Donnerstag, 26. September 2024

THE BOOK: Der ultimative Wegweiser zum Wiederaufbau einer Zivilisation von Hungry Minds


Ich liebe schöne Bücher, und oft verführt mich das Cover dazu, einen ersten Blick in das jeweilige Buch zu werfen – so war es auch hier. Das Cover ist in dunkles Leinen gebunden, die Schrift ist silbern, ebenso wie die Zeichnung. Ich war also sehr gespannt auf „THE BOOK“. Nachdem ich das umfangreiche Werk durchgeblättert hatte, muss ich sagen, dass es meine Erwartungen bei Weitem übertroffen hat.

Was mich sofort fasziniert hat, sind die beeindruckenden Illustrationen, die das Buch durchziehen. Die Zeichnungen erinnern mich an die alten Ingenieurskizzen aus dem Mittelalter und der frühen Zeit der Industrielle Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Diese Kombination aus technischen Details und künstlerischer Finesse verleiht dem Buch einen ganz eigenen, historischen Charme. Ich habe mich stundenlang in den Abbildungen verloren und konnte die Kreativität und Detailversessenheit der Illustratoren nur bewundern. Jede Seite ist ein kleines Kunstwerk für sich und macht Lust darauf, mehr über die dargestellten Konzepte zu erfahren.

Inhaltlich deckt „THE BOOK“ wirklich eine beeindruckende Bandbreite an Themen ab – von Medizin über Mechanik bis hin zu Landwirtschaft und Unterhaltung.

Gleich zu Beginn wird erklärt, wie man grundlegende Dinge wie Feuer machen und Wasser finden bewältigen kann und wie man essbare Pflanzen von giftigen unterscheidet. Im Kapitel über Medizin werden Heilkräuter vorgestellt. Und wenn wir gelernt haben, wie man nach einer Apokalypse überlebt, in unseren einfachen Behausungen an einem wärmenden Feuer sitzen und Brot essen, das wir mit unserem selbst angebauten Getreide gebacken haben, dann können wir uns auch den schwierigeren Themen zuwenden. Im Buch wird erklärt, wie man Windräder baut und wie Kommunikation auch ohne große Technik über weite Strecken funktioniert. Und wir widmen uns den schönen Dingen des Lebens: der Kunst, sei es Musik oder Malerei, und für mich ganz wichtig, dem Buchdruck.



Nach der Lektüre des Buchs können wir uns mit selbstgebrautem Bier oder Cocktails von der Apokalypse erholen, denn sogar die werden erklärt. Das letzte Kapitel „Festivals“ erklärt, warum es auch wichtig ist, sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen und deshalb werden auch Luxusgüter wie Alkohol und Schmuck im Buch nicht vergessen.



Nun ist das Buch nicht sehr handlich – mit den Maßen 25 x 5 x 39 cm und einem Gewicht von mehr als 2,5 Kilo ist es nicht wirklich dazu geeignet, es auf einer Flucht, wovor auch immer, mitzunehmen. Aber es ist wirklich informativ und, wie ich nicht oft genug betonen kann, wunderschön.

Alles in allem ist „THE BOOK“ ein beeindruckendes und einzigartiges Werk, das jeden faszinieren wird, der sich für Selbstversorgung und Überlebenstechniken interessiert. Mit seiner Mischung aus praktischen Anleitungen und theoretischem Wissen bietet es eine spannende Perspektive auf den Wiederaufbau einer Zivilisation. 

Oder man nimmt es als das, was es in meinen Augen ist, ein wunderschönes, sehr interessantes, hoch informatives Buch über die Errungenschaften der Menschheit.


Die Autoren sagen über ihr Buch "The Book"

„Trotz der Tausenden von Stunden, die wir in dieses Buch investiert haben, halten wir es für ein wunderschönes geheimnisvolles Artefakt, das nicht geschrieben, sondern irgendwie gefunden wurde. Es könnte helfen, die Zivilisation wieder aufzubauen, wenn das der Fall ist, aber noch wichtiger ist, dass es die Neugier und das Staunen der Leser weckt. Und diese Eigenschaften der Menschheit sind es wirklich wert, bewahrt zu werden.

  • und

Wenn wir ein Buch machen, haben wir nur ein Erfolgskriterium – wenn in tausend Jahren die Archäologen einer neuen Zivilisation in unseren historischen Trümmern graben und eines unserer Bücher finden, sollen sie sagen, – „nicht schlecht, nicht schlecht, alte Menschen.“ 


  • ASIN ‏ : ‎ B0DGTG7L3H
  • Herausgeber ‏ : ‎ Hungry Minds (17. September 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 405 Seiten
  • Abmessungen ‏ : ‎ 22.86 x 5.08 x 30.48 cm



Dienstag, 24. September 2024

Die Konferenz der Vögel von von Maximilian Hauptmann (Autor), Teelke Limbeck (Illustratorin)

 

Bei der jährlichen Konferenz der Vögel beschließen zehn von ihnen, angeführt vom Wiedehopf, sich auf die Suche nach ihrem König zu machen. Er soll ihnen alle Fragen beantworten und alle Ängste nehmen. Um zu ihm zu gelangen, müssen sie Ungeheuer überwinden, Meere überqueren und Steppen durchwandern. Jede Aufgabe bringt sie näher ans Ziel und näher zu sich selbst. Inspiriert von einem alten Sufi-Märchen erzählt dieses Buch von der Spiritualität, die in uns allen wohnt. Und zeigt, wie wir zu ihr gelangen können.

