunehmend die Kontrolle über sein Leben verliert. Die Scham ist zu groß. Als auch der Briefkontakt schließlich abbricht, versinkt Arthur vollends in Isolation.

Bevor es zu einem Treffen zwischen Arthur und Kel kommt, geraten beide Leben noch einmal in Bewegung. Ein Anruf von Charlene rüttelt Arthur auf. Er fasst den Entschluss, etwas zu verändern, engagiert eine Reinigungskraft und versucht, wieder Ordnung in sein Leben zu bringen. Yolanda, eine junge schwangere Frau, begegnet ihm offen, freundlich und ohne Vorurteile. Sie räumt nicht nur sein Haus auf, sondern erreicht auch etwas, das Arthur längst für unmöglich gehalten hat: Er verlässt wieder sein Zuhause.

Parallel dazu kämpft der siebzehnjährige Kel in Brooklyn um ein Sportstipendium, das ihm den Ausweg aus Armut und der Verantwortung für seine kranke Mutter ermöglichen soll. Sie trinkt zu viel, und Kel schwankt zwischen Fürsorge, Wut und Schuldgefühlen. Er will Baseballprofi werden, um sich und ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. Von seinem Vater weiß er nur, dass er Mets-Fan war und die Familie verließ, als Kel noch klein war. Ein Zettel an der Tür seiner Mutter mit der Aufschrift „Komm nicht rein. Ruf die Polizei.“ und ein Brief, der alles verändert, markieren Wendepunkte in seinem Leben.

Liz Moore erzählt diese Geschichte ohne Pathos. Mit schlichten, schnörkellosen Worten entstehen eindringliche Bilder. Besonders die Passagen aus Arthurs Perspektive haben mir sehr gefallen, sie wirken für mich authentischer als Kels jugendliche Sicht, die mir altersbedingt etwas ferner bleibt. Der Roman thematisiert Einsamkeit, Schuld und Fürsorge und zeigt, wie Menschen durch kleine Gesten und leise Begegnungen wachsen können.


  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 22. Januar 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 377 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406843336
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406843334
  • Originaltitel ‏ : ‎ Heft

Mittwoch, 28. Januar 2026

Gefährliche Weihnachten von Carla Eisfeldt


Weihnachten ist eigentlich eine Zeit der Besinnlichkeit, des harmonischen Beisammenseins mit Freunden und Familie. Oder es läuft wie in Carla Eisfeldts Kurzgeschichten „Gefährliche Weihnachten“ ganz anders ab. Die Sammlung umfasst zwölf  Erzählungen, die die festliche Stimmung mit schwarzem Humor und Boshaftigkeit unterlaufen. 

Nehmen wir Johanna: Kurz vor Weihnachten verlässt sie ihr Freund für die beste Freundin, doch sie findet unerwarteten Trost bei einer Punschverkäuferin auf dem Weihnachtsmarkt, die eine unkonventionelle Lösung gegen den Kummer bietet. Oder Hildegard, die in Geldschwierigkeiten steckt und  von einem aufdringlichen Immobilienmakler bedrängt wird, ihr Haus zu verkaufen. Doch bevor sie den Vorvertrag unterschreibt, lädt sie ihn zu Tee und Plätzchen ein mit Folgen, die alles andere als idyllisch sind. Weihnachtsstimmung kommt kaum auf. Stattdessen präzise Beobachtungen skurriler Figuren im sozialen Druck, wie in "Gans anders" in dieser Geschichte übertrumpfen sich die befreundeten Nachbarn bei Essenseinladungen mit immer aufwendigeren Gerichten. 

Die Storys punkten immer mit schwarzem Humor und manchmal überraschenden Wendungen. Genau mein Geschmack, auch lange nach den Feiertagen.

Im Nachwort "Zum bitteren Ende" treffen wir noch einmal auf alle Figuren der Kurzgeschichten und die haben demokratisch entschieden, die Leser und Leserinnen zu bitten eine Rezension zu der Anthologie zu schreiben und bevor Luzifer mich persönlich dazu auffordert: Hier ist sie meine Kurzrezension. 


