
Rezensionsexemplar- Werbung
Eins vorweg, Ich mochte das Buch sehr. Besonders gefallen hat mir die ruhige Erzählweise, die dem Roman viel Raum gibt, ohne dass die Spannung darunter leidet. Schon auf den ersten Seiten konnte ich mir Thomas Hegel gut vorstellen. Er ist ein ehemaliger Kriminalhauptkommissar im Ruhestand, trauert um eine gute Freundin und blickt auf ein Leben zurück, in dem sicher einiges zusammengekommen ist. Auf Rügen möchte er eigentlich nur in Erinnerungen schwelgen. Doch dann spricht ihn Corinna von Lichtenfels an. Sie bittet ihn, ihre schwer kranke Mutter Sylvia zu besuchen. Sylvia war einst Hegels große Jugendliebe und möchte ihn noch einmal sehen. Allein diese Begegnung mit einer längst vergangenen Liebe hat etwas Berührendes, gerade weil man ahnt, dass die gemeinsame Vergangenheit für beide noch nicht einfach abgeschlossen ist.
Die Handlung: Wenn Familiengeheimnisse auf deutsche Geschichte treffen
Mit diesem Besuch wird Hegel tief in die Geschichte der Familie von Lichtenfels hineingezogen, die bis in die schwärzste deutsche Vergangenheit reicht. Aus einer sehr persönlichen Bitte entwickelt sich eine Ermittlung, bei der Familiengeheimnisse, alte Schuld und politische Machtverhältnisse ans Licht kommen. Banzer verbindet aktuelle gesellschaftliche Themen mit einer spannenden Krimihandlung. Dabei wirkt nichts aufgesetzt, vielmehr fügt sich alles stimmig in die Geschichte ein.
Vielschichtige Charaktere: Thomas Hegel und Francesca Pollini
Thomas Hegel ist mir schnell nahegegangen. Er ist kein unfehlbarer Ermittler, sondern ein nachdenklicher, manchmal melancholischer Mann, der mit Verlust und Erinnerungen lebt und sich auch seiner eigenen Vergangenheit stellen muss. Gerade diese verletzliche Seite hat mir an ihm gefallen. Er wirkt nicht wie ein Ermittler, der für jedes Problem eine Lösung parat hat, sondern wie ein Mensch, den das Leben geprägt hat und der trotzdem neugierig geblieben ist. Auch Corinna von Lichtenfels ist mehr als eine Nebenfigur. Ihre Bitte ist eng mit der Geschichte ihrer Familie verbunden, doch was sie wirklich bewegt, bleibt lange unklar. So fragt man sich nicht nur, was damals geschehen ist, sondern auch, was die Menschen heute noch mit sich herumtragen.
Ein fesselnder Ermittlungsmix von Ligurien bis nach Rügen
Während Hegel seinen Nachforschungen nachgeht, beschäftigen sich seine frühere Vorgesetzte Veronika Staedler und Torsten Fritsch mit einem Vermisstenfall. Nach und nach laufen die beiden Ermittlungen zusammen, und immer mehr Verbindungen zwischen den zunächst getrennten Ereignissen werden sichtbar. Das ist gut aufgebaut und sorgt dafür, dass ich beim Lesen immer wieder neu überlegen konnte, wie alles zusammenhängt.
Eine besondere Rolle spielt Francesca Pollini. Die deutsch-italienische Musikkritikerin ist die Enkelin eines Verbrechers des NS-Regimes. Mit Hegel teilt sie die Liebe zur Musik, auch wenn sie eher der Klassik zugeneigt ist. Durch sie wird das Thema Schuld und Erinnerung noch einmal auf eine andere, sehr persönliche Weise beleuchtet. Francesca muss sich mit der Vergangenheit ihres Großvaters auseinandersetzen, obwohl sie selbst für dessen Taten keine Verantwortung trägt. Gerade darin liegt für mich eine interessante Frage: Was bedeutet es, mit einer solchen Familiengeschichte zu leben, und wie findet man seinen eigenen Umgang damit? Während Francesca ihren Platz zwischen Herkunft und eigener Identität finden muss, stößt Hegel bei seinen Nachforschungen auf die Verstrickungen der Familie von Lichtenfels. Diese unterschiedlichen Zugänge zur Vergangenheit ergänzen sich sehr gut.
Auch die verschiedenen Handlungsorte haben mir gefallen. Die Geschichte führt von Ligurien über Hegels Heimatstadt Mildenhofen am Inn bis nach Rügen. Dabei bleibt die NS-Zeit nicht bloß ein Kapitel der Geschichte, das längst abgeschlossen scheint. Vielmehr wird deutlich, wie weit ihre Folgen reichen und wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbunden sein können. Auch finanzielle Verflechtungen und rechtsradikale Netzwerke spielen bei Hegels Nachforschungen eine Rolle. Das gibt dem Krimi eine zusätzliche Tiefe, ohne die eigentliche Handlung aus dem Blick zu verlieren.
Besonderes Highlight: Lesen mit der Bob-Dylan-Playlist
Eine ganz besondere Note bekommt der Roman durch die Musik. Alle Kapitel tragen Titel von Bob-Dylan-Songs, und Hegel ist ein großer Dylan-Fan. Das passt zu seiner nachdenklichen Art und hat mir als musikalischem Element der Geschichte gut gefallen. Wer mag, kann beim Lesen auch die Playlist hören, die der Autor zum Roman zusammengestellt hat. (Ich kann leider immer nur eines, entweder Musikhören oder Lesen) 😏
Fazit: Warum man „Herbstweh’n“ unbedingt lesen sollte
Herbstweh’n ist für mich kein lauter Thriller, sondern ein ruhiger, hervorragend strukturierter Krimi, der sich Zeit für seine Figuren und ihre Geschichten nimmt. Besonders die Verbindung aus Kriminalfall, Familiengeschichte, deutscher Vergangenheit und einer Liebe, die nach vielen Jahren noch einmal in den Mittelpunkt rückt, hat mich überzeugt. Mir hat gefallen, dass es nicht nur darum geht, ein Verbrechen aufzuklären. Es geht auch um Erinnerungen, um die Last der eigenen Herkunft und um das, was von früheren Begegnungen bleibt. Ich habe das Buch sehr gern gelesen und empfehle es allen, die neben Spannung auch vielschichtige Figuren und eine Erzählweise schätzen, die den Menschen hinter der Geschichte nicht aus dem Blick verliert.
- Herausgeber : epubli
- Erscheinungstermin : 9. Juli 2026
- Auflage : 2.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 264 Seiten
- ISBN-10 : 3565553278
- ISBN-13 : 978-3565553273
- Lesealter : Ab 18 Jahren
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