Mittwoch, 28. September 2022

Suppenhelden: Eine Anthologie

 


Es war ein Versprecher, als die Herausgeberin Tanja Kummer in einem Anfall von Verhungerung, wie sie sonst nur Katzen kennen, anstatt Superhelden dem Verleger gegenüber von SUPPENHELDEN sprach. Und man lachte zusammen. Und man scherzte immer weiter. Dann wurde es ernst. Die Idee einer Anthologie fraß sich tief in alle Organe der Herausgeberin. Und der Verleger sagte zu langsam »NEIN«. Damit war es klar, es sollte dieses Buch geben. Suppenhelden allerleckerster Güte, die um Minestropolis kämpfen. Vergesst also alles andere. Das ist nur nachgekochte fade Brühe. 12 heldenhafte Kurzgeschichten von tollen Buchstabenverwurstler*innen auf 272 nicht immer sabberfesten Seiten als Taschenbuch. Die Anthologie des Leseratten Verlages aus dem Jahr 2022. Na dann Mahlzeit!XXX

Der Leseratten Verlag ist bekannt für humorvolle, um nicht zu sagen, schräge Geschichten und so hatte ich schon eine leise Ahnung, was mich erwarten würde, bevor ich das Buch überhaupt in Händen hielt.

Nach dem feigen Mord an Don Chilli Fleischklops verdächtigt dessen Sohn Fleischklops Junior den Suppenhelden Captain Gulasch, seinen Vater ermordet zu haben und sinnt auf Rache, ganz nebenbei will er auch noch die Macht in Minestropolis an sich reißen, so weit zum roten Faden, der sich durch alle 12 Geschichten zieht. 

Den Beginn macht Tanja Kummers Story "Ein Fleischklops kommt selten allein" in der wir Captain Fleischklops in einer Situation kennenlernen, die wir alle kennen, da muss man schnell aus dem Haus und findet nichts zum Anziehen, das gewünschte Outfit ist entweder in der Wäsche oder so verwaschen, dass man sich damit echt nicht mehr auf die Straße trauen kann, doch wenn das Kochtopfsignal am Himmel erscheint muss das äußere Erscheinungsbild in den Hintergrund treten. 

Wer nach dem Lesen des Klappentextes, noch nicht so genau wusste, was ihn erwartet, nach der Auftaktgeschichte müsste es allen klar sein, es sind Geschichten zum Abschalten und einfach mal den Alltag vergessen. Das ist zwischendurch sehr erholsam, die Suppenhelden lassen den Alltag für kurze Zeit in den Hintergrund treten, auch wenn ich zugegebenermaßen die Anthologie nicht an einem Stück lesen konnte, zu viel Suppe, egal wie schmackhaft, übersättigt und der Appetit darauf kommt erst am nächsten Tag wieder zurück.


Zum Großteil sind die Suppen mit Humor gewürzt, aber die eine oder andere hat dann noch eine Zutat, die zum Nachdenken anregt.

Nicole Höllrigls Geschichte, Verflixt und ausgekocht: Kleine Helden, ganz groß, erzählt von Karli, dessen Helikoptermama. Frau Grünschopf kann ihren Sohn nicht loslassen, sie würde ihn am liebsten zur Schule tragen und dass sie seine Referate schreibt, ist ja nun selbstverständlich, weil Karli sich auf anderes konzentrieren soll. Nur Karli gefällt das nicht, er will selbständig sein und als sich ihm die Chance bietet, gar die Suppenhelden in ihrem Kampf zu unterstützen, wirft sich das junge Gemüse in den Kampf. 
Diese Geschichte zeigt deutlich, dass Kinder nicht nur Wurzeln, sondern auch Flügel brauchen, ihr dürft gespannt sein, ob das auch Frau Grünschopf lernt.
Mir gefiel diese Story mit am besten.

Eine weitere Lieblingsgeschichte ist

Alte Hasen kocht man nicht von Petra Pribitzer.

Hier vermischt sich Fantasy mit Suppen(r)heldencomics,.
Pernita Pozole ist schon lange im Suppenheldenruhestand, einst von der Unterwelt Minestropolis als Chili Hexe gefürchtet, sieht ihn ihrem Suppenkessel, dass sich in Minestropolis etwas zusammenbraut. Als die Zeichen, dass sich die Stadt in Gefahr befindet, immer deutlicher werden, erkennt sie, dass sie, Ruhestand hin oder her, eingreifen muss. Diese Geschichte ist mit der Erkenntnis gewürzt, dass die Erfahrung, die ein Mensch in seinem Leben sammelt, auch im Alter noch mehr als nützlich ist und: Einmal Suppenheld, immer Suppenheld.


Anthologien haben die Eigenheit, dass dem Leser vielleicht nicht jede Story gefällt, auch ich hatte wie weiter oben schon geschrieben meine Lieblinge, hier gab es aber keine, bei der ich mir dachte, dass ich sie nun nicht gebraucht hätte, das war auch dem roten Faden geschuldet, alle Geschichten erzählen von den Versuchen der Suppenhelden die Stadt vor dem fiesen Fleischklops Junior zu retten und in der letzten Geschichte Die ganze Wahrheit von Laurence Horn erfahren wir, wie der Titel schon sagt, die ganze Wahrheit über den Mord an Don Chili Fleischklops.

Ein großes Lob gebührt der Herausgeberin Tanja Kummer und dem Herausgeber Laurence Horn, aus vielen unterschiedlichen Geschichten die herauszufiltern, die am Ende ein stimmiges Gesamtwerk ergeben, stelle ich persönlich mir sehr schwierig vor. 


