Bevor wir beginnen, möchten sie sich den Leserinnen und Lesern, die sie noch nicht kennen, kurz vorstellen bitte?
Ich heiße Matthias, ursprünglich komme ich aus der Kunst, habe Game Design, Musik und Kunstpädagogik studiert. Aus meinen künstlerischen Arbeiten, die ich als "Modellwelten" bezeichne und die im Laufe der Jahre immer mehr Textelemente bekommen haben, entwickelte sich eine zunehmende Faszination für das Lesen und Schreiben von Romanen.
Mein Name ist Kristina. Ich bin Filmemacherin, Schriftstellerin und Philosophin. Nach meinen Studien der Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Germanistik und Darstellenden Kunst habe ich zu einem interdisziplinären Thema promoviert „Zur Vermittlung von Film im Schulbuch“. Mein Dokumentarlangfilm „The Sound of Cologne“ läuft derzeit noch in den Kinos. Gleichzeitig ist gerade der Spielfilm „Monster on a Plane“ in den Festivals gestartet, bei dem ich in mehreren Positionen beteiligt war. Dann arbeite ich derzeit an einem philosophischen Buch …
1. Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit? Und wie würden Sie Ihren individuellen Beitrag zum Schreibprozess beschreiben und wie ergänzen sich Ihre jeweiligen Stärken und Perspektiven?
Kristina hatte vor über zehn Jahren einen Artikel über meine Ausstellung im Computerspielemuseum Berlin geschrieben. Hierfür hatte sie mit mir ein Interview gemacht, und so haben wir uns kennengelernt. Es entwickelt sich ein lebhafter Austausch über künstlerische Prozesse, was schließlich zu der Idee geführt hat, gemeinsam einen Roman zu schreiben. INTOXIKATION, unser gemeinsamer Roman, ist ein psychologischer Thriller, in dem einer der Hauptfiguren Künstlerin ist. In dieser Geschichte fließen Kristinas Wissen über die Psychologie aus ihrem Studium so wie meine künstlerische Praxis zusammen.
Matthias und ich haben uns über die Medienwisssenschaft der Humboldt Universität kennengelernt. Damals habe ich zu seinem Werk einen Artikel im Retro-Magazin geschrieben, wie Matthias schon erwähnt hat. Wie ergänzen uns als Autoren wirklich gut. Matthias kann sehr gut Landschaften beschreiben, hat viel für den Roman auch recherchiert. Meine Stärke liegt vor allem in der Entwicklung der Figuren, ihrer Innenwelten und ihrer Beziehungen zueinander. Auch ist Matthias doch sehr perfektionistisch, ich bin dann eher diejenige, die pragmatisch ist, so haben wir wirklich in dem Schaffensprozess mit geballter Kraft das beste Ergebnis erzielt.
2. Welche literarischen Werke oder Autoren haben Sie besonders inspiriert oder beeinflusst und inwiefern spiegelt sich das in Ihrem eigenen Schreibstil wider?
Franz Kafka, Michael Ende, Jorge Luis Borges, Antoine de Saint-Exupéry – all diese Autoren tauchen auch in unserem Roman, INTOXIKATION, auf. Mal sind es Figuren, mal Objekte, mal die Bücher selbst. Doch eher versteckt, sodass die Lesenden sie erst einmal finden müssen.
Ich würde auch noch andere Einflüsse ergänzen: Erst einmal sind wir auch von der Wissenschaft beeinflusst, der Chemie, der Psychologie, dann aber auch von anderen Kulturkreisen und deren Perspektive, aber auch spirituelle, fernöstliche und andere Weisheitslehren sind in den Text verwoben. Und letztendlich spielen die Orte eine besondere Rolle. Sie geben der Handlung eine bestimmte Atmosphäre.
3. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Geschichte zu entwickeln, die sich so stark auf die Welt der Drogentrips und surrealen Erlebnisse konzentriert?
