Liebe Carolin herzlich willkommen im Bücherhaus, mach es dir gemütlich, wärst du wirklich hier würde ich dir erst einmal Kaffee, Tee und Kekse anbieten, so musst du dir die einfach vorstellen.
Ich freue mich sehr, dass du dich bereit erklärt hast mir ein paar Fragen zu beantworten. Magst du dich zunächst einmal in 5 Worten beschreiben?
Ich freue mich, hier sein zu dürfen, aber wer kann schon Kaffee und Keksen widerstehen? Wenn ich eins in den Jahren als Autorin gelernt habe, dann, dass sich die meisten mit der Selbstvorstellung schwertun. Ich bin da nicht anders. Lass mich kurz überlegen, während ich den Kaffee genieße.
5 Worte… ok… zuerst möchte ich erklären, dass ich gerade eine 5-minütige Diskussion mit meinem Mann hatte, ob ich mich nun in 5 einzelnen Worten beschreibe oder in einem Satz mit 5 Worten. Wir kamen überein, dass es wirklich die Worte werden:
Chaos, Verträumt, Zombie, Phantastik und geduldig Ungeduldig (sorry, das waren dann doch 6)
Ich habe mich über deine Arbeit natürlich schon etwas schlau gemacht und weiß, dass du nicht nur als Autorin, sondern auch als Lektorin und Herausgeberin arbeitest.
Manuela: Die Lektorensache macht mir jetzt etwas Angst. Nachher bekomme ich das Interview mit lauter roter Farbe verzierten Fragen zurück, weil sie ungeschickt formuliert sind.
Carolin: Ach was, die Korrekturen mache ich einfach still und heimlich. Und ich nehme extra ein Grün für die Antworten der Fragen. Dann sieht es freundlich aus.
1. Welche dieser Tätigkeiten war denn zuerst da?
Zuerst war ich Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste, was wiederum aus meiner Liebe zum Buch resultierte. Geschrieben habe ich, seit ich einen Stift halten, Geschichten erfand ich, seit ich denke kann. Damit könnte man behaupten, dass die Autorin als erstes da war. Aber wenn genau sein möchte, war ich als erstes eine Herausgeberin.
Die Geschichte ist alt und oft erzählt und doch eine meiner liebsten. Ich habe Torsten Low und seinen Verlag während meiner Ausbildung bei einer Lesung zur Buchmesse in der „la petit Absintherie“ kennengelernt. Ich hörte mir sein Programm an und war begeistert. Da ich für mein Ausbildungsprojekt über eine Anthologie nachdachte, entschied ich mich, zum WGT meine Chance zu nutzen und Torsten Low meine Idee nach der Lesung mitzuteilen.
Nun, ich war ein wenig schüchtern, traute mich nicht zurecht und trank mir mit Absinth ordentlich Mut an, weshalb mein Pitch etwas lallend ausfiel.
„Herr… Herr… Low…“
„Herr Low hieß mein Vater, ich bin Torsten.“
So fing es an.
Als Herausgeberin der „phantastischen Bibliotheken“ und als Autorin einer dieser Geschichten, also kam beides irgendwie gleichzeitig.
Neben dem Studium begann ich dann mit dem Lektorieren und es wurde zu meiner neuen Leidenschaft. Ich freue mich, ein Teil von etwas Großem zu werden, zu helfen und die Freude der AutorInnen mitzuerleben. Deshalb gründete ich 2022 das Lektorat „Wechselseitig“ und machte mich 2023 hauptberuflich selbstständig.
Und damit komme ich auch gleich zur nächsten Frage.
2. Wie geht es dir als Autorin damit, wenn du auf ein Manuskript wartest? Ich habe am Rande mitbekommen, dass du und Lily Rautenberger gegenseitig eure Storys für Mängelexemplare 5 lektoriert hast, wie viel Strenge traut man sich da?
Ich kenne die beiden Seiten eben aus beiden Perspektiven, als Autorin und als Lektorin.
Als Autorin ist das Lektorat immer ein Zittern. Ich glaube, die Selbstzweifel kennen alle KünstlerInnen; die Angst, irgendwo versagt zu haben oder im Text nicht verstanden zu werden.
