Freitag, 30. August 2024

Design Ikone: Die Geschichte der Gunhild Liljequist: Das Leben der Gunhild Liljequist von

 

Gunhild Liljequist hat mit ihrer Leidenschaft für Farben Design-Geschichte geschrieben. Als erste Frau in einer herausgehobenen Position hat sie beim Autobauer VW in Wolfsburg zwischen 1964 und 1991 zahlreiche Ikonen der Automobil-Welt erschaffen. Auf ihr Konto gehen Sondermodelle wie der „Samtrote Sonderkäfer“, der „Aubergine-Käfer“ und der „Weltmeister- Käfer“, die bei Oldtimer-Liebhaber:innen hoch im Kurs stehen. In der Produktreihe Golf ist sie unter anderem berühmt für ihr Design der Golf-Cabrios „Etienne Aigner“, den legendären Schaltknauf in Golfball-Optik sowie das Karo-Muster der Sitze für den Golf GTI.

Als ich von Gunhild Liljequist erfuhr, wollte ich unbedingt mehr über ihr Wirken und ihr Leben erfahren. Ihre Lebensgeschichte klingt äußerst interessant: Aufgewachsen während des Zweiten Weltkriegs, Studium in der Wirtschaftswunderzeit und schließlich der Traumjob ab 1964 bei VW in Wolfsburg. Das Buch beginnt vielversprechend mit dem »Eierkuchen-Drama«, das die kleine Gunhild während der Kinderlandverschickung erlebt. Diese ersten Seiten sind bildhaft und ausgesprochen lebendig geschrieben.
Allerdings ändert sich der Erzählstil mit dem eigentlichen Beginn des Buches. Die einzelnen Episoden ihres Lebens werden zwar erzählt, doch gelingt es der Autorin nicht immer, mir ihr Wesen, das, was gerade eine Künstlerin ausmacht, zu vermitteln. 

Jeanette Nentwig erzählt, dass Gunhild Liljequist schon als Kind leidenschaftlich malte – so leidenschaftlich, dass ihr das auch schon mal Ärger in der Schule einbrachte, weil sie auf ihr Pult malte. Oder dass sie während des Studiums zwar herausragende Leistungen zeigte, aber zu faul war, ihre Farben selbst zu mischen und sich bei ihren Kommilitonen durchschnorrte. Auch die Beziehung zu ihren Eltern blieb für mich weitestgehend im Dunkeln. Es war wohl ihr Vater, der sie zur Aufnahmeprüfung an der Kunstschule anmeldete und er war es auch, der die Bewerbung an VW für sie schrieb. 

Diese Anekdoten, so wie die meisten anderen hätten amüsant oder auch traurig sein können, doch leider blieben sie in meinen Augen oft nur Informationen, ohne emotionale Tiefe.  
Insgesamt bietet das Buch interessante Einblicke in das Leben einer bemerkenswerten Frau, doch in Bezug auf Erzählweise und Emotionalität bleibt es hinter meinen Erwartungen zurück.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Mediathoughts; Erstausgabe Edition (12. März 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 276 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3947724500
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3947724505

Donnerstag, 29. August 2024

Im Spiegel von Michael Heine


In diesem Roman wird ein junges Paar in ein düsteres Mysterium verwickelt, als es einen antiken Spiegel erwirbt. Als Carlotta, die Frau des Erzählers, plötzlich spurlos verschwindet, ist ihr Mann fest davon überzeugt, dass der Spiegel etwas mit ihrem Verschwinden zu tun hat Seine Suche führt ihn von Hamburg über die Provence bis in die geheimnisvollen Kanäle Bolognas und schließlich ins Paris der Revolutionsjahre.

Parallel dazu ermittelt Ispettore Solei von der Polizia di Stato in einem rätselhaften Fall: Ein katholischer Priester stirbt in einem Supermarkt und wird von seinen Mitbrüdern vor der Obduktion entführt. Solei, der wenig begeistert von der Einmischung der Geistlichkeit ist, bringt den Toten im letzten Moment vor der Einäscherung zurück in die Pathologie, wo sich herausstellt, dass der Priester an einer Quecksilbervergiftung starb, dem gleichen Metall, aus dem der Spiegel besteht, in dem Carlotta verschwand. Besteht ein Zusammenhang?

Im alten Kloster kreuzen sich schließlich die Wege von Solei und dem Erzähler,eine Begegnung mit weitreichenden Folgen.

Die Grundidee des Buches, die mit dem geheimnisvollen Spiegel und Carlottas Verschwinden beginnt, ist faszinierend und vielversprechend. Der Autor schafft es, eine beklemmende Stimmung zu erzeugen und den Leser in eine Welt voller Rätsel und dunkler Geheimnisse zu ziehen. Besonders beeindruckend ist die Darstellung der Faszination, die der Spiegel auf Carlotta ausübt, bis sie eines Tages selbst darin verschwindet.

Der Ich-Erzähler bleibt jedoch etwas distanziert, was es mir schwer machte, eine emotionale Verbindung zu ihm aufzubauen. Trotz dieser Schwäche überzeugt das Buch mit unerwarteten Wendungen und der gelungenen Verflechtung zweier Handlungsstränge, die sich spannend ergänzen.

Ein Roman, der mit seiner Atmosphäre und dem originellen Plot durchaus fesselt, aber nicht durchgängig die gewünschte Wirkung bei mir erzielt hat.


  • Herausgeber ‏ : ‎ BoD – Books on Demand; 1. Edition (3. Juli 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 358 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3759771319
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3759771315

Mittwoch, 28. August 2024

Eintunkt: Gartenkrimi (Klub der Grünen Daumen) von Martina Parker

 

Im fünften Band der Garten-Krimis von Martina Parker gerät die vermeintlich ruhige Sommerzeit für Vera Horvath und den Klub der Grünen Daumen völlig aus den Fugen. Statt entspannter Tage erwartet die Freundinnen ein turbulentes Abenteuer auf einem bekannten Musikfestival »pictur on« wo unerwartete Ereignisse für reichlich Aufregung sorgen. Mit einer Mischung aus Rock'n'Roll, mysteriösen Vorfällen und einem Missgeschick, das Vera in eine unangenehme Situation bringt, spinnt die Autorin eine spannende Geschichte. Als dann auch noch eine prominente Sängerin spurlos verschwindet und die Hobby-Ermittlerinnen bei ihren Nachforschungen auf eine Leiche stoßen, wird klar, dass dieser Sommer alles andere als geruhsam wird.

