Mittwoch, 30. September 2026

Rezension: „Die fremde Maske“ von Arno Hach (Edition Dunkelgestirn)


Schon die äußere Erscheinung von Die fremde Maske macht neugierig. Das dunkelblaue Leinencover ist mit Glitzereffekten versehen und zeigt eine silberne Maske. Ein Schutzumschlag mit einer weiteren Maske und einem weiblichen Teufelsgesicht schützt das Buch und setzt optisch noch einmal einen eigenen Akzent. Zusammen mit den Innenillustrationen von Falpico wird dieser 2026 bei Edition Dunkelgestirn erschienene Band von Arno Hach damit allein durch seine Aufmachung zu einem kleinen Hingucker im Regal.

Natürlich soll man ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen. Doch in diesem Fall lohnt es sich, auch einen Blick ins Innere zu werfen. Der von Eric Hantsch herausgegebene Band versammelt 14 phantastische Erzählungen von Arno Hach, die aus vier verschiedenen älteren Werken stammen. Auf 191 Seiten bewegt sich Hach zwischen unheimlicher Phantastik, feiner Ironie und Momenten, die schon fast in Richtung Horror gehen.

Einblick in die phantastischen Erzählungen

Die titelgebende Geschichte Die fremde Maske, auf die sich wohl auch der Schutzumschlag bezieht, spielt im Zarenreich. Zwei Agenten warten während eines Maskenballs auf einen Großfürsten, von dem sie nicht einmal sicher wissen, ob er das Fest überhaupt besuchen wird. Während des Wartens erzählt einer der Agenten von einem zurückliegenden Fall, der der aktuellen Situation stark ähnelt. Damals konnte er ein Attentat einer maskierten Mörderin gerade noch verhindern. Ohne zu viel zu verraten: Diese Story ist spannend aufgebaut und endet auf eine Weise, mit der ich so nicht gerechnet hätte.

Deutlich härter wird es in Die Menschenhaut. Schon der Titel lässt wenig Gutes erwarten. Wir befinden uns in der Zeit der Französischen Revolution, in der täglich zahlreiche Menschen hingerichtet werden. Ein findiger Geschäftsmann nutzt diese Situation, um aus den Häuten der Toten Leder zu gewinnen. Warum sollte man einen so billigen Rohstoff vergeuden? Bei dieser Idee drehte sich mir fast der Magen um. Die Erzählung geht noch einen Schritt weiter und fragt, was passiert, wenn man buchstäblich in die Haut eines anderen schlüpfen könnte. Hier zeigt Hach echte Horrorelemente, und das in einem sehr angenehmen literarischen Stil.

Eine Story, die sehr viel Raum für eigene Interpretationen lässt, ist Einäscherung. Eine junge Frau spürt in einer Konditorei fremde Blicke, die sie zu einem von Angst geleiteten Aufbruch bringen. Vor der Tür begegnet sie dem Mann, der sie ansah, doch bevor er sie ansprechen kann, flieht sie in einer Droschke. Kurz darauf stirbt sie. Hier blieben Fragen für mich offen: Wer ist der Mann, was haben seine Worte auf der Einäscherung zu bedeuten, woran ist die junge Frau verstorben und war sie wirklich tot?

Sprachstil, Atmosphäre und Illustrationen von Falpico

Beim Lesen fiel mir auf, wie leicht sich die Texte trotz ihres Alters lesen lassen. Hachs Sprache ist klar, bildhaft und nie überladen. Die Geschichten entfalten ihre Wirkung oft über die Atmosphäre und nicht über actionreiche Handlung.

Besonders gefallen hat mir die abwechslungsreiche Mischung aus ruhigeren, fast märchenhaften Momenten und Szenen, die richtig unangenehm unter die Haut gehen. Dazwischen immer wieder diese feine, manchmal fast boshafte Ironie. Genau das macht das Lesen spannend, weil man nie weiß, was als Nächstes kommt.

Die Illustrationen von Heiko Schulze (Falpico )unterstützen diesen Eindruck. Sie sind nicht auf jeder Seite, aber wenn sie kommen, passen sie stimmig zum Text und verstärken die jeweilige Stimmung.