Diese Angst treibt auch mich um. Wenn ich auf ein Manuskript warte, ist das tatsächlich weniger ein Problem. Ich warte halt. Gerade in der Kleinverlagsbranche können die Zeiten sehr lang werden, weshalb ich nach der Abgabe und danach das Manuskript auch im Kopf zur Seite lege. Anders sieht es aus, wenn es zurückkommt.
Ich gestehe, ich bin keine einfache Autorin und kann schwierig werden. Vermutlich sind all diese kleinen Dinge, eben die, die mich zu einer guten Lektorin machen. Ich weiß, wo meine Probleme und Sorgen als Autorin liegen, was mich stört und versuche es besser zu machen.
Andere LektorInnen zu lektorieren, ist tatsächlich weniger ein Problem für mich. Einen Unterschied macht es nur, wenn ich mit eben diesen befreundet bin, was bei Lily der Fall ist. Dann bin ich ein wenig nervös, überlege in den ersten Sätzen jeden Kommentar zweimal, bis der Text die Überhand gewinnt, ich die VerfasserInnen ausblende und meine Arbeit mache. Ich kann es nicht mit 100%er Wahrscheinlichkeit sagen, aber ich behaupte, dass ich auch bei FreundInnen und anderen LektorInnen ebenso streng bin, wie bei meinen anderen AutorInnen. Alles andere würde ihnen nicht helfen.
3. Als Herausgeberin musst du viele Storys lesen, wie siehst du die Rolle von künstlicher Intelligenz in der Zukunft der Buchbranche, insbesondere in Bezug auf die Herausgabe, Lektorat oder sogar das Schreiben von Büchern?
Ach, das KI-Thema. Ich habe die Frage mal Chat-GPT gestellt:
Künstliche Intelligenz (KI) hat definitiv das Potenzial, die Buchbranche zu revolutionieren, insbesondere in Bezug auf Herausgabe, Lektorat und sogar das Schreiben von Büchern.
Können KIs eine Meinung haben? Ist das eine? Wenn ja, dann möchte ich gerne widersprechen. Ja, KI kann unterstützend wirken. Seit ich im VFLL bin, erhalte ich ab und an Werbungen von Entwicklern von KI-gesteuerten Rechtschreibprogrammen. Vielleicht können an dieser Stelle KIs helfen. Aber – wie eigentlich öfter genannt – Übersetzungen oder Lektoraten sehe ich keinerlei Potential. Diese Tätigkeiten brauchen – jedenfalls meiner Meinung nach – etwas menschliches, eine ehrliche Kreativität, eine Emotion, die KIs bisher noch nicht haben können. Da geht es um winzige Nuancen, um Atmosphäre zu erschaffen, Spannungen zu erzeugen und die Charaktere in Bezug zu stellen. Ich probierte es einmal aus, versuchte einen Text lektorieren zu lassen. Stil und Grammatik wurde gut erkannt, doch die Motivation der Hauptfigur war für die KI irrelevant. Ich glaube, dass Lektorat Wechselseitig noch sehr lange ohne eine KI auskommen wird und hoffe ebenso, nicht so schnell ersetzt werden zu können.Für AutorInnen kann die KI ein Ideengeber sein, ein Gesprächspartner oder Inspirator. Sie kann bei der Recherche unterstützen oder Formulierungen vorschlagen. Ich möchte jedoch nicht darüber nachdenken, dass die KI ganze Texte schreibt und diese eins zu eins übernommen werden.
Und als HerausgeberIn ist die KI ein Fluch, statt ein Segen. Ich habe erst kürzlich davon gehört, dass AutorInnen dazu übergegangen sind, KI-Geschichten eins zu eins bei Ausschreibungen einzureichen. Für mich – gestehe ich – ein Horrorszenario. Das bedeutet also, dass diese Art von Geschichte – die über einfaches Ideengeben hinaus gehen – von HerausgeberInnen und Verlagen mitbedacht, kontrolliert und somit auf der langen Liste der To-dos und Zeitfresser mitgerechnet werden müssen.
