Montag, 30. Juni 2025

Kein Zurück von Stephen King

 


Die Polizei zieht Privatermittlerin Holly Gibney zurate. Ein anonymes Schreiben hat eine Mordserie angekündigt. Das erste Opfer ist eine unbescholtene Frau, in der Hand hält sie einen Zettel. Der Name darauf verweist auf eine Geschworene, die an der Verurteilung eines Unschuldigen beteiligt war, der im Gefängnis erstochen wurde. Der verrückte Täter tötet als „Sühneakt“ wahllos Ersatzopfer anstelle der Geschworenen? „Die Schuldigen am Tod des Unschuldigen sollen leiden“, hieß es. Das Morden geht weiter. Während Holly fiebrig das Puzzle zusammensetzt, hat sie auch alle Hände voll damit zu tun, Anschläge auf eine Feministin abzuwehren, der sie als Personenschützerin dient. Wie zielgerichtet strebt alles auf eine einzige große Katastrophe zu.


Als langjähriger Fan von Stephen King – ich habe tatsächlich alle seine auf Deutsch erschienenen Bücher gelesen – war für mich klar, dass auch Kein Zurück nicht fehlen darf. Ich mag Holly Gibney. Die vertrauten Nebenfiguren wie Jerome Robinson, der an seinem zweiten Roman schreibt, und seine Schwester Barbara, die trotz Literaturpreis mit ihren Gedichten nicht an den Erfolg ihres Bruders heranreicht, sorgen für das typische King-Gefühl: Figuren, die einem über mehrere Bücher hinweg ans Herz wachsen.

Der Kriminalfall, in den Holly dieses Mal hineingezogen wird, ist düster und vielschichtig. Detective Izzy Jaynes erzählt ihr von einem Schreiben, das eine Mordserie ankündigt – die Opfer sollen für einen Justizirrtum büßen, an dem sie eigentlich keine Schuld tragen.

„Die Schuldigen am Tod des Unschuldigen sollen leiden.“

Die Spur führt zu Cary Tolliver, der im Sterben liegt und ein folgenschweres Geständnis ablegt: Er hat seinem Kollegen Alan Duffrey gefälschte Beweise für Kinderpornografie untergeschoben, um an dessen Job zu kommen. Trotz dieses Geständnisses unternimmt die Justiz nichts, und Duffrey wird im Gefängnis ermordet.

Izzy bittet Holly, sich nicht einzumischen – aber wir kennen sie besser.

Holly hat zudem einen offiziellen Fall: Sie soll herausfinden, wer Anschläge auf Kate McKay verübt. Nach einem missglückten Attentat arbeitet sie als deren Personenschützerin. McKay kämpft als Feministin für das Recht auf Selbstbestimmung von Frauen und ist ins Visier eines fanatischen Abtreibungsgegners geraten, der einer radikalen Kirche angehört.

King nimmt sich viel Zeit, seine Figuren und die gesellschaftlichen Hintergründe zu entfalten. Das sorgt für Tiefe – aber ich muss ehrlich sagen: Diesmal war mein Durchhaltevermögen gefragt. Die Handlung entwickelt sich langsam, und erst im letzten Drittel, als das große Footballspiel als Kulisse für den Showdown dient, kam für mich die gewohnte Spannung auf.

Trotz meiner Kritik an der Langatmigkeit: Ich mag Kings Art, Charaktere zu zeichnen und aktuelle, manchmal brisante Themen in einen Krimi zu verweben, immer noch sehr. Seine Haltung, gegen die aktuellen politischen und religiösen Strömungen ist nicht zu überlesen. Kein Zurück ist kein Pageturner im klassischen Sinn, aber ein recht solider Roman – allerdings reicht er nicht an seine früheren Meisterwerke heran. Das kann er besser, und das weiß er auch, wie er in seinem Nachwort erwähnt.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 11. Juni 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 640 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3453274342
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453274341
  • Originaltitel ‏ : ‎ Never Flinch

Sonntag, 29. Juni 2025

Finsternis im Blut: Mitrys Trilogie - Band 1 (Mitrys - Trilogie: Mitrys-Trilogie) von Pawel Kopijer (Autor)

Willkommen in einer Welt voller uralter Magie, fantastischer Wesen und verfeindeter Völker!

Auf dem neuen Kontinent Elise ist die Nutzung von Magie strengstens verboten. Einzig auf der Insel Orin werden Schamanen ausgebildet, die ihre magischen Fähigkeiten zum Schutz ihres Volkes – und des Großen Schwurs – einsetzen dürfen.
Der alte Kontinent hingegen, das mysteriöse Amadal, pulsiert vor Magie. Doch seit Jahrhunderten besteht zwischen den beiden Kontinenten kein Kontakt mehr.
Die siebzehnjährige Funke aus dem Volk der Darzaner wünscht sich nichts sehnlicher, als eine Schamanin zu werden. In der Welt der Erwachsenen hat sie noch viel zu lernen, doch die Zeit drängt: Auf Elise bricht die alte Ordnung zusammen.
Funke macht sich auf eine gefährliche Reise durch die beiden Kontinente, um die Erben der gesegneten Blutlinie zu finden. Doch gibt es sie überhaupt noch? Und wo sind die Götter des Lichts geblieben?
In einem Zeitalter, in dem dunkle Mächte aufsteigen, müssen sich alle Völker und Stämme vereinen, um ihre Freiheit zu verteidigen.

ES NÜTZT NICHTS, DIE EXISTENZ DER MAGIE ZU LEUGNEN. DAS RAUBT IHR NICHT IHRE MACHT, SONDERN MACHT SIE NUR UNBERECHENBARER.


Schon auf den ersten Seiten hat mich Paweł Kopijer mit seiner Schilderung des Lebens auf der Insel Orin gefesselt. Wir wohnen einer Geburt bei, deren Ausgang tragisch ist und wechseln dann zu Funke, die gerade die „Die Prüfung des endgültigen Übergangs“ ablegt, die ihr besondere Geduld abverlangt, sie muss die Haare eines Berglotards sammeln, dieses gefährliche Tier ist immun gegen Magie, stundenlang harrt sie an ihrem Platz aus. 

