Mittwoch, 30. April 2025

All das wurde wahr, was eigentlich gar nicht wahr war von Klaus Märkert und Myk Jung

Klappentext: Lediglich fünf kurze Jahre sind vergangen seit der Veröffentlichung des zweiten literarischen Opus(ses) der Herren Schriftmagier Klaus Märkert und Myk Jung. Und schon folgt das dritte gemeinsame Zauberwerk an außergewöhnlicher Fabulierkunst. Jung und Märkert, Meister der verstiegenen Erzählkunst, haben eine neue Komposition erlesener Erzählungen zusammengetragen – achtzehn Stück an der Zahl -, die sich ausgelassen zwischen schwarzem Humor, obskuren Figuren und der ein oder anderen hart zündenden Pointe tummeln. Kapitelnamen wie „Das Ding hat Augen“, „Verschollene Mumie“ oder „Das verhinderte Gespräch über einen Spruch tiefster Wahrheit“ lassen die wilde Fantasie der beiden Herren erahnen. LeserInnen werden eindringlich vor Zwerchfellbeeinträchtigungen gewarnt.


Hätte mich das Cover, das mich beim ersten Blick magisch anzog, auf die Geschichten vorbereiten können? 

Oder der Klappentext, der von schwarzem Humor und obskuren Figuren spricht? 

Auf jeden Fall – und ich bekam genau das, was mir versprochen wurde.

Klaus Märkert war mir schon durch "Vorm Untertauchen Luft holen" bekannt. Daher wusste ich, was mich erwartet: skurrile Alltagsszenen mit melancholisch-schwarzem Humor und Figuren, die am Rande der Normalität balancieren. Von Myk Jung hatte ich bisher noch nichts gelesen, doch das Duo zeigt in "All das wurde wahr, was eigentlich gar nicht wahr war" eine perfekte Symbiose. 


Beide Autoren teilen eine Vorliebe für das Groteske, Absurde und Morbide – und das merkt man in jeder der 18 Erzählungen. Titel wie „Das Ding hat Augen“, „Verschollene Mumie“ oder „Blaue Regenwürmer“ lassen erahnen, dass hier Wirklichkeit und Fiktion verschwimmen. Die Geschichten sind voller kreativer Vielfalt – von schwarzhumorigen Realsatiren („Jesus liebt dich“) bis hin zu Thriller-Elementen („Morgen bist du tot“).Märkert und Jung spielen gekonnt mit Erwartungen.

Einige Geschichten, wie die titelgebende oder „Das verhinderte Gespräch über einen Spruch tiefster Wahrheit“, ziehen den Leser in ihren Bann und bieten einen hypnotisierenden Spannungseffekt.

Fans von Märkerts Humor kommen hier voll auf ihre Kosten: Seine Mischung aus Sozialkritik und schrägem Witz durchzieht den gesamten Band.Myk Jung bringt einen musikalischen Rhythmus in die Prosa – kein Wunder angesichts seines Hintergrunds als Frontmann der Gothic-Band The Fair Sex. Seine Erzählungen besitzen einen fast lyrischen Flow.

Fazit

Wer intelligente, schwarzhumorige Literatur schätzt, wird dieses Buch lieben. Es ist keine leichte Kost, aber dafür umso lohnenswerter: Die Autoren entführen ihre Leser in eine Welt, in der das Absurde zum Spiegel unserer eigenen Wirrnisse wird. Ein literarisches Kabinettstück für alle Fans des Schrägen – und ein Beweis dafür, dass Kurzgeschichten Großes erzählen können.




  • Herausgeber ‏ : ‎ Edition Outbird; 1. Edition (1. März 2025)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 170 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948887799
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948887797






Dienstag, 29. April 2025

Die Frauen hinter der Tür von Roddy Doyle


Manchmal begegnet mir in einem Buch eine Figur, die mich vom ersten Moment an begleitet, als würde ich sie schon lange kennen – so ging es mir mit Paula Spencer. In Die Frauen hinter der Tür erzählt Roddy Doyle die Geschichte einer Frau, die sich mit großer Kraft aus Gewalt und Abhängigkeit befreit hat. Heute lebt Paula in einem Vorort von Dublin, zurückgezogen, in einfachen Verhältnissen. Ihr Alltag ist geprägt von Routinen, kleinen Gesten, der Arbeit in einer Reinigung – ein stilles Leben, das erst auf den zweiten Blick von einer bemerkenswerten inneren Stärke zeugt.

Die Handlung spielt zur Zeit einer Epidemie, in einer Phase gesellschaftlicher Unsicherheit und Isolation, die Doyle jedoch nicht plakativ ins Zentrum rückt. Vielmehr nutzt er sie als leisen Hintergrund, vor dem die private Geschichte von Paula und Nicola an Dringlichkeit gewinnt. Die beiden Frauen erzählen Nachbar:innen und Verwandten, sie seien selbst infiziert – eine Ausrede, um sich abzuschotten, um Raum zu schaffen für das, was lange unausgesprochen blieb. Besonders Nicola nutzt diese vorgetäuschte Krankheit als Schutzschild. Sie möchte nicht gesehen werden, nicht gefragt, nicht bewertet – und vor allem möchte sie Tony nicht begegnen, ihrem Ehemann, der als freundlich, liebevoll, geradezu vorbildlich beschrieben wird. Dass sie trotzdem vor ihm flieht, gehört zu den vielen leisen Widersprüchen, die Doyle mit feinem Gespür in den Roman einwebt.