Jetzt komme ich noch kurz zur Aufmachung des Buchs, das Cover wurde von Chris Schlicht gestaltet und passt gut zu den anderen Büchern des Verlags. Jeder Geschichte ist eine kurze Biografie der einzelnen Autorinnen und Autoren vorangestellt, sowohl als Text und im Rahmen ihrer Suppenheldentätigkeit als Sammelkarte. 
Ab und an, ganz selten wird man als Leser noch von einem Witz überfallen, die sind so unwitzig, dass es mir beim Lesen die Zehennägel aufrollte, ich liebe diese Art von Witzen, das ist kein Widerspruch in sich, das zeigt nur, dass auch mein Humor manchmal etwas gewöhnungsbedürftig ist.

Passend zum Buch gibt es auch noch ein Kochbuch mit Suppenrezepten der besonderen Art, dieses Kochbuch ist nur über den Verlag direkt zu beziehen und nur so lange der Vorrat reicht.


Die Suppenköche:

Tanja Kummer
Wolfgang Schröder
C.G.Bittner
Petra Pribitzer
Lorenzo Maxwell
Cat Stiller
Nicole Höllrigl
Kai Braddick
Dagmar Oberländer
Thorsten Frank
Oda Holzknecht
Laurence Horn





  • Herausgeber ‏ : ‎ Leseratten Verlag; 1. Edition (12. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3945230640
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3945230640









Donnerstag, 22. September 2022

Wenn der Nebel schweigt: (Thriller von Roman Klementovic)



Das Tal, so wird der Ort genannt, an dem Jana aufwuchs, was so idyllisch klingt, ist in der Realität ein nebliger ungemütlicher Ort, den Jana seit Jahren meidet, nichts zieht die junge Frau nach Hause. Zu ihrem Vater hat sie kaum noch Kontakt und ihre Mutter ist seit Jahren tot, sie wurde ermordet und der Täter wurde nie ermittelt, obwohl ihr Vater der Hauptverdächtige war, konnte ihm der Mord nie nachgewiesen werden. Eines Tages erhält Jana eine dringende Nachricht von einem Freund ihres Vaters, sie müsse sofort nach Hause kommen, um ihren Vater stünde es schlimm. Widerwillig kehrt sie heim und erlebt einen Schock, ihr Elternhaus ist bis unters Dach vermüllt. Beim Versuch etwas Ordnung zu schaffen macht sie eine Entdeckung, die alles verändert.

Ich habe mich sehr auf das neuste Werk Roman Klementovic gefreut, ich kannte schon frühere Werke des Autors und mag die Art und Weise wie er schreibt sehr, seine Storys sind immer wieder für eine Überraschung gut, als Leser weiß man nie was als nächstes passiert, überraschende Wendungen sorgen für Abwechslung und seine ruhige Art zu erzählen hebt sich wohltuend von vielen reißerischen und bluttriefenden Thrillern ab. (nicht falsch verstehen, die liebe ich auch, aber Abwechslung verhindert Leseflauten). Seine Charakterbeschreibungen lassen die Personen lebendig werden und zwingt einen schnell dazu Sympathien und Antipathien zu verteilen, ob die Einordnung immer gerechtfertigt ist, eröffnet sich erst während des Lesens, also wie im richtigen Leben.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Gmeiner-Verlag; 2022. Edition (14. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 345 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3839203139
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3839203132

Sonntag, 18. September 2022

Das ewige Licht von Notre-Dame von Claudius Crönert


 Nach dem Tod seiner Mutter kommt Pierre 1237 für die Lehre als Baumeister nach Paris. Hier gerät er sogleich in den Bann der größten Kathedrale, die er je gesehen hat: Notre-Dame de Paris. Als der dortige Baumeister stirbt und Pierres Lehrherr Jean sein Nachfolger wird, kann Pierre sein Glück kaum fassen. Auch, weil er fortan an der Seite der schönen Bildhauerin Agnes arbeiten wird. Doch Baumeister Jean wird sein Erfolg nicht gegönnt und die Neider intrigieren. Als es zu einem schrecklichen Unfall kommt, steht Pierres größte Bewährungsprobe bevor: Kann er Jeans Vision von Höhe und Licht Wirklichkeit werden lassen?

Die Cathédrale Notre-Dame de Paris oder kurz Notre Dame ist eines der berühmtesten Wahrzeichen Paris, der Bau dieser imposanten Kathedrale begann schon 1163 und dauerte fast 200 Jahre, in Claudius Crönerts Roman Das ewige Licht von Notre -Dame dürfen wir den Bau eine kurze Zeit begleiten. 