Diese ersten Seiten über das junge Mädchen vermitteln einen guten Eindruck vom Wesen Funkes.

 Besonders spannend fand ich auch die Einblicke in den harten Alltag der angehenden Schamanen: 
Die Ausbildung dauert sieben Jahre und verlangt den Schülern alles ab. Nicht jeder schafft es bis zum Ende, und wer vorzeitig nach Hause zurückgeschickt wird, muss oft als Ausgestoßener leben. Die „Prüfung des endgültigen Übergangs“ ist gefährlich – nicht alle überleben sie. Diese Details machen die Welt greifbar und verleihen der Geschichte eine besondere Intensität.


Im Mittelpunkt steht Funke, eine junge Darzanerin, die auf Orin zur Schamanin ausgebildet wird. Ihre Sehnsucht, nach Elise zurückzukehren und ihr Volk zu schützen, ist stets spürbar und macht sie zu einer sympathischen Protagonistin. Ihr Weg ist voller Herausforderungen, Zweifel und Mutproben. Daneben hat mich Noran beeindruckt, ein Auftragsmörder aus der Löwenburger „Gilde der Nacht“. Seine Perspektive bringt zusätzliche Spannung, und ich bin gespannt, wie sich die Wege der beiden im weiteren Verlauf kreuzen werden.

Der Kontrast zwischen Elise, wo Magie streng verboten ist, und dem magischen Amadal wird atmosphärisch dicht gezeichnet. Die Suche nach den „Erben der gesegneten Blutlinie“ und das Rätsel um die verschwundenen Götter des Lichts sorgen für zusätzliche Tiefe und machen neugierig auf die 
Fortsetzung.

Fazit

Finsternis im Blut überzeugt als durchdachter und atmosphärisch dichter Auftakt einer Trilogie, der weit über einen bloßen Einstieg hinausgeht. Paweł Kopijer gelingt es, eine komplexe Welt mit eigenen Regeln, Mythen und Konflikten zu erschaffen, die den Leser bis zur letzten Seite fesselt. Die Entwicklung der Hauptfiguren Funke und Noran wird glaubwürdig und facettenreich erzählt, wobei beide mit den Herausforderungen ihrer Herkunft und ihrer Bestimmung ringen. Besonders die Härte und das Gemeinschaftsgefühl auf Orin, die gefährlichen Prüfungen und die Suche nach Identität und Zugehörigkeit prägen das Buch nachhaltig.

Die Handlung bleibt bis zum Ende spannend, da sich die Wege der Protagonisten immer stärker annähern und Handlung an Dramatik gewinnt. Kopijer versteht es, Fragen offenzulassen und zugleich genug Antworten zu liefern, um die Neugier auf die Fortsetzung zu wecken. Wer eine vielschichtige Fantasygeschichte mit starker Figurenzeichnung, düsterer Atmosphäre und einem gelungenen Spannungsbogen sucht, wird mit diesem Band voll auf seine Kosten kommen.


Eine weitere Rezension und ein Interview mit dem Verlag findet ihr auf


  • Herausgeber ‏ : ‎ Cologne Storytellers
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. Dezember 2024
  • Auflage ‏ : ‎ überarbeitete
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 425 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 391136301X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3911363013
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 15 Jahren
  • Originaltitel ‏ : ‎ Mrok we Krwi





Freitag, 27. Juni 2025

HULDA: Thriller - Hulda kehrt zurück! von Ragnar Jónasson (Autor), Anika Wolff (Übersetzerin)


Der Thriller beginnt mit einem Blick in die Vergangenheit: An einem verschneiten Weihnachtstag bringt Atli Weihnachtsäpfel nach Hause zu seiner Frau Emma und ihrem Baby. Auf dem Heimweg schweifen seine Gedanken zurück – an das erste Kennenlernen mit Emma, an die gemeinsamen Jahre und an die Freude darüber, was sie sich zusammen aufgebaut haben. Er hat sein Leben lang hart gearbeitet und hätte nie gedacht, einmal ein eigenes Haus zu besitzen – erst die guten Beziehungen seines wohlhabenden Schwiegervaters haben ihm diesen Traum ermöglicht. Doch als Atli an diesem Tag vor der Haustür steht, ist sie verschlossen, obwohl er sich sicher ist, sie – wie in Island üblich – offen gelassen zu haben.

1980 erhält Hulda einen Anruf von ihrem Vorgesetzten Sölvi: Der Teddybär eines vor zwanzig Jahren verschwundenen Babys ist aufgetaucht. Hulda soll in den Norden fahren und ermitteln. Eigentlich hatte sie sich auf freie Tage mit ihrer Tochter Dimma und ihrem Mann Jón gefreut, doch Hulda ist ehrgeizig – der Fund des Teddys könnte ihr die Beförderung bringen, auf die sie hofft. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Álfrún fährt sie in einen kleinen, abgelegenen Ort, in dem die Bewohner nur nach außen hin zusammenhalten.

Ragnar Jónasson erzählt Huldas Geschichte in seiner Reihe nicht chronologisch, und so setzt dieser vierte Band zu einer Zeit an, als Hulda in ihren Dreißigern ist. Ihre Tochter Dimma ist ihr Ein und Alles, aber in der Ehe mit Jón ist die Luft raus, auch wenn sie ihn meistens noch liebt. Ihre Position als Frau bei der Kriminalpolizei ist schwierig, und Hulda sieht in diesem Fall eine Chance, beruflich voranzukommen.

Ich mag Jónassons Erzählweise sehr – wie schon in den anderen Bänden legt er den Fokus klar auf Hulda, ohne dabei den eigentlichen Kriminalfall aus den Augen zu verlieren. Gerade Fälle, in denen Kinder betroffen sind, gehen immer besonders nahe. Die Auflösung war für mich nur eine von mehreren Möglichkeiten, die ich während des Lesens in Betracht gezogen habe.


Auch der vierte Band hat mich wieder komplett überzeugt – Jónasson schaffte es wieder einmal Spannung zu erzeugen und die besondere Stimmung Islands einzufangen. Wer gerne in die Welt isländischer Krimis eintaucht, wird auch mit „Hulda“ bestens bedient.


  • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 28. Mai 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442763088
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442763085
  • Originaltitel ‏ : ‎ HULDA
  • Abmessungen ‏ : ‎ 13.6 x 2.5 x 20.7 cm
  • Buch 4 von 4 ‏ : ‎ Die HULDA-Reihe


Montag, 23. Juni 2025

Tatort Glashaus: Krimi von Walther Stonet


Mein erstes Buch von Walther Stonet und hätte ich nicht gewusst, dass es sich bei Tatort Glashaus um den ersten Band der Reihe um Kriminalhauptkommissar Tankred-Jürg Graf Brühlsdorf handelt, hätte ich wirklich vermutet, wieder einmal mitten in eine bestehende Reihe geraten zu sein. Aber sowohl der Charakter des Kriminalhauptkommissar Tankred-Jürg Graf Brühlsdorf seine Beziehung zur Oberstaatsanwältin Isodora Clementelli und die Geschehnisse in der Vergangenheit sind fließend in die aktuelle Handlung eingefügt.



Brühlsdorf ist aufgrund schwerer Verletzungen, die er sich im Dienst zugezogen hat, beurlaubt. Doch noch belastender als die körperlichen Wunden sind die seelischen: Die Liebe seines Lebens kam bei jenem Einsatz ums Leben, bei dem er selbst lebensgefährlich verletzt wurde – sie hatte versucht, ihn zu schützen.

Brühlsdorf stammt aus altem, vermögendem Adel und lebt in einer großzügig ausgestatteten Villa in Tübingen. Dort stehen ihm unter anderem ein eigener Fitnessraum zur Verfügung, in dem er gemeinsam mit einem engen Freund – einem Computergenie – von einem Physiotherapeuten behandelt wird, sowie ein Konferenzraum mit hochmoderner Technik, die den Stand in den Polizeidienststellen bei Weitem übertrifft.

Die Oberstaatsanwältin Isodora Clementelli bittet Brühlsdorf um Unterstützung in einem aktuellen Mordfall und stellt ihm ein Team zur Seite, das von seiner Nachfolgerin Frederike (Rieke) Bechtel geleitet wird. Gemeinsam sollen sie den Tod einer jungen Frau aufklären, der offenbar mit den Ereignissen in Verbindung steht, bei denen Brühlsdorfs damaliges Team fast vollständig ausgelöscht wurde. Isodora hatte eine persönliche Beziehung zur und wird dadurch durch die kalabrischen Mafia – der ’Ndrangheta, die hinter den aktuellen Entwicklungen steht, erpressbar.




So, genug verraten.

Walther Stonet hat mit Brühlsdorf eine Ermittlerfigur geschaffen, die trotz Schicksalsschlägen nicht aufgibt und nur gelegentlich hadert – und wenn, dann auf eine Weise, die nicht störend wirkt. Ich persönlich finde wenig anstrengender als Ermittlerfiguren, die sich endlos im Selbstmitleid verlieren – das ist hier zum Glück nicht der Fall.

Ein Großteil der Ermittlungsarbeit findet am Computer statt – hier spürt man deutlich die IT-Affinität des Autors. Das hätte trocken oder technisch überladen wirken können, wurde von Stonet aber lebendig und spannend umgesetzt. Selbst Szenen, die sich stark auf digitale Recherche stützen, bleiben nachvollziehbar und interessant.

Die Handlung bleibt durchgehend spannend, und die Darstellung der mafiösen Strukturen ist so klar und gut eingebettet, dass ich als Leserin einen  Einblick in die Arbeitsweise der ’Ndrangheta erhalten habe. Besonders gelungen finde ich, wie überzeugend die Bedrohung durch die Mafia in den süddeutschen Raum übertragen wird – ich hätte nicht erwartet, dass Städte wie Tübingen, Nürtingen, Reutlingen oder Metzingen so glaubhaft zum Schauplatz organisierter Kriminalität werden können.

Gerade diese Schauplatzwahl hat für mich einen besonderen Reiz ausgemacht. Da ich in der Nähe lebe und die Orte gut kenne, war es besonders spannend, sie einmal aus einer anderen, düsteren Perspektive zu erleben. Es ist beeindruckend, wie Stonet es schafft, vermeintlich vertraute, unspektakuläre Orte mit einer spürbaren Spannung aufzuladen. Das verleiht der Geschichte nicht nur Authentizität, sondern auch eine besondere Nähe. Für mich hat das den Lesegenuss spürbar gesteigert und dem Krimi eine eigenständige, regionale Prägung verliehen.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Oertel+Spörer
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 26. Juli 2022
  • Auflage ‏ : ‎ 1. Auflage
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 416 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3965551213
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3965551213

Montag, 16. Juni 2025

Keine Zeit, der Garten ruft: Die verblüffendsten Erkenntnisse über zickige Rosen, schlagfertige Bohnen und mörderische Petersilie von Klaudia Blasl


 Ich und Gartenarbeit, das könnte man auch kurz mit den Worten "Zwei Welten kollidieren" beschreiben, ich mag Gärten, ich liebe Blumen, ich mag selbst gezogenes Gemüse aus anderer Leute Gärten, was ich nicht, mag ist eben diese stundenlange Gartenarbeit um ein ansehnliches Ergebnis zu erzielen. Um so interessanter ist es, für mich vom Erfolg oder auch vom Scheitern von Gartenbegeisterten Menschen zu lesen und als Krimileserin habe ich dann mit großer Vorfreude zu "Keine Zeit der Garten ruft" gegriffen, denn es geht zu einem großen Teil um Giftpflanzen, ein äußerst interessantes Thema, man weiß ja nie, wozu man dieses Wissen mal benötigt. Wer weiß schon die Petersilie giftig ist oder auch Kartoffeln? Gut, das wusste ich schon, Krimis und so, ihr wisst schon. Ich habe allerdings auch viel Neues gelernt, dass sich manche Pflanzen untereinander nicht vertragen, z. B. andere dagegen immer wieder die Nähe anderer Pflanzen suchen. In meinem Minigärtchen gilt die Devise: Wachs oder stirb, in dem der Autorin Klaudia Blasl, werden sie gehegt und gepflegt, umgesetzt, gegen Wind und zu viel Sonne geschützt und natürlich werden sie jeden Morgen von Schnecken befreit, Schnecken mag ich persönlich noch weniger als Gartenarbeit. Und doch blühen auch ihre Pflanzen nicht nach ihrer Pfeife und das, obwohl sie auch schon mal in einem zum Hochbeet umgebauten Jugendstilschrank aufwachsen dürfen, ganz schön undankbar, die Pflanzenwelt.