Doyle verankert seine Geschichte fest im irischen Alltag. Ohne große Kulissen oder dramatische Schauplätze entsteht ein atmosphärisch dichtes Bild von Paulas Welt: Bushaltestellen, Supermarktkassen, anonyme Wohnsiedlungen. Orte, an denen das Leben weitergeht, auch wenn die Vergangenheit noch im Raum steht. Gerade in dieser alltäglichen Umgebung entfalten die emotionalen Entwicklungen der Figuren ihre ganze Wirkung.

Der Roman lebt von der Sprache – und gerade von dem, was nicht gesagt wird. Doyle schreibt in einer klaren, oft lakonischen Prosa. Seine Dialoge sind reduziert, manchmal fast spröde, aber nie leer. Hinter jedem knappen Satz scheint ein ganzes Geflecht unausgesprochener Gefühle. Zwischen den Zeilen liegt die Schwere der Vergangenheit, aber auch das zaghafte Ringen um Verständnis. Doyles Stil verlangt Aufmerksamkeit – und belohnt sie mit eindrucksvollen Momenten stiller Wahrhaftigkeit.

Nach und nach wird das langjährige Schweigen durchbrochen. In wenigen, präzisen Bildern treten verdrängte Erinnerungen hervor: die Gewalt durch Paulas Mann, ihre Alkoholsucht, und jener Moment, in dem sie Charlo mit einer Bratpfanne aus dem Haus trieb, um ihre Tochter zu schützen. Diese Szene hat mich besonders berührt – sie ist roh, aber auch ein Ausdruck von Liebe und Entschlossenheit.

Doyle erzählt über schwierige Themen mit großer Empathie, ohne je in Mitleid oder Sentimentalität zu verfallen. Seine Figuren sind gebrochen, aber nicht zerbrochen. Gerade die kleinen Veränderungen, die tastenden Schritte aufeinander zu, machen diesen Roman so stark.

Die Frauen hinter der Tür ist kein lauter Roman, aber ein nachhaltiger. Er erzählt davon, dass Veränderung möglich ist, dass Versöhnung Zeit braucht – und dass es nie zu spät ist, den Anfang zu wagen. Ein stilles, eindringliches Buch, das ich allen empfehlen möchte, die sich für ehrliche Familiengeschichten und vielschichtige Frauenfiguren interessieren.


  • Herausgeber ‏ : ‎ GOYA; 1. Edition (2. April 2025)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3833749679
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3833749674


Donnerstag, 24. April 2025

Planta Nubo: Eine Solarpunk-Anthologie in der Welt von »Overgrown«

 

Ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft

Mit diesem Satz ist der Klappentext von Planta Nubo überschrieben – und treffender lässt sich der Ton der Anthologie kaum fassen. Die 20 versammelten Geschichten entwerfen Zukunftsbilder, in denen das Überleben der Menschheit nicht durch die Beherrschung der Natur gelingt, sondern durch ein Leben im Einklang mit ihr.

Die Welt von Overgrown

Die Erde steht kurz vor dem ökologischen Kollaps, als eine neue Lebensform auftaucht: die Arboren – gigantische Bäume, deren weitverzweigte Kronen unvergifteten Lebensraum bieten. Die Menschheit zieht sich in diese Baumstädte zurück und beginnt dort einen neuen Abschnitt – technologisch fortschrittlich, aber im Einklang mit den natürlichen Prozessen.

Die Herausgeber Sven Nieder und Andi Bottlinger haben für dieses Projekt 20 Autor:innen aus verschiedenen Bereichen der Phantastik versammelt, die gemeinsam eine facettenreiche Solarpunk-Anthologie gestaltet haben. Das Genre – für mich noch recht neu – verbindet ökologische Nachhaltigkeit, technologische Visionen und gesellschaftliche Utopien zu einem positiven Zukunftsentwurf.

Solarpunk: Vision statt Verzweiflung

Solarpunk grenzt sich bewusst von dystopischen Szenarien ab. Statt apokalyptischer Verwüstung oder autoritärer Regime stehen regenerative Energien, dezentrale Gemeinschaften und ein optimistischer Blick nach vorn im Mittelpunkt. Es geht nicht darum, Probleme zu verdrängen, sondern darum, sich vorzustellen, dass wir sie lösen – gemeinsam, kreativ, nachhaltig.

Was die Sammlung besonders macht: Jede Stimme bleibt unverkennbar. Manche Texte stammen von mir bekannten Autor:innen, deren Stil ich schnell wiedererkannt habe. Andere waren Neuentdeckungen, die mich mit originellen Ideen und ungewöhnlichen Erzählformen überrascht haben. Was alle Beiträge eint, ist ein Grundton des Vertrauens – in die Gemeinschaft, in die Kraft der Natur und in unsere Fähigkeit, eine bessere Zukunft zu gestalten.

