Sonntag, 9. August 2026

„Ein Schleuser kommt niemals allein“ – Maria Braig

Werbung. Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar von der Autorin erhalten. Meine Meinung ist davon unabhängig.

Hannes Kobler ist ein Polizist der alten Schule. Seine Methoden wirken manchmal etwas umständlich, doch er arbeitet akribisch und hartnäckig. Seit seiner Scheidung und dem Umzug seiner Tochter Lena-Lisa nach Dresden lebt er größtenteils allein. Sein Alltag besteht aus Arbeit, Tiefkühlpizza und Polizeiserien, bis ihn ein neuer Auftrag nach Pirna führt.
Dort soll Kobler die sächsische Polizei dabei unterstützen, Schleusernetzwerke an der Grenze zu Polen und Tschechien aufzudecken. Der Wechsel vom Einbruchsdezernat in Nürnberg kommt ihm gelegen: Er wäre seiner Tochter näher und könnte in der Sächsischen Schweiz seiner Wanderleidenschaft nachgehen.

Für sein Team wählt er Sophie aus, eine junge Kollegin, die er noch aus ihrer Praktikumszeit kennt. Kobler hält sie für leicht lenkbar, da sie während des Praktikums jede seiner Anweisungen widerspruchslos befolgte, doch Sophie ist alles andere als ein „Mäuschen“. Sie bietet ihm Paroli, hinterfragt seine Entscheidungen und setzt sich kritisch mit den moralischen Grenzen des Einsatzes auseinander.
Schon bald entwickelt sich der Fall zu einer persönlichen Herausforderung. Die Ermittlungen führen Kobler tief in die kriminellen Strukturen der Region und zugleich in eine Vergangenheit, die eng mit der innerdeutschen Fluchtgeschichte verbunden ist. Durch Asal, der Freundin von Koblers Tochter, die ebenfalls eine erschütternde Fluchtgeschichte hat, erhält Sophie einen neuen Blick auf die Unterschiede zwischen heutigen Schleusern und den einst gefeierten Fluchthelfern der DDR.


Maria Braig hat mich mit diesem Krimi vor allem deshalb erreicht, weil sie die eigentliche Ermittlungsarbeit mit den persönlichen Geschichten der Figuren verbindet. Die Schleuserkriminalität bleibt dabei nicht einfach ein Fall, den Kobler lösen muss. Immer wieder geht es auch um die Menschen, die von Flucht betroffen sind, und darum, wie unterschiedlich Fluchthilfe bewertet wird. Besonders interessant fand ich dabei Asals Geschichte und die Erfahrungen von Koblers Eltern, weil dadurch auch die Vergangenheit der innerdeutschen Grenze eine Rolle bekommt.

Gut gefallen hat mir außerdem, dass die Figuren nicht einfach in gut und böse eingeteilt werden. Gerade Kobler macht im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durch. Anfangs war er mir mit seiner sturen und teilweise ziemlich altmodischen Art eher unsympathisch. Durch Sophie bekommt er aber immer wieder einen Spiegel vorgehalten und man merkt, dass er durchaus bereit ist, über sich selbst nachzudenken.

Der Schreibstil ist angenehm klar und lässt sich flüssig lesen. Die Ermittlungen nehmen einen großen Raum ein, trotzdem bleiben die Menschen dahinter präsent. Für mich war es vor allem die Mischung aus Kriminalfall, den interessanten Figuren und dem Blick auf die unterschiedlichen Bewertungen von Schleusern und Fluchthelfern, die den Roman lesenswert machen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ epubli
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 26. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 14.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 258 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 356552863X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3565528639
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 18 Jahren


Mittwoch, 5. August 2026

„Andere Welten: Phantastische Geschichten, Ausgabe 3“ (Herausgeber Tobias Radloff)


Es gibt Bücher, die man zuklappt und am liebsten sofort weiterlesen würde. Genau so ging es mir mit der dritten Ausgabe von Andere Welten: Phantastische Geschichten. Nach der letzten Seite blieb vor allem ein Gedanke: Davon hätte ich gerne noch mehr.