Parker schafft es erneut, die beschauliche Atmosphäre des Burgenlands mit einer spannenden Krimihandlung zu verweben. Die Dynamik zwischen den Figuren ist herrlich authentisch, und die witzigen wie skurrilen Begebenheiten, die die Protagonistinnen erleben, sorgen für eine unterhaltsame Lektüre. Besonders gelungen ist die Art und Weise, wie die Autorin die Ermittlungen der Gartenladies in den bunten Trubel des Festivals integriert und dabei die Eigenheiten des Landlebens mit dem Rockfestival-Flair kombiniert.

Martina Parker versteht es, Spannung mit Humor zu mischen und dabei immer wieder überraschende Wendungen einzubauen. Die Nebenhandlungen, wie Hildas Versuch Vera zu verkuppeln, bei dem Vera mehr über Luftballons erfährt, als sie wohl je wissen wollte oder auch Lettas Ambitionen ihre Großmutter Hilda zu einem Social-Media-Star zu machen, verleihen der Geschichte einen besonderen Charme.  Auch die kurzen Exkurse über Pflanzen und Tiere zu Beginn jedes Kapitels sind eine gelungene Abwechslung und bieten interessanten Wissenszuwachs für Gartenliebhaber.


Fazit: "Eintunkt" ist ein unterhaltsamer und erfrischender Sommerkrimi, der es schafft, Spannung und Humor gekonnt zu vereinen. Martina Parker überzeugt erneut mit einer lebendigen Mischung aus ländlicher Idylle und rockigem Festival-Flair, die sowohl langjährige Fans der Reihe als auch neue Leser begeistert. Die authentischen Figuren, skurrilen Begebenheiten und charmanten Nebenhandlungen machen das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre, die durch interessante Wissenseinschübe für Gartenliebhaber zusätzlich bereichert wird. Ein Krimi, der die perfekte Balance zwischen Spannung und Leichtigkeit findet und seine Leser bestens unterhält.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Gmeiner-Verlag; 2024. Edition (14. August 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 432 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3839206944
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3839206942


In der Reihe sind bisher erschienen:

  1. Zuagroast - 2021
  2. Hamdraht - 2022
  3. Aufblattelt - 2023
  4. Ausgstochen - 2023

Dienstag, 27. August 2024

Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII. von John Guy (Autor), Julia Fox (Autorin),



 "Jagd auf den Falken: Anne Boleyn und Heinrich VIII" von John Guy und Julia Fox ist eine meisterhaft recherchierte und fesselnd erzählte Biografie, die das Leben einer der faszinierendsten und komplexesten Figuren der englischen Geschichte beleuchtet: Anne Boleyn. Die Autoren bieten dem Leser eine intensive Reise in die Pracht und das politische Intrigenspiel des Tudor-Hofs.

Anne Boleyn wird in dieser Biografie nicht nur als die tragische Figur dargestellt, die am Ende von Heinrich VIII. verraten und hingerichtet wurde, sondern als eine starke, kluge und entschlossene Frau, die sich trotz aller Widrigkeiten ihren Platz an der Spitze des englischen Hofes erkämpfte. Ihre Ambitionen, ihre Fähigkeit, die Politik zu beeinflussen, und ihre Weigerung, sich mit der Rolle einer bloßen Mätresse zufriedenzugeben, zeichneten sie als außergewöhnliche Frau aus, die bereit war, für ihre Überzeugungen zu kämpfen – auch wenn dieser Kampf schließlich ihr Ende bedeutete.

Das Buch hebt sich durch seine detailreiche Darstellung ab, die auf einer breiten Palette von Quellen basiert. Die akribische Recherchearbeit der Autoren ermöglicht es, die vielschichtigen Beziehungen und politischen Machenschaften am Hof Heinrichs VIII. in einem neuen Licht zu sehen. Besonders beeindruckend ist, wie Guy und Fox die Persönlichkeit von Anne Boleyn und ihre Beziehung zu Heinrich VIII. herausarbeiten. Annes Einfluss auf Heinrich und ihre Bedeutung als Ratgeberin und Vertraute des Königs wird in einer Weise dargestellt, die weit über die übliche narrative Vereinfachung hinausgeht.

Neben der reichhaltigen inhaltlichen Darstellung bietet das Buch auch eine visuelle Reise in die Welt der Tudors. Die Fotografien von Gemälden, Orten und historischen Dokumenten, darunter ein Liebesbrief Heinrichs an Anne, in dem er ihre Initialen in ein Herz einschließt, verleihen der Biografie eine besondere Authentizität und Tiefe.


Die Leser sollten sich jedoch auf eine dichte Informationsfülle einstellen. Diese Vielzahl an Details und historischen Fakten fordert die volle Aufmerksamkeit und Mitwirkung des Lesers. Dies wird jedoch durch einen umfassenden Anhang mit Stammbäumen, Personenregistern, Anmerkungen und Quellennachweisen erleichtert, der das Verständnis der komplexen Materie unterstützt.

Insgesamt ist "Jagd auf den Falken" wohl eine der am besten recherchierten und beeindruckendsten Biografien über Anne Boleyn. Es ist eine spannendeLektüre für jeden, der sich für die Geschichte der Tudors, die Rolle der Frauen in der Geschichte und die Machtspiele der damaligen Zeit interessiert. Dieses Buch bietet nicht nur historische Erkenntnisse, sondern auch eine tiefgründige und nuancierte Erzählung über eine Frau, deren Leben und Tod die englische Geschichte für immer geprägt haben.

Ein Lob gilt auch den Übersetzern Norbert Juraschitz und Karin Schuler, deren Arbeit es gelungen ist, die Feinheiten und den Stil des Originals in die deutsche Sprache zu übertragen, was die Lektüre zu einem Vergnügen macht.