In der Welt von Overgrown darf jeder Mensch so leben, wie er möchte – solange dies nicht auf Kosten anderer geschieht. Dieser Gedanke zieht sich als Fundament durch viele der Geschichten, die trotz aller geschilderten Herausforderungen nie in Dystopie abgleiten. Stattdessen bieten sie sogenannte „Hopepunk“-Erzählungen: Geschichten, die Mut machen, ohne naiv zu sein.

Beispielhafte Erzählungen

In Hochnase und Betongeist von Bernd Perplies geht es um Vorurteile und Vertrauen. Die Geschichte zeigt, wie sich Ängste gegenüber dem Unbekannten überwinden lassen und wie bedeutend gegenseitiges Verständnis in einer vielfältigen Gesellschaft ist – eine nachdenkliche, kluge Ergänzung zur Sammlung.

In Pilgern zurück von Anja Bagus erleben wir eine Gemeinschaft, in der es den Menschen freisteht, ihren eigenen Lebensweg zu wählen – ohne Druck, ohne das Gefühl, Erwartungen erfüllen zu müssen. Eine stille, aber kraftvolle Utopie individueller Freiheit.

Diese beiden Beispiele stehen stellvertretend für viele Themen, die in der Anthologie behandelt werden. Alle zwanzig Beiträge zu besprechen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen – aber ich kann versichern: Jede einzelne Geschichte ist lesenswert.


"Fliegbert" von Christian Humberg, brachte mich zum Lächeln, und auch jetzt, wo ich sie nochmal Revue passieren lasse, zaubert sie mir ein Lächeln ins Gesicht. Es geht um eine Gruppe kleiner Kinder, die ihr Zuhause verlassen, um ein Abenteuer zu erleben. Dabei stoßen sie auf einen „Fliegbert“ – so heißt jemand, der in ihrer Fantasie Drachen jagt. Und einen Drachen, da sind sie sich ganz sicher, haben sie gehört. Die Erzählung zeigt mit viel Wärme und Feingefühl, wie bedeutsam es ist, Kinder ernst zu nehmen – ihre Fragen, ihre Vorstellungen, ihre Bedürfnisse. In dieser Utopie wird ihnen mit Respekt begegnet – und das berührt tief.

Planta Nubo ist eine Anthologie, die nicht nur unterhält, sondern Denkanstöße gibt. Die Geschichten zeigen, wie Zukunft auch gedacht werden kann: als gemeinsamer Weg in eine lebenswerte Welt, geprägt von Verantwortung, Solidarität und Vorstellungskraft. Wer genug hat von düsteren Endzeitszenarien und sich stattdessen für positive Zukunftsentwürfe interessiert, findet in Overgrown eine inspirierende, gut erzählte Alternative. Eine empfehlenswerte Lektüre – nicht nur für Genre-Fans, sondern für alle, die sich fragen, wie wir morgen leben könnten.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Calderan; 1. Edition (5. Oktober 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3986000135
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3986000134


Dienstag, 22. April 2025

Die Garnett Girls: Roman Broschiert – von Georgina Moore (Autorin), Pauline Kurbasik (Übersetzerin)

Margo und Richard galten einst als das Traumpaar – leidenschaftlich, unzertrennlich und für immer verbunden. Doch Richard, der zunehmend dem Alkohol verfällt, verlässt die Familie ohne Vorwarnung. Für Margo beginnt eine schwere Zeit, in der sie sich zurückzieht und ihre Töchter der Obhut ihrer Schwester Alice und enger Freunde überlässt – allein mit dem plötzlichen Verlust des Vaters. Als sie langsam wieder ins Leben zurückfindet, nimmt sie ihren Mädchennamen wieder an, und fortan sind sie die Garnett Girls. Richard spielt keine Rolle mehr, und Margo spricht nie wieder über ihn. Dieses Schweigen wird zu einem Tabu, das wie ein Schatten über der Familie liegt und besonders die Töchter daran hindert, ihren eigenen Weg zu finden.

Rachel, die Älteste, bemüht sich unermüdlich, die Familie zusammenzuhalten. Diese Verantwortung erdrückt sie, denn eigentlich möchte sie mit ihrer eigenen Familie in London leben – doch sie stellt ihre Bedürfnisse zurück. Imogen steht kurz vor der Hochzeit mit William, doch ihre Zweifel wachsen: Geht es ihr um Liebe oder um das Erfüllen äußerer Erwartungen? Sasha, die Jüngste, wirkt wütend und orientierungslos. Auch sie sucht ihren Platz im Leben – mit dem Wunsch, einfach dazuzugehören.

Jede der Schwestern geht auf ihre Weise mit dem Erbe ihrer Kindheit um. Neben dem offenen Schmerz über den Verlust des Vaters steht ein unausgesprochenes Geheimnis, das wie eine unsichtbare Grenze zwischen ihnen verläuft. Bindungsängste, familiäre Erwartungen und die Suche nach dem eigenen Glück prägen ihre Wege. Georgina Moore gelingt es, ihre Figuren mit Feingefühl und psychologischer Tiefe zu gestalten – nahbar, lebendig, verletzlich.