Kristina und ich haben noch nie Drogen genommen, wir rauchen noch nicht einmal. Gerade das war Anreiz, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.
Da hat Matthias recht. Ich habe nie geraucht, ich trinke keinen Alkohol, nicht einmal Kaffee. Zuerst einmal hätte Kara, unsere Hauptfigur, möglicherweise ihren Ex-Freund nicht getötet, wenn sie nicht unter Drogen gewesen wäre. Dann zerbricht die Beziehung beider Hauptfiguren an einem Drogentrip, Kunstwerke werden zerstört. Innerhalb eines Rauschs wird auch deutlich, dass in dieses Nirvana noch nicht hingehören und sich den Rauschzustand erschlichen haben und es böse Folgen haben wird. Was ich damit sagen will, ist, dass wir ein Anti-Drogenbuch verfasst haben. Die Beschreibung der Drogentrips dient aber auch dazu, ein paar sehr besonders kunstvoll gestaltete literarische Momente zu inszenieren, mit der Sprache zu spielen, in Fantasiewelten zu entführen, wie es sonst im Fließtext nicht möglich gewesen wäre. Das Verfließen von Realität und Fantasie macht natürlich einen besonderen literarischen Reiz aus.
4. Welche Recherche haben Sie für die Beschreibung der Drogentrips durchgeführt, um sicherzustellen, dass sie sowohl realistisch als auch fesselnd sind?
LSD, das ja auch in unserem Roman vorkommt, wurde in Basel entwickelt, meine nächstgrößere Stadt. So wusste ich bereits einiges über diese Substanz. Kristina hat sich durch Filmrecherche und Buchinformationen zu diesem Thema informiert.
Wir haben uns informiert, aber wir haben uns auch über dieses Wissen hinweggesetzt und etwas ganz Eigenes literarisch kreiert. Wir machen ja keinen Dokumentarfilm, sondern haben fiktive Literatur geschrieben, bei der alles erlaubt ist. Ich denke, das Ayahuasca nicht so intensiv wirkt wie im Buch beschrieben, zumindest sagen das die Quellen. Vielleicht hat der Schamane in unserer Story auch noch etwas Anderes hineingemischt? Letztendlich darf der Leser/die Leserin der Fantasie freien Lauf lassen. Wichtig ist, dass durch diese Drogentrips eine andere Möglichkeit des Erzählens entsteht, eine weitere tiefenpsychologische Ebene beschritten wird und auch eine neue literarische Erzählkunst entsteht.
5. Kara ist eine komplexe und vielschichtige Figur. Wie haben Sie Ihre Charakterentwicklung geplant und umgesetzt?
Matthias war die anfängliche treibende Kraft. Er wollte Figuren, die ins wilde, bunte, vielleicht auch kaputte Berlin passen, sozusagen postmoderne Figuren, sicherlich auch politische Figuren, wenn man an die in der Handlung versteckte Kritik denkt, die darauf abzielt, Kunstwerke nur noch auf ihre wirtschaftliche Tauglichkeit zu reduzieren. Ich habe die Figuren dann zum Leben erweckt, sie mit all ihren kleinen Fehlern, Sehnsüchten, ihrer schmerzlichen Tiefe, ihren Verdrängungsstrategien und Wünschen ausgestattet, ihnen eine Vergangenheit gegeben und Zukunftsträume. Matthias hat sozusagen das inhaltliche Grundgerüst, sozusagen die Knochen einer Figur gegeben und ich habe dann das Fleisch dazugebastelt, dass sie leben und atmen.
6. Haben Sie sich von realen Ereignissen oder Personen inspirieren lassen, um die psychologische Welt und die inneren Konflikte von Kara darzustellen?