Märchen: Wir kennen sie alle, die Klassiker, die von den Gebrüdern Grimm gesammelt wurden oder die des Dänen Hans Christian Andersen und meist lieben wir sie. Es gibt zahllose wunderschöne Geschichten, die den Kindern und auch den Erwachsenen eine Botschaft vermitteln sollen.
Vollkommen unbekannt waren mir die Sufi-Märchen, die komplexe und tiefgründige spirituelle Wahrheiten vermitteln sollen. Die Geschichten behandelten oft Themen wie Liebe, Hingabe, Aufopferung, Geduld und die Auflösung des Selbst im Göttlichen. Das habe ich zugegebenermaßen erst einmal googeln müssen. Die Konferenz der Vögel war also mein erstes bewusst gelesenes Märchen das von einem alten persischen  Sufi-Märchen inspiriert wurde.

Und darum geht es: Auf der jährlichen Konferenz der Vögel berichtet der Wiedehopf davon, dass er den König aller Vögel gefunden hat, Nhez, der größer, stärker, mutiger und weiser ist als alle anderen Vögel. Doch um zu ihm zu gelangen, ist ein langer und gefährlicher Weg zu bewältigen, den man nur gemeinsam meistern kann. Mit neun Gefährten macht sich der Wiedehopf auf den Weg, um zu Nhez zu gelangen. Erwachsene wissen nun schon zu Beginn, worum es sich in dem Märchen handelt. Jeder der Vögel, der Papagei, der Adler, der Kranich, der Schwan, der Kolibri, die Nachtigall,der Rabe, die Möwe und die Eule, lernen auf dieser Reise, das sie Stärke in sich selbst finden, jeder nach seinen Möglichkeiten und das sie mit gegenseitigem Vertrauen auf ihrem Weg weiterkommen und am Ende an ihr Ziel.

Maximilian Hauptmann hat eine wunderschöne Geschichte erschaffen, die zeigt, worauf es im Leben wirklich ankommt, nicht darauf, wer am schönsten ist oder am stärksten, es geht die Überwindung der eigenen Ängste und um gegenseitige Unterstützung. Ich mochte das Buch und seine Botschaft sehr, auch weil es komplett ohne Hinweise auf irgendeine Religion auskommt. Natürlich dürfen auch die wunderschönen Illustrationen von Teelke Limbeck nicht unerwähnt bleiben, sie waren mit ein Hauptgrund warum ich zu diesem Buch gegriffen hatte.




Das Buch wird für Kinder ab 6 Jahren empfohlen und eignet sich meiner Meinung nach auch gut als Vorlesebuch für dieses Alter, besonders wenn die Vorlesenden das Gelesene anschließend mit dem Kind besprechen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ edition a; 1. Edition (21. September 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 144 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3990016962
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3990016961

Montag, 23. September 2024

Donnerechsen: Die Abartigen, Band 9 von Sascha Raubal

 


Inzwischen sind wir beim neunten Band der Reihe angekommen, und die Spannungen im Waldland spitzen sich weiter zu. Die Bewohner stehen im Zwiespalt: Einerseits genießen sie die Befreiung vom Tyrannen, andererseits fühlen sie sich weiterhin dem selbsternannten Gesandten Gottes verpflichtet. Alle Bemühungen von Mikail, Loris und ihren Gefährten, den Menschen die Wahrheit näherzubringen, schlagen fehl. Währenddessen setzt Tiru seine grausamen Streifzüge fort und bereitet sich offenbar auf die Rückeroberung der Hauptstadt vor. Mikail schmiedet einen riskanten Plan um Tiru aufzuhalten und trifft dabei auf die Namensgeber dieses Bandes "Donnerechsen" dieses Zusammentreffen bringt ihm neue und spannende Erkenntnisse.

Zeitgleich bereiten sich die Menschen in Tasik-Hutan auf einen möglichen Angriff vor, doch ihre Verteidigungsmaßnahmen werden immer wieder durch Sabotageakte gestört, die nicht nur Zerstörung, sondern auch Todesopfer fordern. Loris und die in der Stadt verbliebenen Gefährten stehen vor einer schweren Entscheidung, die all ihre Prinzipien infrage stellt.

Auch im neuesten Band seiner Reihe um die „Abartigen“ greift Sascha Raubal gekonnt aktuelle Themen auf und verwebt sie geschickt in eine durchgehend fesselnde Handlung. Besonders beeindruckend ist, wie subtil und doch eindringlich er aufzeigt, wie gefährlich ein Glaube werden kann, wenn er nicht hinterfragt wird – vor allem dann, wenn er dazu genutzt wird, Teile der Bevölkerung von grundlegender Bildung auszuschließen. Dabei verzichtet Raubal auf eine platte Moralkeule oder den erhobenen Zeigefinger. Stattdessen lässt er seine Leserinnen und Leser durch die Ereignisse und Entwicklungen der Geschichte selbst erkennen, welche verheerenden Auswirkungen blinder Glaube haben kann.

Ein zentrales Thema, das sich immer mehr durch die Handlung zieht, ist die Gleichstellung der Geschlechter. Die Männer im Waldland, die lange an traditionellen Rollenbildern festhielten, lernen durch die Entwicklungen im Verlauf der Geschichte, dass die Frauen genauso viel Mut, Stärke und Intelligenz besitzen wie sie selbst. Sascha Raubal führt dies auf natürliche Weise in die Handlung ein, sodass es weder belehrend noch aufgesetzt wirkt, sondern sich harmonisch in die Geschichte fügt. Auf diese Weise gelingt es ihm, zeitlose Themen in ein packendes Abenteuer zu verpacken und zum Nachdenken anzuregen, ohne die Spannung zu mindern.