  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (21. August 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 603 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406822010
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406822018
  • Originaltitel ‏ : ‎ Hunting the Falcon. Henry VIII, Anne Boleyn and the Marriage that Shook Europe


Samstag, 24. August 2024

Tode, die wir sterben: Ein Fall für Svea Karhuu und Jon Nordh Broschiert – Roman Voosen (Autor), Kerstin Signe Danielsson (Autorin)

 

Kurz nach dem Tod seiner Frau ist Kommissar Jon Nordh noch immer tief getroffen und eigentlich außer Dienst, als er zu dem Fall des 13-jährigen Rashid hinzugezogen wird. Der Junge wurde bei einem Drive-by-Shooting in Hermodsdal, einem Brennpunktviertel in Malmö, erschossen. An seiner Seite ermittelt die strafversetzte nordschwedische Ermittlerin Svea Karhuu, die während eines Undercovereinsatzes jemanden in Notwehr töten musste. Zusätzlich zu dieser Last wird sie immer wieder mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert.

Svea und Jon stehen unter enormem Druck, denn die Öffentlichkeit erwartet schnelle Ergebnisse. Dabei stellt sich die drängende Frage: War Rashid ein Opfer der rivalisierenden Banden in Malmö oder steckt ein rechtsradikaler Hintergrund hinter dem Mord?


Dieser Fall markiert den ersten gemeinsamen Einsatz für Jon Nordh und Svea Karhuu. Die Autoren nehmen sich viel Zeit, um die persönlichen und beruflichen Hintergründe der beiden Protagonisten zu beleuchten. Besonders intensiv werden Jons Zweifel am Unfalltod seiner Frau, die zusammen mit seinem Freund und Partner bei einem Autounfall ums Leben kam und die drohenden Konsequenzen aus den internen Ermittlungen gegen Svea dargestellt.

Trotz der komplexen privaten Hintergründe der Hauptfiguren bleibt der Fall des ermordeten Jungen stets im Fokus. Als dann ein weiterer Mord die Stadt in Aufruhr versetzt, spitzt sich die Situation dramatisch zu.

Die Autoren verstehen es geschickt, die Spannung auf einem hohen Niveau zu halten, indem sie die Leserinnen und Leser immer wieder auf falsche Fährten locken. Erschwert werden die Ermittlungen dadurch, dass ihre Kollegen Wallgren und Stöcker zunächst nicht begeistert davon sind, dass Jon und Svea die Leitung des Falls übernommen haben, und ihnen wichtige Informationen vorenthalten.


"Die Tode, die wir sterben" ist ein gelungener und spannender Auftakt für das neue Ermittlerduo Nordh und Karhuu. Die Verflechtung von persönlichem Drama und einem komplexen Kriminalfall sorgt dafür, dass der Roman bis zur letzten Seite fesselt. Ich freue mich schon auf weitere Fälle mit diesem ungleichen, aber faszinierenden Duo.



  • Herausgeber ‏ : ‎ KiWi-Paperback; 1. Edition (15. August 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 400 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 346200459X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3462004595









Dienstag, 20. August 2024

Stille Wasser: Vom Ende einer Sommernacht in Südfrankreich von Thomas Pyczak

Isabel und Max reisen im Hausboot durch die idyllische Welt des Canal du Midi. Zu Isabels sechzigstem Geburtstag bekommt das Ehepaar Besuch von seinem Sohn Sebastian und dessen neuer Freundin.

An einem einsamen Liegeplatz spielt die Familie ein Gesellschaftsspiel. Alle verpflichten sich, in dieser Spätsommernacht in Südfrankreich die intimen Fragen auf den Spielkarten offen und ehrlich zu beantworten.

Was als harmloser Spaß beginnt, verwandelt sich schon bald in ein Spiel mit delikaten Offenbarungen und gefährlichen Rivalitäten. Ein Spiel, das sich nicht mehr stoppen lässt.


Schon zu Studienzeiten träumte Isabel von einer Fahrt auf einem Hausboot – ein Traum, der sich zu ihrem sechzigsten Geburtstag erfüllt. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Max, ihrem Sohn Sebastian und dessen neuer Freundin Lea begibt sie sich auf eine Reise durch die idyllische Welt des Canal du Midi.

Ein plötzliches Unwetter durchkreuzt ihre Pläne für einen Restaurantbesuch, und die Familie bleibt auf dem Boot. Um die Zeit zu vertreiben, entscheiden sie sich, das Spiel „Das Geständnisspiel“ zu spielen – ein Geschenk von Lea. Das Spiel verlangt, intime Fragen ehrlich zu beantworten, ohne dass die anderen die Antworten kommentieren oder sich angegriffen fühlen dürfen.

Thomas Pyczaks Roman ist ein Buch der leisen Töne, dessen Atmosphäre schon auf den ersten Seiten eine unterschwellige Beklemmung erzeugt, die sich mit jedem Kapitel steigert. Der Spieleabend wird immer wieder von den Gedanken der Protagonisten unterbrochen, und aus jeder Perspektive erfahren die Leser mehr von dem Schatten, der über der trügerischen Idylle liegt.

Obwohl der Roman nur 260 Seiten umfasst, ist er sehr intensiv und taucht tief in menschliche Emotionen und Geheimnisse ein. Pyczak gelingt es, die Leserinnen und Leser in eine Welt zu ziehen, in der die Grenzen zwischen harmlosen Spiel und gefährlichen Offenbarungen verschwimmen.


  • ASIN ‏ : ‎ B0D8V6T75R
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published (3. Juli 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 260 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8329629293

Montag, 19. August 2024

Genau so wie es immer war von Claire Lombardo (Autorin) Sylvia Spatz (Übersetzerin)

 

Julia ist Ende 50, glücklich verheiratet mit Mark und Mutter von zwei Kindern, dem 24-jährigen Ben und der 17-jährigen Alma. Sie führt ein gutes Leben in einem schönen Haus in einem sicheren Vorort. Während der Vorbereitungen für Marks 60. Geburtstag begegnet sie unerwartet Helen, der Frau, wegen der sie einst umzog und die sie eigentlich nie wiedersehen wollte.