  • Herausgeber ‏ : ‎ MBV GmbH
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 29. Oktober 2021
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 164 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3982381703
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3982381701
  • Lesealter ‏ : ‎ 16–18 Jahre

Dienstag, 27. Januar 2026

NecroLOLmicon: Eine Anthologie


 »Die Welt ist in der Tat komisch, aber der Witz geht auf die Menschheit.« H. P. Lovecraft HPL … Eigenbrödler, Bücherwurm und Schöpfer des cthuloiden Schreckens kosmischen Ausmaßes. Aber was wäre, wenn sich Cthulhu nur schlafend stellen würde, um seine Ruhe vor machtgierigen Kultisten zu haben? Oder der Sohn von Herbert West mit den essentiellen Salzen eine Burgerbude betreiben würde? Oder der Klimawandel die Berge des Wahnsinns zum Schmelzen brächte? Dann befänden wir uns auf den blasphemischen Seiten des NecroLOLmicons und keine Idee wäre zu abgefahren, um darin verewigt zu werden. 15 Autor*innen haben sich dieser shoggotlustigen Herausforderung gestellt und 13 satirische Geschichten aus dem Lovecraftschen Universum verfasst.



H.P. Lovecraft muss ich wohl nicht vorstellen, der Meister des kosmischen Grauens hat mit seinen chthulischen Schrecken eine unvergessliche Welt erschaffen. Vielleicht würde es ihm nicht einmal gefallen, im Zusammenhang mit dieser Kurzgeschichtensammlung genannt zu werden. Darum werde ich ihn hier auch nicht mehr erwähnen, als im Klappentext steht mehr Lovecraft-Purismus gibt’s hier nicht, denn hier regiert der
Humor statt Horror.

Die Geschichten bauen lose auf Lovecrafts Grundideen auf, drehen sie aber mit einem Augenzwinkern auf den Kopf. Schon der Titel 

 

„NecroLOLmicon“ 

verrät es: 
Hier wird ein fieser Angriff auf euer Humorzentrum gestartet! Wie kitzelnde Tentakel massieren die Storys mal mehr, mal weniger eure Lachmuskeln absurd, frech und total unterhaltsam. Ich habe mich durchweg amüsiert, jede Erzählung hat mich neugierig auf die nächste gemacht.


Detlef Klewer hat als Herausgeber und Autor eine beeindruckende Riege an Autoren und Autorinnen um sich versammelt: Matthias Ackermann, Michael Edelbrock, Ivan Ertlov, Katrin Holzapfel, Veith Kanoder-Brunnel, Kimi Tenna Keßler, Robert Koller, Florian Krenn, Petra Pribitzer, Mark G. Rummel, Torsten Scheib, Nob Shepherd, Asmodina Tear und Hannes Wagner. Diese talentierten Schreiber:innen bringen frischen Wind in den Cthulhu-Mythos und sorgen für humorvolle Unterhaltung und ich will mehr davon.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Low, Torsten
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 17. Februar 2025
  • Auflage ‏ : ‎ Erstauflage
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 290 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3966290456
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3966290456

Montag, 26. Januar 2026

Der Geisterwald: Ein Gothic-Thriller von C.J.Cooke


1965 wird die junge Pearl zur Entbindung nach Lichen Hall geschickt, einem gotischen Herrenhaus, das in Schottland inmitten eines Waldes steht. Unverheiratete Frauen kommen hierher, um heimlich ihre Kinder zur Welt zu bringen.

Doch in Lichen Hall lauert Gefahr. Seltsame Schimmelpilze überwuchern die Wände und gespenstische Geheimnisse kriechen aus dem dunklen Wald heran.



Dieses Buch ist durch einen reinen Zufall zu mir gekommen. Im Urlaub ging mir der Lesestoff aus, am einzigen Ort, an dem deutschsprachige Bücher verkauft wurden, fiel mir dieses Buch in die Hände: „Der Geisterwald“ von C.J. Cooke (Festa Verlag).

Mabel ist 17 Jahre alt, als sie schwanger wird – dabei schwört das junge Mädchen Stein und Bein, dass sie noch nie mit einem Mann geschlafen hat. Natürlich glaubt ihr niemand, und bevor jemand sieht, dass sie „Schande“ über die Familie gebracht hat, wird sie von ihrer Mutter und dem Stiefvater Richard nach Lichen Hall geschickt. Dort werden Mädchen und Frauen, die ein uneheliches Kind erwarten, aufgenommen. Sie bekommen ihr Kind, das dann an kinderlose Ehepaare vermittelt wird. Danach können die Frauen ihr Leben fortsetzen, als wäre nichts geschehen. Dass das nicht so einfach ist, zeigt sich natürlich später.