Was mich am meisten beeindruckt hat, ist, wie modern manche Ideen trotz des historischen Hintergrunds wirken. Themen wie Identität oder die Frage, wie weit Menschen ohne moralischen Rahmen gehen, sind heute genauso relevant wie damals. Gerade bei Die Menschenhaut oder Einäscherung bleibt bei mir noch lange nach dem Lesen aus unterschiedlichen Gründen,ein leises Unbehagen zurück. Für mich war das genau die richtige Mischung aus Nachdenken und Grusel.



Arno Hach
Die fremde Maske
Herausgegeben von Eric Hantsch
Illustrationen: Falpico (Heiko Schulze)
Verlag: Edition Dunkelgestirn
Erscheinungsjahr: 2026
Umfang: 191 Seiten
Einband: Gebunden, dunkelblaues Leinen mit Glitzereffekt, Schutzumschlag
ISBN: keine 

Rezension: Die grünen Augen der Liza de Mink von Constantin Schwab

Werbung-Rezension

Tatsächlich fällt mir das Schreiben dieser Rezension doch schwerer als gedacht. Nicht, weil mir das Buch nicht gefallen hätte, im Gegenteil. Es ist nur erstaunlich schwierig zu erzählen, worum es eigentlich geht.

 Ein ungewöhnlicher Fall im Wien der 70er Jahre.

Die grünen Augen der Liza de Mink“ von Constantin Schwab spielt 1975 in Wien. Auf den ersten Blick klingt das nach einem klassischen Krimi: Detektive, Vermisste, düstere Orte. Zwei private Ermittler, beide Studienabbrecher in Jura und Philosophie, haben mit dem Erbe eines der beiden eine Detektei eröffnet. Nun bekommen sie den Auftrag, eine junge Frau zu finden, die spurlos verschwunden ist.


Ihre Spur führt sie in die Otto-Muehl-Kommune, eine reale Künstlergemeinschaft, die damals für freie Liebe, kollektives Eigentum und radikale Selbstdarstellung stand. Otto Muehl wurde später wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt.

Zwischen Freiheit und neuen Zwängen

Dort findet einer der jungen Detektive tatsächlich Liza, die sich inzwischen Judith nennt und innerhalb der Kommune eine recht hohe Position einnimmt. Er freundet sich mit ihr an. Judith ist mit einer Regel der Kommune allerdings überhaupt nicht mehr einverstanden: „Keine monogamen Beziehungen: jeder mit jedem, immer und überall.“ Was als Befreiung gedacht ist, erzeugt bei ihr genau den Druck, den Muehl eigentlich ablehnt. Als sie Muehl öffentlich widerspricht, zieht sie das Misstrauen seiner fanatischsten Anhänger auf sich. Schließlich beschließen sie, die Kommune zu verlassen. Damit endet der erste Teil des Buches.

Wir haben zu diesem Zeitpunkt den namenlosen Erzähler kennengelernt, Liza/Judith und einen Einblick in das Leben innerhalb der Kommune bekommen. Zurück blieb bei mir vor allem das Verständnis dafür, warum Menschen aus der Enge einer Normgesellschaft ausbrechen wollen, um sich selbst zu verwirklichen  und wie schnell auch ein solcher Ausbruch wieder zu neuen Zwängen führen kann.


Im zweiten Teil spielen die Figuren ein Spiel, bei dem Liza/Judith eine Frage stellt: „Immer allein oder niemals allein?“ Wäre die Option „Niemals allein“ mit einem Leben in einer Kommune wie Muehls verbunden, wäre meine Antwort auf jeden Fall „Immer allein“.

Nun arbeiten die beiden Detektive und Liza/Judith, die auf keinen Fall zurück nach Hause will, zusammen. Ihr Leben scheint geprägt von Freundschaft und Leichtigkeit bis zu dem Moment, als sie einen Auftrag annehmen, den Matti eigentlich ablehnen will, weil er seinen moralischen Standards mehr als widerspricht, der tragisch endet. Auch wenn dieser Fall zunächst wie ein klassischer Kriminalfall daherkommt, bleibt am Ende eigentlich eine ganz andere Frage: Wie gut kennen wir uns selbst und wie gut kennen wir die Menschen, mit denen wir uns umgeben?

