Schon als ich „Die Umarmung der Barbaren“ das erste Mal im Verlagsprogramm entdeckte, habe ich mich sehr auf dieses Buch gefreut. Als leidenschaftliche Leserin von Kurzgeschichten reizt mich besonders die Vielseitigkeit, mit der David Gray seine Erzählungen anlegt. Ich kenne schon einige Werke des Autors, sowohl unter dem Namen David Gray als auch unter dem Namen Ulf Torreck, und so war die Messlatte, die ich angelegt habe, ziemlich hoch. Außerdem schätze ich den Verlag Edition Outbird für seine außergewöhnlichen und mutigen Buchprojekte. Umso gespannter war ich darauf, in Grays Geschichten einzutauchen.
Jeder der Geschichten ist einem Filmgenre zugeordnet, die Erste:
Das letzte Leid gehört zum Fantsygenre und ist zugleich meine Lieblingsstory: Aristoteles Thor Heimdahlsson ist der Sohn einer Lappin und eines Norwegers, geboren auf einem Walfängerschiff, Mörder und Vater dreier Kinder. Anders als von seinem Vater wohl erwartet wuchs er nicht zu einem Hünen heran, sondern war eher hässlich und ein Zwerg.
Und Seemann mir Leib und Seele, doch ein Kommando über ein eigenes Schiff bekam er nicht. Eine Chance gibt ihm erst der Reeder Schwarzauge unter der Bedingung, dass er herausfindet, warum ein Konkurrent so wenig Fracht auf seinen Fahrten verliert und es ihm beschafft.
Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn das würde zu viel vorwegnehmen. Nur so viel: Aristoteles hat mich überrascht.
Die Geschichte erzählt nicht nur pure Fantasy, sondern handelt auch vom Verschwinden des Vertrauten und von den Herausforderungen, die neue Zeiten und Veränderungen mit sich bringen.
Die nächste Geschichte ist ein waschechter Thriller:
„Burritto Pollo“. Die Auftragskillerin Clara hat Pech – nachdem sie in Mexiko City einen Auftrag erledigt hat, wird sie von einem Federale im von ihrem Auftraggeber angemieteten Appartement überwältigt. Der nach Zwiebeln und Burritos stinkende Polizist fesselt sie und fordert ihr Geld, unterbricht seine Erpressung jedoch immer wieder mit höllischen Rülpsern. Als er sich zur Linderung seiner Beschwerden einen Tee aufbrüht – ausgerechnet den, den Clara von der Freundin ihres Auftraggebers erhalten hat – bricht er plötzlich zusammen. Clara bleibt hilflos an einen Stuhl gefesselt zurück.
Mega spannend und äußerst brutal: David Gray erzählt diese Kurzgeschichte detailliert und gekonnt – nichts für Zartbesaitete!
„One Night Stand“ ist als Melodram überschrieben.
Der Protagonist arbeitet als Clubmanager. Er bleibt nie lange an einem Ort und reist stets mit leichtem Gepäck. Montags treten in dem Club, in dem er derzeit arbeitet, Livebands auf. Eines Abends erscheint ein Mann mit einem Saxophon – ein begnadeter Musiker, den der Protagonist sofort groß herausbringen will.
Diese Geschichte ließ vor meinem inneren Auge Bilder verrauchter Jazzclubs entstehen, dazu das Bild eines einsamen Mannes. Nur: Was genau will der Autor mir mit dieser Geschichte sagen?
Ich habe eine Weile darüber nachgedacht – und für mich ganz persönlich eine Erkenntnis gewonnen: Es geht um Vergänglichkeit, um die Flüchtigkeit des Augenblicks, um Momente, die nicht festzuhalten sind – und darum, dass manchmal nur eine Erinnerung bleibt. Nur ein Gefühl.
Die Atmosphäre ist dicht, fast melancholisch. Der Text lebt von seiner Bildhaftigkeit und der feinen Melancholie, die zwischen den Zeilen mitschwingt.
Damenwahl ist eine bitterböse Geschichte, die genau meinen Geschmack trifft.
John scheint auf den ersten Blick ein freundlicher, fürsorglicher Ehemann zu sein – einer, der seiner Frau aufmerksam zur Seite steht, auch in den kleinen Dingen des Alltags. Doch dieser Eindruck trügt.