Pierre kommt nach dem Tod auf den Wunsch seiner Stiefmutter als Lehrling in den Haushalt des Baumeisters Jean des Chelles, der den Bau einer Kirche in Saint-Denis als Baumeister betreut. Pierre ist dreizehn, als sein Vater ihn in die Obhut eines Fremden gab und da hatte ich tatsächlich erwartet, dass wir nun über seinen Leidensweg lesen werden, doch zu meiner großen Freude war das nicht der Fall, zwar ist sein Lehrherr nicht gerade der freundlichste Mensch auf Erden, er ist schweigsam und oft in sich gekehrt, aber niemals gewalttätig oder gemein, seine Frau Nathalie behandelt den Jungen vom ersten Tag an als gehörte er schon immer zum Haushalt, einzig Agnes die Tochter des Hauses steht ihm etwas feindselig gegenüber, die Gründe dafür klären sich aber später. Auf der Baustelle  lernt er viele verschiedene Gewerke kennen, vom Mörtel mischen bis zum Zusägen des Bauholzes über Steinmetzarbeiten, sein Lehrherr setzt ihn überall ein und er lernt die Besonderheiten der einzelnen Gruppen kennen, von den meisten wird er gut behandelt, nur manchmal stößt er auf Ablehnung, aber auch hier bleibt der Autor im Rahmen und zeichnet ein realistisches Bild einer Baustelle 

In Pierre wächst immer mehr der Wunsch danach, selbst ein Baumeister zu werden und eines Tages den Bau der Cathédrale Notre-Dame de Paris zu leiten. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg und der ist geprägt von Neid und Intrigen. 
Zunächst einmal übernimmt Jean den Bau Notre Dames als der bisherige Baumeister stirbt, seine Vision von einer lichtdurchfluteten Kathedrale überzeugt die Bauherren, Pierre kann sein Glück kaum fassen, er darf als Lehrling mit seinem Meister auf Baustelle seiner Träume arbeiten und ein klein wenig zu diesem Glück trägt auch die Tatsache bei, dass auch Agnes, Jeans Tochter als Bildhauerlehrling, dort arbeitet.

Vieles an der Geschichte hat mich überrascht, da wäre zum einen, dass auch Frauen auf den Baustellen arbeiteten, und zwar nicht als Köchin oder Wäscherin, sondern als Handwerkerinnen, sie schnitten Holz, mischten Mörtel, sie behauten Steine und vieles mehr. Dennoch musste Agnes viel Überzeugungsarbeit leisten, um ihre Eltern davon zu überzeugen, dass sie Bildhauerin werden will, sie haben eine andere Zukunft für ihre Tochter vor Augen, Heiraten, Kinder bekommen und einem Haushalt vorstehen, das soll ihr Schicksal sein. Erst als Jean die Stelle als Baumeister bekommt und damit dieses spezielle Gefühl verspürt, das einen durchströmt, wenn ein Traum sich erfüllt, versteht er den Wunsch seiner Tochter.

Claudius Crönert hat einen gut recherchierten Roman geschaffen, der Fiktion und Realität gekonnt verwebt, die Baumeister  Jean des Chelles und Pierre de Montreuil sind historische Persönlichkeiten, über deren wirkliches Leben nicht allzu viel, bekannt ist, sodass Crönert genug Spielraum hatte, um ihnen ein Leben zu schenken, das zwar fiktiv, aber dennoch sehr gut vorstellbar ist.

Mein Fazit: Ein sehr lesenswerter Roman, der mich dazu gebracht hat, mich mit den verschiedenen Baustilen zu beschäftigen, ich liebe es, wenn Geschichten mich nicht nur gut unterhalten, sondern mir auch noch etwas beibringen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Taschenbuch; 1. Edition (1. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 464 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3548066437
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3548066431


 

Freitag, 16. September 2022

Blutige Stufen von Chris Carter (Ein Hunter-und-Garcia-Thriller, Band 12)

 

Die Tote hängt an einem Angelhaken von der Decke. Ihre entsetzlich zugerichtete Leiche lässt Detective Robert Hunter ahnen, dass der Killer nicht nur vom Töten angetrieben wird. Für ihn sind Angst, Schmerz und Qual Teil einer blutigen Lektion. Bei der Autopsie entdeckt Hunter in der Toten etwas, das ihn an seine Schulzeit erinnert. Jetzt weiß er, ihm bleibt nicht viel Zeit.

Als Melissa angetrunken von einer Party nach Hause kommt, ahnt sie nicht, was sie erwartet. Immer noch im Hochgefühl eines Flirts geht sie zu Bett, um kurz darauf, Nachrichten auf ihrem Handy zu bekommen, die zunächst nur verstörend sind, um sie dann in Panik zu versetzen.

"In dem Moment erkannte sie, dass sie nicht allein im Haus war"


Ich begleite Hunter und Garcia fast durchgängig seit dem ersten Band und ich bin jedes Mal wieder begeistert, von ihrer Art der Zusammenarbeit und ihrem freundschaftlichen Verhältnis, dies ist wohl das Geheimnis ihres Erfolgs.
Doch auch die Spezialisten für besonders brutale Verbrechen tappen in ihrem neusten Fall länger im Dunkeln, nach dem Mord an Melissa gibt es bald schon eine weitere Leiche und auch diese bleibt nicht die Letzte. Hunter und Garcia müssen herausfinden, was die Opfer verbindet, um den Täter zu stoppen. Ich hatte lange nicht mal den Anflug einer Ahnung, wer der Täter sein könnte, noch von seinem Motiv und die Wendung, die der Fall am Ende nimmt, hat mich mehr als überrascht.


Chris Carter ist ein Meister der Spannung und das muss gesagt werden: Für die Grausamkeit. 