Ich freue mich schon auf den 10. Band der für Dezember 2024 angekündigt ist und sicherlich wieder für interessante und spannende Lesestunden sorgen wird.

Ich vergebe eine absolute Leseempfehlung für die gesamte Reihe.


  • Herausgeber ‏ : ‎ tredition (1. September 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 274 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3384325605
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3384325600


Dienstag, 17. September 2024

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland von Sarah Brooks (Übersetzt von Claudia Feldmann)


Sarah Brooks' Roman Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland entführt den Leser auf eine abenteuerliche Reise durch eine mysteriöse und gefährliche Landschaft zwischen China und Russland. Beide Länder sind durch eine Mauer vom Ödland getrennt, deren Zweck sich mir erst später im Buch erschloss. Im Zentrum der Geschichte steht Weiwei Zhang, ein Mädchen, das während einer Durchquerung des Ödlands im Zug geboren wurde. Da ihre Mutter während der Reise starb, wurde Weiwei vom Zugpersonal aufgezogen; sie ist das Zugkind – und niemand kennt den Zug so gut wie sie. Nachdem sie eine blinde Passagierin entdeckt und diese vor der strengen „Zugjustiz“ schützt, begreift sie, dass das Ödland längst seinen Weg in den Zug gefunden hat.
Brooks gelingt es, ihre Charaktere mit großer Tiefe und Komplexität zu zeichnen. Jeder Passagier des Transsibirien-Express hütet eigene Geheimnisse und verfolgt persönliche Ziele, die nach und nach ans Licht kommen. Besonders interessant ist die junge Russin Maria Petrowna, die unter falschem Namen als Witwe verkleidet von Peking nach Moskau reist, um den Ruf ihres Vaters wieder herzustellen, der für zunächst nicht näher benannte Vorkommnisse auf der letzten Fahrt des Zuges verantwortlich gemacht wurde. Ebenso faszinierend ist der in Ungnade gefallene Naturforscher Grey, der von der wilden Schönheit und den tödlichen Gefahren des Ödlands magisch angezogen wird.Die Autorin verwebt geschickt die Genres Abenteuer und Fantasy, wobei sie eine stimmige Balance findet, die beide Elemente gleichberechtigt zur Geltung bringt. Ihr lebendiger und fesselnder Schreibstil sorgt dafür, dass die oft gemächlich voranschreitende Enthüllung der Geheimnisse des Ödlands die Spannung trotzdem aufrechterhält. Ich mochte den Schreibstil der Autorin und das etwas langsamere Tempo, mit dem sie die Geschichte erzählt; sie hat mich damit von der ersten Seite an in ihren Bann gezogen.Insgesamt bietet Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland ein besonderes Leseerlebnis mit vielschichtigen Charakteren und einer faszinierenden, dichten Handlung. Der Roman regt zum Nachdenken über Themen wie Unschuld, Entdeckung und die Konfrontation mit dem Unbekannten an. Eine klare Empfehlung für Liebhaber von Abenteuergeschichten und fantastischen Welten.

Besonders gefallen haben mir auch die Zeichnungen vom Inneren des Zuges, so konnte ich mir gut vorstellen, wo sich die Protagonisten gerade aufhielten.


  • Herausgeber ‏ : ‎ C.Bertelsmann Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (24. Juli 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 416 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3570105008
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3570105009
  • Originaltitel ‏ : ‎ The cautious traveller's guide to the wastelands

Natural Red 4: Ich vergesse nie (Natural Red 4 - Masterpiece) von Valeska Réon und Nicolai Tegeler


Die Geschichte beginnt mit einem Rückblick ins Jahr 1942. In den von den Nazis besetzten Niederlanden werden der jüdische Juwelier Aaron und seine Frau Rebecca in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt und dort getötet. Ihre kleine Tochter hatten sie kurz zuvor zu Rebeccas Schwester nach Schweden gebracht. Gleich nach dem Verkauf ihres Geschäfts wollten sie ihr folgen.1978
Vor der Servatiusbasilika in Maastricht wird ein Mann gekreuzigt und mit Messerstichen übersät aufgefunden. Gemeinsam mit seinem Kollegen Henk Peeters und der Kunsthistorikerin Tessa van Eertvelt ermittelt Kommissar Stijn van der Rijn in diesem mehr als verzwickten Fall, dessen Auflösung eng mit den Gemälden des verschwundenen Malers Rui de Lombarde zusammenzuhängen scheint.

Stijn van der Rijn, der immer noch seine gescheiterte Ehe aufarbeiten muss, und Henk Peeters, dessen psychische Besonderheiten oft ein klareres Bild auf die Geschehnisse erlauben als das Offensichtliche, sind erfahrene Ermittler. Ihre Dynamik und Zusammenarbeit bereichern das Geschehen. Tessa van Eertvelt bringt eine interessante Perspektive aus der Kunstwelt ein, was der Handlung zusätzliche Dimensionen verleiht. Auch sie musste schon früh großes Leid erfahren.

Die Entwicklung der Charaktere und ihre persönlichen Kämpfe sind ebenso spannend wie der Kriminalfall selbst. Einzig die Liebesbeziehung zwischen Stijn und Tessa, nahm für meinen persönlichen Geschmack etwas zu viel Raum ein, aber das ist natürlich nur meine Meinung.