Nach und nach zeigt sich: John hat einen ziemlich miesen Charakter und hält sich zudem für unwiderstehlich. Seit einiger Zeit erhält er Postkarten von einer Unbekannten, vielleicht eine seiner zahlreichen Affären, die ihn nicht vergessen kann? Die Geschichte überzeugt durch ihre subtile Zuspitzung und ein Ende genau nach meinem Geschmack.
Herzragout, ist als Horror eingeordnet und das trifft es genau. Ein Mörder treibt sein Unwesen im Paris des Jahres 1797, er tötet seine Opfer nicht nur, er weidet sie aus und nimmt ihre Organe mit. Die Ermittler, Jean-Marie Beaume, Louis Marais und der Polizeipräfekt Henri tappen im Dunkeln und sind
mit ihrem Latein am Ende, so entschließen sie sich zu einem eher unkonventionellen Schritt und bitten den Marquis de Sade um Hilfe, bei einem gemeinsamen Abendessen besprechen sie den Fall und kommen dank de Sade auf einen vollkommen anderes Täterprofil als bisher angenommen.
Diese Story ist definitiv nichts für Menschen mit schwachem Magen.
Der Titel „
Die Bleichen Blumen des Bösen“ erweckt Assoziationen an das Unheimliche, vielleicht sogar an Horror – doch die Kurzgeschichte lässt sich einem Genre namens „Giallo“ zuordnen, das mir bislang unbekannt war. Offenbar zeichnet es sich durch besondere Kameraführung und stilvolle Musik aus: Wer liest, sollte sein einstellen Kopfkino und passende Musik vorstellen
Im Mittelpunkt steht der Teniente, der einen Auftrag ausführt: Er soll eine Frau beseitigen, die einen Oberst ermordet hat – einen Mord, der auf den ersten Blick sinnlos erscheint, denn der Oberst war todkrank und hätte ohnehin nur noch kurze Zeit zu leben. Die Vorgesetzten des Teniente vermuten politische Motive hinter der Tat, doch die Wahrheit liegt ganz woanders. Der Teniente plant, seine Tat unauffällig auf einer Müllkippe zu vollziehen. Währenddessen kreisen seine Gedanken um das Verhör der Frau und die Methoden der Polizei, die ihm oft widerstreben – insbesondere Vergewaltigung als Verhörmittel ist ihm zutiefst zuwider. Ein kurzes, leises Geräusch irritiert ihn, doch niemand ist in der Nähe, als er die Frau im blauen Kleid erschießt.
Die Stärke dieser Geschichte liegt in den überraschenden Wendungen und den komplexen Motiven der Figuren. Nichts ist so, wie es zunächst scheint: Die Beweggründe der Frau bleiben lange im Dunkeln, und die Folgen ihres Todes sind für alle Beteiligten absolut unvorhersehbar.
Mit
„Boot Hill“ von David Gray habe ich einen Western gelesen, der ganz anders ist als die Heftchen meiner Kindheit. Schon nach den ersten Seiten spürte ich eine Beklemmung, die mich bis zum Ende nicht mehr losließ. Die Geschichte ist sehr düster.
Caroline Ryan ist erst seit kurzem in Hope, als sie Benjamin Coleridge erschießt. Er war bereits zum zweiten Mal in ihr Haus eingedrungen, um sie zu vergewaltigen. Nach dem ersten Übergriff hatte sie dem Sheriff noch gesagt, dass sie sich zu wehren weiß und Benjamin mit einer Kugel enden würde. Doch als es dann tatsächlich passiert, wird Caroline nicht als Opfer gesehen, sondern sofort zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Galgen soll sogar am Sonntag aufgestellt werden, weil das, wie der Richter sagt, als „gottgefälliges Werk“ gilt.
Damit beginnt die eigentliche Story in meinen Augen aber erst. Die 19-jährige Tochter des Richters soll die Nacht vor Carolines Hinrichtung im Gefängnis verbringen, weil es nicht schicklich ist, eine weibliche Gefangene allein mit einem männlichen Aufseher zu lassen. Nach der Hinrichtung lässt der Richter seine Zimmertür einen Spalt offen und seine Tochter weiß genau, was nun von ihr erwartet wird. Sie zieht ihr blaues Kleid an, die Stiefel aus Frisco und legt den teuren Lippenstift aus Reno auf.