Besonders hervorzuheben ist die atmosphärische Kulisse der Isle of Wight, die als Zufluchtsort und Sehnsuchtsraum der Familie dient. Moore fängt die landschaftliche Schönheit eindrucksvoll ein und verwebt sie stimmig mit den inneren Konflikten ihrer Figuren.

Fazit:
Stellenweise erschien mir die Handlung etwas zu dramatisch, doch im Rückblick schmälerte das das Lesevergnügen nicht: Moore fügte die vielen Themen und Erzählstränge schlüssig ineinander und schaffte ein überzeugendes Gesamtbild.Die Garnett Girls ist ein bewegendes Familienporträt über Liebe, Verlust und den Wunsch nach Selbstbestimmung. Der Roman zeigt, wie sehr Schweigen lähmen kann – und wie notwendig es ist, sich davon zu befreien, um neu anzufangen. Ein eindringlicher, feinfühlig erzählter Roman über weibliche Selbstbehauptung, familiäre Prägung und den Mut zur Veränderung.

 

  • Herausgeber ‏ : KiWi-Paperback; 1. Edition (10. April 2025)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 416 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3462006304
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3462006308
  • Originaltitel ‏ : ‎ The Garnett Girls
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    Freitag, 18. April 2025

    Invasion: Die Abartigen, Band 11 von Sascha Raubal


    Kaum zu glauben, dass wir schon beim elften Band der „Abartigen“ angekommen sind. Und trotzdem gelingt es Sascha Raubal immer noch, mich direkt von den ersten Seiten an in seine Welt zu ziehen. Tiru hat tausende Krieger um sich gesammelt und zieht Richtung Or, die  Städte Kuvunja und Sawan  sind bereits gefallen und die Bewohner leiden unter der Schreckensherrschaft Tirus. Wer kämpfen kann wird in Tirus Armee gezwungen, wer sich gegen die Unterwerfung wehrt wird gefoltert, vergewaltigt, getötet. Auch die Freien sind nicht sicher, ein ganzer Clan wurde schon von einem Trupp Soldaten die auf der Suche nach Vorräten waren abgeschlachtet.


    Was mich an dieser Reihe immer wieder beeindruckt, ist, wie Raubal aktuelle Themen in seine Geschichte einwebt, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Die Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppen, das Misstrauen gegenüber Geflüchteten, die Angst vor dem Unbekannten – all das kommt mir leider sehr bekannt vor. Die Menschen in Raubals Geschichte stolpern über Vorurteile, Mauern in den Köpfen und die ewige Frage: Wie viel Offenheit können wir uns leisten, wenn die Angst regiert? Der Autor zeigt, wie schnell Hilfsbereitschaft an Grenzen stößt, und wie schwer es ist, Brücken zu bauen, wenn alle lieber auf Abstand bleiben würden.

    Was mir besonders gefällt: Das Buch ist ein Plädoyer für Toleranz und Miteinander, aber ganz ohne erhobenen Zeigefinger. DieProtagonisten  sind  Menschen mit Ecken und Kanten, die manchmal auch aneinander scheitern. Mikail kämpft in der einzigen Stadt der Freien Wolnosch um Vertrauen, Loris stößt in Or auf alte Ängste – und immer wieder steht die Frage im Raum: Wie schaffen wir es, gemeinsam gegen das Unrecht zu bestehen, wenn wir uns nicht einmal untereinander einig sind?

    Mein Fazit

    Für mich bleibt „Die Abartigen“ eine Reihe, die es schafft, spannende Fantasy mit aktuellen Themen zu verbinden, ohne dabei die Unterhaltung aus den Augen zu verlieren. „Invasion“ ist wieder ein echtes Highlight: spannend, nachdenklich und manchmal auch unbequem – aber genau das macht die Bücher so lesenswert. Wer Geschichten mag, die nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregen, sollte sich diese Reihe nicht entgehen lassen. Und ich freue mich schon jetzt auf Band 12.

     

  • Herausgeber ‏ : ‎ tredition (1. März 2025)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3384531701
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3384531704
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    Donnerstag, 17. April 2025

    Zu Gast im Buecherhaus: Pia Lüddecke

    Heute darf ich Pia Lüddecke im Buchhaus begrüßen, sie hat mir geduldig meine vielen Fragen beantwortet. Ich freue mich sehr, dass sie sich die Zeit genommen hat, mit mir zu sprechen. Herzlich willkommen, Pia!



    Dein neues Buch Transmission ist eine tragikomische Lovestory mit gesellschaftskritischem Unterton. Was hat dich dazu inspiriert, dich mit dem Thema Transidentität auseinanderzusetzen?