Einige Jahre später kommt Pearl nach Lichen Hall, ungewollt schwanger von einem One-Night-Stand. Lichen Hall hat sich von einem prächtigen Herrenhaus in einen Ort des Verfalls verwandelt – und nicht nur das Haus: auch die Besitzer Mr. und Mrs. Whitlock sind längst nicht mehr so freundlich und zugewandt wie einst. Und dann ist da noch Wulfric, das Kind des verstorbenen Sohnes der Whitlocks: ein seltsames Kind, das von Pearl unterrichtet werden soll,als Gegenleistung für ihren Aufenthalt in Lichen Hall. Pearl trifft auf einen weiteren kleinen Jungen, der allerdings angeblich nicht existiert, das stellt sich als Lüge heraus und wir lernen Sylvan kennen ein Kind mit besonderen Fähigkeiten. Nach und nach kommt Pearl dem Geheimnis von Lichen Hall auf die Spur.

Mrs. Whitlock regiert mit eiserner Hand, ihr kranker Ehemann vegetiert dahin, und die Frauen leiden unter sklavereiähnlicher Ausbeutung. „Der Geisterwald“ ist eine unheimliche Verschmelzung aus realer Grausamkeit und übernatürlichen Schauern. Der umliegende Wald ist ein Ort für unheimliche Geschichten und schottische Legenden, wo die Hexe Nicnevin auf Rache für einen lang zurückliegenden Mord sinnt.

Ich mochte den Perspektivwechsel zwischen 1959 und 1965 und dass die beiden Schicksale aufeinander zulaufen. Die Geschichte, die C.J. Cooke erzählt, ist weit mehr als eine Gruselgeschichte. Sie thematisiert die Scham von unverheirateten Müttern und ihre Hilflosigkeit gegenüber der Kontrolle, die andere über sie ausüben, und es geht um Missbrauch und die daraus resultierenden Schutzmechanismen des menschlichen Geistes.

„Der Geisterwald“ fängt perfekt ein, wie gesellschaftliche Unterdrückung und übernatürlicher Horror sich in Lichen Hall zu einem bleibenden Schauer weben. C.J. Cooke verbindet die Schmach unverheirateter Mütter mit schottischen Legenden und macht aus einem Gothic-Thriller eine eindringliche Kritik an Kontrolle und Missbrauch. Eine Geschichte, die unter die Haut geht und lange nachhallt – absolut lesenswert für Fans von Tiefe im Grusel.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Festa Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 30. Juli 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 496 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3986762264
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3986762261

Sonntag, 25. Januar 2026

Zombie Zone Germany: Altes Wissen von Lilly von Rothenstein


Die Zombie Zone Germany ist die Reihe, die ich lesen muss, und so war klar, dass auch der Roman „Altes Wissen“ von Lilly von Rothensteyn nicht nur auf dem SuB landet, sondern so schnell wie möglich gelesen werden muss.
Auch wenn ich dieses Mal den einen oder anderen Kritikpunkt habe, hat mich das Buch sehr gut unterhalten. Die Autorin hat die Atmosphäre der postapokalyptischen, von Zombies überrannten Welt stimmig eingefangen. Die Angst der Überlebenden vor einer Infektion und ihre Schutzmaßnahmen dagegen waren absolut nachvollziehbar.
Ich mochte die Art und Weise, wie die Menschen in Haan zusammenleben. Besonders die Gruppe um die Tierärztin Elisabeth (die auch als Humanmedizinerin arbeitet, einfach weil es nötig ist) ist ein gutes Beispiel dafür, wie Menschen in Notsituationen miteinander umgehen sollten. Jeder hat seine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten entspricht, und niemand ist weniger wichtig für die Gemeinschaft als ein anderer.

 

Etwas verwundert war ich darüber, wie selbstverständlich die Figuren mit Schusswaffen und reichlich Munition gegen die Zombies vorgehen. Für mich hätte es mehr Sinn ergeben, wenn der Nahkampf mit Messern oder ähnlichen Waffen eine größere Rolle gespielt hätte, gerade weil die Munitionsbeschaffung in einer zusammengebrochenen Welt eigentlich schwierig sein sollte. Diese Dominanz der Kugeln hat für mich an manchen Stellen ein wenig an der Glaubwürdigkeit der Welt gekratzt, denn die Munition wird ja doch für die Lebenden gebraucht, die natürlich auch auftauchen.
Die „Wupperdogs“ tauchen auf, und sie haben nichts Gutes im Sinn. Ihre Gemeinschaft wird von Gewalt geprägt, und so agieren sie auch in Haan mit brutaler und sinnloser Gewalt. Natürlich sind auch die Menschen in Haan nicht fern jeder Gewalt. Sie töten, wenn es nötig ist, um die Gemeinschaft und die Menschen, die sie lieben, zu schützen.

