 |
| Zur Verlagseite |
Die Manen der Familie Prischinger
Onkel Willi hat nur einen Wunsch, er möchte in seiner Heimat Montenegro beerdigt werden, dafür hat er 10000 Euro gespart, was er nicht weiß, ist das seine Frau Hedi das Geld an die gemeinsame Tochter Nina gegeben hat, damit deren Veganer Onlinehandel nicht pleite geht, schließlich ist Onkel Willi jünger als sie und stirbt sicher noch lange nicht.
Leider spielt das Leben nicht immer nach Plan und Onkel Willi stirbt.
Aber die Schwestern Prischinger wären keine Prischingers, hätten sie nicht ganz schnell einen Plan. Gemeinsam mit ihrem Neffen Lorenz als Fahrer machen sie sich mit Willi auf den langen Weg von Wien nach Montenegro.
Ich bin auf der LBM 2019 auf das Buch aufmerksam geworden, die Autorin Vea Kaiser, las Passagen daraus vor und vor allem erzählte sie davon und hier bin ich ganz ehrlich, ohne diese Lesung wäre ich niemals auf den Gedanken gekommen, das Buch auch nur in Erwägung zu ziehen und hätte ein herzerwärmendes und humorvolles Lesevergnügen verpasst.
In Rückblenden erzählt die junge Autorin von den Geschwistern Prischinger, die im Nachkriegsösterreich aufwachsen sind. Drei Mädchen Miri, Wetti und Hedi und zwei Buben Nenerl und Sepp, zieht die Mutter auf dem von den Russen besetzten Hof allein groß. Und jedes der Kinder hat seinen eigenen Plan wie sich ihre Zukunft gestalten soll, wichtig ist vor allem eins, es muss immer genug Essen auf dem Tisch stehen. Essen ist sowieso ein großes Thema im Buch, es wird immer aufgetischt, als gäbe es ein großes Fest zu feiern. Aber es geht natürlich nicht hauptsächlich ums Essen, es geht auch nicht vorrangig darum Onkel Willi nach Montenegro zu schaffen, es geht um Träume, um die erfüllten und die unerfüllten und um die sich erfüllen aber anders als erhofft. Es geht darum sich der Realität zu stellen und das Leben so zu nehmen wie es ist, aber auch es im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu ändern. Das lässt sich am besten am Beispiel Lorenz erklären, Sepps Sohn, der ihn über alle Maßen verwöhnte und ihn mit Lob für alles und jedes überschüttete. Lorenz konnte seine Wände mit, vom Vater ausgedruckten Urkunden tapezieren, angefangen beim *Weltbesten Spaghettiesser*So ist es nicht verwunderlich, das Lorenz mit 30 Jahren noch glaubt, in allem was er tut der Beste zu sein, nur haben die anderen das eben noch nicht gemerkt und so liegt seine Schauspielkarriere brach und sein Konto ist leer.
Lorenz wird auf der Reise mit seinen Tanten und dem toten Onkel, erwachsen, soviel kann ich verraten.
Am liebsten würde ich euch das ganze Buch erzählen, von Miri der Frau Unterrevident (die Österreicher und ihre Titel) die sich bis zu einem gewissen Punkt damit arrangiert von ihrem Mann betrogen zu werden, denn er bietet ihr trotz allem das, was sie immer wollte, ein Leben in der Stadt. Von Hedi, die erfolglos versucht vor der Vergangenheit zu fliehen, indem sie ins Kloster ging, Gott sei Dank funkte ihr Willi dazwischen und von Wetti, meinem absoluten Lieblingscharakter, für schwachsinnig wurde sie in der Schulzeit erklärt, weil sie sich nicht einfügte und nicht das tat was andere Kinder tun, weil sie stundenlang Insekten auf der Wiese beobachten konnte, dabei ist sie vielleicht die klügste unter den Geschwistern und die Natur bietet ihr und allen anderen die besten Erklärungen, die sie dann vollkommen emotionslos zum Besten gibt.
Von Sepp erfahren wir wenig, er hat sich eingerichtet als Verwaltungsangestellter, weit weg vom Bauernhof der Familie und auch Nenerl wird zunächst nur am Rande erwähnt, das aber aus gutem Grund.
Sie alle haben mit den Geistern ihrer Vergangenheit zu kämpfen und davon erzählt Vea Kaiser auf eine sehr charmante Art, ich habe noch nie so traurige Geschichten gelesen die mit soviel Humor erzählt wurden. Wie traurig sie teilweise sind, wurde mir erst nach dem Buch so richtig klar.
Ich vergebe eine absolute und uneingeschränkte Leseempfehlung.
- Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
- Verlag: Kiepenheuer&Witsch (7. März 2019)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3462051423
- ISBN-13: 978-3462051421