Die Ermittlungen bringen viele Grausamkeiten aus der Vergangenheit ans Licht, die, so empfinde ich, die Inszenierungen der Morde noch übertreffen. Die Kombination aus Kriminalfall und psychologischen Elementen schafft einen Spannungsbogen, der den Leser bis zur letzten Seite in Atem hält.
Das Autorenduo Valeska Réon und Nicolai Tegeler hat mit »Natural Red 4« einen historischen Krimi geschaffen, der durch seine gut ausgearbeiteten Charaktere und eine spannende Handlung überzeugt. Besonders die Rückblicke in die Vergangenheit haben mir sehr gefallen.
Insgesamt ist »Natural Red 4« ein gelungener historischer Kriminalroman, der durch seine gut durchdachte Handlung und die glaubwürdigen Charaktere überzeugt. Besonders Henk mochte ich sehr, seine analytische Art zu denken hat mir ausgesprochen gut, gefallen, er ist viel weniger emotional als Stijn. 

Besonders gut gefallen hat mir auch die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit sowie die Einbeziehung der Kunstwelt dies macht die Geschichte zu einem besonderen Leseerlebnis.




Herausgeber ‏ : ‎ Pinguletta Verlag; 1. Edition (9. September 2024)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Broschiert ‏ : ‎ 270 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3948063516
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948063511

Bei dem Buch handelt es sich um eine überarbeitete Neuauflage des im Dezember 2020 erschienenen Thrillers "Der Bibelkiller".

Freitag, 13. September 2024

Kalter Sturm: Tom Skagens vierter Fall von Anne Nórdby (Autor)

Nach dem vermeintlichen Selbstmord eines Häftlings, der Verbindungen zur rechtsradikalen Bewegung "Åsgards Søner" hatte, sowie dem Mord an einer Kollegin und deren Mann, sieht sich Tom Skagen gezwungen, unterzutauchen. Auch er muss die Rache der "Åsgards Søner" fürchten, die den ermittelnden Behörden immer einen Schritt voraus zu sein scheinen. Gibt es einen Maulwurf in den eigenen Reihen?

Bevor Tom untertauchen kann, wird er von einem Kollegen aus Reykjavík zu einem neuen Fall hinzugezogen, der ihn in eine der abgelegensten und unwirtlichsten Gegenden Islands führt. Die Deutsche Wiebke Brandt wurde tot in einem natürlichen Lava-Pool aufgefunden, nachdem kurz zuvor ihr kleiner Sohn Jonas verschwunden war und im angrenzenden Lavafeld wieder aufgetaucht ist. Die Einheimischen sind überzeugt, dass das Huldufólk, das verborgene Volk, in diesem Lavafeld lebt und es nicht duldet, wenn Menschen ungefragt ihr Gebiet betreten.

Wiebke verbrachte mit ihrem Mann und ihren vier Kindern, ebenso wie ihre Freundin Jule und deren Familie, Urlaub in Island. Ihre Unterkunft und Verpflegung erhielten sie im Austausch für Hilfsarbeiten auf den beiden Höfen, auf denen sie lebten. Bisher gab es bei diesem Modell nie Schwierigkeiten, doch ausgerechnet bei den streng christlichen Familien von Wiebke und Jule ist die Stimmung äußerst angespannt.

Nach und nach offenbart sich den Leserinnen und Lesern ein klares Bild der beiden Familien, die auf den Höfen Urlaub machen. Sie gehören einer Religionsgemeinschaft an, die nach strengen Regeln lebt. Um sicherzustellen, dass sich jeder an diese Regeln hält, bespitzelte Wiebke alle anderen in ihrer Umgebung. Nicht einmal ihre eigenen Kinder dürfen freie Entscheidungen treffen. Bald stellt sich heraus, dass fast jeder ein Motiv gehabt hätte, Wiebke zu töten – sogar ihre 14-jährige Tochter Abigail, die sich in den Sohn des Nachbarn verliebt hat und unter dem religiösen Wahn ihrer Mutter leidet.

Gemeinsam mit seinen isländischen Kollegen Halla, Bjarni und Nils steht Tom vor der schwierigen Aufgabe, Wiebkes Mörder zu finden.

Die Autorin Anne Nórdby hat mit "Kalter Sturm" meiner Meinung nach den bisher besten Teil der Reihe geschaffen. Sie lässt ihre Leserinnen und Leser tief in die Mythologie Islands eintauchen und gewährt uns einen Blick auf die Schönheit des Landes, die jedoch auch tödlich sein kann. Der Krimi spielt in der abgelegenen Landschaft Islands, die zur düsteren Atmosphäre beiträgt, wie es oft in skandinavischen Thrillern der Fall ist. Die Charaktere sind komplex, und die Autorin beleuchtet menschliche Abgründe sowie den Einfluss von Aberglauben und persönlichen Konflikten auf das Verhalten der Figuren. Die Spannung entwickelt sich langsam, was Raum für tiefere Charakterentwicklung und thematische Erkundungen schafft. Überraschende Wendungen und ein geschickt verwobenes Finale sind typische Merkmale des Genres. Zudem werden gesellschaftliche Themen wie Isolation und Aberglaube thematisiert.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Gmeiner-Verlag; 2024. Edition (11. September 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 448 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3839207045
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3839207048

Tränengrab von Roman Klementovic


Nach einer langen und glücklichen Ehe, an deren Ende sie ihren krebskranken Mann aufopfernd pflegte, besucht Evelyn ihre Tochter Manuela, die, mit ihrem Mann Hendrik und der pubertierenden Anja, in einer kleinen verschlafenen Stadt lebt. Doch die Ruhe täuscht, ein 16-jähriges Mädchen ist verschwunden und eine grausam zugerichtete Leiche wird gefunden.