Während Caroline für ihre Notwehr sofort verurteilt wird, leben die Männer, denn der Richter ist nicht der Einzige, ihre Macht und dunklen Triebe schamlos aus – sogar gegenüber den eigenen Töchtern. Die junge Frau weiß genau, was von ihr erwartet wird, sobald die Tür des Vaters offensteht. Der Gedanke daran, was dann mit der jungen Frau geschieht, ist kaum auszuhalten. Die Bigotterie der Männer ist einfach nur widerlich.
Die Handlung ist klar und schnörkellos erzählt, ohne große Ausschmückungen. Gerade das macht die Geschichte so eindringlich. Ich liebe allerdings das Ende der Story.
"Tee für Mrs. Stapelton" ist eine Dark Comedy, war wieder eine Story genau nach meinem Geschmack. Edward und seine Frau Cordelia, sind nur oberflächlich gesehen das, was man ein glückliches Paar nennen kann. Edward ist eigentlich nur noch genervt von seiner Frau, ihrer Stimme, ihrer Art sich zu kleiden, es gibt nichts an ihr, was ihn noch anzieht, also sucht er sich seine Vergnügungen außer Haus und in der heimischen Badewanne. Was dann geschieht, ist zwar relativ vorhersehbar, aber ich habe es mit allergrößtem Vergnügen gelesen und ich war immer ganz nah bei Cordelia und habe ihr immer still geraten, das Richtige zu tun, besonders nach dem, was ihr Bruder Tommy ihr über ihren Mann zu erzählen weiß. Zwar beschreibt David Gray die Schwarze Komödie als ein Genre, das beim Publikum Unbehagen, ernsthaftes Nachdenken und Belustigung auslösen kann, bei mir überwog allerdings die Belustigung und das tut mir auch gar nicht leid.
Jetzt komme ich auch schon zum Ende meiner Rezension, mit "Umarmung der Barbaren" der Titelgebenden Story, folgt Gray dem Prinzip eines Filmessays.
Ein Filmessay ist, einfach gesagt, ein nachdenklicher, persönlicher Film, der verschiedene Eindrücke, Gedanken und Erinnerungen miteinander verbindet, ohne einer festen Handlung zu folgen. Genau dieses Prinzip überträgt David Gray auf seine Erzählung: Der Ich-Erzähler nimmt uns mit auf eine Reise durch sein Leben von 1988 bis 2024, doch statt einer geradlinigen Lebensgeschichte erleben wir einen Streifzug durch prägende Ereignisse der letzten Jahrzehnte.
Gray schildert den Fall der Mauer, Drogenkonsum, einen Trip nach Nepal, die Übernahme Twitters durch einen bekannten Tech-Milliardär, den Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie. Diese Stationen werden nicht einfach chronologisch abgearbeitet, sondern wie in einem Filmessay miteinander verwoben. Der Autor springt zwischen Erinnerungen, Beobachtungen und Reflexionen hin und her, stellt Zusammenhänge her und lässt dabei immer wieder seine ganz persönliche Sichtweise einfließen.
So entsteht ein vielschichtiges Bild der letzten Jahrzehnte, das nicht nur Fakten präsentiert, sondern auch Gefühle, Zweifel und Fragen offenbart. Gray beweist dabei erneut sein erzählerisches Können: Er schafft es, große Weltgeschehnisse und private Erlebnisse zu verbinden und lädt die Lesenden ein, selbst nachzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen.
Fazit:
„Umarmung der Barbaren“ von David Gray hat mich mit seinen abwechslungsreichen Kurzgeschichten überzeugt. Die Erzählungen sind mal nachdenklich, mal ironisch, aber immer sehr ehrlich und lebendig geschrieben. Gray verbindet persönliche Erlebnisse mit gesellschaftlichen Themen Die Geschichten zeigen, wie vielfältig Literatur sein kann. Ein Buch, das ich gerne weiterempfehle.
Herausgeber : Edition Outbird
Erscheinungstermin : 15. März 2025
Auflage : 1.
Sprache : Deutsch
Seitenzahl der Print-Ausgabe : 292 Seiten
ISBN-10 : 3948887829
ISBN-13 : 978-3948887827