Die Verbrechen, die er sich ausdenkt, seine expliziten Beschreibungen der Taten sind wahrlich nichts für Menschen mit schwachen Mägen und Nerven. Dabei ist "ausdenken" sicherlich nicht das richtige Wort, denn als Kriminalpsychologe hat der Autor Einblicke in die Abgründe der menschlichen Psyche, die allen anderen zum Glück verwehrt bleiben.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Taschenbuch; 1. Edition (1. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 496 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3548064477
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3548064475
  • Originaltitel ‏ : ‎ Genesis
  • Übersetzung: Sybille Uplegger

Mittwoch, 14. September 2022

Blutvogel: Am Ende der Lüge von Astrid Korten

 


Taubendorf, ein kleiner Ort in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze. In einem abgelegenen Haus am Waldrand leben die Wolkows, eine nach außen hin perfekte Familie, wäre da nicht die achtjährige Aljona, die nicht an Gott glaubt. Eines Tages erwischt Gregor Wolkow das Mädchen dabei, wie es nachts heimlich im Wald tanzt. Er wendet sich an den Ältestenrat der örtlichen Glaubensgemeinschaft. Aljonas Ungehorsam wird hart bestraft. Zweiundzwanzig Jahre später ist es keinem der Wolkow-Kinder gelungen, dem Terror des gläubigen Vaters zu entkommen. Sie sprechen kaum über die Folgen. Aljona kümmert sich um den verhassten, dementen Vater, aber der trügerische Frieden in der Familie fordert einen hohen Tribut. Als das Böse wie ein Sturm aufzieht und die Familie endgültig entzweit, drängen allzu lang gehütete Geheimnisse an die Oberfläche, und mit ihnen eine tödliche Gefahr.

Während der Vorbereitungen zum 80sten Geburtstags ihres dementen Vaters wird auf Aljona geschossen, die ermittelnde Beamtin Fuchs, trifft während ihrer Ermittlungen auf eine zutiefst gestörte Familie und Aljona verschweigt die Identität des Schützen. 

Diese Rezension wird schwierig, weil die Autorin Astrid Korten ein schwieriges Thema aufgegriffen hat.
In der Familie Wolkow herrscht der Vater wie ein Gott über seine Frau und seine Kinder, wer nicht gehorcht oder in seinen Augen nicht gottesfürchtig genug ist, wird gnadenlos bestraft. Besonders hart trifft es Aljona und ihren Bruder David, die beiden leben immer in der Angst vor körperlicher Züchtigung, sie sind die bösen Kinder, während Johannes und Esther die braven Kinder nach Gottes Willen oder eher nach dem Willen ihres Vaters leben. Im Haus herrscht immer eine ungute Atmosphäre, geprägt von Gewalt, Blut und Tränen, einzig ihrer Mutter gelingt es einen kleinen Ausgleich zu schaffen, immer wenn der Vater nicht da ist, beginnt eine kurze Zeit der Freude. Als die Mutter während eines Urlaubs die Familie verlässt und sich nie wieder meldet, müssen Aljona und David noch mehr unter dem fanatischen Vater leiden und doch ist es Aljona, die sich später hauptsächlich um den dementen Vater kümmert, der sich weigert in ein Pflegeheim zu gehen und als er keinerlei eigene Entscheidungen mehr treffen kann, ist es Johannes, der immer mehr in die Rolle des Vaters schlüpft und er hat ein Druckmittel in der Hand, mit dem er Aljona zwingt sich, um den Vater zu kümmern.

Im Laufe der Geschichte erfahren wir immer mehr über die psychischen Schäden der mittlerweile erwachsenen Kinder, es ist für nicht betroffene kaum vorstellbar wie ein Leben wie sie es führen müssten aussehen mag und welche Folgen eine Kindheit wie ihre hat.
Die Folgen, die es für die Geschwister hat, kann ich hier nicht näher ausführen, ihr sollt das Buch ja schließlich selber lesen.
Eine Kindheit mit einem Vater wie, dem der Geschwister Wolkow kann, nicht spurlos vorübergehen und auch wenn in Astrid Kortens Roman, religiöser Wahn der Auslöser für all die Tränen und der Gewalt ist, lag es doch wohl in der Natur des alten Wolkow, seine Kinder so sehr zu quälen und einzuschüchtern. Allerdings können sie auch keine Hilfe aus der Gemeinde erwarten, die strengen Glaubensgrundsätze sind so weit entfernt von gesundem Menschenverstand wie die Erde vom Mond.

Blutvogel ist ein Buch, dass Beklemmungen auslöst und da es auf wahren Begebenheiten beruht, ist die Geschichte, die Astrid Korten erzählt, umso erschütternder.


  • Herausgeber ‏ : ‎ via tolino media (21. August 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 280 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3754666002
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3754666005





Montag, 12. September 2022

Ein Lied vom Ende der Welt von Erica Ferencik

 

Ein Anruf wirft die Linguistin Valerie völlig aus der Bahn. Wyatt, ein Forschungskollege ihres toten Bruders, hat in der Arktis ein Mädchen gefunden, das eine unbekannte Sprache spricht. Obwohl Valerie den Ort fürchtet, an dem ihr Bruder starb, reist sie ins ewige Eis. Dort droht die Situation sie zu überwältigen: Die Natur ist wild, Wyatt brillant, aber unberechenbar. Einzig zu dem Mädchen Naaja spürt Valerie eine tiefe Verbindung, und es gelingt ihr, dessen Vertrauen zu gewinnen. Aber Naaja wird jeden Tag schwächer, und Wyatt verhält sich immer rätselhafter. Valerie weiß, dass sie auf ihre Intuition vertrauen und Naaja retten muss – selbst wenn sie damit ihr Leben aufs Spiel setzen muss.