In Rückblenden wird nach und nach enthüllt, was Julia zu dieser drastischen Entscheidung veranlasste.

Als Julia und Helen sich das erste Mal begegnen, befindet sich Julia auf der Flucht vor sich selbst. Statt ihren damals dreijährigen Sohn Ben wie geplant in den Kindergarten zu bringen, verbringt sie den Vormittag anders, um den Kontakt mit anderen Müttern zu vermeiden. Im botanischen Garten trifft sie auf die ältere Helen, die schnell zu einer mütterlichen Freundin wird. In Helens Gesellschaft fühlt sich Julia endlich wohl – hier darf sie ihre Unzufriedenheit und ihre Gefühle der Unzulänglichkeit offenbaren, trotz des scheinbar perfekten Lebens, das sie führt. Doch Helen ist indirekt auch der Grund, warum Julia und Mark ihr altes Leben hinter sich lassen.

Julias Ehemann Mark ist ein zuvorkommender Partner und hingebungsvoller Vater, der es ihr ermöglicht, zu Hause bei ihrem Wunschkind Ben zu bleiben und seinen eigenen Wunsch nach einem zweiten Kind hintenan zu stellen. Auch Julia hatte geglaubt, dass sie nach Bens Geburt das Leben führen würde, das sie sich immer gewünscht hatte. Doch die Realität sieht anders aus: Ihr Leben erscheint ihr leer und sinnlos, besonders außerhalb ihrer Mutterrolle. Sie hadert mit dem Druck, den sie sich selbst macht, und den Erwartungen ihres Umfelds. Dabei wollte sie doch alles besser machen als ihre eigenen Eltern – besser als ihre alkoholabhängige Mutter und besser als ihr Vater, der die Familie verließ, als sie elf Jahre alt war. Dieser Druck führt bei ihr zu einer Depression, was aufmerksame Leserinnen und Leser schnell erkennen werden.

In der Produktbeschreibung zum Buch steht:

"Manchmal kann Julia Ames es gar nicht fassen, was für ein unwahrscheinlich schönes Leben sie führt."

Nach ihrem Umzug in einen anderen Vorort in ein weiteres schönes Haus und der Geburt ihrer Tochter stellt sich jedoch heraus, dass die Probleme nicht einfach verschwinden – sie verändern sich nur. Ben eröffnet seinen Eltern, dass er Vater wird und heiraten will. Alma steckt mitten in der Pubertät, gibt sich unnahbar und ist sehr launisch. Doch Julia scheint gelernt zu haben, über sich und ihre Probleme zu sprechen. Ich mochte die Entwicklung, die sie durchgemacht hat.

Claire Lombardo hat einen feinsinnigen Familienroman geschrieben, der die Situation vieler Frauen widerspiegelt – eine Situation, über die jedoch viel zu selten offen gesprochen wird. Sie scheut sich nicht davor, zu beschreiben, wie schwierig Partnerschaften und Elternschaft sein können. Beide sind geprägt von Höhen und Tiefen.

Ich mochte das Buch. Die Geschichte, die die Autorin erzählt, ist authentisch und ganz nah am realen Leben. Allerdings wirkte sie auf mich manches Mal, besonders zu Beginn, etwas zu langatmig. Auch die Zeitsprünge waren teilweise verwirrend; ich musste häufiger überlegen, in welchem Jahr wir uns gerade befinden. Kapitelüberschriften wären für mich persönlich hilfreich gewesen.

Claire Lombardo spricht aus, was viele Frauen nicht einmal zu denken wagen.


Fazit:

"Genau so wie es immer war" von Claire Lombardo ist ein einfühlsamer und realistischer Familienroman, der die Herausforderungen von Partnerschaften und Elternschaft aufgreift. Die Autorin beschreibt mit großer Feinfühligkeit die Höhen und Tiefen im Leben ihrer Protagonistin Julia, die mit inneren und äußeren Konflikten kämpft. Obwohl die Geschichte manchmal etwas langatmig wirkt und die Zeitsprünge stellenweise verwirrend sind, überzeugt das Buch durch seine Authentizität und emotionale Tiefe. Ein empfehlenswerter Roman für alle, die sich für komplexe Familiengeschichten interessieren.



  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (15. August 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 720 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 342328417X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423284172
  • Originaltitel ‏ : ‎ Same As It Ever Was




Samstag, 17. August 2024

Das größte Rätsel aller Zeiten: Roman von Samuel Burr (Autor) Karl-Heinz Ebnet (Übersetzer)


Clayton Stumper wächst in der relativen Abgeschiedenheit Creighton Halls auf, dem Anwesen, das die Gemeinschaft der Rätselmacher beherbergt. Diese Gemeinschaft wurde vor Jahren von seiner Ziehmutter, der brillanten Pippa Allsbrook in einem Londoner Pub gegründet, wo sie auf Gleichgesinnte traf, die ihre Leidenschaft für das Erstellen von Rätseln teilten. Um dieser Gruppe ein dauerhaftes Zuhause zu geben und sich gleichzeitig ihrer unterschwelligen Angst vor dem Alleinsein im Alter zu stellen, kaufte Pippa ihr ehemaliges Elternhaus, Creighton Hall. Hier lebt und arbeitet sie nun mit der Gemeinschaft zusammen.

Clayton fühlt sich in dieser intellektuellen Oase, in der sich alles um das Lösen und Erstellen von Rätseln dreht, geborgen und stellt seine Herkunft kaum infrage. Er weiß nur, dass er eines Tages auf der Türschwelle von Creighton Hall gefunden wurde und von Pippa wie ein leiblicher Sohn aufgezogen wurde, geliebt und behütet von allen Mitgliedern der Gemeinschaft.

Als Pippa stirbt, hinterlässt sie Clayton Hinweise, die ihm helfen sollen, das größte Rätsel seines Lebens zu lösen: Wer sind seine leiblichen Eltern?

