Lilo will den nächsten großen Coup landen: Bademoden für die reife Frau. Das neue elastische Gewebe soll ihr den Swimmingpool hinter dem neuen Bungalow finanzieren. Doch dann steht unerwartet die Vergangenheit in ihrer Kabine. Denn neuerdings interessiert sich die deutsche Justiz für Geschäfte, die damals im besetzten Polen gemacht worden sind. Lilo und Harry sind kein unbescholtenes Paar. Sie verbindet mehr als eine unschuldige Liebe zur Mode. Auch Josef Neckermann, für dessen Versandunternehmen Harry zu arbeiten anfängt, mag lieber nach vorn als zurück blicken. Während Harry für seinen neuen Arbeitgeber auf der Leipziger Messe Verträge aushandelt, erfährt Tochter Reni mehr über die Vergangenheit deutscher Konfektionshäuser, als ihr lieb ist. – Farbig und genau erzählt Frühjahrskollektion von einer Zeit im Wandel und von Frauen, die der Verkleidungen überdrüssig geworden sind.
Als ich das Cover von 'Frühjahrskollektion' sah, ließ es mich zunächst an einen der vielen gerade sehr beliebten Romane über starke Frauen denken, die sich in den 1950er und 1960er Jahren gegen alle Widerstände durchsetzen müssen. Doch bereits der Klappentext ließ mich ahnen, dass hinter der Oberfläche mehr steckt. Tatsächlich führte mich Christine Koschmieder in eine Welt, die weit über die üblichen Geschichten von beruflichem Erfolg und persönlicher Befreiung hinausgeht. Der Roman taucht in die deutsche Nachkriegszeit ein, beleuchtet die Schattenseiten des Wirtschaftswunders und entwirft ein differenziertes Bild von Frauen, die sich in einer Zeit des Wandels behaupten müssen.
Lilo, Harry und Reni leben das Wirtschaftswunder: Lilo führt ein kleines Modeunternehmen und wurde mit dem „kleinen Schwarzen“ bekannt. Gerade plant sie eine Bademodenreihe für die reifere Frau – ein Projekt, das ihr den Swimmingpool hinter dem modernen Bungalow finanzieren soll. Harry organisiert Kriegsgräberfahrten für Frauen, die ihre gefallenen Angehörigen besuchen wollen, während Tochter Reni als gefragtes Mannequin mit ihrem Freund Fred durch die Welt reist. Der moderne Bungalow in der hessischen Provinz scheint der sichtbare Beweis für ihren Erfolg zu sein – doch unter dieser glänzenden Oberfläche lauert eine dunkle Vergangenheit.
Die deutsche Justiz beginnt sich für Geschäfte zu interessieren, die während der Besatzung Polens getätigt wurden. Lilo und Harry sind kein unbescholtenes Paar: Ihre Verbindung zur Mode reicht bis ins Ghetto von Łódź dem früheren Litzmannstadt zurück, dort hat sie als "Ansiedlerbetreuerin" Kindern neue Namen gegeben, die in neue Familien vermittelt wurden, deutsche Namen für deutsche Familien. Dort lernte sie auch Harry kennen, der ihr beibrachte, wie man Modelle aus Draht biegt, um die Mode, die im Ghetto gefertigt wurde, zur Geltung zu bringen. Der Besuch einer früheren Kollegin Hertha bringt die Vergangenheit zurück, die Justiz versucht aufzuklären, was damals wirklich passiert ist und die Beteiligten ausfindig zu machen, Hertha beschwört Lilo von nichts gewusst zu haben und auch keine Namen zu kennen, im Gegenzug vermittelt sie Harry einen neuen Job bei dem Versandhaus Neckermann.
Reni schluckt in Wodka-Orange getränkte Wattebällchen um das allgegenwärtige Hungergefühl zu dämpfen, als Mannequin muss sie auf ihr Gewicht achten, die Beziehung zu Fred dem Inhaber der Modeschau-Gesellschaft ist nicht auf Liebe begründet, für sie ist Fred Mittel zum Zweck, erst nach und nach erkennt sie das das Leben das sie führt sie einengt, wie der BH den sie trägt.
Auch Harrys neuer Arbeitgeber Neckermann verkörpert den Geist des Wirtschaftswunders, blickt jedoch lieber nach vorne als zurück. Während Harry auf der Leipziger Messe Verträge aushandelt, erfährt Reni mehr über die Vergangenheit deutscher Konfektionshäuser, als ihr lieb ist.
Vieles was Christine Koschmieder in ihren Roman thematisiert, war mir schon bekannt, wie sicherlich jedem der sich für die jüngere deutsche Vergangenheit interessiert, was diese Geschichte allerdings von anderen abhebt ist die Art wie sie erzählt wird. Lilo und Harry haben die Vergangenheit hinter sich gelassen, sie leben auch nach dem Krieg weiter, wie sie während der Zeit gelebt haben; Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.
Christine Koschmieder beschreibt in ihrem Roman eine Zeit des Umbruchs. Sie zeigt Frauen, die keine Lust mehr haben, sich hinter gesellschaftlichen Konventionen zu verstecken. Und sie zeigt eine Gesellschaft, die lieber die Augen zudrückt, statt sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Vieles bleibt unausgesprochen, und doch hatte ich beim Lesen ein gutes Gefühl für die Atmosphäre jener Jahre und die Spuren, die sie hinterlassen haben. Der Roman ist eine schonungslose Abrechnung mit den verlogenen Jahren des Wirtschaftswunders und den patriarchalen Strukturen, die tief in der deutschen Geschichte verankert sind. Gleichzeitig macht er eindrücklich spürbar, wie diese Vergangenheit bis in die Gegenwart nachwirkt und wie schwer es ist, sich von ihren Schatten zu befreien.
- Herausgeber : Kanon Verlag Berlin; 1. Edition (27. Februar 2025)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 288 Seiten
- ISBN-10 : 3985681597
- ISBN-13 : 978-3985681594