
Eine halbverlassene Stadt, die nach und nach im Nebel versinkt. Helena, eine junge Künstlerin, führt darin ein zurückgezogenes Leben. Da machen Gerüchte die Runde: Die Wölfe sollen zurückgekehrt sein und um die Stadt streichen. Helena selbst wird von bösen Ahnungen geplagt und von Träumen heimgesucht, die nicht ihre eigenen sind. Sie lernt Johannes kennen, der nur wenig von sich preisgibt und ebenso verloren scheint wie sie. Immer näher kommen sich die beiden, deren Schicksal durch eine stille Kraft verwoben scheint; doch Johannes trägt ein Geheimnis in sich, das sie beide an den Rand des Daseins bringen wird. Sein zeitweises Verschwinden, seine bisweilen übermenschlichen Instinkte und scheinbaren Amnesien entspinnen in Ulrike Serowys Roman einen derartigen Sog, dass man die Zeit vergisst, vergessen will. Ihre literarische Handschrift ist zugleich sparsam und bildgewaltig. Es braucht nicht vieler Worte, um sich tief im Innenleben der Figuren wie auch dem Szenario wiederzufinden und immer weiter zu gehen, der Ahnung eines nahenden Unheils zu folgen.Schon die erste Seite des Buches hat mich vollständig in seinen Bann gezogen, ich sah den Nebel, dessen aufkommen von der Autorin beschrieben wird, vor mir wie ein lebendiges Wesen.
Nach diesen ersten Seiten wird es allerdings schwierig, nicht weil die folgenden Worte weniger großartig sind als der Beginn, sondern weil die Geschichte mehr als eine Möglichkeit zur Interpretation bietet.
Helena lebt in einer Stadt, die nach einem Krieg, dessen Umstände nicht näher erklärt werden, langsam verfällt. Viele Häuser stehen leer, es leben nur noch wenige Menschen in der Stadt, aber das Leben geht weiter und so verdient sich Helena ihren Lebensunterhalt als Servicekraft in einer Kneipe und widmet sich in ihrer freien Zeit ihrer Kunst. Johannes kommt als Gast in die Kneipe, in der sie arbeitet, nach und nach nähern sie sich an. Ihre Geheimnisse allerdings stehen zwischen ihnen und während Johannes sich nichts sehnlicher wünscht als seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und ich das beim Lesen auch immer spürte, bleibt Helena immer ein wenig distanziert, Ihre Gabe, die wohl doch eher ein Fluch ist, belastet die Frau.
Achtung, jetzt muss ich etwas spoilern.
Ich kann mir zwei Szenarien vorstellen.
Wir haben es mit einer Art Märchen zu tun. Johannes wurde vor vielen, vielen Jahren von einem Werwolf angegriffen und dessen Fluch ging auf ihn über, seither streift er durch das Land, verzweifelt versucht er seine Mordlust zu unterdrücken, was ihm allerdings nicht immer gelingt. Als er Helena kennenlernt, wächst in ihm der Wunsch nach einem normalen Leben und er ist davon überzeugt, dass sie sich gegenseitig retten können, um gemeinsam ein ganz normales Leben zu beginnen.
Die Autorin schafft es, wie ich schon zu Beginn schrieb, Worte zu Bildern zu formen, ich war zu jeder Zeit ganz nah bei Helena und Johannes und sie zeigt auch die tief in den Menschen verankerte Angst vor Wölfen, die sich in ihrer Geschichte der Stadt nähern.
Werwölfe waren schon immer Teil der Sagen und Legenden, meist wurden sie als böse, unberechenbar und mordlustig dargestellt, sobald sie sich in einen Wolf verwandelten und der Mensch in ihnen war dieser Verwandlung hilflos ausgeliefert. Doch Johannes gelingt es diesen Drang wenigstens teilweise zu unterdrücken und Helenas Liebe hilft ihm dabei.
Dies ist das Offensichtliche.
Ich kann aber nicht aus meiner Haut und habe immer noch die Worte meiner früheren Deutschlehrer in den Ohren "Was will die Autorin oder der Autor uns mit seiner Geschichte sagen" Früher habe ich das gehasst und ich glaube auch das in den Schulen niemand mehr dazu gezwungen wird, etwas in Geschichten hineinzuinterpretieren, obwohl ihm einfach nur eine schöne Geschichte erzählt wird.
Helena liest in der Bahn die Schlagzeile
*WÖLFE VOR DER STADT*
Wenn dort jetzt aber stand
*Konflikte im Grenzgebiet*
?
Dann bekommt alles, was ich gelesen habe, eine ganz andere Bedeutung.
Das Land ist gebeutelt vom Krieg, die Nachwirkungen sind noch immer sehr präsent. Die Künstlerin Helena verdient ihren Lebensunterhalt in einer Kneipe. Die Vergangenheit mit all seinen Schrecken und Gerüchen verfolgen sie bis in ihre Träume, aus denen sie sich beim Aufwachen nur schwer befreien kann. Johannes ist Soldat, der ebenfalls von seiner Vergangenheit gefangen gehalten wird und immer wieder ins Grenzgebiet zurückkehren muss. Als Johannes und Helena sich kennenlernen und sich vorsichtig einander öffnen, scheint ihrer beider Leben eine positive Wendung zu nehmen und in Johannes reift der Wunsch, mit Helena fortzugehen, um einen Neuanfang zu wagen. Doch Helena kann ihm nicht verzeihen, für sie steht er für alles, was sie an schrecklichem erleben musste.
Ich habe dieses Buch innerhalb weniger Tage ausgelesen, ich liebe die Sprachgewalt, der Autorin, ich kann mich nur wiederholen, ich spürte die Atmosphäre in der Stadt, ihre Traurigkeit und die Hoffnungslosigkeit, die wie der Nebel, der auf der ersten Seite in die Stadt kriecht, über dem Ort liegt.
Eine absolute Leseempfehlung.
- Herausgeber : Edition Outbird; 1. Edition (10. Januar 2022)
- Sprache : Deutsch
- Broschiert : 186 Seiten
- ISBN-10 : 3948887233
- ISBN-13 : 978-3948887230