Der Roman wechselt geschickt zwischen der Entstehungsgeschichte der Gemeinschaft, die Pippa selbst erzählt, und Claytons Suche in der Gegenwart. Pippas Geschichte beginnt in einer Zeit, in der Frauen nicht für ihre Intelligenz anerkannt wurden. Um als Rätselmacherin ernst genommen zu werden, veröffentlichte sie ihre Werke bis dahin unter einem männlichen Pseudonym in der „Times“. Gegen alle Hindernisse und Rückschläge, die meist finanzieller Natur sind, führt sie die Gemeinschaft zu großem Erfolg und schafft einen Ort, der gleichermaßen von intellektueller Herausforderung und gegenseitigem Halt geprägt ist.

Nach Pippas Tod beginnt Clayton seine Suche nach seinen Eltern. Aus für mich erstmal unverständlichen Gründen hat sie ihm nie verraten, was sie über seine Herkunft wusste.  Mithilfe der Rätsel, die Pippa ihm hinterlassen hat, und unterstützt von alten und neuen Freunden, lüftet er nach und nach das Geheimnis seiner Herkunft. Auf seinem Weg entdeckt er nicht nur seine Wurzeln, sondern erlebt auch seine erste Liebe. Clayton ist ein wunderbarer junger Mann, mit sehr viel Taktgefühl und Einfühlungsvermögen, allerdings ist er nicht halb so unbedarft wie der Klappentext es mit dem Satz"Wie löst man eigentlich eine U-Bahn-Fahrkarte" suggeriert, er schlägt sich recht gut auf seiner Suche. Ich mochte ihn sehr. Eigentlich mochte ich alle Charaktere im Roman, auch wenn nicht alle ausführlich vorgestellt wurden, konnte ich mir von den meisten ein recht gutes Bild machen.

Samuel Burr hat mit „Das größte Rätsel aller Zeiten“ einen ruhigen Roman geschrieben. Ohne große dramatische Wendungen, aber mit viel Feingefühl, führt er den Leser zur Lösung von Claytons Geheimnis. Besonders reizvoll ist, dass einige der Rätsel, die Clayton löst, auch im Buch enthalten sind und von den Lesern selbst gelöst werden können. Dies macht die Lektüre interaktiv und spannend für alle, die Freude am Rätseln haben.


  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (13. August 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 448 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3832182233
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3832182236
  • Originaltitel ‏ : ‎ The Fellowship of Puzzlemakers



Freitag, 16. August 2024

"Die Experimentalwelt" von Dieter Schäfrig

 


»Die Experimentalwelt« von Dieter Schäfrig ist ein Buch, das seine Leserinnen und Leser in eine fremde und gleichzeitig faszinierende Welt mitnimmt. Die Geschichte dreht sich um Mert, der nach einer schweren Lebenskrise und einer schlimmen Diagnose plötzlich in eine Welt gerät, die er zunächst für einen Traum hält. Doch bald merkt er, dass diese Welt real ist und voller Gefahren steckt.

Zu Beginn des Buches fiel es mir schwer, mich in die Geschichte einzufinden, was vor allem an dem ungewohnten Schreibstil des Autors lag. Doch je mehr ich las, desto besser konnte ich mich in die Handlung hineinversetzen und die Charaktere verstehen. Besonders Mert, der Hauptcharakter, wuchs mir im Laufe des Buches ans Herz. Seine Freundschaft mit einem seltsamen Wesen namens Piegel und einem sarkastischen Roboter, die auf den Namen Tekeler-Bee (TeeBee) hört, diesen Roboter habe ich mit ihrem ersten Auftritt im Buch geliebt, sorgt für viele spannende und auch humorvolle Momente.

Die Welt, in die Mert gerät, ist sowohl faszinierend als auch gefährlich. Dieter Schäfrig hat viele interessante Ideen eingebracht, die die Geschichte spannend machen. Obwohl die Handlung manchmal etwas verwirrend sein kann, hielt die Story mich immer gefangen. 

Bei diesem Buch kamen mir die ungeliebten Worte meiner Deutschlehrerin in den Sinn:

»Was will der Autor uns sagen?«

Und dann kann ich nicht anders, als darüber nachzudenken und ich kam zu dem Schluss, dass es nicht nur um Merts Abenteuer in einer anderen Dimension geht. Es geht um Freundschaft und Vertrauen und den Mut, sich Herausforderungen zu stellen und gemeinsam zu bewältigen.

»Die Experimentalwelt« von Dieter Schäfrig ist ein interessantes Buch, das durch seine originelle Geschichte und tiefgründigen Charaktere überzeugt. Zwar kann der ungewöhnliche Schreibstil zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig sein, doch wer sich darauf einlässt, wird mit einer faszinierenden und abenteuerlichen Erzählung belohnt. Der für mich etwas schwierige Einstieg in das Buch schmälerte den Gesamteindruck für mich auch nur minimal.   Es ist definitiv eine Empfehlung für alle, die sich auf eine ungewöhnliche literarische Reise einlassen möchten.


  • Herausgeber ‏ : ‎ BoD – Books on Demand; 1. Edition (1. Dezember 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 318 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3758313376
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3758313370

Die Medizin im Mittelalter (Ein Vergleich zwischen Deutschland und dem Orient)



Im Rahmen der "Blogger für Homer 2024" durfte ich das Buch "Das Blutgericht von Köln" von Ingo Gach lesen, in dem der junge Ritter Seyfrid von Viskenich an der Scola Medica in Salerno studierte, nach dem er bei dem berühmten Arzt Abdul Al-Aziz der ihm nach einer Schlacht das Leben rettete, seine Berufung zur Medizin fand. 

Ich hatte rudimentäres Wissen über die Unterschiede der Medizin in Deutschland und dem Orient und meine Neugier darüber war geweckt. Diese Unterschiede waren gewaltiger, als ich dachte.