 

Vom titelgebenden „alten Wissen“ hätte ich mir etwas mehr erhofft. Der Fokus liegt stark auf der einen Pflanze, die möglicherweise im Kampf gegen die Maden helfen kann, die wie in allen Geschichten der Reihe für die Verwandlung verantwortlich sind. Hier hätte ich mir ein breiteres Spektrum an Wissen, Mythen oder überlieferten Techniken gewünscht, die das Überleben einfacher machen könnten und den Roman noch tiefer und besonderer gemacht hätten.
Sehr gut gefallen hat mir dagegen die Darstellung der Gemeinschaften, die sich mit vereinten Kräften dem Überlebenskampf stellen. Ihr Wissen über erneuerbare Energien, mit denen sie für Wärme und Fortbewegung sorgen, macht das Leben in dieser Welt nicht nur erträglicher, sondern auch glaubwürdiger. Auch der Handel mit Medikamenten, Stoffen und kleinen Luxusgütern zwischen den verschiedenen Gruppen ist ein starkes Element. Er zeigt, dass es inmitten von Verfall und Gefahr noch Kooperation, Austausch und ein Mindestmaß an organisierter Gesellschaft geben kann.
Insgesamt ist „Altes Wissen“ ein weiterer lesenswerter Beitrag zur Zombie Zone Germany Reihe, der mit spannenden Figuren und interessanten Gemeinschaftsstrukturen punktet, auch wenn ich mir im Hinblick auf das titelgebende Wissen und die Kampflogik stellenweise etwas mehr Konsequenz und Tiefe gewünscht hätte.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Amrun Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 8. Oktober 2024
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 446 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3958694470
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3958694477

 


Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén (Autorin), Ulla Ackermann (Übersetzerin)

 

Bo ist 89, und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, sind Bos Tage viel zu lang. Sein Kontakt beschränkt sich auf seinen Hund Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Hans, sein Sohn, kommt dagegen nur selten vorbei und traut ihm vor allem gar nichts mehr zu. Jetzt will er ihm auch noch den Hund wegnehmen. Dabei braucht Bo seinen geliebten Vierbeinigen so dringend wie noch nie. Warum versteht das niemand? Der drohende Verlust seines Hundes bringt Bo dazu, die Schlüsselmomente seines Lebens zu überdenken. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen ist ein brillant geschriebener, weltweit gefeierter Roman voller Witz und Wärme über das, was im Leben wichtig ist und uns mit Zuversicht erfüllt.

Es sind oft die leisen Geschichten, die am längsten im Gedächtnis bleiben, so wie dieses Buch. Mit „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ entführt uns Lisa Ridzén nach Nordschweden zu Bo, 89 Jahre alt, störrisch, verletzlich und sehr viel klarer im Kopf, als seine Umgebung ihm zutraut. Der alte Mann lebt allein im Haus, seit seine Frau in einem Pflegeheim für demenzkranke Menschen leben muss, ihre Pflege wurde für Bo einfach zu viel, nicht einmal mit Hilfe des Pflegedienstes war wohl auch ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet. Sein Tag ist strukturiert von kleinen Ritualen, dem Besuch des Pflegedienstes und vor allem von der Gesellschaft seines Hundes Sixten seinem letzten wirklichen Gefährten. 


Als sein Sohn Hans entscheidet, dass Sixten weggegeben werden soll, gerät Bos fragil gewordenes Gleichgewicht ins Wanken. Plötzlich steht alles in Frage, seine Selbstständigkeit, seine Erinnerung und die Frage, wie viel vom eigenen Leben man sich nehmen lassen muss, wenn andere für einen entscheiden. Ridzén erzählt diese Geschichte ruhig und unspektakulär, und gerade darin steckt für mich die große Stärke dieses Romans. Wir sind immer ganz nah bei Bo, begleiten ihn durch die guten Tage, an denen der Humor noch aufflackert, und durch die Momente, in denen der Körper nicht mehr so will wie der Kopf. Es sind viele Kleinigkeiten, die hängen bleiben: der Gang durch das Haus, das Schweigen am Telefon, der Blick aus dem Fenster, wenn die Kraniche ziehen. Für mich geht es in diesem Buch um den Umgang mit dem Thema Würde im Alter. 

