Herzlich willkommen zur Fantasywoche 2018
Vor einigen Wochen gingen die ersten Planungen los, welche Autoren nehmen teil, welcher Blogger macht was, wir hatten die Qual der Wahl.
Ich habe mich entschieden, gemeinsam mit Nadine und Sarah den Autor
Christian von Aster zu interviewen.
Christian von Aster, geboren 1973, studierte Germanistik und Kunst, um sich schließlich Bühne, Film und Schreiben zuzuwenden. Neben seinen Fantasybüchern ist er auch mit seinen Lesungen, die gleichermaßen die Gothic- wie Phantastikszene begeistern, einem großen Publikum bekannt. Außerdem betreibt er die Berliner Lesebühne »Das StirnhirnhinterZimmer«. Christian von Aster wurde 2012 mit dem SERAPH-Preis ausgezeichnet.
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| © Christian von Aster |
1)
In deinem Buch geht dein Protagonist Aaron ja ziemlich kritisch mit
seinen Werken und damit mit der modernen Fantasyliteratur ins
Gericht, wie viel von Dir steckt in diesen Worten, was häst du davon
wie sich die Fantasyliteratur seit Tolkien und Co. entwickelt hat? (Den Orkfresser müsst ihr unbedingt lesen, ich bin begeistert, mehr dazu demnächst)
Ich
möchte in diesem Zusammenhang erst einmal kurz auf das ‚und Co.‘
eingehen. Denn während Tolkien zurecht als Grundstein der modernen
Fantasy-Literatur gilt, gibt es doch vor und neben ihm zahlreiche
Autoren, die sie auf vielfältige Art mitgeprägt haben. Ob es sich
nun um den - unter anderem von H.P. Lovecraft sehr geschätzten -
Lord Dunsany mit seinen Kurzgeschichten, Robert E. Howard, dessen
Conan-Epos ja ebenfalls vor dem Herrn der Ringe erschienen ist oder
auch Fritz Leiber handelt. Zusammen mit der usrprünglichen Grundlage
der Fantasy-Literatur, der Mythologie, beinhalten ‚Tolkien und Co‘
für ein Genre dementsprechend zahllose Ansätze, sich zu entwickeln.
Und eben diese Möglichkeiten sind es, die ich an der Fantasy
schätze. Als Subgenre der Phantastik beinhaltet es schier für
Autoren geradezu unendliche Möglichkeiten, die weit über die
Grenzen der klassischen oder High-Fantasy hinausreichen und bloß
einen verwegenen Autor und ein aufgeschlossenes Publikum brauchen. In
dem Bereich zeigt zum Beispiel die Fanfiction, was alles möglich
ist. Und während ich die Möglichkeiten der modernen
Fantasy-Literatur, die, basierend auf den Klassikern um zig Subgenres
(wie etwa die Urban-Fantasy) und neuere Klassiker bereichert wurde,
in ihrer Vielfalt für bemerkenswert erachte, sehe ich besonders im
Hinblick auf ihre Vermarktung und den rein ökonomisch motivierten
Versuch, eher Erfolge zu reproduzieren als Neues zu wagen, ein
Problem. Diese Differenzierung ist mir wichtig. Das Phänomen, dass,
kaum dass etwa ein Dan Brown Erfolg hat, man während des kommenden
Jahres in der Buchhandlung bis zur Hüfte in fast identischem
Cover-Artwork und schlechten Kopien waten kann. Weshalb mein auch
Protagonist weniger mit der Fantasy-Literatur selbst als mit dem, was
mitunter aus ihr gemacht und wie sie verkauft wird, hart ins Gericht
geht.
Was
meine persönliche Meinung angeht, erschreckt es mich allerdings
tatsächlich ein wenig, dass ein Buch wie ‚Einhörner gegen
Vampire‘, dass ja Teil der Kritik meines Protagonisten ist,
womöglich ernsthaft Teil der modernen Fantasy-Literatur sein könnte.
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2)
Nach dem Buch ist vor dem Buch. Woran arbeitest du gerade?
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Unter
anderem dem fünften Teil des Konterapokalypse-Epos ‚Schwestern der
begrenzten Barmherzigkeit‘ ,einem famos bebilderten Buch mit dem
Titel ‚Eine außerordentlich außerordentliche Liebesgeschichte –
mit Rittern, Helden und Holden und so‘, einem absonderlichen
Theaterstück und als Übersetzer an den Memoiren von ‚Lukas die
launische Liebesbrieftaube‘.
3)
Wie kommst du auf die Ideen zu deinen Büchern? ( Mein nächster Buchkauf wird wahrscheinlich dieses hier sein. Allein das Cover ist ja schon der Hammer)
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Vor
allem in dem ich mich bemühe zu leben, zu staunen, mich mit
interessanten Menschen zu umgeben und zu beobachten. Wir leben in
einer Welt voller Wunder, die sich mit dem Blick eines Poeten, eines
Satirikers oder auch eines Phantasten betrachten lassen. Für meine
Ideen versuche ich jeden davon ein wenig aus mir rausschauen zu
lassen.