Was ich an diesem Buch besonders schätze: Es ist kein klassischer Gartenratgeber, Klaudia Blasl erzählt vielmehr sehr persönlich und humorvoll von ihren eigenen Gartenabenteuern – mit all den kleinen Katastrophen, überraschenden Erkenntnissen und der immer wiederkehrenden Erkenntnis, dass Pflanzen eben doch ihre ganz eigenen Regeln haben, dabei wird sie immer liebevoll von ihrem Mann unterstützt, der dann eben auch mal einen Schrank opfert.

Das Buch ist nicht streng nach Pflanzenarten oder Jahreszeiten gegliedert, sondern folgt dem ganz eigenen Rhythmus der Autorin. Zum Beispiel, warum Tulpen mal als Spekulationsobjekt gehandelt wurden, dass Maiglöckchen gern mit Bärlauch verwechselt werden und dass im Klostergarten nicht nur Kräuter für den Magen, sondern auch der tödliche Schierling gezogen wurde – für den Fall der Fälle, nehme ich an. Die Pflanzen im Buch sind übrigens keine stummen Statisten. Sie haben Charakter, sind manchmal zickig, manchmal verschmust, und gelegentlich auch echte Dramaqueens und sie reden, manchmal quasseln sie auch, wie die Bohnenranke. Blasl beschreibt sie sehr liebevoll und menschlich.

Wer jetzt denkt, das Buch sei nur was für eingefleischte Gartenprofis, liegt falsch. Es eignet sich wunderbar für alle, die gern Geschichten lesen, lachen und dabei noch ein bisschen klüger über Pflanzenwissen werden wollen – ganz ohne Spaten in der Hand.

Mein Fazit: "Keine Zeit, der Garten ruft" ist wie ein Nachmittag im Garten mit einer guten Freundin – voller Geschichten, Humor, kleinen Pannen und jeder Menge überraschender Erkenntnisse.

 

  • Herausgeber ‏ : ‎ Knaur HC
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 3. Februar 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 2.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3426560313
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3426560310

Samstag, 14. Juni 2025

Engel unter Mordverdacht: (Ein Fall für Quin Angel 1) von C. N. Stance

 


Als ich das Cover von "Engel unter Mordverdacht" zum ersten Mal sah, fühlte ich mich sofort an die Cover vergangener Jahrzehnte erinnert – ein Hauch von Nostalgie, der mich neugierig machte, aber auch ein wenig in die Irre führte.(Der zweite Blick offenbarte mehr) Denn was sich hinter diesem klassischen Äußeren verbirgt, ist alles andere als altmodisch. Die Geschichte ist frisch, überraschend und auf eine angenehm unkonventionelle Weise modern.


Im Mittelpunkt steht Quin, ein Engel, der im Himmel versagt hat und nun auf der Erde lebt. Was mir besonders gefallen hat: Quin hat schon verschiedene Welten ausprobiert, aber die Erde ist ihr eindeutig die liebste. Vielleicht, weil Menschen das Leben genießen können – und auch wenn Engel eigentlich nicht essen oder trinken müssen, liebt Quin genau das: gutes Essen, einen starken Drink und auch sonst alles, was das Leben an Sinnesfreuden zu bieten hat. Dies machte sie für mich sofort sympathisch und nahbar.

Das Setting ist ein weiteres Highlight: Quin lebt in den 1930er Jahren in Chicago, einer Stadt, die in dieser Zeit vor Leben, Gefahr und Musik nur so brodelt. Die Atmosphäre ist dicht, ich hatte beim Lesen sofort Bilder im Kopf – die windigen Straßen, die Gangster in ihren Anzügen, die Cops, die mit Schlagstöcken durch die Gassen patrouillieren. Und mittendrin Quin, die selbst einen Anzug trägt und für mich immer ein wenig Marlene Dietrich war, nicht nur optisch, sondern auch durch ihre Ausstrahlung und die Faszination, die sie auf Männer und Frauen gleichermaßen ausübt. Das hat die Autorin wirklich hervorragend eingefangen.

Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf: Quin wacht eines Morgens neben der Leiche ihres Liebhabers Rick auf, blutverschmiert und mit dem sicheren Gefühl, dass sie nicht nur von der Polizei, sondern auch von den Gangstern, für die Rick gearbeitet hat, gejagt wird. Ihre Flucht ist spektakulär – denn als Engel kann sie durch die Zeit reisen. Erst verschlägt es sie ins Jahr 2015, aber Quin entscheidet sich zurückzukehren in die 30er Jahre, um den Mord an Rick aufzuklären und ihre eigene Unschuld zu beweisen.

Was das Buch für mich besonders macht, ist die Mischung aus Krimi und Fantasy. Die Zeitreise-Elemente sind originell eingesetzt, ohne die eigentliche Krimihandlung zu überlagern. Das Zusammenspiel von Spannung, Humor und einer Prise Übernatürlichem hat mich überzeugt. Besonders gelungen fand ich den Humor, der immer wieder aufblitzt – etwa in Gestalt eines Dämons, der im Körper eines Meerschweinchens steckt, auf der Flucht vor anderen Dämonen ist und dabei flucht wie ein Wiener Gassenjunge. Solche Details machen die Geschichte lebendig und sorgen für die nötige Leichtigkeit.

Mein Fazit: "Engel unter Mordverdacht" ist ein ungewöhnlicher, atmosphärisch dichter Roman, der Krimi und Fantasy auf erfrischende Weise verbindet. Die Autorin schafft es, eine faszinierende Heldin zu zeichnen und das Chicago der 30er Jahre so lebendig werden zu lassen, dass man beim Lesen fast den Jazz und das Hupen der Autos hört. Wer Lust auf eine ungewöhnliche Ermittlerin, einen Hauch Übernatürliches und eine spannende Geschichte hat, wird mit diesem Buch bestens unterhalten.