Hinter der Anthologie steckt die Lesereihe Potsdams andere Welten, die seit 2022 im Urania-Planetarium Potsdam stattfindet. Dort lesen Autorinnen und Autoren aus Fantasy, Science Fiction und Horror ihre Texte, häufig noch unveröffentlichte Geschichten oder Auszüge aus aktuellen Projekten. Herausgeber Tobias Radloff bringt die spannendsten Beiträge in dieser Reihe zusammen und gibt dabei auch neuen Stimmen eine Bühne.

Besonders gut gefallen hat mir die Mischung aus klassischen Kurzgeschichten und Romanauszügen. Die Kurzgeschichten sind in sich abgeschlossen, atmosphärisch und oft mit einer gelungenen Pointe oder einer interessanten Idee versehen. Die Romanauszüge funktionieren dagegen eher als Appetithappen. Spannende Figuren und faszinierende Welten machen neugierig  darauf wie es weitergeht.

Wer gerne Kurzgeschichten liest und neue Autorinnen und Autoren für sich entdecken möchte, wird hier sicher fündig. Wer ausschließlich abgeschlossene Geschichten bevorzugt, könnte sich an den Romanauszügen stören. Für mich ist Andere Welten: Phantastische Geschichten, eine abwechslungsreiche Sammlung,  Einige Geschichten enden genau dann, wenn es am spannendsten wird, aber gerade das zeigt, wie gut sie funktionieren. Am Ende bleibt vor allem die Lust, mehr von diesen Autorinnen und Autoren zu lesen.




Mit Geschichten von:

Andrea Völkner
Anja Stürzer
Anna Hellmich
Chtistian Handel
Christian Stobbe
Heidi Ramlow
Jonas Müller
Josefine Lyda
Julius Hilker
Kathrin Tordasi
Nia L. Avenel
Philipp C. Niklas
Tobias Radloff


Montag, 3. August 2026

Du kriegst mich nicht von Chris Carter

Mit „Du kriegst mich nicht“ beweist Chris Carter, dass er auch abseits seiner bekannten Hunter-und-Garcia-Reihe schreiben kann. Auch wenn dieser Roman einen völlig anderen Weg einschlägt, konnte er mich überzeugen. Statt eines grausamen Serienmörders und aufwendiger Ermittlungen steht hier eine Frau im Mittelpunkt, die nach jahrelanger Gewalt versucht, unter einer neuen Identität ein sicheres Leben zu beginnen.

Samantha hat ihren gewalttätigen Ehemann Nelson angezeigt. Nach seiner Verurteilung zu 13 Jahren Haft scheint die Gefahr zunächst gebannt. Doch noch im Gerichtssaal schwört er, sie eines Tages zu finden. Auf Anraten des Staatsanwalts verschwindet Samantha daraufhin vollständig aus ihrem bisherigen Leben. Als Mary Smith fängt sie noch mal ganz von vorne an. Mehrfach zieht sie um, passt sich immer wieder neu an, versucht, so unauffällig wie möglich zu bleiben. Aber die Angst sitzt ihr im Nacken: Jedes Geräusch, jeder fremde Blick könnte bedeuten, dass er sie gefunden hat. Was erst wie ein Neuanfang wirkt, wird schnell zum psychologischen Kräftemessen zwischen der Hoffnung, endlich frei zu sein, und der ständigen Frage: Reicht es diesmal?