    Die Idee kam mir vor einigen Jahren nach Gesprächen mit zwei Menschen in meinem
    Freundeskreis. Es hat mich damals schwer beeindruckt, mit welchen Hindernissen und
    Vorurteilen sie zu kämpfen hatten – gefolgt von dem Gedanken, dass man das Thema
    mal literarisch aufgreifen müsste. Die meisten Vorurteile entstehen ja nicht aus
    Böswilligkeit, sondern aus Unwissenheit und mangelnder Empathie. Und wie könnte
    man dem besser begegnen, als mit einer mitreißenden Geschichte?

    Wie hast du die Charaktere Roman und Julia entwickelt? Gibt es reale Vorbilder
    für die beiden?


    Ganz genau: Die beiden haben reale Vorbilder, die ich zur Vorbereitung des Projekts
    interviewt habe, so wie ich es auch bei einer Reportage für meine Zeitung getan hätte.
    Sie haben mich auch mit Ideen und Feedback unterstützt und den gesamten Roman vor
    der Veröffentlichung quergelesen. Das Abenteuer ist rein fiktiv, aber die Szenen, in
    denen es um Transidentität geht, sind durch reale Erfahrungen inspiriert.

    Das Buch kombiniert Spannung, Humor und Drama. Welche Herausforderungen
    gab es bei der Balance dieser Elemente?

    Manchmal gehen die Pferde mit mir durch – dem zu widerstehen, war die wohl
    schwerste Herausforderung. Humor ist total wichtig, aber je sensibler das Thema, desto
    feiner muss der Humor eingesetzt werden. Es darf niemals albern wirken. Man soll mit
    den Figuren lachen, nicht über sie. Bei der Lovestory wollte ich große Emotionen ohne
    oberflächlichen Teenie-Kitsch – und wenn Kitsch, dann mit einem Augenzwinkern. Ob
    mir das gelungen ist, müssen die Leser*innen entscheiden.

    Transmission erscheint bei Edition Outbird. Wie war die Zusammenarbeit mit
    dem Verlag?

    Ein Träumchen! Ich habe jetzt schon zum dritten Mal mit Tristan Rosenkranz und
    seinem Team zusammengearbeitet und das freundschaftliche Miteinander hier wieder
    sehr genossen. Als Indie-Verlag macht Edition Outbird vieles möglich, von dem man bei
    einem großen Publikumsverlag vermutlich nur träumen kann: persönlicher Austausch
    und Absprachen auf dem kleinen Dienstweg, größtmögliche kreative Freiheit und
    Mitspracheoptionen bis hin zur Covergestaltung. Das letzte Wort hat natürlich der Chef
    – aber Tristan ist für viele Ideen offen und super zuverlässig, das schätze ich an ihm.
    Natürlich gibt es auch mal Diskussionen (z. B. beim Lektorat), aber hinterher hat man
    sich trotzdem wieder lieb ;-)

    Im Buch spielt Fechten eine zentrale Rolle, und du hast selbst Fechterfahrung. Wie
    hat dein persönlicher Bezug zu diesem Sport die Geschichte beeinflusst?


                                                                                                               


    Ich fechte seit meinem zehnten Lebensjahr (mal mehr, mal weniger intensiv), und wollte
    diesen wunderbaren Sport immer in einen Roman einbauen. Auf einer metaphorischen
    Ebene passt das Fechtmotiv perfekt zur Story und zu den Charakteren, die beide als
    Einzelkämpfer starten, sich sogar auf der Planche gegenüberstehen, und im Laufe des
    Abenteuers immer mehr zu einem Team zusammenwachsen.

    Edition Outbird ist bekannt für seine Unterstützung von Indie-Autoren und
    außergewöhnlichen Themen. Was macht diesen Verlag für dich besonders?


    Hier kann man über literarische Perlen stolpern, die man unter normalen Umständen
    niemals entdecken würde. Wer auf der Suche nach dem besonderen Buch ist, sollte
    unbedingt mal vorbeischauen.

    Dein Roman wurde als Herbsttitel #1 angekündigt. Wie hat der Verlag zur
    Vermarktung beigetragen, und wie wichtig sind solche Aktionen für dich als
    Autorin?

    Der Verlag ist ziemlich umtriebig. Buchbesprechungen durch Blogger oder in Medien
    wie Orkus und Sonic Seducer sind für Indie-Autorinnen essenziell. Ebenso die Präsenz
    auf Messen oder die Organisation von Lesungen. Wir liegen ja nicht in jeder
    Buchhandlung, man muss uns erst mal finden. Da unternimmt Edition Outbird so
    einiges. Ich kann nicht alles aufzählen, weil ich als Autorin gar nicht immer alles
    mitbekomme, was hinter den Kulissen passiert.

    Du bist bekannt für deine musikalischen Lese-Shows mit deinem Mann Ernest.
    Wie beeinflusst diese kreative Zusammenarbeit dein Schreiben?

    Sehr! Er kann total gut Dialekte nachahmen und Stimmen besondere Nuancen verleihen.
    Das habe ich oft im Hinterkopf, wenn ich neue Figuren entwerfe. Umgekehrt schafft
    Ernest es auch immer wieder, die Atmosphäre aus meinen Geschichten in Musikstücke
    zu übertragen, die dann den Live-Soundtrack bei den Lesungen bilden. So beeinflussen
    und inspirieren wir uns gegenseitig.