Bildung und Institutionen

Deutschland: In Deutschland wurde die medizinische Ausbildung hauptsächlich in Klöstern durchgeführt. Mönche und Nonnen bewahrten und verbreiteten das alte medizinische Wissen, das sie aus Büchern von berühmten Ärzten wie Hippokrates und Galen abschrieben. Es gab keine speziellen medizinischen Schulen oder Universitäten. Das Wissen wurde mündlich weitergegeben oder in Klosterbibliotheken aufbewahrt. Allerdings gab es in Italien die berühmte Schule von Salerno, die auch von deutschen Studierenden besucht wurde. Diese Schule war für ihre fortschrittlichen medizinischen Lehren bekannt. 


Orient: Im Orient war die medizinische Ausbildung gut organisiert. Große Städte wie Bagdad, Kairo und Damaskus hatten berühmte medizinische Schulen und Bibliotheken. Das „Haus der Weisheit“ in Bagdad war ein wichtiges Zentrum für das Studium und die Übersetzung alter Bücher. Krankenhäuser, die Bimaristane genannt wurden, spielten eine wichtige Rolle in der medizinischen Versorgung und Ausbildung und hatten spezialisierte Abteilungen und große Bibliotheken.



Heilkunde und Praktiken

Deutschland: In Deutschland basierte die Medizin stark auf Kräutermedizin und der Idee, dass die Gesundheit von einem Gleichgewicht der vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle) abhängt. Aderlass und Blutegel waren häufige Behandlungen. Chirurgische Eingriffe waren einfach und wurden oft von Badern oder Barbiers durchgeführt. Viele medizinische Praktiken waren auch von religiösen Überzeugungen und Aberglauben beeinflusst, weil man oft dachte, Krankheiten seien eine Strafe Gottes.



Orient: Die Medizin im Orient war fortschrittlicher und umfasste sowohl theoretisches als auch praktisches Wissen. Berühmte Ärzte wie Avicenna (Ibn Sina) und Al-Razi (Rhazes) schrieben umfangreiche Bücher über Diagnosen, Medikamente und Behandlungen. Die Chirurgie war gut entwickelt, und Chirurgen führten komplexe Operationen durch. Es gab auch viele Apotheken, in denen man Medikamente bekommen konnte. Das medizinische Wissen kam aus verschiedenen Kulturen, darunter Griechenland, Rom, Persien und Indien.

Einfluss der Religion

Deutschland: In Deutschland spielte die Religion eine große Rolle in der Medizin. Viele glaubten, dass Krankheiten eine Strafe Gottes oder eine Folge von Sünden waren. Gebete, Pilgerreisen und die Verehrung von Reliquien waren wichtige Bestandteile der Heilung. Klöster waren nicht nur Orte des Gebets, sondern auch medizinische Zentren.

Orient: Im Orient ermutigte der Islam zur Suche nach Wissen und zur Fürsorge für die Kranken. Der Koran und die Hadithen förderten die wissenschaftliche Forschung. Viele Ärzte sahen ihre Arbeit als Teil ihrer religiösen Pflicht an. Dies führte zu einer wissenschaftlich fundierten und dennoch religiös inspirierten Medizin.

Wissenschaftlicher Austausch

Deutschland: In Deutschland war der Austausch von wissenschaftlichem Wissen begrenzt. Das Wissen blieb meistens in den Klöstern und wurde nur langsam verbreitet. Die medizinische Praxis war stark lokalisiert und hing von den begrenzten Ressourcen und dem Wissen der Region ab. Jedoch suchten einige deutsche Studenten medizinisches Wissen an der Salerno-Schule in Italien.

Orient: Im Orient war der wissenschaftliche Austausch intensiv. Der Orient war ein Zentrum des Handels und kulturellen Austauschs, was den Austausch medizinischen Wissens förderte. Ärzte und Gelehrte aus verschiedenen Teilen der islamischen Welt sowie aus Indien und China kamen zusammen, um Wissen zu teilen und weiterzuentwickeln. Übersetzungen und Kommentare zu alten Texten trugen zur Weiterentwicklung der Medizin bei.

Zusammenfassung

Im 12. Jahrhundert gab es große Unterschiede in der Medizin in Deutschland und im Orient. In Deutschland war die Medizin stark von Klöstern und religiösem Aberglauben geprägt. Im Orient hingegen waren die medizinischen Standards höher, es gab große Institutionen und einen intensiven Austausch von Wissen. In Italien spielte die Salerno-Schule eine wichtige Rolle und wurde auch von deutschen Studenten besucht. Beide Regionen legten jedoch den Grundstein für spätere Entwicklungen in der Medizin und trugen auf ihre Weise zur Geschichte der Medizin bei.

Meine Rezension zu dem Buch findet ihr hier: Das Blutgericht von Köln






Bildquellen Wikipedia.

 http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Avicenna-Miniatur.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Medizin_in_der_mittelalterlichen_islamischen_Welt#/media/Datei:Arabischer_Maler_des_Kr%C3%A4uterbuchs_des_Dioskurides_001.jpg

https://de.wikipedia.org/wiki/Aderlass#/media/Datei:Psalter_1340.jpg


Mittwoch, 14. August 2024

Leonard und Paul von Rónán Hession (Autor), Andrea O'Brien (Übersetzer)

 

Leonard lebte bis zu ihrem Tod bei seiner Mutter, Paul lebt bei seinen Eltern. Das wäre nichts Ungewöhnliches, wären beide Männer nicht längst erwachsen. Doch aus irgendeinem Grund haben sie es nie geschafft, die Sicherheit ihres Elternhauses zu verlassen. Leonard verdient sein Geld als Ghostwriter für Enzyklopädien für Kinder, während Paul gelegentlich als Postbote arbeitet. Soziale Kontakte haben sie kaum, abgesehen von ihrer Familie und ihrer Freundschaft. Trotzdem sind sie zufrieden mit ihrem Leben und dem immer gleichen Alltag. Sie wissen jeden Tag genau, wie dieser verlaufen wird und wie er endet.

Grace ist Pauls Schwester und das genaue Gegenteil von ihm. Sie steht kurz vor ihrer Hochzeit, ist pragmatisch und hat Angst vor der Zukunft, vor allem davor, irgendwann allein dazustehen, wenn ihre Eltern nicht mehr für sich selbst sorgen können. Paul hingegen will sich mit der Zukunft nicht beschäftigen: „Lass uns einfach glücklich sein. Solange wir noch Zeit haben“, sagt er, als sie ihm ihre Ängste vorwirft.