Ich lasse mich immer von realen Ereignissen und Personen inspirieren, denn dies wirkt viel stärker, geht viel tiefer, als es mit der Imagination möglich wäre. Deshalb ist es nicht weniger Fiktion. Ich greife auch keine einzelne Person aus meinem Bekanntenkreis heraus und setze diese in ein Buch ein. Natürlich nicht. Es ist eher so, dass ich hier und dort ein eigenes Erlebnis oder etwas, dass mir erzählt wurde, aufgreife und literarisch verarbeite. Um ein guter Schriftsteller zu sein, sollte man zumindest ein paar Dinge erlebt haben oder wenigstens so gut erzählt bekommen haben, dass man sie nachfühlen kann. Man muss ein sehr guter Beobachter und Menschenkenner sein. Matthias hat wirklich auch sehr viel Arbeit in der Recherche geleistet. Ich habe mir anhand meines Wissens aus der Psychologie und anhand meiner eigenen Erfahrungen und Erfahrungen von Freunden und Bekannten eine Figur imaginiert und versucht, sie so realistisch wie möglich darzustellen.
7. Welche Herausforderungen gab es beim Schreiben von Szenen, die sich um das Thema Drogenkonsum und dessen Auswirkungen drehen?
Eine Herausforderung war es vor allem, die Auswirkungen von Drogenkonsum und ihre verheerenden Folgen geschickt in die Handlung einzuweben. Einfach nur vor Drogen zu warnen in einem literarischen Werk, schien uns sehr plump. Wir wollten mithilfe der Handlung aufzeigen, wie zerstörerisch sich Drogen auf die konsumierenden Personen, ihre Gesundheit, ihre Bindungen, ihren Werdegang etc. auswirken kann. Die besondere literarische Ausgestaltung und das Nachkonstruieren von psychologischen Zuständen während der Drogentrips hat mir vor allem Spaß gemacht, ich habe es tatsächlich nicht so sehr als Herausforderung erlebt, eher als eine spannende Möglichkeit, literarisch mal etwas ganz Neues zu versuchen.
8. Intoxikation ist kein leicht zu lesendes Buch, manche Szenen sind doch recht verstörend, wie gehen Sie mit Kritik und Feedback um, insbesondere bei einem so komplexen und kreativen Projekt wie diesem Roman?
Da es sich bei INTOXIKATION um einen Psychothriller handelt, nehmen wir das Feedback, dass unser Roman verstörend wirkt, als Kompliment, denn das haben Psychothriller ja so an sich, dass sie auf die Psyche der Leser stark einwirken und düster komponierte Bilder hervorrufen. Ansonsten ist unser Roman in der Tat komplex. Um alle Hinweise, Rätsel und verborgenen, geheimnisvollen Zusammenhänge zu finden, muss man ihn mindestens zweimal gelesen haben. Doch darin liegt ja gerade der besondere Reiz unseres Romans.
Ich kann mich Matthias nur anschließen. Man muss den Grusel und die psychologischen Abgründe eines Psychothrillers mögen und sich darauf einlassen wollen. Ich würde sagen, so viel Grusel und Düsternis in dem Buch steckt, so setzt sich das Buch mindestens ebenso intensiv mit Fragen der Heilung in den verschiedensten Ausformungen auseinander. Wir wollten ein besonderes Werk schaffen, keinen gewöhnlichen Thriller und er ist auf jeden Fall komplex, aber gute Literatur sollte dies auch sein. Sie sollte vielschichtig sein und im Gedächtnis bleiben und sie darf auch mal den Leser/die Leserin fordern und nicht ausschließlich unterhalten wollen. Ein Psychothriller, der nicht verschreckt und nicht in die dunklen Tiefen der Psyche abzusteigen vermag, ist im Grunde ein schlecht gemachter Psychothriller. Insofern haben wir unser Ziel erreicht.
Vielen Dank das sie sich die Zeit genommen und meine Fragen so ausführlich beantwortet haben. Ich hoffe bald wieder ein Buch aus ihrer Feder lesen zu dürfen.
Meine Rezension zu diesem wirklich interessanten und außergewöhnlichen Buch findet hier