Und
wenn ich dann dort draußen mal einen Stein umdrehe, finde ich
darunter Dreck, eine Koboldhöhle, einen dunklen Gang oder eine
zerfledderte Plastiktüte mit Geldscheinen. Aber in jedem Fall eine
Geschichte.
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Nannis Welt: In deinem Roman „Der Orkfresser“ finden sich auch viele Kurzgeschichten, die alle eine gewisse Moral enthalten. Dies finde ich ja besonders klasse. Wie kommst du auf solche Werke und kann man die auch gesammelt in einem Band erhalten?
Christian von Aster: Ich liebe Kurzgeschichten und halte sie tatsächlich für eine Art Königsdisziplin. Was leider im krassen Gegensatz zu ihrer Verkäuflichkeit auf normalen Buchmarkt steht. Wobei dahingehend ebooks grandiose neue Möglichkeiten eröffnen. Schon mein erstes Buch ‚Websters Pandämonium‘ war vor gut zwanzig Jahren eine Sammlung von Kurzgeschichten, die mit einer Art Haupthandlung verwoben sind. Dieses Prinzip hat mir schon bei dem von mir sehr geschätzten E.T.A. Hoffmann in seinem Buch ‚Die Serapionsbrüder‘ gefallen und ich habe es in meinen Büchern immer wieder gern aufgegriffen. Sei es im ‚Harem der verschleierten Geschichten‘ oder ‚Sieben sonderlichen Schellen‘. Und selbst in meinem größeren Romanen habe ich immer wieder kleine Geschichten einzubetten versucht. Ideen dafür finden sich immer und überall. Das Leben ist dahingehend inspirierend genug. Wir sind, wie ja auch im Orkfresser deutlich wird, immer irgendwie umgeben von phantastischer Inspiration.
Was den letzten Teil der Frage angeht, wäre wahrscheinlich das Buch ‚Allerfeinste Merkwürdigkeiten‘ das richtige, in dem sich jeweils meine drei womöglich besten Kurzgeschichten zu meinen liebsten fünf Genres finden: Märchen, Science Fiction, Horror, Satire und Weihnachten. Das klingt im ersten Moment sicher ein wenig befremdlich. Und ist es schlussendlich vermutlich auch. Aber dabei außerordentlich unterhaltsam.
Nannis Welt: Du hast mir verraten, dass du der Meinung bist, dieses Buch wird nicht Jedem gefallen. Erklärst du uns dies bitte genauer?
Christian von Aster: Es scheint mir fast ein wenig verwegen, eine kontroverse Bemerkung aus unserem Vorgespräch in das Interview mit einfließen zu lassen. Aber ich denke, ich kann zu dieser Bemerkung stehen, und sie sogar sinnvoll begründen: mit Hilfe meines Protagonisten kritisiere ich letztendlich auch den aktuellen Umgang mit der Fantasy-Literatur. Vor allem im Hinblick auf Vermarktung, Werbung und bestimmte Mechanismen. Und obwohl Tristen all das sehr überspitzt, glaube ich, dass jemand, der dieses Feld beobachtet, einiges widererkennt. Was, besonders wenn Tristen seine Meinung zu Bloggern, Publikum und Kollegen kundtut, manchmal durchaus ein wenig undiplomatisch ist.
Wobei diese Figur keineswegs mich repräsentiert. Während er Tristen ernsthaft erfolgreich ist, schreibe ich schließlich über Erfolg wie Karl May über Amerika. Und kenne darüber hinaus einige Bestsellerautoren, die ich ohne zu zögern als sympathisch wenn nicht gar meine Freunde bezeichnen würde.
Wobei ich mich schon ein wenig ärgere, meine wirklich schrägen Romane nicht bei größeren Verlagen unterbringen zu können. Und da gibt es schon ein paar, die ich gern noch schreiben würde.
Klett-Cotta aber bin ich tatsächlich sehr dankbar, dass sie das Wagnis des Orkfressers mit mir eingegangen sind. Man ist dort zwar regelmäßig irritiert, wenn ich neue Stoffe vorstelle, aber man lässt mich noch immer rein. Und Kaffee bekomme ich sogar auch meist noch.
Nannis Welt: Was war die peinlichste Situation, die du als Autor oder auch privat je erlebst hast? Wie hast du dich aus der Situation gerettet, oder gab es da nix zu retten?