  • Herausgeber ‏ : ‎ tolino media
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 9. Mai 2023
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 180 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 375463867X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3754638675

Mittwoch, 11. Juni 2025

Miss Harkness und das Damengambit: Ein viktorianischer Krimi von Bradley Harper


 England, 1897. In London bereitet man sich auf das diamantene Thronjubiläum Queen Victorias vor. Zur selben Zeit wird die Schriftstellerin (und gelegentliche Detektivin) Margaret Harkness von ihrem Freund Professor Joseph Bell, dem realen Vorbild für Sherlock Holmes, aufgesucht, der ihre Unterstützung braucht. Bell soll einen anarchistischen Spion entlarven und bittet um ihre Hilfe.

So beginnt ein verhängnisvolles Katz-und-Maus-Spiel zwischen Terroristen und Spionen, zwischen revolutionärem Eifer und wissenschaftlichen Schlussfolgerungen. Das Leben der Queen steht auf dem Spiel. Wird ein mysteriöser Attentäter bei den Feierlichkeiten zum Thronjubiläum zuschlagen?


Ich habe, typisch für mich, zum 2. Band einer Reihe gegriffen und war gespannt, ob mir die Informationen aus dem 1. fehlen würden oder nicht – sie fehlen nicht. Das schon mal vorweg.

Der Prolog erzählt von einem tödlichen Attentat auf den russischen Zaren und der Flucht des jungen Viktors nach Berlin zu dem Waffenschmied Vogel, der Viktor bei sich aufnimmt. Viktor ändert seinen Namen, verliebt sich und gründet mit Astrid, der Tochter Vogels, eine Familie. Er meint, seine Vergangenheit als Anarchist hinter sich gelassen zu haben – bis ein Herr Gruber ihm eine Arbeitsstelle in seiner Firma für Telefonanlagen anbietet.

Dann lerne ich auch Margaret Harkness kennen, die versucht, in einer von Männern dominierten Welt als Schriftstellerin erfolgreich zu sein. Sie arbeitet als freiberufliche Journalistin, um genügend Geld für eine Überfahrt nach Australien zusammenzusparen, da ihre Ärzte ihr zu einem wärmeren Klima raten, um die Symptome ihrer Lupus-Erkrankung zu lindern. Bisher reicht es allerdings noch nicht einmal für das billigste Ticket. Die Bitte ihres Freundes Professor Joseph Bell, dem realen Vorbild für Sherlock Holmes, ihn auf eine Reise nach Deutschland zu begleiten, um gemeinsam einen Spion in den Reihen der deutschen Regierung zu enttarnen, kommt ihr da gerade recht.

Der Roman spielt vor dem Hintergrund der Vorbereitungen zum Diamantenen Thronjubiläum von Queen Victoria in London. Das Leben der Queen steht auf dem Spiel, denn ein mysteriöser Attentäter könnte die Feierlichkeiten zum Ziel haben. Die Handlung wird durch die unterschiedlichen Perspektiven von Ermittlern, politischen Strippenziehern und Menschen mit ganz eigenen Motiven getragen – immer wieder überrascht von Wendungen, die geschickt in die Atmosphäre des viktorianischen Londons und die politischen Spannungen der Zeit eingebettet sind.

Ich war von Beginn an begeistert vom Schreibstil des mir bis dato unbekannten Autors Bradley Harper. Besonders seine Personenbeschreibungen haben mich absolut überzeugt – sei es nun Margaret Harkness, die selbstbewusst und sehr sympathisch versucht, sich in einer männerdominierten Welt zu behaupten, ohne dabei hart und zynisch zu werden, oder auch Joseph Bell, bei dem ich sofort das Bild eines britischen Gentlemans vor Augen hatte. Die Handlung ist durchaus spannend. Spionagekrimis sind normalerweise nicht mein bevorzugtes Genre, dieser allerdings, eingebettet in eine Welt, die geprägt ist von gesellschaftlichen Umbrüchen, hat mir durchaus unterhaltsame Lesestunden beschert. Ebenso wie die Bonuskurzgeschichte am Ende und die Informationen über die historischen Persönlichkeiten.


Mein Fazit: Ein sehr gelungene Mischung aus Fakten und Fiktion





  • Herausgeber ‏ : ‎ Dryas Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 28. April 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch übersetzt von Dorothee Schröder  
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 300 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3986720782
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3986720780

Dienstag, 10. Juni 2025

Vertrau mir nicht: Eifelkrimi (Frederike Suttner) von Andrea Revers

 

Ein neuer Fall für die Eifeler Miss Marple, der unerwartet aus dem Ruder läuft … Als die pensionierte Kommissarin Frederike gerade in ihrem Eifeler Bauerngarten den Brennnesseln und dem Giersch zu Leibe rückt, tritt unerwartet das BKA in Person der jungen Leonie Jansen auf den Plan und bittet sie um Unterstützung. Die Abwechslung kommt Frederike gerade recht, und so erklärt sie sich bereit, den Lockvogel für eine Betrügerbande zu spielen, die es auf Senioren abgesehen hat. Die Spur führt an den südlichen Rand der Eifel, auf das Mosel-Kreuzfahrtschiff Wilma, und Frederike geht als reiche Rentnerin ausstaffiert an Bord. Rückendeckung bekommt sie dabei von ihrem Freund, dem forensischen Psychologen Willi Walther. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, als eines Morgens der junge Barkeeper Claudio tot aufgefunden wird. War das wirklich ein Unfall? Frederike hat da ihre Zweifel. Und welche Rolle spielt Willi dabei? Als sie zu allem Überfluss die Nachricht erreicht, dass bei ihr zu Hause eingebrochen wurde, ist sie hin und her gerissen zwischen der Sorge um ihr verwüstetes Heim und dem Wunsch, der Bande das Handwerk zu legen. Während sie noch mit der Spurensicherung und dem Versicherungsvertreter ringt, erfährt sie, dass Claudio tatsächlich ermordet wurde. Und Willi ist plötzlich nicht mehr zu erreichen … Wem kann Frederike noch vertrauen?