Am Anfang begleiteten wir Mary durch das Gerichtsverfahren und sahen, wie sie jedes Detail plante, um nicht aufzufallen. Man merkt richtig, wie sie versucht, unsichtbar zu werden. Doch je weiter die Story voranschreitet, desto mehr kippt die Stimmung. Aus dem vorsichtigen Aufbau wird ein Psychothriller, der mich so richtig mitfiebern lässt. Schicht für Schicht wird Marys neues Leben offengelegt, während Chris Carter die Handlung mehrfach in Richtungen lenkt, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet habe. Gerade wenn ich glaubte, den weiteren Verlauf durchschaut zu haben, überraschte er mich mit einer neuen Wendung.

Besonders gelungen finde ich, dass Carter diesmal weitgehend auf explizite Gewaltdarstellungen verzichtet. Die Spannung entsteht nicht durch blutige Szenen, sondern durch die allgegenwärtige Unsicherheit und die Entscheidungen, die Mary treffen muss, um zu überleben. Diese unterschwellige Bedrohung sorgt dafür, dass die Anspannung während der gesamten Lektüre erhalten bleibt.

Auch die Figuren haben mir gut gefallen. Mary ist keine klassische Opferfigur, sondern entwickelt sich glaubwürdig weiter. Sie lernt, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und schwierige Entscheidungen zu treffen, selbst dann, wenn jede davon neue Risiken birgt. Dadurch wirkt sie authentisch und macht es leicht, mit ihr mitzufiebern.

Das Erzähltempo empfand ich gerade zu Beginn als etwas zu langsam, doch im Rückblick sehe ich das nicht unbedingt als Mangel. Die Handlung entfaltet sich bedächtig. Jeder Ortswechsel, jede neue Begegnung fühlt sich an wie ein weiterer Schachzug in einem größeren Spiel. Genau diese sorgfältige Aufbauarbeit macht die späteren Überraschungen so wirkungsvoll und verwandelt das Buch schließlich in einen echten Pageturner. Denn sobald die Wendungen einsetzen, will man nicht nur wissen, wie die Geschichte endet, sondern vor allem verstehen, warum sich alles genau so entwickeln musste.

Ein kleiner Kritikpunkt bleibt für mich dennoch. Einige Nebenfiguren hätten durchaus etwas mehr Tiefe vertragen. Gerade die Menschen, denen Mary auf ihrem Weg begegnet, bleiben teilweise etwas blass. Der Spannung schadet das allerdings kaum. Es ist eher der Wunsch, noch stärker in diese Welt eintauchen zu können.

Fazit: „Du kriegst mich nicht“ gehört für mich zu den überraschendsten Romanen von Chris Carter. Wer psychologische Thriller mit intelligent aufgebauter Spannung schätzt und auch ohne blutige Schockmomente bestens unterhalten werden möchte, sollte diesem Buch unbedingt eine Chance geben. Ich habe es sehr gerne gelesen.




  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Taschenbuch
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 30. Juli 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 464 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3548074901
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3548074900
  • Originaltitel ‏ : ‎ Hide and Seek


Sonntag, 2. August 2026

Küstenwelle von Eva Lirot (Die Kommissarin auf der Insel 17)


Fehmarn im Hochsommer. Die Insel ist im Festmodus. Große Kite-Surf-Wettbewerbe, Sponsorenzelte, Partybühnen, überall Menschen, die feiern und surfen. Mitten in diesem Trubel wird ein Toter gefunden, der berühmte Kitesurfer Lennart .

Kommissar Eisler hat in diesem Moment einen seiner typischen Eisler-Momente. Er erfährt von dem Mord genau in dem Augenblick, in dem Frieda Lieken gerade geheiratet hat. Also nimmt er sie, noch im Brautkleid, direkt mit zum Tatort. So beginnt „Küstenwelle“, der inzwischen siebzehnte Fall um die Inselkommissarin Frieda Lieken von Eva Lirot.