Bei ihrer Ankunft am Bahnhof beobachtet Evelyn einen Streit, zwischen ihrem Schwiegersohn und einer unbekannten Frau, die sein Auto zerkratzt. Hendrik behauptet die Frau nicht zu kennen und der Kratzer sei nicht so schlimm, überhaupt benimmt er sich seltsam und die Stimmung im Haus ihrer Tochter ist angespannt. Bald schon wächst in Evelyn ein furchtbarer Verdacht.

"Tränengrab“ von Roman Klementovic ist, wie von ihm gewohnt, sehr spannend. Der Autor ist ein Meister darin, seine Leserinnen und Leser auf falsche Fährten zu führen, und dieses Mal war es für mich besonders spannend, denn mir war keiner seiner Protagonisten wirklich sympathisch. Das mag wie ein Widerspruch klingen, aber ich brauche nicht unbedingt einen Sympathieträger, um eine Story zu mögen.  Evelyn ist eine sehr neugierige und in meinen Augen etwas übergriffige ältere Dame, die allerdings für ihre Familie und besonders für ihre Tochter und Enkelin nur das Beste will. Manuela ist vollkommen überfordert mit ihrem Job und ihrer Tochter ich hatte auch immer das Gefühl, sie hätte sich aufgegeben und steht allem was geschieht hilflos gegenüber. Anja verhält sich wie viele Teenager: abweisend, unnahbar, aufsässig und manchmal sehr unverschämt. Hendrik hat seine Midlife-Crisis mit Tattoos und einer Haartransplantation zu bewältigen versucht, und er hat Geheimnisse.

Evelyns Hartnäckigkeit bringt sie zwar in Gefahr, führt aber gleichzeitig zur Aufklärung der grausamen Morde oder ist auch sie auf einer falschen Spur?

Roman Klementovic gelingt es, die Leser in ein düsteres Szenario zu ziehen, das sowohl psychologisch als auch atmosphärisch überzeugt. Die Auflösung war wirklich überraschend, damit hätte ich niemals gerechnet.



Samstag, 7. September 2024

Abgrundtiefer Hass (Ein Mik-Kohonen-Thriller) von Helene Falk


 In "Abgrundtiefer Hass" von Helene Falk steht der Alptraum jeder Mutter im Mittelpunkt: Die fünfjährige Yanis verschwindet während eines Einkaufs in Helsinki spurlos. Glücklicherweise kann Hauptkommissar Mik Kohonen, der zufällig in der Nähe ist, den Jungen dank seiner GPS-Uhr orten. Gemeinsam mit Yanis' Mutter Annika findet er den Jungen lebend in einem abgelegenen Brunnen. Doch die anfängliche Erleichterung weicht bald Entsetzen, als neben Yanis ein jahrzehntealtes Kinderskelett entdeckt wird.

Seit dem Vorfall spricht Yanis nicht mehr und zeichnet stattdessen immer wieder Bilder eines schwarzen Vogels. Die hinzugezogene Psychologin Sofia Eriksson versucht behutsam, den verstörten Jungen zum Sprechen zu bringen. Doch die Ermittlungen geraten ins Stocken, nicht zuletzt, weil sich Yanis' Eltern gegen die Befragungen sperren. Während die Spannung zunimmt, verschwindet ein weiteres Kind auf dem Schulweg, was den Druck auf Hauptkommissar Kohonen erheblich verstärkt. Vor allem beschäftigt ihn eine Frage: Wer oder was ist „der Vogel“?

Parallel dazu wird die Geschichte von Keke erzählt, einem Mann, der in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen lebt. Eigentlich freundlich und zurückhaltend, bereitet er seiner Betreuerin Elvi zunehmend Sorgen. Keke beobachtete Kinder auf einem Spielplatz, woraufhin besorgte Eltern die Polizei alarmierten. In seiner Freizeit zeichnet Keke ebenfalls schwarze Vögel, und etwas scheint ihm panische Angst zu machen. Doch was verbindet ihn mit Yanis und den mysteriösen Ereignissen?

In Rückblenden erfahren die Leserinnen und Leser zudem die tragische Geschichte von Simo, dem toten Kind im Brunnen. Seine Erzählungen schildern die schrecklichen Qualen, die er  schon lange vor seinem Tod erleiden musste. Hier ist jedoch ein kleiner Kritikpunkt angebracht: Die Sprache, in der das Kind spricht, wirkt zu reif und reflektiert für sein junges Alter. Diese Unstimmigkeit stört etwas die Authentizität des Charakters.

Helene Falk hat mit "Abgrundtiefer Hass" einen sehr spannenden Thriller geschaffen, der dadurch, dass Kinder betroffen sind, emotional noch tiefer geht. Jeder, der schon mal – und sei es auch nur für einen Augenblick – sein Kind aus den Augen verloren hat, kennt diese panische Angst, die sich im Bruchteil einer Sekunde einstellt. Dieses beklemmende Gefühl hat die Autorin eindrucksvoll eingefangen.

Ich hatte lange keine Idee, wer die Kinder entführt und in den Brunnen gesperrt hat, und vor allem nicht warum. Die Autorin lässt ihre Leser*innen lange im Dunkeln, ohne dass der Spannungsbogen über längere Zeit abflacht. Bis zum Schluss bleiben die Motive des Täters und seine Verbindung zu den Kindern unklar, was den Thriller umso packender macht.

Auch wenn dies mein erster Fall mit Hauptkommissar Mik Kohonen war, hatte ich nie das Gefühl, etwas aus dem Vorgängerband zu vermissen. Die Autorin bietet genug Informationen, um die wichtigsten Figuren und ihre Beziehungen nachzuvollziehen, sodass auch neue Leserinnen und Leser problemlos einsteigen können.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Edition M (13. August 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 2496715706
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-2496715705

Mittwoch, 4. September 2024

Und morgen wieder schön von Marie Sand

 

Klappentext: Die Geschichte einer Friseurin, die die Modewelt in Paris aufmischen will – und am Ende in ihrem kleinen Laden in Berlin die Formel für Schönheit neu erfindet.