    Deine bisherigen Werke waren eher der modernen Phantastik zuzuordnen. Was
    hat dich dazu bewegt, mit Transmission ein neues Genre zu erkunden?

    Theoretisch hätte man das Freundschafts- und Coming-of-Age-Thema wohl auch in eine
    phantastische Geschichte einbauen können, so wie in meinem zweiten Roman „Geister“.
    Das wäre mir in diesem Fall aber zu viel Ablenkung gewesen. Ich hatte mir in den Kopf
    gesetzt, eine richtige Romanze zu schreiben, mit Konzentration auf das
    Zwischenmenschliche – aber eben auf Pia-Art, mit einem sarkastischen Ich-Erzähler, der
    eher ein Antiheld ist, skurrilen Entwicklungen und schwarzromantisch abgeranzten
    Ruhrpott-Schauplätzen. Wahrscheinlich ist meine Handschrift trotz des neuen Genres
    unverkennbar.

    Kannst du uns einen Einblick in deinen Schreibprozess geben? Gibt es Rituale
    oder Methoden, die dir besonders helfen?

    Ich brauche Kaffee. Schwarz, ohne Zucker. Das ist eher eine Sucht als ein Ritual, aber
    ohne Kaffee geht bei mir gar nichts. Außerdem benötige ich ausreichend Schlaf und
    absolute Ruhe, um mich zu konzentrieren und in die Geschichte abzutauchen. Dann darf
    mich niemand stören, sonst raste ich aus und verwandle mich in Jack Torrance ☺

    Du lebst in einem „Spukschloss“ voller Bücher – klingt faszinierend! Wie prägt
    diese Umgebung deine Kreativität?

    Es ist Fluch und Segen, weil ich hier quasi täglich mit neuen Ideen überschwemmt
    werde. In einem so alten Gemäuer hört man es ja immer irgendwo in den Wänden
    knistern und knacken. Man entdeckt uralte Symbole oder vermauerte Zugänge zu
    Geheimtunneln. Nimmt spukhafte Erscheinungen aus dem Augenwinkel war. Die
    unheimliche weiße Frau, die im Turmzimmer hausen soll, zieht Geisterjäger aus dem
    ganzen Land an. Und dann noch die Nachbarn, die allesamt etwas zu verbergen haben –
    warum würden sie sonst in ein abgelegenes Spukschloss ziehen? Die Geschichten, die
    sich hier abspielen, kann man sich nicht ausdenken.

    OK, jetzt bin ich definitiv neugierig auf dein Zuhause.

    Was möchtest du deinen Leserinnen und Lesern mit Transmission mit auf den
    Weg geben?

    Make love, not war!

    Diesen Abschlussworten schließe ich mich sehr gern an und danke dir sehr für dieses Interview. 
    Hier ist auch der Link zu meiner Rezension


    Alle Fotorechte liegen bei Eberhard Kamm


    Montag, 14. April 2025

    Schlange des Bösen von Ju Honisch (Die Studentin)

     

    Elinor Fenning-Smythe reist von London nach Cambridge, um sich an einem der wenigen Colleges zu bewerben, die Frauen ein Studium ermöglichen. Nach dem Tod ihrer Eltern und ihres Zwillingsbruders ist sie bei ihrer Tante Hetti aufgewachsen. Lady Henrietta Streham geborene Fenning-Smythe, die nichts von Elinors Bildungswunsch hält. Für sie besteht der Lebenssinn einer Frau in einer standesgemäßen Ehe, einem gepflegten Haushalt und der Geburt von Kindern. Doch Elinor denkt anders: Sie will lernen, ihr Wissen erweitern – und selbstbestimmt leben.

    Als das College ihre Bewerbung ablehnt, ist das bitter genug. Doch der Tag hält noch mehr bereit: Eine riesige Schlange taucht auf – und Elinor scheint die Einzige zu sein, die sie sehen und spüren kann, sie und zwei Männer, die Fremden überreden sie, mit ihnen zu kommen – an einen Ort, der ihr Leben verändern wird: das Royston College. Eine geheime Einrichtung, verborgen vor der Welt, an der magische Wissenschaften gelehrt werden.

    Plötzlich findet Elinor sich als erste Studentin in einem bisher reinen Männercollege wieder – und nicht alle heißen sie dort willkommen. Doch es bleibt keine Zeit für Zweifel, denn schon bald gerät sie zwischen alle Fronten: Das Schlangenwesen lässt sie nicht los, und auch die Inquisition ist ihr auf den Fersen. Magiebegabte Menschen werden  von einer Bruderschaft verfolgt und getötet,nicht nur die Lehrenden und Studenten des Royston College sind in Gefahr, sondern auch ein bislang verborgen lebender Hexenzirkel.

    „Schlange des Bösen (Die Studentin)“ ist der erste Band einer Reihe. Viele Figuren werden eingeführt, viel Hintergrundwissen vermittelt – doch dank des angenehm flüssigen Schreibstils wirkt das nie überfrachtet. Ich bin schnell in die Geschichte hineingekommen, nicht zuletzt wegen Elinor. Sie ist eine starke Hauptfigur, die sich in einer männerdominierten Welt behauptet und den Mut hat, gesellschaftliche Erwartungen zu hinterfragen, wenn es darauf ankommt.