Mit "Vertrau mir nicht" ist mir nicht nur der erste Krimi aus der Reihe um Frederike Suttner, der pensionierten Kriminalkommissarin aus der Eifel, in die Hände gefallen – es war zugleich mein erstes Buch von Andrea Revers überhaupt. Oft ist es ein Wagnis, mitten in eine laufende Krimireihe einzusteigen, doch hier hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, entscheidende Informationen zu vermissen. Die Autorin versteht es, neue Leserinnen und Leser mühelos abzuholen und in die Geschichte einzuführen – ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt.

Der Schreibstil ist angenehm leicht und locker, das führte dazu, dass ich immer dachte: Eine Seite noch und dann noch eine und noch eine. 😀 Besonders gut gefallen hat mir die sympathische Protagonistin Frederike, die mit ihrer bodenständigen, humorvollen Art und ihrer Vorliebe für guten Whisky schnell mein Herz gewonnen hat. Sie wirkt glaubwürdig und sympathisch, was mir den Zugang zur Geschichte zusätzlich erleichtert.

In diesem Band wird Frederike von der BKA-Beamtin Leonie Jansen gebeten, bei einem kniffligen Fall zu unterstützen. Eigentlich genießt sie ihr ruhiges Leben und die Arbeit im eigenen Garten, doch die Aussicht auf eine Flusskreuzfahrt auf der Mosel – und die Möglichkeit, Betrügern das Handwerk zu legen – lässt sie nicht lange zögern. Gemeinsam mit ihrem guten Freund Willi, einem forensischen Psychologen, der im Hintergrund als ihre Rückendeckung agieren, geht sie als wohlhabende Rentnerin getarnt an Bord der "Wilma". Ihre Aufgabe: herauszufinden, wer die Daten älterer Menschen ausspioniert und für perfide Betrugsmaschen nutzt.

An Bord begegnet Frederike den beiden Damen Eleonore und Cornelia, die sich erst kürzlich kennengelernt haben, aber dennoch eine gewisse Vertrautheit ausstrahlen. Das Geheimnis, das sie verbindet, scheint allerdings nichts mit den aktuellen Betrugsfällen zu tun zu haben – zumal Eleonore selbst Opfer eines Enkeltricks wird. Währenddessen freundet sich Willi mit dem Barkeeper Claudio an, und schon bald überschlagen sich die Ereignisse an Bord.

Andrea Revers gelingt es, einen spannenden und zugleich unterhaltsamen Krimi zu erzählen, der mit sympathischen Figuren, und einer stimmigen Atmosphäre punktet. Die Ermittlungen sind nachvollziehbar, die Auflösung schlüssig – und der Schauplatz auf dem Flussschiff sorgt für ein besonderes Flair.

Fazit:
"Vertrau mir nicht" ist ein gelungener Krimi für alle, die es gerne spannend, aber nicht zu düster mögen. Frederike Suttner ist eine Protagonistin, mit der man gerne auf Verbrecherjagd geht – und die Lust auf weitere Fälle macht. Auch für Quereinsteiger in die Reihe absolut empfehlenswert!



  • Herausgeber ‏ : ‎ KBV
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 31. Juli 2024
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 300 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3954416964
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3954416967

Montag, 9. Juni 2025

Umarmung der Barbaren Kurzgeschichten von David Gray

Schon als ich „Die Umarmung der Barbaren“ das erste Mal im Verlagsprogramm entdeckte, habe ich mich sehr auf dieses Buch gefreut. Als leidenschaftliche Leserin von Kurzgeschichten reizt mich besonders die Vielseitigkeit, mit der David Gray seine Erzählungen anlegt. Ich kenne schon einige Werke des Autors, sowohl unter dem Namen David Gray als auch unter dem Namen Ulf Torreck, und so war die Messlatte, die ich angelegt habe, ziemlich hoch. Außerdem schätze ich den Verlag Edition Outbird für seine außergewöhnlichen und mutigen Buchprojekte. Umso gespannter war ich darauf, in Grays Geschichten einzutauchen.


Jeder der Geschichten ist einem Filmgenre zugeordnet, die Erste: Das letzte Leid gehört zum Fantsygenre und ist zugleich meine Lieblingsstory: Aristoteles Thor Heimdahlsson ist der Sohn einer Lappin und eines Norwegers, geboren auf einem Walfängerschiff, Mörder und Vater dreier Kinder. Anders als von seinem Vater wohl erwartet wuchs er nicht zu einem Hünen heran, sondern war eher hässlich und ein Zwerg.
Und Seemann mir Leib und Seele, doch ein Kommando über ein eigenes Schiff bekam er nicht. Eine Chance gibt ihm erst der Reeder Schwarzauge unter der Bedingung, dass er herausfindet, warum ein Konkurrent so wenig Fracht auf seinen Fahrten verliert und es ihm beschafft.
Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn das würde zu viel vorwegnehmen. Nur so viel: Aristoteles hat mich überrascht.
Die Geschichte erzählt nicht nur pure Fantasy, sondern handelt auch vom Verschwinden des Vertrauten und von den Herausforderungen, die neue Zeiten und Veränderungen mit sich bringen.


Die nächste Geschichte ist ein waschechter Thriller: „Burritto Pollo“. Die Auftragskillerin Clara hat Pech – nachdem sie in Mexiko City einen Auftrag erledigt hat, wird sie von einem Federale im von ihrem Auftraggeber angemieteten Appartement überwältigt. Der nach Zwiebeln und Burritos stinkende Polizist fesselt sie und fordert ihr Geld, unterbricht seine Erpressung jedoch immer wieder mit höllischen Rülpsern. Als er sich zur Linderung seiner Beschwerden einen Tee aufbrüht – ausgerechnet den, den Clara von der Freundin ihres Auftraggebers erhalten hat – bricht er plötzlich zusammen. Clara bleibt hilflos an einen Stuhl gefesselt zurück.

Mega spannend und äußerst brutal: David Gray erzählt diese Kurzgeschichte detailliert und gekonnt – nichts für Zartbesaitete!