Dann ist da noch Shelley, in die sich Leonard verliebt. Sie versteht seine ruhige und introvertierte Art und nähert sich ihm behutsam und respektvoll. Ihre Art hilft Leonard, sich allmählich zu öffnen und sich auf die Veränderungen einzulassen, die eine neue Beziehung mit sich bringt.

„Leonard und Paul“ ist ein Buch über Freundschaft, Stille und die kleinen, unspektakulären Momente des Lebens. Der Roman hebt sich durch seinen langsamen, nachdenklichen Erzählstil und den Fokus auf das Innenleben der Figuren von anderen Geschichten ab. Es geht nicht um große Abenteuer oder spektakuläre Ereignisse, sondern um die alltäglichen Herausforderungen und Freuden des Lebens.

Rónán Hession hat Figuren geschaffen, die zwar still und bescheiden sind, aber dennoch tief berühren. Die ruhige, unaufgeregte Erzählweise hat mir besonders gefallen. Die Geschichte hinterlässt ein gutes Gefühl und zeigt, wie wertvoll es sein kann, sich abseits des Trubels auf die stillen Wege des Lebens zu begeben.

Fazit: „Leonard und Paul“ ist ein leises, einfühlsames Buch. Mit seiner ruhigen Erzählweise und den tiefgründigen Charakteren hinterlässt der Roman einen bleibenden Eindruck.



  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. Juli 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 320 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3755805006
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3755805007
  • Originaltitel ‏ : ‎ Leonard and Hungry Paul

Samstag, 10. August 2024

KÜSTENGAUNER: Ostseekrimi - Inselkrimi (Die Kommissarin auf der Insel 9) von Eva Lirot

 

Ein sonniger Tag auf Fehmarn zieht Urlauber und Touristen zum großen Sommerfest. Besonders das hochmoderne Riesenrad namens 'Küstengauner' fasziniert die Besucher – auch Regina Ullman und ihren Sohn Mike, die ihren letzten Ferientag mit einem Blick über die Insel krönen wollen. Doch die Fahrt endet fast in einer Katastrophe, als die Gondel, in der sie sitzen, plötzlich  abzustürzen droht.

Während Inselkommissarin Frieda und ihr Chef Eisler die sofortige Stilllegung des 'Küstengauners' anordnen, bis die Ursache für den Beinahe-Absturz geklärt ist, drängt die neue Kulturbeauftragte der Insel, Isa Neumann, auf eine rasche Wiederinbetriebnahme. Auch die Betreiber des Riesenrades zeigen wenig Interesse daran, die genauen Gründe für den Vorfall zu untersuchen.

Mittlerweile ermittelt Frieda schon in ihrem neunten Fall auf der sonst so idyllischen Ostseeinsel, und ich habe bisher alle Fälle mit ihr miterlebt. Dieser hier ging mir jedoch besonders unter die Haut. Die Autorin Eva Lirot hat es geschafft, die Minuten, die Regina mit ihrem kleinen Sohn Mike in der vom Absturz bedrohten Gondel verbrachte, so eindringlich zu beschreiben, dass mir der Atem stockte. Ich konnte genau nachempfinden, welche Ängste sie auszustehen hatte.

Als Leser ist man in den Krimis der Autorin immer sehr nah an den Protagonisten, besonders natürlich an Frieda, deren Gedankengänge wir intensiv miterleben und die wir bei ihren Ermittlungen begleiten dürfen. Dieses Mal war mir auch Eisler fast sympathisch. Er setzt alles daran, den Fall aufzuklären, anstatt – wie sonst von ihm zu erwarten gewesen wäre – alles zum Wohl der Insel unter den Teppich zu kehren. Andererseits, wenn tatsächlich Menschen durch eine Freizeitattraktion zu Schaden kommen, müsste die Tourismusbranche langfristig mit erheblichen Einbußen rechnen. Also vielleicht doch alles wie immer. Immerhin, in diesem Fall zieht er mit Frieda an einem Strang – gegen Geldgier, Macht und Korruption.

Auch in diesem neunten Fall beweist Eva Lirot ihr Talent, der normalerweise heitere und sonnige Atmosphäre der Insel Fehmarn mit einer spannenden und packenden Geschichte zu begegnen. Durch die authentische Schilderung der Ängste ihrer Protagonisten und die dichte Handlung hält sie die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht. Die Mischung aus idyllischer Kulisse und düsterer Krimihandlung macht diesen Band zu einem besonderen Leseerlebnis. Wer die bisherigen Fälle der Inselkommissarin Frieda genossen hat, wird auch diesen Krimi mit Begeisterung lesen.


  • ASIN ‏ : ‎ B0D8KBK959
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published (4. August 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 211 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8328295031

Donnerstag, 8. August 2024

Die Harpyie von Megan Hunter

 

Lucy und ihr Mann Jake leben mit ihren Kindern in einer Kleinstadt. Während Jake täglich zur Arbeit an die Universität pendelt, arbeitet Lucy von zu Hause und kümmert sich um die beiden Söhne. Ihr Leben scheint perfekt, bis ein Anruf Lucys heile Welt ins Wanken bringt: Jake betrügt sie mit einer Kollegin. Trotz des Betrugs beschließen die beiden, zusammenzubleiben. Lucy darf sich dreimal an Jake rächen – jedoch nicht durch einen eigenen Seitensprung, sondern indem sie ihn auf andere Weise verletzen darf, sei es körperlich oder seelisch, ganz nach ihrer eigenen Wahl.

Megan Hunter nimmt ihre Leserinnen und Leser mit in den Kopf Lucys. Wir begleiten sie durch ihren Alltag, der sie zunehmend verzweifeln lässt. Lucy klammert sich an ein Lebensbild, das längst nicht mehr existiert – wenn es überhaupt jemals existiert hat. In alltäglichen Situationen erfahren wir vom gesellschaftlichen Druck, unter dem Lucy steht. Ein Beispiel dafür ist ihre alljährliche Weihnachtsparty, die sie trotz allem gibt. Dort erfährt Lucy, dass  wohl alle bereits von der Affäre ihres Mannes wussten. 