Wie in den früheren Bänden hat mir auch dieser Roman wieder sehr gut gefallen. Die Mischung aus Urlaubsatmosphäre und ernstem Fall funktioniert weiterhin, ohne in reine Kulissen-Kriminalliteratur abzurutschen. Die Figuren wirken echt, die Dialoge klingen natürlich, und genau das mag ich an Eva Lirot: Sie stellt Fehmarn nicht nur als Schauplatz für Tourismus und Kriminalität dar, sondern zeigt auch, dass das ganz normale Leben eine Rolle spielt. Das gibt dem Buch diese besondere Note, die ich an ihren Krimis so schätze.“

Und auch Oma Lieken darf wieder einen wichtigen Hinweis geben, fast schon wie eine kleine Tradition in der Reihe. Dass gerade sie den entscheidenden Impuls liefert, ist typisch für diese Familie und bringt eine angenehme Atmosphäre in die Ermittlungen.

Am stärksten fand ich jedoch das Motiv. Ohne zu viel verraten zu wollen, zeigt es sehr deutlich, wie verblendet manche Menschen sein können und wie sehr sie sich in einer einzigen Idee verlieren. Dieser Aspekt hat mich mehr berührt, als ich zunächst erwartet hätte. Er macht aus dem Fall nicht nur ein Rätsel, sondern eine Geschichte über Enttäuschung, Verzerrung und die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, wenn sie sich im Recht wähnen.

„Küstenwelle“ ist in sich abgeschlossen und kann ohne Probleme ohne Vorkenntnisse der Reihe gelesen werden. Wer Frieda Lieken schon mag, wird auch hier wieder fündig, ein solider, atmosphärischer Inselkrimi mit einem Fall, der unter die Haut geht.


  • ASIN ‏ : ‎ B0H3NFZ5VT
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 215 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8199255967
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.7 x 1.24 x 20.32 cm
  • Buch 17 von 18 ‏ : ‎ Die Kommissarin auf der Insel

Freitag, 31. Juli 2026

Die Heimsuchung der Ivy Good von M.H.Steinmetz

 


Mit Die Heimsuchung der Ivy Good legt M. H. Steinmetz einen düsteren, atmosphärisch dichten Horrorroman vor, der seine Leserinnen und Leser direkt in einen beklemmenden Strudel aus Flucht, Wahnsinn und dämonischer Bedrohung zieht. Schon der Einstieg hat mich sofort gepackt: Ivy Good ist nach einem Banküberfall auf der Flucht und landet ausgerechnet im Blood House Inn, einem Ort, der von Anfang an alles andere als ein sicherer Zufluchtsort wirkt.

Besonders gelungen ist für mich die Stimmung des Romans. Die abgelegene Stadt Purgatory, das unheimliche Gasthaus und die immer stärker werdende Bedrohung schaffen eine bedrückende Atmosphäre, die sich konsequent durch die Handlung zieht. Der Horror entsteht hier nicht nur durch das Übernatürliche, sondern auch durch die Unsicherheit, was noch Realität ist und was bereits dem zerbrechenden Geist der Protagonistin entspringt. Genau diese Mischung macht das Buch so intensiv.

Ivy Good ist keine glatte, leicht gefällige Heldin, und gerade das hat mir gefallen. Sie ist kantig, gehetzt, verletzt und alles andere als perfekt, wirkt dabei aber gerade deshalb lebendig und glaubwürdig. Auch das Spiel mit ihrer Wahrnehmung und der schleichende Verlust von Kontrolle sorgen dafür, dass man beim Lesen ständig angespannt bleibt. Man möchte wissen, ob Ivy dem, was in ihr und um sie herum geschieht, überhaupt noch entkommen kann.

Der Roman lebt stark von seiner düsteren Bildsprache und dem Gefühl, dass unter der Oberfläche etwas zutiefst Böses lauert. Wer Geschichten mag, die auf psychologischen Druck, unheimliche Orte und eine stetig wachsende Bedrohung setzen, wird hier sicher auf seine Kosten kommen, mir hat das Buch auf jeden Fall wieder sehr gefallen.


  • ASIN ‏ : ‎ B0GYWP1XF9
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 28. April 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 399 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8268962345