Valerie arbeitet als Linguistin, ohne jemals eines der Länder, dessen Sprache sie beherrscht, bereist zu haben, sie leidet unter diversen Ängsten, die sie daran hindern, ein komplett normales Leben zu führen, um halbwegs normal funktionieren zu können, nimmt sie Medikamente. Als sie allerdings einen Hilferuf eines Forschungskollegen ihres in der Arktis verstorben Bruders erhält, der sie darum bittet, die Sprache eines kleinen Mädchens zu verstehen, das er aus dem Eis rettete, überwindet sie ihre Ängste und reist in die Arktis. Dort angekommen findet sie ein zutiefst verstörtes Mädchen vor, dessen Gesundheitszustand immer schlechter wird, Valerie spürt, dass sie schnell das Geheimnis um das Mädchen lüften muss, um sie zu retten und Wyatt der Forschungskollege ihres verstorbenen Bruders scheint mehr als nur ein Geheimnis zu hüten.

Als ich den Klappentext las, war meine Neugier sofort geweckt und ich wurde nicht enttäuscht, auch wenn nicht von Beginn an klar war, worum genau es in der Geschichte geht, schaffte es die Autorin, Spannung aufzubauen und diese auch bis zum Ende zu halten. Die Protagonisten sind gut ausgearbeitet, nicht alle sind mir sympathisch gewesen, aber das hätte auch nicht gepasst. Gerade Wyatt verströmt eine ungute Atmosphäre und seine Arbeitsmethoden scheinen sehr fragwürdig, wie fragwürdig sie allerdings wirklich sind, stellt sich erst im Laufe der Handlung heraus und Valerie muss sich entscheiden, wie weit sie gehen würde, um das Mädchen Naaja zu retten und um die Wahrheit über den Tod ihres Bruders zu erfahren.

Auch wenn das Buch die eine oder andere Länge aufweist, ist es als Gesamtwerk durchaus lesenswert.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Goldmann Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (14. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442316782
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442316786
  • Originaltitel ‏ : ‎ Girl In Ice


Die Partnerschaft: Neue Horizonte von Sandra Novak

 




Martina hat mit Anfang vierzig schon viel erreicht, als angehende Partnerin in der angesehenen Anwaltskanzlei, in der sie seit Jahren arbeitet. Und auch im Privatleben scheint auf den ersten Blick alles perfekt zu sein, ihr Freund Christian scheint kein Problem damit zu haben immer wieder zurückstecken zu müssen, wenn Martinas Job es verlangt.


Doch der Schein trügt, Martina steht unter enormen Stress, nach einem verlorenen Fall ist der Erfolgsdruck, den nächsten Fall gewinnen zu müssen, immens hoch. In der Kanzlei hat sie kaum Rückhalt, eine Tatsache, die mich doch verwunderte, da sie seit Jahren dort tätig war, die Gründe dafür haben sich mir nicht ganz erschlossen. Christian hingegen möchte nach 14 Jahre, Beziehung endlich einen Schritt weitergehen und denkt immer häufiger daran, eine Familie zu gründen und setzt sie damit ebenfalls sehr unter Druck.


Nicht einmal bei ihren Eltern kann sie zur Ruhe kommen, denn das Verhältnis zu ihrer Mutter ist mehr als angespannt.


Martina versucht lange allem gerecht zu werden, nur sich selbst drängt sie damit immer mehr in den Hintergrund und ignoriert die Signale ihres Körpers, der mit Magenschmerzen und Müdigkeit reagiert.


Sandra Novaks Geschichte über Martina zeigt eindrücklich die Erwartungshaltung der Gesellschaft Frauen gegenüber, sie sollen in erster Linie funktionieren, gute Töchter sein, perfekte Partnerinnen und im Berufsleben sollen sie mehr als 100 % geben. Und aus irgendeinem einem Grund, den ich bisher noch nicht herausgefunden habe, versuchen Frauen oft all dem gerecht zu werden, eigentlich sollte mittlerweile jedem klar sein, dass das nicht funktionieren kann. 


Martina findet nur langsam einen Weg aus dem Druck, um es mal so auszudrücken, sie setzt sich mit einem Geheimnis aus ihrer Vergangenheit auseinander und spricht endlich auch mit Christian darüber, welches Geheimnis das ist verrate ich an dieser Stelle nicht. Sie trifft auch noch andere Entscheidungen und als Leserin spürt man, wie nach und nach etwas von ihr abfällt und die Martina zum Vorschein kommt, die jahrelang in ihr versteckt war.


Ich mochte die Story, die Autorin lässt ihren Leserinnen und Lesern Raum für eigene Gedanken, das mag nicht jedem gefallen, ich persönlich konnte Martinas Handlungsweise nicht immer nachvollziehen, wenn man die Möglichkeiten hat, sollte man immer das Leben leben, das einem zusagt und nicht das, was andere von einem erwarten. 


  • Herausgeber ‏ : ‎ Sandra Novak (Nova MD); Erstauflage (10. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 263 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3985953546
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3985953547



Mittwoch, 7. September 2022

Die Tote im Eisblock: Ein Dave Robicheaux-Krimi, Band 19 von James Lee Burke

 


Die Explosion einer Ölbohrinsel verursacht eine Umweltkatas­trophe unvorstellbaren Ausmaßes an der Küste Louisianas. Die Natur wird Jahre brauchen, um sich davon zu erholen. Auch Detective Dave Robicheaux müsste sich eigentlich erholen: von einer Verletzung, die ihn beinahe das Leben kostete. Doch als eine junge Frau brutal ermordet wird und sich niemand für das ­Opfer zu interessieren scheint, übernimmt er den Fall. Für Robicheaux wird schnell klar, dass zwischen der Explosion und dem Mord ein Zusammenhang besteht. Seine Ermittlungen führen ihn dieses Mal nicht in dunkle Gassen und schäbige Absteigen, vielmehr sind es noble ­Villen und Herrenhäuser – Orte, an denen selbst die Polizei ­machtlos scheint. Zum Glück ist er nicht allein, und gemeinsam mit seinem Freund Clete setzt er alles daran, die einflussreichen Widersacher trotz allem zur Rechenschaft zu ziehen. 