Als Amanda mit ihrem Skizzenbuch im Rockbund in Paris ankommt, will sie nur eins: Karl Lagerfeld treffen und für ihn die Frisuren zeichnen. Aber so einfach wie Amanda, die aus dem kleinen Eifeler Friseurladen ihrer Mutter geflüchtet ist, sich das vorstellt, scheint es nicht zu werden. Der Weg ist steinig und lang – und doch avanciert sie als talentierte Friseurin zum Liebling der High Society der
1970er-Jahre, als sie Françoise Hardy den schrägen Pony verpasst und damit den Look einer ganzen Generation prägt. Auf der Höhe des Erfolgs aber erkrankt ihre Freundin an Brustkrebs.
Amanda begreift, was der Verlust der Haare unter der Chemotherapie mit Frauen macht. Damit trifft sie eine Entscheidung, von der sie später sagen wird: "Ich hätte etwas in meinem Leben versäumt, hätte ich diese Arbeit nicht getan."

Gegen den Willen ihrer Mutter bricht die minderjährige Amanda nach Paris auf, um ihren Traum zu verwirklichen: Sie möchte mit dem berühmten Modedesigner Karl Lagerfeld arbeiten. Doch der Weg dorthin ist lang. Als sie ihre Wohnung verliert, trifft Amanda am Seine-Ufer auf die Tangotänzerin Catherine, die ihr einen Schlafplatz in der Pariser Kanalisation zeigt. Später nimmt Catherine sie in ihre kleine Wohnung über einem marokkanischen Restaurant auf, das  Abdel gehört, der Catherine dort wohnen lässt, wenn sie vor seinen Gästen tanzt. Amanda freundet sich mit Ben an, dem Sohn eines Arztes, der sein Medizinstudium vertrödelt und sich in Catherine verliebt. Als Amanda endlich Lagerfeld trifft, erkennt dieser zwar ihr Potenzial, schickt sie aber zunächst in die Lehre bei Star-Friseur René. Dort darf Amanda lange Zeit nur zusehen, bis sie bei einer Gelegenheit ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Währenddessen wird Catherine zufällig von Lagerfeld entdeckt und vom Fleck weg als Model engagiert, und der Kontakt zwischen den Freunden bricht nach und nach ab. Jahre später, als Catherine wieder auftaucht, ist das Wiedersehen enttäuschend, und Amanda beschließt, mit Ben nach Berlin zu gehen, um dort einen eigenen Salon zu eröffnen. 

Hier beginnt die eigentliche Geschichte: Amanda widmet sich der Aufgabe, Frauen ihre eigene Schönheit zu zeigen. Dann taucht Catherine erneut auf – mit der Diagnose Brustkrebs, und sie will für einen letzten Modeljob noch einmal schön sein.

Marie Sand hat mit „Und morgen wieder schön“ einen berührenden Roman geschrieben, der ein wichtiges Thema aufgreift: Es geht nicht nur um äußere Schönheit, sondern um das Selbstwertgefühl von Frauen, das damit eng verbunden ist. Mädchen und Frauen werden oft nach ihrem Äußeren beurteilt und streben danach, dem jeweiligen Schönheitsideal zu entsprechen. Amanda erkennt, dass eine passende Frisur viel dazu beiträgt, dass Frauen sich schön fühlen, unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status oder ihrem Geldbeutel. Besonders Frauen, die durch Krankheit ihre Haare verlieren, brauchen dieses Gefühl der äußeren Schönheit, um gegen die Krankheit zu kämpfen.

Der Grundgedanke des Romans hat mich wirklich berührt. Schwierigkeiten hatte ich allerdings mit der Art, wie die Autorin die Geschichte erzählt. Manche Episoden, wie Catherines plötzliche Karriere bei Lagerfeld und ihr darauffolgendes langes Schweigen, wurden zu knapp abgehandelt. Andere Passagen, insbesondere Amandas Zeit in Paris, waren mir dagegen zu langgezogen. Amandas Talent wurde mehrfach wiederholt ignoriert, was unnötig betont wurde. Hingegen beeindruckte mich ihre Zeit in Berlin, ihr Kampf um das Leben ihrer Freundin und ihr daraus entstehender Wunsch, Frauen zu helfen, wo Ärzte und Psychologen an ihre Grenzen stoßen. Besonders gut gefallen hat mir auch die Nebenhandlung um Ben und seine Familie, die die Hilflosigkeit der Männer und die Scham der Frauen im Umgang mit Krankheit thematisiert. 

Trotz meiner Kritikpunkte, die ja auch absolute Geschmacksache sind, halte ich das Buch für wichtig und lesenswert.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Droemer TB; 1. Edition (2. September 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 288 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3426447789
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3426447789


Hof: Band 1 der Tue-Trilogie (Die Tue-Trilogie) von Thomas Korsgaard (Autor), Justus Carl (Übersetzer), Kerstin Schöps (Übersetzerin) Buch 1 von 3: Die Tue-Trilogie


Tue erzählt seine Geschichte mit einer Direktheit, die die Leserinnen und Leser unmittelbar in seine Welt hineinzieht. Es ist die Geschichte eines Jungen, der in einer heruntergekommenen, ländlichen Umgebung in Mitteljütland aufwächst – auf einem Hof, der kurz vor dem Bankrott steht. Doch es fehlt nicht nur an Geld; auch emotional werden Tue und seine beiden Geschwister vernachlässigt.