Die Story zeigt wie es sich anfühlt, wenn Entscheidungen über den eigenen Kopf hinweg getroffen werden meist gut gemeint, aber trotzdem schmerzhaft. Lisa Ridzén klagt nicht an, sie drängt Bo vor allem nicht in die Rolle eines hilflosen alten Mannes dem alle anderen etwas wegnehmen wollen, man spürt die Zuneigung zwischen Vater und Sohn auch wenn ihre Beziehung nicht immer leicht war, zu sehr wurde Bo von der Erziehung seines eigenen Vaters geprägt. Immer wieder kommt es zu Momenten in denen die Hoffnung aufkeimt, das sich Vater und Sohn in den letzten Tagen, Wochen oder wie lange Bo noch leben wird, wieder annähern, und die Momente erleben können wie es sie zu Hans Kinderzeiten gab. Sprachlich ist das Buch eher reduziert, ohne große Ausschmückungen, aber mit vielen Bildern, die unter die Haut gehen. Wer sich auf ein stilles, emotionales Porträt eines alten Mannes einlassen möchte, wird mit einer wunderbaren Geschichte belohnt. Für mich war es ein Buch zum Innehalten und Nachdenken.


  • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 21. Januar 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442762960
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442762965
  • Originaltitel ‏ : ‎ When the Cranes Fly South

Samstag, 17. Januar 2026

Frankfurt Beats von Oliver Baier


 Kalte Asche brennt ein Leben lang. Milan betäubt sich in Frankfurter Clubs mit Beats, Dates und Drugs – eine Flucht vor der Erinnerung an seinen Zwilling Leo, von dem nur kalte Asche übrigblieb. Ein Fall, der nie aufgeklärt wurde und dessen Rätsel Milan immer wieder in den Abgrund zieht. Als plötzlich eine fremde Frau auftaucht, die sich als seine Mutter vorstellt, gerät Milans Leben endgültig aus den Fugen. Sie sucht Schutz vor ihren Verfolgern und behauptet in tödlicher Gefahr zu sein. Doch mit ihrer Ankunft kommen neue Fragen ans Licht – über eine Familie, die Milan nie kannte, und eine Wahrheit, die alles zerstören könnte. Denn was Milan nicht ahnt: Seine Mutter hütet ein dunkles Geheimniss, das auch Milan in den Strudel ihrer Schuld und Gewalt zu reißen droht. Ein atemloser Thriller über Familie, Verrat und die tödlichen Schatten der Vergangenheit.

Der Einstieg in „Frankfurt Beats“ war für mich etwas holprig. Der sprunghafte, fragmentarische Schreibstil hat mich anfangs eher irritiert als mitgenommen. Er fügt sich im Verlauf aber passend zur Zerrissenheit der Figuren und zum rauen Setting.

Wer einen klassischen Krimi oder Thriller erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Figuren und ihre jeweiligen Geschichten. Sie sind eingebettet in das Frankfurter Drogenmilieu und die rechtsradikale Szene der Stadt.

Zunächst lernen wir Milan kennen. Er arbeitet im Krankenhaus als Physiotherapeut und verdient sich mit gestohlenen Medikamenten aus der Krankenhausapotheke etwas dazu. Was er nicht verkauft, konsumiert er auch selbst. Ein Rückblick ins Jahr 2005 führt uns nach Potsdam. Leo verbrennt bei lebendigem Leib. Leo war Milans Zwillingsbruder, und sein Tod, der nie aufgeklärt wurde, ist die Erklärung für Milans exzessiven Lebenswandel.

Nach und nach kommen weitere Personen hinzu. Das wirkt zunächst etwas unübersichtlich. Brigitte ist eine Transfrau. Sie wird von Rechtsradikalen zusammengeschlagen. Martina stellt sich als Milans leibliche Mutter vor. Katharina stammt aus der rechten Szene. Sie alle sind wie Puzzlestücke, die sich allmählich zu einem stimmigen Gesamtbild verbinden.

„Frankfurt Beats“ ist kein typischer Spannungsroman. Es handelt sich eher um einen Milieu- und Figurenroman mit Thriller-Elementen. Wer sich auf den besonderen Stil und die Vielzahl an Figuren einlässt, bekommt einen ungewöhnlichen, dichten Blick auf Frankfurt und seine Abgründe. Alles in allem ist "Frankfurt Beats" ein lesenswertes Debüt.