„One Night Stand“ ist als Melodram überschrieben.
Der Protagonist arbeitet als Clubmanager. Er bleibt nie lange an einem Ort und reist stets mit leichtem Gepäck. Montags treten in dem Club, in dem er derzeit arbeitet, Livebands auf. Eines Abends erscheint ein Mann mit einem Saxophon – ein begnadeter Musiker, den der Protagonist sofort groß herausbringen will.

Diese Geschichte ließ vor meinem inneren Auge Bilder verrauchter Jazzclubs entstehen, dazu das Bild eines einsamen Mannes. Nur: Was genau will der Autor mir mit dieser Geschichte sagen?
Ich habe eine Weile darüber nachgedacht – und für mich ganz persönlich eine Erkenntnis gewonnen: Es geht um Vergänglichkeit, um die Flüchtigkeit des Augenblicks, um Momente, die nicht festzuhalten sind – und darum, dass manchmal nur eine Erinnerung bleibt. Nur ein Gefühl.

Die Atmosphäre ist dicht, fast melancholisch. Der Text lebt von seiner Bildhaftigkeit und der feinen Melancholie, die zwischen den Zeilen mitschwingt.

Damenwahl ist eine bitterböse Geschichte, die genau meinen Geschmack trifft.
John scheint auf den ersten Blick ein freundlicher, fürsorglicher Ehemann zu sein – einer, der seiner Frau aufmerksam zur Seite steht, auch in den kleinen Dingen des Alltags. Doch dieser Eindruck trügt.
Nach und nach zeigt sich: John hat einen ziemlich miesen Charakter und hält sich zudem für unwiderstehlich. Seit einiger Zeit erhält er Postkarten von einer Unbekannten, vielleicht eine seiner zahlreichen Affären, die ihn nicht vergessen kann? Die Geschichte überzeugt durch ihre subtile Zuspitzung und ein Ende genau nach meinem Geschmack.

Herzragout, ist als Horror eingeordnet und das trifft es genau. Ein Mörder treibt sein Unwesen im Paris des Jahres 1797, er tötet seine Opfer nicht nur, er weidet sie aus und nimmt ihre Organe mit. Die Ermittler, Jean-Marie Beaume, Louis Marais und der Polizeipräfekt Henri tappen im Dunkeln und sind 
mit ihrem Latein am Ende, so entschließen sie sich zu einem eher unkonventionellen Schritt und bitten den Marquis de Sade um Hilfe, bei einem gemeinsamen Abendessen besprechen sie den Fall und kommen dank de Sade auf einen vollkommen anderes Täterprofil als bisher angenommen.

Diese Story ist definitiv nichts für Menschen mit schwachem Magen.

Der Titel „Die Bleichen Blumen des Bösen“ erweckt Assoziationen an das Unheimliche, vielleicht sogar an Horror – doch die Kurzgeschichte lässt sich einem Genre namens „Giallo“ zuordnen, das mir bislang unbekannt war. Offenbar zeichnet es sich durch besondere Kameraführung und stilvolle Musik aus: Wer liest, sollte sein einstellen Kopfkino und passende Musik vorstellen

Im Mittelpunkt steht der Teniente, der einen Auftrag ausführt: Er soll eine Frau beseitigen, die einen Oberst ermordet hat – einen Mord, der auf den ersten Blick sinnlos erscheint, denn der Oberst war todkrank und hätte ohnehin nur noch kurze Zeit zu leben. Die Vorgesetzten des Teniente vermuten politische Motive hinter der Tat, doch die Wahrheit liegt ganz woanders. Der Teniente plant, seine Tat unauffällig auf einer Müllkippe zu vollziehen. Währenddessen kreisen seine Gedanken um das Verhör der Frau und die Methoden der Polizei, die ihm oft widerstreben – insbesondere Vergewaltigung als Verhörmittel ist ihm zutiefst zuwider. Ein kurzes, leises Geräusch irritiert ihn, doch niemand ist in der Nähe, als er die Frau im blauen Kleid erschießt.

Die Stärke dieser Geschichte liegt in den überraschenden Wendungen und den komplexen Motiven der Figuren. Nichts ist so, wie es zunächst scheint: Die Beweggründe der Frau bleiben lange im Dunkeln, und die Folgen ihres Todes sind für alle Beteiligten absolut unvorhersehbar.



Mit „Boot Hill“ von David Gray habe ich einen Western gelesen, der ganz anders ist als die Heftchen meiner Kindheit. Schon nach den ersten Seiten spürte ich eine Beklemmung, die mich bis zum Ende nicht mehr losließ. Die Geschichte ist sehr düster.

Caroline Ryan ist erst seit kurzem in Hope, als sie Benjamin Coleridge erschießt. Er war bereits zum zweiten Mal in ihr Haus eingedrungen, um sie zu vergewaltigen. Nach dem ersten Übergriff hatte sie dem Sheriff noch gesagt, dass sie sich zu wehren weiß und Benjamin mit einer Kugel enden würde. Doch als es dann tatsächlich passiert, wird Caroline nicht als Opfer gesehen, sondern sofort zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Galgen soll sogar am Sonntag aufgestellt werden, weil das, wie der Richter sagt, als „gottgefälliges Werk“ gilt.

Damit beginnt die eigentliche Story in meinen Augen aber erst. Die 19-jährige Tochter des Richters soll die Nacht vor Carolines Hinrichtung im Gefängnis verbringen, weil es nicht schicklich ist, eine weibliche Gefangene allein mit einem männlichen Aufseher zu lassen. Nach der Hinrichtung lässt der Richter seine Zimmertür einen Spalt offen und seine Tochter weiß genau, was nun von ihr erwartet wird. Sie zieht ihr blaues Kleid an, die Stiefel aus Frisco und legt den teuren Lippenstift aus Reno auf.

Während Caroline für ihre Notwehr sofort verurteilt wird, leben die Männer, denn der Richter ist nicht der Einzige, ihre Macht und dunklen Triebe schamlos aus – sogar gegenüber den eigenen Töchtern. Die junge Frau weiß genau, was von ihr erwartet wird, sobald die Tür des Vaters offensteht. Der Gedanke daran, was dann mit der jungen Frau geschieht, ist kaum auszuhalten. Die Bigotterie der Männer ist einfach nur widerlich.

