Mittwoch, 30. November 2022

Der Henker mit dem Totenkopf: Ein DDR-Krimi von Andreas M.Sturm


Uwe Friedrichs und seine Kollegen müssen gleich zwei Morde aufklären, im »Großen Garten« in Dresden werden am selben Abend zwei Frauen brutal vergewaltigt und getötet. Ingeborg, die nach Schichtende auf dem Nachhauseweg war und die Schülerin Simone, die mit ihrem Freund im Kino gewesen ist. 

Erste Ermittlungen führen schnell zu einem Erfolg und zu einer Festnahme, der mutmaßliche Täter hat schon einmal eine Frau vergewaltigt und wurde erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen. Doch Uwe kommen Zweifel und er ermittelt auf eigene Faust weiter, wobei ihm sein Chef Major Horst Günzel den Rücken freihält, denn der weiß genau, was er an Uwe hat. Und tatsächlich gibt es bald darauf ein weiteres Opfer. 

Andreas M. Sturm hat es auf beeindruckende Weise geschafft, einen spannenden Kriminalfall vor der Kulisse der ehemaligen DDR zu schreiben, er weiß allerdings auch, wovon er schreibt, geboren und aufgewachsen in Dresden kennt er das Leben und die besonderen Umstände dort genau. Und so erfahren wir nicht nur von den Ermittlungsmethoden der damaligen Zeit, wir blicken auch auf die Lebensumstände der Menschen. 
Gewaltverbrechen wurden in der ehemaligen DDR vertuscht, Mord und Totschlag passten nicht in das Idealbild des sozialistischen Staats. Dass ehemalige Kriegsverbrecher vom System eine reine Weste bekamen, wenn ihre Fähigkeiten gebraucht wurden, wurde übrigens ebenso vertuscht, hier dachte ich tatsächlich das nur im Westen Naziverbrecher direkt nach dem Krieg wieder in gehobene Positionen kamen, so kann man sich irren. 

Und so verwundert es nicht, dass ein Stasimitarbeiter nach dem dritten Mord zum Team dazustößt, Major Eichler dessen Möglichkeiten die Ermittlungen trotz aller Skepsis ihm gegenüber vorantreiben. 

Die vom Autor geschaffenen Protagonisten sind Menschen wie du und ich, mit Ecken und Kanten und dem Willen ein gutes Leben zu führen, das ist nicht immer einfach in einem Staat, in dem jeder ein Spitzel des Staates gewesen sein könnte und in dem Mangelwirtschaft an der Tagesordnung war. Und so trifft auch Uwe wieder auf einen alten Bekannten, dem Stasimitarbeiter Oberleutnant Michael Reinhardt, der schon lange versucht Uwe etwas anzuhängen, die Chance sieht er jetzt in den Schwarzmarktgeschäften von Uwes Bruder. Wie Uwe dieses Problem löst und was sonst noch spannendes geschieht, das müsst ihr natürlich selber lesen, ebenso welches Geheimnis hinter dem »Henker mit dem Totenkopf« steckt.

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um den zweiten Fall des Volkspolizisten Uwe Friedrichs und wenn man ehrlich ist, ist es auch der zweite Fall für Sabine Fuchs, Uwes Freundin, die so manchen Hinweis liefern kann, die zur Aufklärung des Falls beitragen. 

Ich vergebe für "Der Henker mit dem Totenkopf" eine absolute Leseempfehlung.


  • Herausgeber ‏ : ‎ edition krimi; 1. Edition (5. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 351 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948972761
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948972769

Dienstag, 29. November 2022

Nicht Wolf nicht Hund: Auf vergessenen Pfaden mit einem alten Indianer von Kent Nerburn

 


Kent Nerburn wird eines Tages von einer jungen Frau angerufen, die ihn bittet, ihren Großvater in einem weit entfernten Reservat aufzusuchen.

Nerburn erfüllt ihren Wunsch und trifft Dan, einen uralten Lakota-Indianer, der über viele Jahre hinweg Aufzeichnungen gemacht hat, aus denen – mit Nerburns Hilfe – ein Buch entstehen soll.
Dan jedoch erkennt in Nerburns Text nicht mehr wieder, was er sagen will und worum es ihm eigentlich geht. Die beiden geraten fortwährend in Streit über die Unterschiede zwischen weißen Amerikanern und Native Americans – es entspinnt sich ein sehr persönlicher Austausch, unterhaltsam und voller Ironie.