    Was mich besonders fasziniert hat, ist die verborgene Welt des Royston College. Die Autorin erschafft eine magische Umgebung mit eigenen Regeln und Strukturen, die man Stück für Stück entdeckt – ohne dass einem dabei alle Antworten sofort serviert werden. Stattdessen werden viele Fragen bewusst offengelassen:

    Woher stammt Elinor wirklich? Die Meister vermuten Fey-Blut in ihrer Ahnentafel, doch von welchem Wesen? Im Laufe der Handlung begegnet sie Vampiren, Werwölfen, Wassergeistern und Gestaltwandlern – alle mit eigenen Geheimnissen.

    Und was hat es mit dem Schlangenwesen und wer kontrolliert es?

    Fazit: Ein gelungener Auftakt, der mich neugierig auf die Fortsetzung gemacht hat – und auf all die Antworten, die noch auf sich warten lassen: zur Bedrohung durch die Inquisition, zum Schlangenwesen – und vor allem zu Elinors wahrer Herkunft.



    • Herausgeber ‏ : ‎ Low, Torsten; Erstauflage (14. März 2025)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Taschenbuch ‏ : ‎ 330 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3966290464
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3966290463

    Mittwoch, 9. April 2025

    Sterben in deinem Geweih von Gerrit Wustmann

    Eine junge Frau verirrt sich im dunklen Wald ihrer Kindheit und findet nicht mehr hinaus. Ein Handstaubsauger entpuppt sich als Schlüssel zu einer anderen Welt. Ein ermordeter Krimiautor versaut einem schlecht gelaunten Kommissar ordentlich den Tag. Ein liebender Ehemann kommt auf die dumme Idee, an einem sehr sonnigen Tag den Keller eines Spukhauses auszumisten. Ein alter Mann verliert vor dem Kühlregal im Supermarkt den Glauben an die Realität. Und für ein kleines gemütliches Stadtviertel im Norden verwandelt sich das, was als romantische Liebesgeschichte beginnt, in einen blutigen Alptraum. In diesen Storys ist die Realität hauchdünn – und manchmal wird sie instabil.


    Kurzgeschichten sind eine meiner großen Leidenschaften. Die Gründe dafür sind vielfältig: Ich schätze ihre Kürze, den klaren Fokus auf einen besonderen Moment und die Kunst, mit wenigen Worten viel zu sagen. Oft taucht man direkt ins Geschehen ein, ohne lange Einleitung, und bleibt am Ende mit Gedanken zurück, die nachhallen. Es fasziniert mich, wie wenige Figuren und einfache Sprache ausreichen können, um große Wirkung zu entfalten.

    Gerrit Wustmanns Sammlung Sterben in deinem Geweih hat mich allein schon durch ihren skurrilen Titel neugierig gemacht, dieser bereitete mich auf Geschichten vor, die sperrig, manchmal schwer greifbar, aber gerade deshalb interessant sind. Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass hier keine leicht zugänglichen Erzählungen warten – sondern Texte, die fordern, irritieren und gerade dadurch faszinieren.

    Ein Beispiel dafür ist die Eröffnungsgeschichte "Der magische Handstaubsauger". Miriam, die unter dem zwanghaften Putzfimmel ihres Mannes Gregor leidet, entdeckt durch ein scheinbar harmloses Haushaltsgerät einen Weg, der Realität zu entkommen. Während Gregor sogar im Gespräch mit Gästen nicht vom Saugen lassen kann, öffnet sich für Miriam zufällig ein Fluchtweg in eine andere Welt – mit nicht ganz absehbaren Folgen für beide.

    Immer wieder begegnen Leser*innen Figuren, die in unterschiedlichen Texten wieder auftauchen – etwa Felix Kleindorf, der einmal als Mordopfer in "Falschere Fährten. Drexlers zweiter Fall" im Zentrum steht. Ein brutaler Mord, und keine Hinweise auf den Täter – Wustmann liefert hier einen klassisch aufgebauten Krimi, der bis zuletzt spannend bleibt und ganz nebenbei Einblicke in das Verlagswesen und den Stellenwert von Lyrik in der heutigen Literaturszene vermittelt.

    Dass Wustmann auch über Literatur selbst nachdenkt und sie zum Thema macht, zeigt sich besonders deutlich in "Kleindorfs Klassiker.Die Feldlerche". Schon der erste Satz – „Es gibt Bücher, die den Ruf haben, das Leben ihrer Leser verändern zu können...“ – wirkt wie ein Augenzwinkern in Richtung des Literaturbetriebs. Die Geschichte erinnert daran, wie viele von uns sich schon in der Schule mit Texten quälen mussten, deren Bedeutung nicht einmal die Lehrkräfte überzeugend erklären konnten. Wustmann trifft damit einen Nerv – ironisch, aber nicht zynisch.