Schwab erzählt lakonisch, aber mit vielen geistigen Anspielungen, etwa auf Wittgenstein oder finnische Literatur. Der Roman ist kein typischer Krimi, bei dem am Ende alle Fragen beantwortet und alle Rätsel gelöst werden. Stattdessen zeigt er, wie jemand, der eigentlich Antworten finden soll, immer tiefer in die Unsicherheit gerät.

Am Ende war ich mir nicht mehr sicher, ob ich die Figuren eigentlich verstanden hatte  oder ob ich mich genauso verloren fühlte wie sie.

Wer einen klaren Krimi mit einer eindeutigen Lösung erwartet, wird hier vermutlich nicht fündig. Wer dagegen Lust auf einen atmosphärischen, nachdenklichen Roman hat, der mit den Erwartungen an das Genre spielt, könnte bei Schwab genau richtig sein.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Kremayr & Scheriau
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 19. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 160 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 321801526X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3218015264
  • Montag, 28. September 2026

    Rezension: Hildur – Das Tal der Schuld von Satu Rämö (Band 5)


    Buchcover Hildur Band 5
    Werbung-Rezensionsexemplar


    Ich begleite die isländische Kriminalbeamtin Hildur Rúnarsdóttir nun schon seit dem ersten Band der Reihe und bin immer wieder überrascht, wie wendungsreich die Fälle sind, die sie aufklären muss. Auch im fünften Band, „Das Tal der Schuld“, erzählt Satu Rämö eine spannende, dichte und atmosphärische Story, die nicht nur mit einem neuen Mordfall aufwartet, sondern auch Hildurs Vergangenheit und ihre und Tante Tinnas Familiengeschichte weiter vertieft.

    Worum es geht, verrät natürlich der

    Klappentext:
    Kriminalbeamtin Hildur Rúnarsdóttir unterstützt die Bauern in den Westfjorden beim alljährlichen Schafabtrieb in den Bergen. Dabei stoßen sie in einem einsamen Tal auf eine tote Frau. Es handelt sich um eine Deutsche, die für eine Hotelkette aus Reykjavík arbeitete. Was zunächst nach einem Wanderunfall aussieht, entpuppt sich als Mord.

    Tante Tinna fällt eine Parallele zu Hildurs allererstem Mordfall vor 25 Jahren auf. Hat derselbe Täter nun erneut zugeschlagen? Während Hildur versucht, die Spuren aus der Vergangenheit mit denen aus der Gegenwart zu verbinden, sucht auch Tinna nach Antworten. Sie will herausfinden,warum ihre Schwester Hulda Anfang der Siebzigerjahre ohne ein Wort aus Island verschwand.

    Was mir gefallen hat

    Die Handlung ist klar strukturiert und trotzdem immer wieder überraschend. Satu Rämö verknüpft den aktuellen Mordfall geschickt mit einem alten Cold Case und Tinnas ganz persönlicher Suche nach ihrer verschwundenen Schwester. Dadurch entsteht eine Geschichte, die nicht nur den Kriminalfall vorantreibt, sondern auch Hildurs Biografie und die Geschichte ihrer Familie weiter ausleuchtet.

    Wir erfahren einiges über Tinnas Vergangenheit und ihren großen Wunsch, endlich herauszufinden, warum ihre Schwester Hulda damals Island verlassen hat, ohne sich von ihrer Familie oder ihren Freunden zu verabschieden. Auch dieser Erzählstrang hat mir sehr gut gefallen und ist für die Handlung keineswegs nur eine Nebenlinie.

    Außerdem wird deutlich, warum Hildur sich so schwer damit tut, eine neue Beziehung einzugehen. Ein Vertrauensbruch durch einen Geliebten zu Beginn ihrer Polizeikarriere wirkt bis heute nach und beeinflusst ihren Umgang mit Nähe und Vertrauen.

    Hildur ist auch in diesem Band eine glaubwürdige und sehr menschliche Ermittlerin. Sie arbeitet ruhig und konzentriert, hinterfragt Spuren und lässt sich nicht von ersten Eindrücken leiten. Seit dem Fund der Leiche leidet sie an Tinnitus, der sie im Alltag und während der Ermittlungen erheblich belastet. Diese körperliche Reaktion auf den Fall macht ihre Verletzlichkeit spürbar, ohne sie schwach wirken zu lassen.