4. Deine letzte Story »Die Standuhr« in der Anthologie »Hinter den Fenstern Mängelexemplare 5« aus dem Amrûn-Verlag, hat mich persönlich an Geschichten von Edgar Allan Poe erinnert. Von welchen Autoren und Autorinnen lässt du dich inspirieren?
Ich fühle mich tatsächlich sehr geehrt, dass meine Geschichte an Poe erinnert. Lovecraft und Edgar Allan Poe haben mich bei den Anfängen lange begleitet, mehr Poe als Lovecraft. Dazu gesellten sich Kafka, Hans Christian Andersen und Hoffmann, später Kreutzwald.
Hmm… das waren doch überraschend viele. Ich wollte doch eigentlich schreiben, dass ich das nicht so genau sagen kann.
Werden wir etwas moderner: Boris Koch steht da ganz oben auf meiner Liste, gefolgt von Ju Honisch, Janika Rehak, Faye Hell, Vincent Voss und Simona Turini.
Es gibt eine Bandbreite an AutorInnen, die auf irgendeine Weise mein Schreiben inspirieren und mit ihren Werken einen bestehenden Eindruck hinterlassen. Ich möchte aber Todorov noch hervorheben, der mich mit seiner Phantastiktheorie abgeholt hat und für mich einen Grundstein der Phantastik legte, nach der ich versuche zu arbeiten.
5. Wenn du als Herausgeberin arbeitest, nach welchen Kriterien suchst du die Geschichten aus?
Das ist eine schwierige Frage. Mein Ziel ist es, mit der Anthologie ein weites Spektrum abzudecken, sodass jeder Lesende Freude am entstandenen Buch hat – selbst, wenn er nur eine Geschichte mag. Natürlich müssen auch mir die Geschichten gefallen.
Dabei kommt es mir nicht auf Namen an. Die Texte sollten eher etwas Besonderes haben, eine tolle Idee, einen interessanten Schreibstil, individuelle Charaktere oder Emotionen, eine packende Atmosphäre und spannende Themen. Es reicht nicht, wenn es nur schöne oder schockierende Bilder sind oder eine polarisierende Wendung.
6. Hast du als Autorin bestimmte Rituale oder Gewohnheiten während des Schreibens, die dir helfen, in den kreativen Fluss zu kommen?
Nein. Tatsächlich nicht. Neuerdings mache ich mir immer eine Kerze an, wenn ich arbeite. Das bezieht sich aber nicht nur auf das Schreiben, sondern auch auf das Lektorieren. Ich glaube, ich hätte gerne ein Ritual oder eine Atmosphäre, die ich mir schaffen könnte.Ich schreibe gerne im Garten meiner Eltern. Dann sitze ich mit einem leckeren Getränk im Pavillon, genieße die Sommerluft und das Plätschern im Teich. Ich brauche eine Tasse Tee oder Kaffee, zählt das?Ich finde schon
7. »Wie unterstützt du als Lektorin Autoren dabei, ihre kreativen Visionen zu bewahren, während du gleichzeitig den Text verbesserst und straffst?«
Gerade als Lektorin, die auch selbst schreibt, ist es wichtig, dass man beim Stil der KundInnen bleibt. Es sind zwei paar Schuhe, es ist nicht mein Text und so soll es auch bleiben. Meine Aufgabe ist es nicht, dass der Text mit gefallen soll oder sich meinem Schreiben anpasst, sondern das Beste aus ihm herauszuholen. Es soll ein Erlebnis für die AutorInnen, aber auch für die Lesenden werden, Spaß bringen. Es ist ein kreativer Schaffensprozess, etwas Unglaubliches, was wir schaffen.
Wie du schon sagst: Meine Aufgabe ist eine unterstützende. Ich gebe Vor- und Ratschläge, merke Problemstellen an und Helfe, wo ich kann, ob bei der Ideenfindung, wie auch bei der Formulierung.
Das geht zum einen an der Arbeit direkt am Text, als auch in Gesprächen und Chats.
Oft gebe ich noch Links oder Literaturtipps zum Nachlesen, wenn es am Handwerk etwas hapert.
Wenn ich einen Text fertig habe, erhalten die AutorInnen über zwei Wege Feedback: Zum einen durch die Kommentare und Änderungen im Text, zum anderen durch eine ausführliche Zusammenfassung.