    "In Festakt in Scharlachrot" begegnen wir einem Autor, der einen Kunstpreis erhält. Er ist sich nicht sicher, ob es für seine fast ungelesenen Gedichte oder für seinen unheimlichen Roman ist, in den die Jury etwas hineininterpretiert hat. Auch hier zeigt sich Wustmanns kritischer Blick auf die Welt der Literatur und die manchmal undurchsichtigen Entscheidungen in ihr.

    Insgesamt ist Sterben in deinem Geweih eine vielschichtige Sammlung, in der sich Alltagsbeobachtungen, skurrile Wendungen und gesellschaftliche Seitenhiebe miteinander verbinden. Die Texte fordern Aufmerksamkeit, sind aber keineswegs unzugänglich. Gerade durch ihre Offenheit und das Spiel mit Erwartungen entfalten sie ihre Wirkung – mal leise, mal pointiert, oft mit einem doppelten Boden.


    • Herausgeber ‏ : ‎ Sujet (27. März 2025)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Taschenbuch ‏ : ‎ 326 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3962021477
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3962021474



    Montag, 7. April 2025

    Stürmische Brise: Grand Hotel Usedom Band 1 von Carmen Benedikt

    Die Geschichte beginnt im Jahr 1890 auf der Insel Usedom und entführt die Leser in eine faszinierende historische Welt. Im Mittelpunkt steht Christian, ein Junge aus einer Fischerfamilie, deren Existenz vom bescheidenen Ertrag des Fischfangs abhängt. Christians Alltag wird durch einen Vorfall erschüttert: Bei einem Beinahezusammenstoß mit einer Pferdekutsche zerreißt ihm seine einzige gute Hose.  Die Hoteliersgattin Benedikte von Höveln, eine warmherzige und von allen respektierte Frau tröstet den Jungen und nimmt die Schuld vor seinen Eltern auf sich. Doch sie geht noch weiter: Sie ermöglicht Christian und seinem Bruder den kostenlosen Besuch einer Schule, die sie für bedürftige Kinder auf der Insel eröffnet hatte – ein Wendepunkt in Christians Leben.


    14 Jahre später, wir schreiben mittlerweile das Jahr 1904, kehrt Christian aus Berlin zurück nach Usedom, um seine Familie zu unterstützen. Sein Vater ist krank, und sein Bruder Ludwig bewältigt den Fischfang nicht allein. Schriftsteller werden, das kann er auch auf Usedom verwirklichen – so sein Plan. Doch zuerst muss er sich um eine Anstellung bemühen, denn im Haus seiner Eltern ist auf Dauer nicht genügend Platz; Ludwig muss heiraten, bevor die Schwangerschaft seiner Freundin sichtbar wird.


    "Wir mögen zwar nur eine einfache Fischerfamilie sein, doch das ist kein Grund, den Anstand nicht zu wahren." 

    Dieser schlichte Satz seiner Mutter beschreibt die gesellschaftlichen Zwänge der Zeit schon ziemlich genau.


    Benedikte ist mittlerweile an einer unbekannten Krankheit verstorben. Ihre Tochter Helene – eine ihrer drei Töchter – will einen Traum ihrer Mutter verwirklichen und ein Literaturhotel eröffnen, das für Künstler und Künstlerinnen offenstehen soll, die im Luxushotel Ahlbecker Hof der Familie nicht logieren würden.  Helene, die nicht nur äußerlich ein Ebenbild ihrer Mutter ist, ist heimlich in Christian verliebt, doch ihr Vater hat eigene Pläne mit ihr.


    Die Charaktere des Romans sind ebenso vielschichtig wie faszinierend. Neben Helene gibt es noch zwei weitere Töchter: Sophie will den rätselhaften Tod ihrer Mutter aufklären und leidet noch sehr unter Benediktes Tod. Maria, die älteste Tochter, lebt mit ihrem Mann Friedrich in der Familienvilla. Friedrichs Machtgier bringt Spannungen in die Familie.

    Caren Benedikt verbindet  wieder einmal historische Details mit einer spannenden Familiensaga voller Intrigen, Liebe und Geheimnissen. Die gesellschaftlichen Zwänge der Kaiserzeit durchziehen die Geschichte und machen sie besonders authentisch – sei es durch Helenes Kampf gegen Konventionen oder Friedrichs zwielichtige Geschäfte, die die Familienehre bedrohen.

    Mit Stürmische Brise gelingt Caren Benedikt ein sehr gelungener Auftakt zur Usedom-Trilogie. Das Buch überzeugte mich nicht nur durch seine lebendige Darstellung der historischen Kulisse, sondern auch durch die komplexen Beziehungen und Konflikte der Protagonisten. Wer eine sehr interessante Familiengeschichte mit historischem Tiefgang sucht, wird hier auf jeden Fall fündig. Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt wie es weitergeht auf der schönen Insel Usedom. 


    Das Cover ist passend zum Inhalt des Buches gewählt und der exklusive Farbschnitt sieht richtig toll aus.




    • Herausgeber ‏ : ‎ MAXIMUM Verlag; 1. Edition (11. März 2025)
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Broschiert ‏ : ‎ 448 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3986790624
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3986790622