Tue berichtet ungeschönt vom harten Alltag: von seinem Vater, der manchmal gewalttätig ist und dann wieder nachgibieg versucht seinen Kindern Wünsche zu erfüllen, mir kam er hilflos und überfordert von der Situation vor. Tue erzählt von seiner Mutter, die nach dem Tod eines  Kindes in eine tiefe Depression verfällt und online spielsüchtig wird. Ebenso beschreibt er den herrischen Onkel, von dem sich sein Vater Geld leihen muss, um über die Runden zu kommen, was jedoch zur Folge hat, dass er die Kontrolle über den Hof verliert.

Tue schildert aber auch seine eigenen Schwierigkeiten: die Probleme in der Schule, das Scheitern beim Knüpfen von Freundschaften und die Tatsache, dass er sich oft selbst in brenzlige Situationen bringt. So begeht er Ladendiebstahl und stiehlt einen Scheck, den seine Familie dringend benötigt – die schwerwiegendsten seiner Verfehlungen.

Besonders eindringlich fängt Korsgaard das Leben am Rande der Gesellschaft ein, in dem jede Person vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Tue steht oft allein da, seine Bedürfnisse und Wünsche bleiben ungehört, seine Persönlichkeit unerkannt und unbeachtet.

Der Roman besticht durch seine schlichte, aber kraftvolle Sprache, die die karge Realität des Lebens auf dem Hof einfängt. Korsgaard verzichtet bewusst auf dramatische Wendungen oder außergewöhnliche Ereignisse. Die Dramatik entsteht vielmehr durch die alltäglichen Entbehrungen und die Stille, die das Leben von Tue umgibt. Das Leben auf dem Hof wird zur Metapher für das Aufwachsen in einer Welt, in der Zuneigung und Fürsorge Mangelware sind.

Zunächst mag man meinen, die Erzählung biete wenig Spektakuläres, doch genau darin liegt ihre Stärke. Die Einfachheit der Darstellung lässt das Ausmaß der Vernachlässigung und Isolation allmählich spürbar werden. Mit etwas Abstand wird die Tiefe und Tragik dieser Geschichte umso deutlicher. Thomas Korsgaard gelingt es, mit „Hof“ einen intensiven Einblick in das Leben eines Jungen zu geben, der trotz allem nicht aufhört, nach einem besseren Leben zu streben.

Nach dieser intensiven Lektüre freue ich mich schon sehr auf die Fortsetzung mit den Folgebänden „Stadt“ und „Paradies“, die hoffentlich ebenso kraftvoll und berührend sind.



  • Herausgeber ‏ : ‎ Kanon Verlag Berlin; 1. Edition (4. September 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 288 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3985681287
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3985681280
  • Originaltitel ‏ : ‎ Hvis der skulle komme et menneske forbi


Sonntag, 1. September 2024

Transmission von Pia Lüddecke

 


Sommer 2010. Roman Engel schlägt die Zeit mit knüppelharter Musik und Killerspielen tot. Beim Hochschulsport begegnet ihm Julia. Sie ist aufregend anders und begeistert sich sogar für schwedischen Prog Metal! Roman schwebt auf rosa Wolken – bis er ihr Geheimnis erfährt: Julia hieß ursprünglich Julian, sie wurde als biologischer Junge geboren und wünscht sich eine geschlechtsangleichende Behandlung. Ein rätselhafter therapeutischer Rat schickt das ungleiche Paar auf eine Odyssee durch das nächtliche Ruhrgebiet. TRANSMISSION ist eine tragikomische Lovestory und ein rasanter Roadtrip, der in einem Fechtturnier auf der Autobahn gipfelt.

In Pia Lüddeckes neuestem Roman "Transmission" entfaltet sich eine fesselnde Geschichte, die die Grenzen von Identität, Liebe und Selbstakzeptanz auf eindringliche Weise erkundet.

Roman Engel verbringt sein Leben am liebsten in seinem Zimmer in der elterlichen Villa, seine Zeit verbringt er mit Musik hören und Videospielen. Seinem Vater und dessen Lebensgefährtin gegenüber ist er außerordentlich respektlos und doch versucht dieser ihn aus seiner Lethargie zu reißen und meldet ihn beim Hochschulsport an, Fechten soll ihm wieder Spaß am richtigen Leben bringen.

Roman geht nur widerwillig zum 1. Training und begegnet dort Julia, von der er sofort fasziniert ist. Julia ist selbstbewusst und auch ein bisschen frech, sie ist aufregend anders, findet Roman und dass sie so wie er auf schwedischen Prog Metal, macht sie nur noch interessanter und auch Julia scheint nicht abgeneigt.

Dann aber erfährt Roman von Julias Geheimnis und reagiert zunächst vollkommen kopflos. Erst als er Zeit hatte sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Julia ein biologischer Mann ist und er eine Beziehung zu ihr ausschließt, sich eine Freundschaft aber vorstellen kann, nähern sich die beiden wieder an und begeben sich in einem geklauten Sportwagen auf eine Reise durch die Nacht.

Mehr erzähle ich euch nicht.

Ich mochte Roman nicht, ein verwöhntes, unverschämtes Kind, das sein Leben wegwirft ist nicht gerade ein Sympathieträger. Zu seiner Entschuldigung sei aber gesagt, dass sein Verhalten einen Grund hatte, den ich absolut nachvollziehen konnte und je mehr ich über ihn erfuhr, desto mehr wollte ich ihn in den Arm nehmen. 