Nerburn soll auf Bitten des Lakota-Indianers Dan aus dessen Aufzeichnungen ein Buch schreiben, doch Dan ist mit dem was Nerburn schreibt, nicht einverstanden und so streiten sich die beiden Männer und Nerburn gibt das Projekt beinahe auf. Doch nur beinahe, sonst hätten wir jetzt nicht das Buch über eine Reise durch das Land. Ein Roadtrip der besonderen Art.

Kent Nerburn lernt auf dieser Reise mehr über die Geschichte der Native Americans als er sich je zu erhoffen wagte und fast mehr als er ertragen kann. Anders kann ich mir seine andauernden Entschuldigungen für das Leid, das den Native Americans (im Buch wird noch häufig der Begriff Indianer verwendet) angetan wurde, nicht erklären. Es scheint fast so, als fühlte sich Nerburn persönlich für verantwortlich für die Verbrechen an den Indianern. 

 Ich bin der festen Überzeugung, dass die Geschichte aller Völker, egal wo auf dieser Welt, die verfolgt, versklavt und ermordet wurden, niemals in Vergessenheit geraten darf und dass jeder Mensch die Pflicht hat, sich nach seinen Möglichkeiten gegen Rassismus und Ausgrenzungen jedweder Art entgegenzustellen. Aber ich glaube nicht an eine Art Erbschuld, die jedem Weißen Rassismus unterstellt, nur, weil er weiß ist. 

Zitat:("„Ich habe noch nie einen Indianer getroffen, der nicht tiefe Trauer und Zorn über das empfunden hätte, was seinem Volk widerfahren ist, und ich bin auch noch nie einem ehrlichen und sensiblen Amerikaner nicht-indigener Herkunft begegnet, der in seinem tiefsten Innern nicht ein schlechtes Gewissen gehabt hätte“.")

Lässt man all die Schuldzuweisungen, und vor allem das schlechte Gewissen des Autors und die verständliche Wut und Trauer Dans kurz außen vor, bleibt für mich die Erkenntnis, dass die Menschheit die Vergangenheit nicht ungeschehen machen kann, aber dass wir gemeinsam daran arbeiten sollten, alle Menschen, egal welcher Herkunft, Geschlecht oder Religion gleichzubehandeln und allen die gleichen Möglichkeiten zu bieten. Wunschdenken Ich weiß, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Und das beinhaltet meiner Meinung nach auch dieses Buch. Die gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte, ist ein Weg die Wunden der Vergangenheit zu heilen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (16. November 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3423148403
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423148405
  • Originaltitel ‏ : ‎ Neither Wolf Nor Dog
 








Samstag, 26. November 2022

Queer*Welten 09-2022

 


Queer*Welten ist ein halbjährlich erscheinendes queerfeministisches Science-Fiction- und Fantasy-Zine, das sich zum Ziel gesetzt hat, Kurzgeschichten, Gedichte, Illustrationen und Essaybeiträge zu veröffentlichen, die marginalisierte Erfahrungen und die Geschichten Marginalisierter in einem phantastischen Rahmen sichtbar machen. Außerdem beinhaltet es einen Queertalsbericht mit Rezensionen, Lesetipps, Veranstaltungshinweisen und mehr. 


Ich beginne diese Rezension tatsächlich mit einer Begriffserklärung:

Queer ist ein Sammelbegriff für Personen, deren geschlechtliche Identität (wer sie in Bezug auf Geschlecht sind) und/oder sexuelle Orientierung (wen sie begehren oder wie sie lieben) nicht der zweigeschlechtlichen, cis-geschlechtlichen und/oder heterosexuellen Norm entspricht. (Quelle Wikipedia)

Oder wie ich in meiner Naivität immer dachte: Menschen eben. 

So einfach ist es aber für wohl nur für Menschen wie mich, für die es vollkommen egal ist, wer wen liebt, oder wie sich jemand kleidet oder wo er herkommt. 