Die Tote im Eisblock ist tatsächlich schon der 19. Band der Reihe um Dave Robicheaux, allerdings muss man nicht alle Vorgängerbände gelesen haben, ich kenne auch noch nicht alle und war trotzdem gleich zu Beginn wieder ganz nah an Dave und Clete. Das möchte ich schon mal vorausschicken.


Burke lässt in diesem Band nichts aus, Korruption, Missbrauch, Mord, Drogenhandel, Folter, Rassismus, alles, was die Palette der Verbrechen zu bieten hat, mit all dem haben Dave und Clete zu tun. Und dabei dringen sie in die feinsten Kreise der Gesellschaft ein und einigen Geschäftsleuten treten sie gewaltig auf die Füße, so gewaltig, dass sie selbst und auch Daves Familie in Gefahr geraten. 

Es dauert etwas, bis Dave und Clete alle Zusammenhänge aufdecken können und auch als Leser braucht man etwas Geduld, aber das macht nichts, es ist mörderisch spannend, quasi in Echtzeit dabei zu sein, bei den Ermittlungsfortschritten, aber auch bei den Rückschlägen, denn die gehören in Burkes Krimis dazu, seine Figuren scheinen mitten aus dem Leben gegriffen, sie lachen und weinen, sie bluten, sie kämpfen mit ihren inneren Dämonen und sie lieben und hassen. Ihre Methoden sind nicht immer ganz im Rahmen der Legalität, aber sie stehen immer auf der Seite derer, die sich nicht selbst wehren können und sie wissen, dass Recht und Gerechtigkeit nicht immer die gleiche Seite der Medaille sind. 

Dave und Clete sind mir in den vorigen Bänden sehr ans Herz gewachsen,  Dave ist schwierig, impulsiv, stur und löst Probleme auch gern mal mit Gewalt, während er auf der anderen Seite, sensibel und einfühlsam ist, doch während er sein privates Glück mit seiner Ziehtochter Alafair und seiner Frau Molly gefunden hat, hat Clete immer mehr mit seinem Vietnam Trauma zu kämpfen, dazu belasten ihn gesundheitliche Probleme und auch die Beziehung zu seiner Tochter gestaltet sich kompliziert von seinem nicht vorhandenen Glück mit Frauen muss man gar nicht erst sprechen. 

Aber auch die weiteren Protagonisten sind sehr interessant beschrieben, auf den ersten Blick sind sie gebildet, anständig und wohlerzogen, doch das alles ist nur Fassade, ein Blick dahinter, wie ihn uns Burke ermöglicht, zeigt, was sie wirklich sind: Abschaum, sie leben in ihrer ganz eigenen Welt, als wären sie immun gegen Strafverfolgung, sie blicken mit einer Selbstverständlichkeit auf andere herab und begehen Verbrechen an Mensch und Natur ohne eine Spur von Schuld oder Reue zu empfinden, die bei jedem anderen ein Gefühl von Übelkeit auslöst.

Ich bin wieder einmal begeistert von Burkes Sprachgewalt, seinen authentischen Dialogen. 

Ich zitiere mich an dieser Stelle einmal selbst, denn das beschreibt: Die Tote im Eisblock, genau.

Die Story ist wie ein Spinnennetz, alles ist irgendwie miteinander verbunden und wenn man an einer Stelle drauf tippt, zittert es an einem ganz anderen Ende. 

  • Herausgeber ‏ : ‎ Pendragon; Deutsche Erstausgabe Edition (27. Juli 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 688 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3865328113
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3865328113
  • Originaltitel ‏ : ‎ Creole Belle
  • Übersetzung: Bernd Gockel






Montag, 5. September 2022

HASHTAG – EINE NACHRICHT FÜR DICH von Peter Hereld




»Lasst sie doch ersaufen, die verdammten Flüchtlinge. Kein Deutscher will sie hier haben.«»Was?« Schwartz wurde schwindelig.
»Das hast du doch kürzlich geschrieben, in einem Internetpost, nicht wahr?«
»Ja aber …«
»Nichts aber – gute Reise, Arschloch!«
Die Gestalt zog an einem Hebel und das winzige Gummiboot fiel vom Haken, stürzte über die Reling in die stürmische Nordsee.


Hätten die Erfinder des Internets geahnt, was sie lostreten, vielleicht hätten sie alle Dateien gelöscht und alle Datenträger zerstört. Hass und Hetze, Verleumdung, die Verbreitung von Falschnachrichten, die Verabredung zu Straftaten, Verkauf von illegalen Drogen und und und ..., die Liste kann beliebig fortgeführt werden.


Peter Herfeld beschäftigt sich in seinem Krimi mit Hasskommentaren.


#Na da wird die grüne Dame kompostiert werden.