  • Herausgeber ‏ : ‎ MainBook
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. Mai 2025
    • Auflage ‏ : ‎ 1.
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 303 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3911008384
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3911008389

    Mittwoch, 14. Januar 2026

    Jäger der Finsternis - Cathbad, der Zauberer (Die Cathbad - Chroniken 1) von Rhya Wulf


    Irland 300 Jahre vor Christus. Die schwangere Fee Aíne und ihr menschlicher Gefährte Fearghas fliehen vor ihren erbarmungslosen Brüdern Ailean, Áed und Artair. Die Elfen sind voller Hass auf Fearghas und das ungeborene Kind. Aíne und Fearghas hoffen auf Hilfe vom legendären Zauberer Cathbad, der einsam im Dunklen Wald haust. Heimlich beobachtet werden  sie von  Aengus und Dian Cecht. Deren Absichten und Identitäten bleiben länger im Verborgenen, so wie sie selbst. Niemand sieht sie, es sei denn, sie erlauben es.

    Ein Zeitsprung führt uns weiter. Aíne und Fearghas leben nun mit ihrer kleinen Tochter Niamh am Rand des Waldes. Das Kind fühlt sich seit ihrer Geburt eng mit dem grimmigen, versoffenen Cathbad verbunden. Doch der uralte Zauberer zieht sich von allen zurück. Auch Laoghaire, der Druide des Dorfes und einst sein Lehrling, kennt diese Zurückweisung nur zu gut.

    Am Anfang brauchte ich etwas, um in die Geschichte zu finden. Ich hatte  mehr Humor um Cathbads Trunksucht erwartet, wie es in manchen Büchern üblich ist. Rückblickend freue ich mich, dass Rhya Wulf dieses Klischee vermeidet. Stattdessen zeigt sie ehrlich, wie die Sucht Cathbad zerfrisst. Nur durch die Heilkünste von Dian Cecht und seine eigenen Kräfte kann er seine Rolle als Beschützer der Menschen vor den Wesen der Anderswelt  erfüllen. Schrittweise enthüllt sich, was ihn mit Selbstvorwürfen quält. Niamh ist ein Kind, das alle Erwachsenen um den Finger wickeln kann, klug, freundlich und liebenswert, und doch wird sie von den anderen Kindern des Dorfes ausgeschlossen. Ihr einziger Freund ist ein magisches Wesen Púca, das sich in alles verwandeln kann, mal ist es ein Wolfshund, mal ein Pony. Und dann ist da noch der Wanderer, der die Geschehnisse ebenfalls beobachtet. Er verbreitet die düstere und bedrohliche Stimmung die sich immer weiter aufbaut.

    Der Schreibstil der Autorin ist etwas gewöhnungsbedürftig. Immer wenn ich eine Erklärung erwarte, springt die Handlung  woanders hin, ohne alles sofort aufzulösen. Dazu kommen regelmäßig Einschübe einer Off-Stimme, die manchmal das Offensichtliche erzählt."Na bitte" Ich stelle euch vor: Cathbad, der Zauberer.Er musste ja auch früher oder später auftauchen" Das wirkt erst mal ungewohnt.

    Fazit: Als Jugendbuch funktioniert „Jäger der Finsternis - Cathbad der Zauberer“ gut. Besonders hat mir gefallen, dass Cathbad kein strahlender Held ist, sondern ein Mensch mit vielen Fehlern und Schwächen. Fehler, mit denen er konfrontiert wird, kann er nicht eingestehen. Nur wenn er sie selbst erkennt, vermag er sich sogar zu entschuldigen. Er ist überheblich und arrogant, manchmal sogar zu Recht, denn seine Fähigkeiten sind phänomenal. Und er beherbergt einen Leprechaun. Ich will auch einen. 😊


    • Herausgeber ‏ : ‎ Legionarion Verlag
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 13. März 2026
    • Auflage ‏ : ‎ 1.
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 268 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3969371945
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3969371947

    Freitag, 9. Januar 2026

    Hände des Todes von Algernon Blackwood (Herausgeber: Michael Schmidt und Achim Hildebrand) eine Anthologie


    Algernon Blackwood war mir, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, nicht bekannt. Gut, vielleicht habe ich die eine oder andere Story von ihm schon gelesen, aber beschwören kann ich es nicht. Und dann kam ich in Kontakt mit Michael Schmidt, einem der Herausgeber der Anthologie „Hände des Todes“, und da ich Kurzgeschichten liebe und ein Faible für Gruselgeschichten habe, ist dieses Buch natürlich genau das Richtige für mich.

    Mit „Hände des Todes“ liegt nun bereits der dritte Sammelband in der sorgfältigen Übersetzung und Zusammenstellung von Achim Hildebrand vor.