    Besonders intensiv wird ihre Belastung, als ihr früherer Geliebter James wieder in Island auftaucht. Hildur muss nicht nur mit ihren alten Gefühlen umgehen, sondern erkennt auch, dass bei ihrem ersten gemeinsamen Fall Fehler gemacht wurden. Diese Erkenntnis stellt ihre bisherige Sicht auf die damaligen Ereignisse infrage und zwingt sie dazu, ihre eigene Rolle in der Vergangenheit neu zu bewerten.

    Trotz ihres Tinnitus und der emotionalen Verstrickungen behält Hildur einen klaren Kopf und ermittelt weiterhin sorgfältig. Gerade das macht sie für mich als Leserin noch authentischer. Im Laufe der Handlung stellt sich außerdem heraus, dass beide Frauen schwanger waren und mehrere Beteiligte verstörende Glückwunschkarten erhalten haben. Diese Details sorgen für zusätzliche Spannung und werfen immer neue Fragen auf.

    Für Leserinnen und Leser, die die Reihe von Anfang an verfolgen, ist es besonders interessant zu sehen, wie sich Hildurs Rolle im Team und ihr Umgang mit ihrer eigenen Vergangenheit im Laufe der Jahre verändert haben. Die Fälle sind für sie längst nicht mehr nur externe Rätsel, sondern fordern sie auch persönlich und lassen sie daran wachsen.

    Was mich überrascht hat

    Besonders gelungen finde ich die Verknüpfung der drei Erzählstränge. Der aktuelle Mordfall, der alte Fall aus Hildurs Berufsanfängen und Tinnas Suche nach ihrer verschwundenen Schwester greifen ineinander, ohne dass die Handlung unübersichtlich wird.

    Die Auflösung ist logisch nachvollziehbar und trotzdem nicht vorhersehbar. Zugegeben, zwischendurch hatte ich kurz den Eindruck, dass sich Satu Rämö mit den vielen offenen Fragen vielleicht etwas verzettelt. Am Ende fügt sich jedoch alles zu einem klaren und schlüssigen Bild zusammen.

    Auch die Nebenfiguren sind gut gezeichnet. Die Bauern in den Westfjorden, Hildurs Kolleginnen und Kollegen sowie Tinna mit ihrer ganz eigenen Agenda wirken wie echte Menschen mit individuellen Motiven und nicht nur wie Figuren, die ausschließlich für den Fortgang der Handlung gebraucht werden.

    Für wen sich das Buch eignet

    Wer die Hildur-Reihe bereits kennt, bekommt mit „Das Tal der Schuld“ einen weiteren starken Band, der die Hauptfigur und ihre Welt konsequent weiterentwickelt. Neueinsteiger können zwar grundsätzlich auch mit diesem Buch beginnen, werden aber vermutlich einen Teil der emotionalen Tiefe verpassen. Einige Bezüge zu früheren Fällen und zu Hildurs Vergangenheit wurden bereits in den vorherigen Bänden aufgebaut.

    Fans von atmosphärischem Nordic Noir mit einem klaren Fokus auf Ermittlungsarbeit, Vergangenheitsschuld und familiären Geheimnissen werden hier auf ihre Kosten kommen. Wer schnelle Action und zahlreiche Verfolgungsjagden sucht, sollte wissen, dass es sich eher um einen ruhigeren und stellenweise kopflastigeren Krimi handelt.

    Fazit

    „Hildur – Das Tal der Schuld“ ist für mich ein gelungener fünfter Band der Reihe. Die Handlung ist wendungsreich, die Figuren sind glaubwürdig und die isländische Landschaft wird erneut zu einem eigenen Charakter im Roman.

    Besonders gefallen haben mir die verschiedenen Erzählstränge, die sich nach und nach miteinander verbinden, sowie die persönliche Weiterentwicklung von Hildur und Tinna.




    • Herausgeber ‏ : ‎ Heyne Verlag
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 16. September 2026
    • Auflage ‏ : ‎ Deutsche Erstausgabe
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 432 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3453444124
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3453444126
    • Originaltitel ‏ : ‎ Tinna
    • Übersetzerin: Gabriele Schrey-Vasara