Jedem neuen Kapitel ist ein solcher Kommentar vorangestellt, in seinem Vorwort schreibt der Autor, dass es sich um leicht abgewandelte Kommentare handelt, die in ihrer Aussage so im Internet zu finden sind, diese Aussagen haben nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, einem der höchsten Güter in jeder Demokratie. In der Anonymität des Internets verlieren immer mehr Menschen alle Hemmungen.

Diese Kommentare bewusst zu lesen, tat mir fast körperlich weh.


Nun aber zum Krimi.
Als Pia Beck die Avancen ihrer neuen Vorgesetzten abweist, beschert ihr das noch vor Dienstantritt auf ihrer neuen Dienststelle einen schweren Stand. So ist sie nicht allzu böse, dass sie gleich an ihrem ersten Tag zu einem Außeneinsatz gerufen wird, gemeinsam mit dem Rechtsmediziner Dr. Paul Rudolph macht sie sich auf den Weg zu einem Leichenfundort, an dem sie die Leiche eines grausam verstümmelten Mannes vorfinden, um kurz darauf zu einer weiteren Leiche gerufen zu werden. Ein Serienmörder treibt sein Unwesen.
Pia Beck ist eine sympathische Ermittlerin, die trotz ihrer psychischen Beeinträchtigung, sie leidet unter einer schweren Form der  Arithmomanie (Zählzwang: Betroffene haben das zwanghafte Bedürfnis, Zählrituale durchzuführen), hervorragende Arbeit leistet, solange sie ihre Medikamente in der richtigen Dosierung nimmt. Als Leser verfolgt man gespannt die Ermittlungen, die sich als sehr schwierig herausstellen, der Täter hinterlässt kaum Spuren und nach den ersten Toten, deren Internetaktivitäten auf einen politischen Hintergrund hinweisen, fehlt dieses Motiv augenscheinlich bei den weiteren Opfern.
Es ist außerordentlich spannend, die Ermittlungen zu verfolgen und mehr über Pias Privatleben zu erfahren, normalerweise mag ich zu viel Privates in Krimis nicht, da es sich hier aber um den ersten Band einer Reihe um die Ermittlerin Pia Beck handelt, ist es wichtig sie kennenzulernen. 

Hashtag - eine Nachricht für dich, ist ein spannender und nachdenklich stimmender Krimi. Im inneren hinteren Klappentext findet sich eine Mailadresse, unter der man sich weitere Informationen und auch Hilfe zu dem Thema holen kann. 

  • Herausgeber ‏ : ‎ MAXIMUM Verlag; 1. Edition (5. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 414 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948346607
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948346607

Sonntag, 4. September 2022

Reaktor von Timo Leibig




Die Geschichte beginnt mit dem, was tief im Inneren jedem von uns Angst macht, ein Störfall in einem Reaktor, der außer Kontrolle gerät. 

Als Jonathan Beck in die Schweiz geschickt wird, um herauszufinden, was genau geschehen ist, kann er am betroffenen Reaktor keinerlei Fehlfunktionen feststellen, doch die Strahlenopfer und die kranken Tiere und Pflanzen sind nicht zu leugnen. Gemeinsam mit der Ärztin Laura Girad macht sich der Fachermittler Beck auf die Suche nach dem Ursprung der Strahlung.
Auf der Suche nach der Ursache kommen sie etwas auf die Spur, das in meinen Augen den Reaktorunfall eher unbedeutend erscheinen lässt, wobei "unbedeutend" definitiv das falsche Wort ist, aber leider fällt mir gerade kein passendes ein.

Timo Leibigs neuster Roman ist erschreckend nah an der Realität, wir alle wissen was passieren kann, wenn es zu einem Gau in einem Kernkraftwerk kommt, wer es nicht weiß muss nur einmal Tschernobyl googeln und wenn er dann denkt "das ist Jahrzehnte her und es war ein schlecht gewarteter sowjetischer Reaktor, der googelt noch Fukushima". 

Der Autor weckt auf unterhaltsame Weise die Angst in seinen Lesern und was wie ein Krimi beginnt, entwickelt sich zu einem hoch spannenden Science-Fiction Thriller, der es durchaus mit bekannten Werken aufnehmen kann. Leibigs Schreibstil ist gewohnt angenehm zu lesen. Ich mag es, wie er wissenschaftliche Erklärungen einbringt, die auch ein Laie versteht, ob das alles fundiert ist, vermag ich nicht zu sagen und es ist mir auch egal, es liest sich schlüssig und darauf kommt es mir persönlich an.
Fast hätte es einen Punkt gegeben, von dem ich dachte, dass er mich ärgern würde, die sich anbahnende Romanze zwischen Beck und Laura, doch zu meiner Erleichterung hielt sich das in angenehmen Grenzen und passte perfekt in die Hauptgeschichte, sodass ich den beiden Hauptcharaktere, die wie auch alle anderen Protagonisten sehr gut dargestellt wurden, ihre Hoffnung auf Glück wirklich gönnte.  

Ich vergebe für 

Reaktor

eine klare Leseempfehlung.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Belle Epoque Verlag (29. Juli 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 328 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3963573074
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3963573071




 

Freitag, 2. September 2022

Wer mit den Toten spricht von A.K.Turner Cassie Raven ermittelt (Raven & Flyte ermitteln 2)



 Cassie Raven, Assistentin der Rechtsmedizin mit einer Vorliebe für Piercings und Tattoos, ist für gewöhnlich hart im Nehmen. Als ihre geliebte Großmutter ihr jedoch gesteht, sie jahrelang über den Tod ihrer Eltern belogen zu haben, ist Cassie tief erschüttert. Denn es gab nie einen tödlichen Autounfall, als sie noch klein war – stattdessen wurde ihr Vater für den brutalen Mord an ihrer Mutter verurteilt und saß 17 Jahre im Gefängnis.