    Die 22 hier versammelten Geschichten, entstanden zwischen 1910 und 1935, verzichten auf Schockmomente. Das Grauen, von dem er berichtet, ist subtil, und manchmal zauberte mir eine Geschichte sogar ein Lächeln ins Gesicht. Da ist z. B. Die Sammlung des Kobolds / The Goblin's Collection von 1912, in der ein Gast eines Landhauses immer wieder funkelnde Gegenstände vermisst, die genauso plötzlich wieder auftauchen, wie sie verschwanden. Oder eine, wie ich finde, wunderschöne Liebesgeschichte: „Ruf aus dem Jenseits / The Call“ von 1921. Eifersüchtig beobachtet ein Mann, wie sein bester Freund sich des Nachts mit einer Frau trifft, auf die er sich selbst Hoffnung macht. Dabei hört er immer einen unbekannten Vogelruf. Am Ende ist nichts so, wie es scheint.

    Das seltsame Verschwinden eines Baronets / Strange Disappearance of a Baronet (1914) wiederum ist komplett anders. Schaut man hinter das Offensichtliche, lernt man als Leser, dass es Wichtigeres gibt als Geld und die Wertschätzung, die man von anderen erwartet, verdient sein will.

    Der Zugang ist nicht immer ganz einfach, was hauptsächlich an der Sprache liegt: Ausdruck und Erzählhaltung stammen aus einer anderen Zeit und wurden in der Übersetzung erfreulicherweise so weit wie möglich bewahrt. Für mich ist das ein großer Pluspunkt, denn gerade diese altmodische Wortwahl trägt entscheidend zum Flair der Geschichten bei und erzeugt jene klassische Gänsehautstimmung, die ich an Gruselgeschichten aus dieser Zeit so mag.

    Besonders beeindruckt haben mich die Vielfalt der Themen und die ruhige, oft nachdenkliche Art, mit der Blackwood über das Übernatürliche schreibt. Fast jede Story hatte ihren Reiz, einige bleiben besonders im Gedächtnis, wie gleich die erste und titelgebende Geschichte: Hände des Todes / Hands of Death (1935). Mike Kelly ist stellvertretender Vorarbeiter auf einer bolivianischen Baustelle, der sich in eine junge Frau verliebt, die eine besondere Stellung in ihrem Dorf zu haben scheint, ebenso wie ihre Mutter. Als er von ihrem Geheimnis erfährt, ist es schon fast zu spät.

    Erwähnenswert sind zudem die stimmungsvollen Illustrationen von Adrian van Schwamen und das  Cover von Björn Ian Craig, die beide wunderbar zur Atmosphäre der Sammlung passen.

    „Hände des Todes“ ist damit weit mehr als nur ein weiterer Gruselband. Die Anthologie ist eine echte Empfehlung für Leserinnen und Leser, die das Unheimliche lieber in feinen Zwischentönen erleben als in großen Schockmomenten.


    • ASIN ‏ : ‎ B0G33JV7CN
    • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 19. November 2025
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 398 Seiten
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8265897183

    Sonntag, 4. Januar 2026

    Das Buch der tausend Türen von Gareth Brown

     


    Cassie Andrews führt ein normales Leben als Buchhändlerin in New York, bis der Stammkunde Herr Weber kurz vor Ladenschluss in der Buchhandlung stirbt. Er hinterlässt ihr ein Buch mit geheimnisvollen Zeichnungen und verschlüsselten Notizen. Die Widmung lautet: „Dies ist das Buch der tausend Türen. Halte es in der Hand, und jede Tür ist jede Tür.“ Bald entdeckt Cassie seine magischen Kräfte: Es öffnet Portale zu jedem Ort, den sie sich vorstellt.

    Das „Buch der tausend Türen“ ist nicht das einzige magische Artefakt dieser Art, aber das mächtigste, und skrupellose Büchersammler setzen alles daran, es Cassie abzujagen. In den falschen Händen könnte seine Magie katastrophale Folgen haben. Der Einzige, der ihr nun helfen kann, ist der Bibliothekar Drummond Fox.

    Der Einstieg fiel mir sehr leicht: Ich hatte sofort ein klares Bild von Cassie vor Augen, und ihre Leidenschaft für Bücher wirkt spürbar authentisch. Wie ein Kind testet sie das geheimnisvolle Buch und reist von einem Ort zum anderen, was für mich absolut nachvollziehbar war, wer würde das denn nicht tun?

    Besonders gelungen fand ich, wie Gareth Brown Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft. Manchmal benötigte ich etwas Zeit, um alle Zusammenhänge zu verstehen, aber am Ende ergab sich ein klares und schlüssiges Bild, so viel kann ich schon mal verraten.