Queere Literatur, ist mir zwar nicht fremd, aber die meisten Romane, die mir bisher in die Hände gefallen sind, ließen sich dann doch mit 08/15 Liebesromanen vergleichen und die lese ich nicht, egal wer die Protagonisten sind. (für Lesetipps bin ich an dieser Stelle natürlich dankbar).

Jetzt erscheinen im Ach je Verlag, einem Imprint des Amrûn Verlags, halbjährlich die Queer*Welten, kleine, feine Sammelbändchen mit Kurz und kürzest Geschichten aus dem Bereich Fantasy und Science Fiction, Essays und Rezensionen. Also genau meins und so habe ich mich auf ein Leseabenteuer eingelassen. 
Ich hatte ein klein wenig Bedenken, dass ich zwischendurch immer wieder Begriffe googeln muss, aber bis auf eine Geschichte, waren alle durchaus verständlich und wie bei anderen Anthologien haben sie mir mehr oder weniger gut gefallen. Ich kann dieses Mal gar keine Lieblingsstory benennen, besonders die kürzest Geschichten haben mich teilweise sehr beeindruckt, in wenigen Zeilen und damit meine ich wenige, diese Geschichten umfassen nicht einmal eine ganze Buchseite, eine komplette und in sich stimmige Geschichte zu erzählen ist eine starke Leistung. 


Die  12 Mini-Fiction Texte haben das Thema Queer-Merfolk, ebenso wie die 5 Kurzgeschichten, und die Heraus*geberinnen Judith Vogt, Lena Richter und Heike Knopp-Sullivan haben ein gutes Händchen bei der Auswahl bewiesen. Durch die Tags zu Beginn jeder Kurzgeschichte habe ich sie vielleicht etwas sorgfältiger gelesen, aber im Großen und Ganzen habe ich versucht unbeeinflusst zu lesen und vor allem unvoreingenommen.

Zu jeder Story gehört eine kurze Vorstellung der Autor*innen und am Ende finden wir noch Rezensionen zu Buchtipps aus verschiedenen Verlagen. 

  • Herausgeber ‏ : ‎ Ach je Verlag; 1. Edition (22. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 106 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3947720955
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3947720958

In dieser Ausgabe: Auf See geblieben von Kaj Iden (Kurzgeschichte) toxArt von June Is (Kurzgeschichte) Vom Kinderkriegen von Gerit Virginia Ariel Gerlach (Kurzgeschichte) Schwache Anziehung von Helen Faust (Kurzgeschichte) Raya‘sii: Die Legende von Raya von Jeannie Marschall (Kurzgeschichte) Von Mythpunk bis amazofuturismo: Warum Mikrogenres und Movements die Phantastik facettenreicher machen von Alessandra Reß (Essay) 12 Mini-Fiction Texte zum Thema Queer Merfolk in 9 Sätzen Autor*innen der 9-Satz-Texte: Jonathan Krupitza, Jeannie Marschall, Frank Reiss, kvmw, Anna Zabini, Laura May Strange, Liane Raposa, Emma Hogner, T. B. Persson, Lünn, Chris Balz, Jassi Etter 


Freitag, 25. November 2022

Küstenwind von Eva Lirot



Kommissarin Frieda Lieken fühlt sich mittlerweile wohl auf Fehmarn und die Entscheidung, die sie treffen soll, fällt ihr schwer, doch bevor sie sich entscheiden kann, erreicht sie die Nachricht vom Verschwinden von drei Teilnehmern eines Klassentreffens, auf dem sie zuletzt in Begleitung eines Weihnachtsengels gesehen wurden. Als einer der drei Vermissten tot aufgefunden wird, beginnt für Frieda ein Wettlauf gegen die Zeit.




Achtung, kann Spuren von Spoilern enthalten:

Donnerstag, 24. November 2022

Die Vögel sangen ihre letzten Lieder von Laird Hunt


Marvel, eine Kleinstadt in Indiana, 1930. Es ist ein heißer Tag im Hochsommer, als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet: drei schwarze junge Männer sollen gelyncht werden. Im ganzen County machen sich die Bewohner auf, dem Spektakel beizuwohnen.