Mithilfe von DS Phyllida Flyte - ihrer Beinahe-Freundin -  stellt Cassie Recherchen an, die jedoch immer mehr Fragen aufwerfen. Dann taucht ihr plötzlich bei Cassie auf und behauptet unschuldig zu sein. Nur die Toten können die ganze erschütternde Wahrheit enthüllen.


Cassie Raven arbeitet als Assistentin der Rechtsmedizin,  für die sympathische junge Frau mit einer Vorliebe für Tattoos, Piercings und schwarzer Kleidung ist ihr Job eine Berufung, sie will, dass den Toten der Respekt entgegengebracht wird, den sie verdienen. Ihr neuster Kunde, wie sie die Toten nennt, ist der 15-jährige Bradley Appleton, der Junge hat augenscheinlich Selbstmord begangen, doch die Gründe dafür liegen im Dunklen. Ebenso im Dunkeln liegt die Wahrheit über den Tod ihrer Mutter, von der Cassie bisher dachte, sie wäre gemeinsam mit ihrem Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Nach einem Schlaganfall gesteht ihr ihre Großmutter, bei der die junge Frau aufwuchs, dass diese Geschichte nicht stimmt, ihr Vater wurde des Mordes an ihrer Mutter für schuldig befunden und saß 17 Jahre im Gefängnis, bis er bei ihr auftaucht und seine Unschuld beteuert. Nach anfänglichem Zögern sucht Cassie nach der Wahrheit.

Wer mit den Toten spricht ist der zweite Band der Reihe um Cassie Raven und mein erster, ich habe allerdings nichts vermisst, das spricht definitiv für das Buch, das gemächlich beginnt und dann mehr und mehr Fahrt aufnimmt.

Ich mochte Cassie von Beginn an, ihre empathische Art, mit den Menschen, die sie umgeben umzugehen, egal ob sie nun lebendig oder schon tot sind, macht sie sehr liebenswert, ihre Figur zeigt den Lesern auch wieder einmal auf, dass man nicht vorschnell über jemanden urteilen darf, nur weil er sich unkonventionell kleidet. Ihr Gegenpol ist DS Phyllida Flyte, die Polizistin ist manchmal überkorrekt und weniger gefühlsbetont als Cassie, was sie aber nicht weniger sympathisch macht.
Besonders ans Herz gewachsen ist mir aber Weronika, Cassies polnische Großmutter, eine Großmutter wie aus dem Bilderbuch, ihre Art mag ich sehr.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Droemer HC; 1. Edition (1. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 384 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3426282496
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3426282496
  • Originaltitel ‏ : ‎ Life Sentence
  • Übersetzung: Marie-Luise Bezzenberger


 

Donnerstag, 1. September 2022

Mitternachtssymphonie von Alexander Pfeiffer











Die Einstiegsgeschichte "Eine Zeit zum Leben" lässt gleich darauf schließen, was die Leserinnen und Leser in diesem Buch erwartet. Es sind Episoden aus dem Leben, genauer aus dem Leben bei Nacht, nicht die großen dramatischen Geschichten über Mord und Totschlag oder gar mystische Wesen, weder Krimi noch Fantasy und das macht sie um so interessanter, denn es sind Geschichten, die wir auf die eine oder andere Art vielleicht schon selbst erlebten. Da ist der Mann, der Weihnachten mit seiner Freundin in einer Ferienwohnung verbringt, mit der ihn nicht wirklich etwas verbindet "Und da oben noch immer derselbe alte Mond". Ich hatte mir überlegt, zu jeder Geschichte etwas zu schreiben, aber das fällt mir schwer, denn es sind intime Geschichten, die so tief in das Seelenleben der Protagonisten blicken lassen, dass ich oft das Gefühl hatte, bei einem Freund zu sein, ihn zu beobachten und in seine Geheimnisse eingeweiht zu werden, von denen er nicht wollte das, sie irgendwer kennt.
Im Klappentext heißt es:


15 Geschichten Alexander Pfeiffers, die die dunkle Schnittmenge aus Einsamkeit, Erotik und Kreativität erforschen.


Ob sie erotisch sind, muss jeder für sich entscheiden, auf jeden Fall unterstreichen die Erotikszenen die vorherrschende Einsamkeit. Aber es ab auch Geschichten, die mich daran erinnerten, dass die Nacht auch ihre angenehmen Seiten hat (nicht was ihr denkt 😇 ) . Der dunkle Ort und Nachts auf Tour erzählen von nächtlichen Autofahrten, auch wenn auch diese Geschichten eher traurig sind, erinnerten sie mich doch an dieses besondere Gefühl, das einen manchmal kurz vor Sonnenaufgang auf der Suche nach einem späten oder sehr frühen Kaffee überkommt, diese besondere Stimmung lässt sich kaum in Worte fassen, es sei denn man ist Schriftsteller und auch dann hat nicht jeder von ihnen das Talent, Alexander Pfeiffer aber hat es und so sind aus seiner Feder Geschichten geflossen die nachwirken und die man immer wieder lesen kann.


Herausgeber ‏ : ‎ Edition Outbird; 1. Edition (1. September 2022)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Broschiert ‏ : ‎ 138 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3948887365
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948887360