Von Anfang an erschien mir Lucy als jemand, der nur mühsam die Fassade aufrechterhalten konnte, die alle von ihr erwarteten. Je weiter die Geschichte fortschritt, desto schwieriger wurde es für sie, diese Fassade zu wahren. Im Laufe des Buches hatte ich immer mehr das Gefühl, dass die Affäre ihres Mannes nur der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte, und dass ihre Probleme schon viel früher, vielleicht schon in ihrer Kindheit, begonnen hatten.

Ich musste lange über das Gelesene nachdenken und finde es immer noch schwierig, meine Gedanken und Gefühle dazu zu Papier zu bringen. Für mich war es, als wäre ich als Zuschauerin ganz nah am totalen Zusammenbruch Lucys, und doch blieb sie mir so fremd wie selten eine Protagonistin. Lucy ist schon lange unzufrieden mit ihrer Situation, erkennt dies jedoch selbst nicht. Da sich ihre Unzufriedenheit immer weiter aufbaut, wundert es nicht, dass sie am Ende mit ihrer Rache übers Ziel hinausschießt. Dieser Rachegedanke war für mich ein weiterer Punkt, den ich nicht nachvollziehen konnte. Rache kann nie die Lösung sein; sie lindert vielleicht kurz den Schmerz, löscht ihn jedoch nie aus.

Fasziniert war ich vom Schreibstil der Autorin, den die Übersetzerin Ebba D. Drolshagen meiner Meinung nach wunderbar ins Deutsche transportieren konnte. Fast poetisch beschreibt Megan Hunter den Untergang einer bis ins Innerste verletzten Frau.

Fazit:

"Megan Hunters Roman bietet eine eindringliche und bewegende Erzählung über die Zerrissenheit und den inneren Kampf einer betrogenen Frau. Die Autorin schafft es, die Leser tief in die Gedankenwelt Lucys eintauchen zu lassen und dabei den Druck und die Erwartungen der Gesellschaft spürbar zu machen. Obwohl Lucys Handlungen und Gedanken oft schwer nachzuvollziehen sind, bleibt sie eine faszinierende und komplexe Figur. Der poetische Schreibstil und die gelungene Übersetzung von Ebba D. Drolshagen verstärken die emotionale Intensität der Geschichte. Ein intensives Leseerlebnis, das lange nachhallt und zum Nachdenken anregt."


  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (11. Juli 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 229 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406822517
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406822513
  • Originaltitel ‏ : ‎ Harpy The




Dienstag, 6. August 2024

Aus dem Haus von Miriam Böttger






Eine Mutter, die mit verführerischer Sogwirkung schwarzsieht. Ein Vater, der mit Nebelkerzen wirft, wenn er von sich erzählen soll. Und ein vermeintliches Unglückshaus, das es endlich zu verlassen gilt. Miriam Böttgers aberwitziger, tragikomischer und abgründiger Roman für alle, die sich auch mit ihrer Familie herumschlagen.

Miriam Böttgers Buch "Aus dem Haus" beginnt mit einem Besuch der Ich-Erzählerin auf dem Friedhof, auf dem ihr Vater begraben liegt. Übergangslos erzählt sie von dem vermeintlichen, geistigen Verfall ihrer Mutter nach dessen Tod, ein Verfall den sie ihr nicht wirklich glaubt, zu wach und aufmerksam sind ihre Augen. Als wäre sie eine Theaterschauspielerin, die vollkommen in der Rolle der greisen Alten aufgeht.

Trotz den etwas traurigen Einstiegs in die Geschichte ist, da immer eine gewisse Leichtigkeit in der Art in der die Autorin dies beschreibt.

Die Familie hat auf den ersten Blick alles, was es zum Glücklichsein braucht. Doch gerade die Mutter ist konsequent unzufrieden. Der Umzug von Süddeutschland zurück in die Heimatstadt Kassel – das, was für andere eine Heimkehr ist – ist für sie nur mit dem Verlust eines gewohnten und geliebten Lebens verbunden. Der Bau des ersten eigenen Hauses im Garten der Schwiegermutter endet nicht, wie man denken sollte, in einem Zuhause, in dem die Familie sich wohlfühlt und zur Ruhe kommen kann, sondern in einem Haus, das sie abzustoßen scheint. Der Grundriss gefällt nicht, die Rohre brechen; das Haus will sie nicht, so scheint es. Oder sind es doch die Menschen, die in ihm wohnen, die das Haus zu einem Unglückshaus machen, weil sie eigentlich nicht dort sein wollen?

Besonders die Mutter ist davon überzeugt, dass ihr komplettes Leben eine nahtlose Aneinanderreihung von Unglück ist, und sie scheint sich mit diesem Leben abgefunden zu haben. Veränderungen, wie der lange gewünschte Auszug aus dem Haus, werden über Jahre hinausgezögert. Und als es dann endlich so weit ist, fällt es schwer, sich von Dingen zu trennen oder überhaupt etwas zu planen.


Im Laufe der Geschichte stellt die Ich-Erzählerin sich die Frage, warum ihre Eltern immer wieder Entscheidungen trafen, die ihr vermeintliches Unglück immer weiter verstärkten. Eine Frage, die auch am Ende des Buches, dessen Ende recht abrupt kommt, nicht beantwortet.

Miriam Böttger, Böttger gelingt es, auch die traurigen Momente mit Humor und Ironie zu verbinden, was dem Leser eine unerwartete Leichtigkeit bietet. Die Ich-Erzählerin reflektiert über familiären Strukturen und die Idee, dass jede Familie ihre eigenen Vorstellungen hat, die das Leben der Mitglieder bestimmen. Diese Gedanken regen dazu an, das eigene Leben und die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen, insbesondere in Bezug auf das Festhalten am Unglück. Mir kam beim Lesen das alte Sprichwort »Wir sind unseres Glückes Schmied« in den Sinn, das gilt sicher auch für das Unglück.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Galiani-Berlin; 1. Edition (5. September 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3869713054
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3869713052