Auch Ottie Lee Henshaw, eine verblühende Kleinstadtschönheit, ist unterwegs mit ihrem schmierigen Boss und ihrem undurchsichtigen Ehemann, um ein bisschen Spaß zu haben. Am anderen Ende der Straße bricht eine junge Afroamerikanerin auf. Calla Destry will der Spirale von Gewalt und Unterdrückung entkommen und ist entschlossen, den Mann zu treffen, der ihr ein neues Leben versprochen hat. 

Es ist ein heißer Tag in den 30er Jahren, als ein wild gewordener Mob drei schwarze junge Männer aus dem Gefängnis holen und lynchen will, diese Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer und die Menschen machen sich auf den Weg, um dem Spektakel beizuwohnen. Unter ihnen Ottie Lee Henshaw, eine weiße, ihr Boss  ihr Ehemann und Calla Destry eine Afroamerikanerin.


Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt, im ersten lernen wir Ottie kennen, die sich von ihrem Boss missbrauchen lässt und deren Ehemann mehr an seinem monströsen Schwein interessiert ist als an ihr. Ottie erzählt was auf ihrem Weg so alles geschieht, denn sie fahren nicht auf direktem Weg, die Männer wollen erst etwas essen und so halten sie bei einem Kirchenessen, dort treffen sie auf einen Redner, der den Mob aufheizt und ihnen Busse nach Marvel verspricht.

Calla, die junge Afroamerikanerin, sollte eigentlich ihre Pflegeeltern fahren, doch eine Verabredung mit Leander war ihr verständlicherweise wichtiger, doch Leander kommt nicht und ihre Pflegeeltern sind schon weg, als sie nach Hause kommt, entgegen ihrer Behauptung, dass Calla die einzige sei, die Auto fahren könne und sie, sie nur deshalb aufgenommen hätten. Auch Calla trifft auf ihrer Fahrt die unterschiedlichsten Menschen.

Der letzte Abschnitt handelt von der Engelsbotin, dieser Abschnitt ist der kürzeste und soll wohl einen runden Abschluss bilden. 

Ich habe das Buch gelesen, weil ich verstehen wollte, warum Menschen Mord als Spektakel ansehen, warum sie sich auf den Weg machen, um dabei zuzusehen, wie andere zu Tode kommen. Ich wollte eintauchen in ihre Gedankenwelt, leider war dieses Buch wohl nicht das richtige dafür.


Die Idee hinter der Geschichte, der wohl wahre Begebenheiten zugrunde liegen, war mir immer klar und ich halte Bücher, die die Vergangenheit lebendig halten und mit ihnen die Erinnerung an die Verbrechen, die jene begangen haben, die vor uns da waren, für wichtig und richtig. Da mir persönlich das Buch aber nicht gefallen hat, fällt mir eine Wertung diesmal schwer, es wird Leser geben, die den Schreibstil mögen und mehr in der Geschichte sehen können als ich.


  • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (19. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 288 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442716853
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442716852
  • Originaltitel ‏ : ‎ The Evening Road



Dienstag, 22. November 2022

Wendepunkte - Lange Nächte in Tampere von M. Kruppe




Ein Stipendium führt M. Kruppe als Residenz-Künstler im Winter 2022 nach Tampere eine Großstadt im Süden Finnlands. Wären da nicht seine Geldsorgen, um nichts in der Welt würde er als Residenz-Künstler einen Monat im tiefsten Winter verbringen, er hasst den Winter, den Schnee, die Kälte und die Dunkelheit. Und so lässt er sich ein auf ein Abenteuer der besonderen Art.

Ein Abenteuer ist auch die Lektüre des Buchs, genauso wenig wie der Autor wusste, was ihn in Tampere erwartet wusste ich auch nicht, was für eine Art Geschichte mich erwartete, der Autor und seine Werke waren mir bis Dato völlig unbekannt. Am ehesten konnte ich mir noch einen Reisebericht der etwas anderen Art vorstellen, Beschreibungen der Landschaft und der kulturellen Einrichtungen in Tampere und natürlich auch über die Kultur der Finnen. Gleichzeitig war ich mir aber sicher, dass da noch viel mehr sein wird.