Die Handlung ist klar und schnörkellos erzählt, ohne große Ausschmückungen. Gerade das macht die Geschichte so eindringlich. Ich liebe allerdings das Ende der Story.


"Tee für Mrs. Stapelton"
ist eine Dark Comedy, war wieder eine Story genau nach meinem Geschmack. Edward und seine Frau Cordelia, sind nur oberflächlich gesehen das, was man ein glückliches Paar nennen kann. Edward ist eigentlich nur noch genervt von seiner Frau, ihrer Stimme, ihrer Art sich zu kleiden, es gibt nichts an ihr, was ihn noch anzieht, also sucht er sich seine Vergnügungen außer Haus und in der heimischen Badewanne. Was dann geschieht, ist zwar relativ vorhersehbar, aber ich habe es mit allergrößtem Vergnügen gelesen und ich war immer ganz nah bei Cordelia und habe ihr immer still geraten, das Richtige zu tun, besonders nach dem, was ihr Bruder Tommy ihr über ihren Mann zu erzählen weiß. Zwar beschreibt David Gray die Schwarze Komödie als ein Genre, das beim Publikum Unbehagen, ernsthaftes Nachdenken und Belustigung auslösen kann, bei mir überwog allerdings die Belustigung und das tut mir auch gar nicht leid.

Jetzt komme ich auch schon zum Ende meiner Rezension, mit "Umarmung der Barbaren" der Titelgebenden Story, folgt Gray dem Prinzip eines Filmessays.

Ein Filmessay ist, einfach gesagt, ein nachdenklicher, persönlicher Film, der verschiedene Eindrücke, Gedanken und Erinnerungen miteinander verbindet, ohne einer festen Handlung zu folgen. Genau dieses Prinzip überträgt David Gray auf seine Erzählung: Der Ich-Erzähler nimmt uns mit auf eine Reise durch sein Leben von 1988 bis 2024, doch statt einer geradlinigen Lebensgeschichte erleben wir einen Streifzug durch prägende Ereignisse der letzten Jahrzehnte.

Gray schildert den Fall der Mauer, Drogenkonsum, einen Trip nach Nepal, die Übernahme Twitters durch einen bekannten Tech-Milliardär, den Ukraine-Krieg und die Corona-Pandemie. Diese Stationen werden nicht einfach chronologisch abgearbeitet, sondern wie in einem Filmessay miteinander verwoben. Der Autor springt zwischen Erinnerungen, Beobachtungen und Reflexionen hin und her, stellt Zusammenhänge her und lässt dabei immer wieder seine ganz persönliche Sichtweise einfließen.

So entsteht ein vielschichtiges Bild der letzten Jahrzehnte, das nicht nur Fakten präsentiert, sondern auch Gefühle, Zweifel und Fragen offenbart. Gray beweist dabei erneut sein erzählerisches Können: Er schafft es, große Weltgeschehnisse und private Erlebnisse zu verbinden und lädt die Lesenden ein, selbst nachzudenken und eigene Schlüsse zu ziehen.


Fazit:

„Umarmung der Barbaren“ von David Gray hat mich mit seinen abwechslungsreichen Kurzgeschichten überzeugt. Die Erzählungen sind mal nachdenklich, mal ironisch, aber immer sehr ehrlich und lebendig geschrieben. Gray verbindet persönliche Erlebnisse mit gesellschaftlichen Themen Die Geschichten zeigen, wie vielfältig Literatur sein kann. Ein Buch, das ich gerne weiterempfehle.





Herausgeber ‏ : ‎ Edition Outbird
Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. März 2025
Auflage ‏ : ‎ 1.
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 292 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3948887829
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948887827







Und folgt dir keiner, geh allein von Jürgen Todenhöfer


Biografien lese ich nicht oft – vor allem nicht von Politiker*innen. Trotzdem hat mich Jürgen Todenhöfers Buch Und folgt dir keiner, geh allein neugierig gemacht. Nicht wegen seiner Zeit als CDU Politiker, sondern weil er immer wieder mutig Orte und Themen angeht, die andere meiden. Das macht sein Leben und damit auch das Buch spannend.

Todenhöfer erzählt nicht nur von Erfolgen, sondern auch von Zweifeln und Veränderungen. Er berichtet von seiner Arbeit in der CDU, seiner Idee, mit schwierigen Regierungen zu reden, und seiner Kritik an westlichen Kriegen. Dabei wechselt sein Ton zwischen Rechtfertigung und ehrlicher Selbstkritik. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass er noch offener über seine Fehler spricht.


Besonders interessant sind die Kapitel, in denen Todenhöfer von seinen Reisen in Kriegsgebiete wie Syrien oder Afghanistan erzählt. Dort trifft er Menschen aus ganz unterschiedlichen Gruppen – Zivilisten, Soldaten, religiöse Führer. Seine Kritik an der westlichen Politik zieht sich durch diese Berichte. Oft wirkt sie überzeugend, manchmal hätte ich mir aber auch andere Sichtweisen gewünscht.

Das Buch ist sachlich geschrieben, fast wie ein Bericht. Persönliche Gefühle bleiben oft zurückhaltend. Die kurzen Kapitel machen das Lesen leicht – besonders, wenn man das Buch nur in kleinen Abschnitten liest. So wirkt das Buch wie ein Mosaik aus vielen kleinen Geschichten und Erfahrungen.

Fazit

Und folgt dir keiner, geh allein ist kein einfaches Buch, aber es regt zum Nachdenken an. Es zeigt viele Widersprüche und Spannungen – im Leben von Todenhöfer und in der Welt. Wer ihn kennt, wird ihn hier wiederfinden. Wer sich ein eigenes Bild machen will, sollte genau lesen und auch die schwierigen Fragen annehmen. Für mich war das Buch eine interessante und manchmal auch herausfordernde Lektüre, die mehr Fragen stellt als Antworten gibt. Genau das macht es lesenswert.




  • Herausgeber ‏ : ‎ C.Bertelsmann Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. Mai 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 464 Seiten