Während der Bearbeitungsphase stehe ich jederzeit für Fragen zur Verfügung.
Dennoch, auch Lektorate sind sehr individuell.Und zu guter Letzt eine Frage an alle drei von euch ;o)
8.Und zu guter Letzt eine Frage an alle drei von euch ;o) Wie hat sich die Verlagsbranche deiner Meinung nach in den letzten Jahren verändert, und wie beeinflusst dies die Vielfalt der Buchbranche?
Über dieses Thema kann man Bücher füllen und wurden auch schon. Es gibt so viel, was diesbezüglich angesprochen werden müsste und jeder sieht es ein Stück weit anders. Die Kreativbranche – nicht nur allein die Buchbranche – ist etwas sehr Individuelles, jeder geht es ein Stück anders an. Ich glaube, es würde den Rahmen sprengen, wenn ich ausholen würde, wenn ich über all die Punkte sprechen würde, die mir auf dem Herzen liegen. (Manuela: Da werde ich Carolin einfach noch mal ausfragen müssen, das interessiert mich doch sehr)Ich liebe die Phantstikszene, ich liebe die Kleinverlage, die sich so viel trauen, so viel Hoffnung und Mut zeigen. Und es tut mir weh, wenn der nächste aufgeben muss oder die Zeit runterschraubt, weil er sich einen Brotjob suchen muss, der seine mentalen Löffel auffrisst.Ich möchte eigentlich nur eins: Das wir kreativen Menschen – egal welcher Kunst wir nachgehen, egal ob Selfpublishing oder Verlag – uns selbst und gegenseitig lernen wertzuschätzen. Kunst darf kosten! Und nur, wenn wir das selbst verstehen, können es auch andere.
Ich danke dir sehr für deinen Besuch und freue mich schon sehr, bald wieder etwas von dir lesen zu dürfen, kannst du dazu vielleicht schon etwas verraten? (Da habe ich doch geschickt noch eine Frage eingeschmuggelt)
Hehe… ist das Platz für Werbung? (Manuela:Wenn nicht hier wo dann?) Wunderbar. Ich habe frisch die Herausgeberschaft der Zombie Zone Germany übernommen. Zusammen mit der frischen Selbstständigkeit mit dem Lektorat „Wechselseitig“ nimmt das sehr viel Zeit in Anspruch und lässt mir kaum noch Platz für eigene Texte. Aber das heißt nicht, dass ich nicht kreativ bin. Wenn man neue Texte von mir lesen möchte, wird dies höchstwahrscheinliche im Zuge der ZZG oder des entsprechenden ZZG-Rollenspiels passieren. Also Zombies, Zombies und Zombies.
Die Zombie Zone Germany ist ein Herzensprojekt. Wir arbeiten am Rollenspiel schon viel zu lange, es drängt auf den Markt wie eine hungrige Horde. Zusammen mit Oliver Bayer, Christian Günther, Janika Rehak und den Amrûn Verlag schlurfen große Dinge auf euch zu.
Weitere Projekte sind in Planung, surrealistisch, phantastisch und Horror, doch noch unkonkret und zeitlich uneinordbar, dass ich noch keine großen Geheimnisse verraten mag. Ich bleib kreativ!
Ich persönlich liebe die ZZG Reihe aus dem Amrûn-Verlag und freue mich schon jetzt sehr darauf.
Ich habe euch eine kleine Übersicht der Arbeiten von Carolin Gmyrek zusammengestellt, und wenn ihr euch selbst ein Bild von ihrer Arbeit als Lektorin machen möchtet, ist hier der Link zu ihrer
Bücher von und mit Carolin Gmyrek
Geheimnisvolle Bibliotheken ( Verlag Low, Torsten)
Ungeziefer (Verlag Low, Torsten)
Kaputter Nebel ( Amrûn Verlag)
Mängelexemplare 5: Hinter den Fenstern ( Amrûn Verlag)
Zombie Zone Germany: Die Anthologie ( Amrûn Verlag)
Zombie Zone Germany: Zirkus ( Amrûn Verlag)
Die Götter des Imperiums (Verlag Low, Torsten)