M. Kruppe erzählt von seiner Überraschung, dass sich der Winter in Finnland von dem in Deutschland sehr unterscheidet, die Stille im Winter ist es, die er kaum erträgt, die er in der ersten Nacht in Tampere aber als wohltuend empfindet, die Worte, die der Autor dafür findet, verleiten mich dazu zu glauben er ließe mich in seine Seele blicken, das mag anmaßend klingen, schließlich sind es nur wenige Sätze und ich bin diesem Mann noch nie begegnet, es ändert aber nichts am Gefühl, das ich beim Lesen hatte. 
Als Leser begleiten wir ihn auf seinen nächtlichen Spaziergängen und bei seinen Begegnungen mit Fremden und mit den Begegnungen mit sich selbst.

Eines der bewegendsten Kapitel ist meiner Meinung nach,

Für Peter P. 
Kruppe erzählt wie schon gewohnt von seinem Tagesablauf, lauter recht banale Dinge wie dem Kauf einer Pre-Paid Karte und dem obligatorischen Bier, das nicht nur die Müdigkeit wegwischt, sondern auch den Hunger, dass ihn gesellig macht und locker, als ihn der Anruf seines Verlegers erreicht, der ihm mitteilt, dass ein Freund überraschend verstorben ist und sich Kruppe erinnert, dass er beim Tod anderer nichts spürt in Bezug auf den Verstorbenen, das sein Mitleid den Lebenden die zurückbleiben gilt. Und ich konnte ihn so gut verstehen, beim Lesen dieses Kapitels kam mir eine Textzeile aus einem anderen Buch in den Sinn, die mir lange nicht aus dem Kopf ging:

(Wenn wir zu einem Menschen sagen: Ich kann ohne dich nicht leben, dann meinen wir in Wirklichkeit damit: Ich kann nicht in dem Gefühl leben, dass du vielleicht Schmerz empfindest, unglücklich bist, Not leidest. – Das ist alles.)

Das Buch greift viele Themen auf, gleich zu Beginn erfahren wir von der angespannten finanziellen Situation Kruppes, der nur deshalb das Stipendium annimmt, das brachte mich dazu darüber nachzudenken, wie viele Kunstschaffende wohl aufgeben mussten in den Zeiten der Pandemie und der weltweiten momentanen Krise. Es geht aber auch um die Liebe, die Liebe zu Menschen und zu Orten und die Einsamkeit, die ihn überfällt, als ihm bewusst wird, dass er diese neu erwachende Liebe zu seinem Aufenthaltsort nicht mit seiner Freundin teilen und es geht um Alkoholismus, Kruppe trinkt und das redet er nicht schön "Ich trank, weil ich trinken wollte, weil ich süchtig war, abhängig mal wieder" diesen Kampf gegen eine Sucht kann sich wohl niemand vorstellen, der das nicht selbst durchmachen musste, und so enthalte ich mich selbstverständlich eines Kommentars zu dem Umstand, aber erwähnen will ich es, weil es evtl. andere Leser triggern könnte.


Kruppe erzählt, sich selbst und uns, er lässt uns an seinen inneren Dialogen teilhaben und manchmal wollte ich meine Gedanken an dem, was er erzählt, mit ihm teilen. 
Lange Nächte in Tampere ist eines dieser Bücher, die man immer wieder in die Hand nimmt, um ein Kapitel nochmals zu lesen, das ist sicherlich auch dem wunderbaren Schreibstil des Autors geschuldet.

Diese Rezension zu schreiben fiel mir sehr schwer, bei einem fiktiven Krimi ist es einfach zu sagen, das Buch war gut, die Handlung nachvollziehbar, denn da sind selten eigene Gefühle im Spiel, ganz anders hier und eigene Gefühle in Worte zu fassen ist schwierig. Also kann ich euch nur raten: Lest dieses Buch. Lasst euch mitnehmen auf eine literarische Reise nach Tampere und vielleicht auch ein klein wenig auf eine Reise durch die Gefühlswelt des Autors und vielleicht auch durch eure eigene.