    Ich mochte besonders die Art und Weise, wie der Autor  seine Figuren zum Leben erweckt. Cassie ist eine Protagonistin nach meinem Herzen: neugierig, buchverrückt und angetrieben von einem unstillbaren Entdeckergeist, der sie trotz aller Risiken voranschreiten lässt.

    Izzy steht ihr dabei als loyale Freundin zur Seite. Sie warnt Cassie schon früh vor den Gefahren eines so mächtigen magischen Buches, ohne dessen Zauber je grundsätzlich abzulehnen. In den falschen Händen kann mit dem Buch großes Unheil angerichtet werden.

    Drummond Fox, der  Bibliothekar, wird mit seinem umfassenden Wissen zu einem unverzichtbaren Verbündeten und Helfer.

    Nicht zu vergessen ist Cassies ultimative Gegenspielerin, „die Frau“ kalt, berechnend und von dunkler Obsession getrieben, verkörpert sie die Schattenseite der Geschichte. Ihre Präsenz erhöht die Bedrohung spürbar und macht deutlich, warum das Buch so gefährlich ist.

    Insgesamt ist es ein Urban-Fantasy-Abenteuer, das Bücherliebhaber verzaubert: atmosphärisch, actiongeladen und getragen von herzstarken Charakteren. Der Weltenbau ist stellenweise überwältigend in seiner Tiefe, doch Cassies Reise und die nuancierten Figuren machen das mehr als wett.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. Oktober 2025
  • Auflage ‏ : ‎ Erstmals im TB
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 544 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3453323947
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453323940

  • Freitag, 2. Januar 2026

    Minnesota: Ein neuer Ermittler, neuer Thrill - Bob Oz von Jo Nesbø!


    Jo Nesbø lässt in „Minnesota“ einen neuen Ermittler die Bühne betreten: Bob Oz. Der von seiner Frau verlassene Detektiv kämpft seit dem Unfalltod seiner dreijährigen Tochter mit Alkohol, Affären und exzessiver Arbeit, dabei hält er sich oft nicht an die Regeln die in seinem Job eigentlich gelten und bewegt sich manchmal am Rand der Legalität. Als ein Waffenhändler Ziel eines Anschlags wird, deutet zunächst alles auf einen typischen Mord im Drogenmilieu hin. Doch schon bald zeigt sich, dass weit mehr dahintersteckt, nämlich ein gezielter Rachefeldzug.

    Die Handlung springt zwischen den Jahren 2016, in denen die Taten stattfinden, und 2022. In der Gegenwart recherchiert der norwegische Autor Holger Rudi den Fall für ein Buch und sucht Bob Oz,  seine eigenen Motive werden dabei erst nach und nach offengelegt. 

    Die Perspektive des Täters wird hingegen schon früh eingeführt, sodass dessen Beweggründe ebenso wie seine Identität scheinbar bereits früh bekannt sind und wenn ich ehrlich bin, ich konnte sie ziemlich gut nachvollziehen. Jo Nesbø beschreibt Minneapolis als Stadt voller rassistischer Spannungen, Waffengewalt und politischer Konflikte , von NRA-Veranstaltungen bis hin zu Debatten über Polizeigewalt. So entwirft Jo Nesbø ein erschreckend realistisches Szenario. Auch seine Protagonisten sind sehr lebendig beschrieben, der Autor versteht es sie so zu beschreiben, das man das Gefühl hat, er erzählt von echten Menschen, Menschen die nicht nur durch seine Fantasie zum Leben erwacht sind, sondern wirklich existieren.
    „Minnesota“ hebt sich durch seinen starken psychologischen Fokus von vielen klassischen Krimis ab. Nesbø verzichtet auf reine Action, stattdessen stehen Themen wie Trauer, institutioneller Rassismus, die verschwimmende Grenze zwischen Opfer und Täter sowie die Macht der Waffenlobby im Mittelpunkt. 
    Das US-Setting wirkt authentisch und frei von Klischees. Die verschiedenen Zeitebenen und Perspektivwechsel machen dieses Buch zu einem besonderen Lesevergnügen, für mich war diese Erzählweise besonders interessant, sie erzeugt eine anhaltende, beklemmende Spannung, die mich Seite für Seite am Buch hielt.

    • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Hardcover
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 2. Januar 2026
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 416 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3550203098
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3550203091
    • Originaltitel ‏ : ‎ Minnesota