Im Gegensatz zu ihm war mir Julia von Anfang sympathisch, sie verfolgt ihre Ziele, wenn auch manchmal auf ungewöhnlichen Wegen, aber was hat sie schon zu verlieren, wenn sie dem Rat ihres Therapeuten folgt, der ihr verspricht, dass sie die Antworten, die sie sucht, bei Edward findet.  

Pia Lüddecke hat mich mit ihrer neusten Geschichte absolut überzeugt, sie thematisiert Isolation, Andersartigkeit und die Kritik an gesellschaftlichen Normen, mit einer Leichtigkeit, die in unserer Zeit nötiger ist als je zuvor. 

Fazit: Von der ersten Seite an zieht die Autorin das Publikum in ihren Bann und präsentiert glaubwürdige, vielschichtige Charaktere, allen voran Roman und Julia, deren persönliche Entwicklung im Fokus steht Mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und Feinfühligkeit thematisiert die Autorin gesellschaftliche Normen und die Herausforderungen, anders zu sein, was den Roman gerade in der heutigen Zeit so relevant macht. Insgesamt überzeugt "Transmission" als packende Erzählung, die zum Nachdenken anregt und tief berührt.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Edition Outbird; 1. Edition (1. September 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 304 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 394888773X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948887735
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 14 Jahren

Winterwölfe: von Dan Jones (Autor), Heike Schlatterer (Übersetzerin), Wolfram Ströle (Übersetzer)

 

"Winterwölfe" knüpft nahtlos an den ersten Teil "Essex Dogs" an, den man unbedingt gelesen haben sollte.

Die englischen Truppen unter Edward III. haben die Schlacht bei Crécy gewonnen und die Franzosen vernichtend geschlagen. Eigentlich wollten die Essex Dogs nun in ihre Heimat zurückkehren. Allerdings haben sie den ihnen zustehenden Sold noch nicht erhalten, und um nicht mit leeren Händen nach England zurückkehren zu müssen, marschieren sie mit den Truppen nach Calais. Edward III. will die wichtige Hafenstadt erobern. Doch Calais gehört zu den am besten gesicherten Städten ihrer Zeit, und es beginnt eine monatelange Belagerung.


In "Winterwölfe" erzählt Dan Jones die Geschichten der Essex Dogs weiter. Fitz Talbot "Loveday" zweifelt an seinen Fähigkeiten, die Essex Dogs zu führen, und ist fest davon überzeugt, dass der "Captain", der frühere Anführer der Dogs, noch lebt.
Scotsman trifft auf die Flämin Hircent, die im Kampf den Männern in nichts nachsteht. In der auf Geheiß des Königs vor den Toren Calais errichteten Stadt Villeneuve-la-Hardie leitet sie mit brutaler Hand ein Bordell. 
 Der junge Romford ist mittlerweile ein begnadeter Bogenschütze, doch seine Erlebnisse im Gefolge des Prinzen setzen ihm immer noch zu, und er hat ein neues Rauschmittel gefunden: Pilze. Der junge Bogenschütze wird nach Calais verschleppt und trifft dort auf den Captain, für den der Krieg zu einem Geschäft geworden ist. 


Durch die Errichtung von Villeneuve-la-Hardie war es den Engländern möglich, die Stadt Calais über einen langen Zeitraum auszuhungern. Der Kommandant von Calais, Jean de Vienne, sah sich gezwungen, die Bevölkerung zu evakuieren, um die Überlebenschancen der verbleibenden Bürger zu erhöhen, wer nicht kämpfen konnte, wurde weggeschickt und der Gnade der Engländer ausgeliefert.

Dan Jones verzichtet darauf, die Umstände, unter denen die Menschen leben und kämpfen, in irgendeiner Weise zu romantisieren. Wie schon im ersten Band spürt man die Langeweile während der monatelangen Belagerung und riecht den Schweiß und Dreck der Männer. 

Der Autor versteht es hervorragend, historische Fakten und Fiktion unterhaltsam zu verknüpfen. 
Immer wieder fand ich mich dabei, bestimmte Details nachzuschlagen – etwa die beeindruckende Anzahl von 20.000 bis 60.000 Pfeilgeschossen, die bei einer Schätzung von 2.000 bis 4.000 englischen Langbogenschützen pro Minute auf die französischen Truppen niedergegangen sein sollen. 

Das wäre jedoch kaum nötig gewesen, da Dan Jones am Ende des Buches eine prägnante Zusammenfassung der wichtigsten historischen Fakten liefert. 

Fazit: Dan Jones gelingt es mit "Winterwölfe", dem zweiten Teil seiner Essex-Dogs-Trilogie, das düstere und brutale Mittelalter authentisch darzustellen, ohne die Härte des Lebens und Kampfes zu beschönigen. Die nahtlose Fortsetzung der Geschichte nach der Schlacht bei Crécy führt die Leser in die monatelange Belagerung von Calais, bei der historische Fakten und Fiktion meisterhaft verwoben werden. Die Charaktere, allen voran Fitz Talbot, Romford und Scotsman, entwickeln sich inmitten des kriegerischen Chaos weiter und geben Einblicke in die komplexen emotionalen und moralischen Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen. Jones' Fähigkeit, historische Details lebendig werden zu lassen, macht die Lektüre sowohl lehrreich als auch unterhaltsam. Insgesamt ist "Winterwölfe" eine fesselnde Fortsetzung, die Lust auf den abschließenden Teil der Trilogie macht.

Absolut Lesenswert.

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (21. August 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 428 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406822053
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406822056
  • Originaltitel ‏ : ‎ Wolves of Winter