Ich sehe schon, du willst es wirklich wissen. Es gibt da eine Geschichte, die ich wohl nie vergessen werde aber die inzwischen verjährt sein dürfte. Wir waren mit einigen Leuten nachts mit dem Auto auf dem Weg in die Schweiz, im Kofferraum einige Bücherkisten. Die wollten wir nachts rüberschmuggeln, weil man, wenn man es offiziell macht, bezüglich der Mehrwertsteuer bürokratische Exzesse durchleben muss. Kaum über die Grenze gaben wir uns High-Five. Und dann ging das Blaulicht an. Auf die Frage, ob wir etwas zu verzollen hätten, antwortete mein Fahrer wagemutig: „Ein Glas Honig.“. Darauf wurde unser Kofferraum geöffnet, wo man etwas mehr als das fand. Es folgte die strenge Frage „Und was ist dann das?“, auf die ich zaghaft mit „Freiexemplare.“ Antwortete. Kurze Pause. Durchzählen. Kritische Nachfrage: „120 Freiexemplare?“. Ich: scheues Lächeln und leichtes Erröten während ich im Beifahrersitz versinke. Nächste Station: Zollstation. Alles gefilzt. Wagen mit Hund durchsucht, volles Programm. Dann Level 2. Gummihandschuhe. Erste Reaktion: ANGST. Als nächstes werden unsere Rucksäcke gefilzt. Als erstes wird ein Umschlag mit Fotos entnommen und geöffnet.
Das erste Bild (man bedenke hier bitte meinen Rollenspielzusammenhang): Ich im Anzug mit finsterer Miene vor einem Kofferraum voller Waffen. Zollbeamte greift unauffällig nach seiner Waffe. „Das sind doch Sie? Haben Sie denn einen Waffenschein?“ Ich: „Nein, nein, das ist nur ein Hobby.“ Er. „Gefährliches Hobby!“. Das Ganze hatte noch ein paar sehr spannende Facetten. Am Ende ließ man uns aber nach einer angeregten Konversation unbehelligt ziehen, ich erzählte den Beamten noch die Ballade vom schielenden Scharfschützen und wir donnerten mitsamt der Bücher ins helvetische Hinterland.
Geblieben ist der einzige schweizerdeutsche Satz, den ich niemals vergessen werde und den man sich mit schweizerischer Langsamkeit und gerolltem R gesprochen vorstellen muss: „Aber Sie wissen schon, dass Sie eine Straftat begangen haben?“
In diesem Fall wohnte der Peinlichkeit aber zumindest im Nachhinein zumindest ein gewisser Unterhaltungsfaktor inne. Über weitere seitdem stattgefundene Schweizreisen möchte ich mich allerdings aus rechtlichen Gründen lieber nicht äußern.
Sarah fragt:
- Dein Buch ist voller humorvoller, wie auch zweideutiger Anleihen. Das ist ja nicht nur am Anfang deines Buches so, sondern bleibt auf einem Level. Wie schwierig war es denn gewesen sich in diese Stimmung beim Schreiben hineinzuversetzen, damit du ein ganzes Buch so füllen konntest?
Ich habe mich vor allem bemüht, mich in einen Charakter hineinzuversetzen, der, von seiner Liebe zur Phantastik und den Gesetzen des Erfolges zerrissen, seinen Weg zu finden versucht. Sobald ich diese Haltung eingenommen hatte, musste ich meinen Protagonisten bloß noch von einer Szene in die nächste schubsen, und ihn Irrsinn, Unsinn, der Magie des Geschichtenerzählens und ein paar Katastrophen aussetzen. Womit er dann eben umgehen musste. Kraft seines Humors, seinem Glauben an die menschliche Vorstellungskraft, seiner Intelligenz, und dessen, was er im Lauf seines Lebens gelesen hat. Solange ich diese Figur ernst genommen habe, war es kein Problem, diesen Ton zu halten. Wobei ich mitunter gestaunt habe, wie er reagiert. Vor allem in den Momenten wo er Rumpelstilzchen und dem Unsichtbaren unterwegs war.
- Welche deiner schrägen und überaus einzigartigen Figuren hast du besonders ins Herz geschlossen? Und warum?
Ganz klar, die Tochter des Pensionsbetreibers. Lina, Hanna oder wie auch immer. Weil sie von Neugier getrieben ist, diese unbändige Phantasie hat und Bücher liest, die nichts für ihr Alter sind. Und nicht zuletzt, weil sie für die Grundaussage des Buches und die Magie des Geschichtenerzählens steht. Eine unangepasste kleine Persönlichkeit, die sich nicht mehr als nötig von Autoritäten, Wirklichkeit oder Regeln beeindrucken lässt, schließlich sogar ‚Alice im Wunderland‘ besser kennt als Lewis Carroll selbst und trotz ihres lockeren Verhältnisses zur Wahrheit sympathisch wirkt.
- Was würde dir als erstes durch den Kopf gehen, wenn du deinen Figuren im realen Leben gegenüber stehen würdest?
Allons-y!
Ich bedanke mich bei Christian von Aster, für die Beantwortung unserer Fragen, es hat sehr viel Spaß gemacht.
Und natürlich möchte ich mich bei Nadine und Sarah bedanken, die Zusammenarbeit mit Euch war eine wirkliche Bereicherung.
Weitere Beiträge zum Autor, zum Buch den Protagonisten und Kurzmeinungen findet ihr bei folgenden Bloggern:
http://www.buchstaebliches.de/au%C3%9Fer-haus/fantasywoche-2018/herr-von-aster-der-orkfresser-protagonistenvorstellung/
https://readingmaddoxgirls.blogspot.de/2018/03/fantasywoche-protagonisten-vorstellung.html?m=1
https://buechermomente.com/schauplaetze-orkfresser