  • Herausgeber ‏ : ‎ Edition Outbird; 1. Edition (12. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 416 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948887403
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948887407



Freitag, 18. November 2022

Meine Mutter sagt von Stine Pilgaard

 


    Hass ist ein starkes Wort, sagt meine Mutter.
    Meine Mutter nennt mich Schätzchen und findet, ich soll nicht so negativ sein.

    Meine Mutter sagt

    ist das Debüt der in Kopenhagen lebenden Schriftstellerin Stine Pilgaard, deren preisgekrönter Roman Meter pro Sekunde ebenfalls im Kanon Verlag erschienen ist. Ich hatte das Vergnügen dieses Buch vor einiger Zeit zu lesen und war deshalb sehr gespannt auf, 

    Meine Mutter sagt.

    Die Ich-Erzählerin zieht, nachdem ihre Freundin sich von ihr getrennt hat, gezwungenermaßen zu ihrem Vater, verzweifelt und am Boden zerstört versucht sie alles, um ihre Freundin zurückzugewinnen, während ihre Mutter ihr immer wieder ungebetene Ratschläge gibt, die zwar wohlmeinend, im ersten Liebeskummer aber nicht hilfreich sind denn Liebeskummer und der damit verbundene Weltschmerz muss wohl ausgelebt werden, damit man ihn verwinden kann. Und so ergeht es auch der Protagonistin, die die ganze Zeit über namenlos bleibt. Nach und nach überwindet sie ihren Schmerz.

    Aber es geht in diesem Buch nicht nur um Liebeskummer und Weltschmerz, es geht auch um die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrer Tochter, da ist diese Liste, die die Mutter ihrer Tochter gibt, damit diese eine Rede zu ihrem 60sten Geburtstag halten kann, auf dieser Liste stehen besondere Lebensereignisse u.a. die Geburt der Tochter, damit wie auch mit all den ungewollten Ratschlägen scheint sie zu versuchen ihrer Tochter all ihre Liebe zu zeigen, ihr zu sagen: Ich bin für dich da, ich will dir helfen, in deinem Kummer und dich aufmuntern, doch die junge Frau ist lange nicht bereit oder noch nicht fähig das zu verstehen, sie kam mir nicht vor wie eine Frau von 25 Jahren, sondern eher wie ein Teenager, intelligent, klug und schlagfertig, aber immer noch auf Konfrontationskurs gegen ihre Mutter.

    Das Buch ist in kurze Kapitel unterteilt, die sich immer wieder mit Seepferdchen-Monologen abwechseln, die uns tiefer in das Gefühlsleben der Protagonistin blicken lassen. Seepferdchen nennt man auch den Hippocampus, ein wie ein Seepferdchen geformtes Hirnareal, das für das bewusste Abspeichern und Abrufen von Erinnerungen zuständig ist, da habe ich wieder etwas gelernt.

    Ich mochte das Buch sehr, der Schreibstil der Autorin hebt sich erfrischend von anderen ab, die das Thema behandeln, die Dialoge mit ihrer Mutter sind oftmals sehr amüsant, die Beziehung ihres Vaters, der sich mit Ratschlägen zurückhält, ist geprägt von Wärme und Zuneigung.

    Ein großes Lob gebührt sicherlich dem Übersetzer aus dem Dänischen, Hinrich Schmidt-Henkel.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Kanon Verlag Berlin; 1. Edition (9. November 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 192 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3985680310
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3985680313
  • Originaltitel ‏ : ‎ Min mor siger





Donnerstag, 17. November 2022

Zitronenbäume und Jasminsträucher von Frank Böckhaus

 

Klappentext:

Das süße Gift der Koketterie umnebelt Frederiks Sinne. Es ist für ihn ein Griff nach einem Schatten in einem sich immer weiter drehenden Kreis zwischen Hoffnung, Zweifel und auch Schuldgefühlen. Als Frederick dies erkennt und aussteigen will ist es zu spät.


Ich hatte trotz des Titels, der schon sehr nach einem Liebesroman der üblichen Art klingt, aufgrund des Klappentextes ein besonderes Buch erwartet, ein Buch über eine Beziehung, die niemandem guttut und an die sich die Beteiligten klammern ohne zu merken, wie sie sich immer mehr selbst verlieren oder überhaupt eine nicht alltägliche Liebesgeschichte. Ich habe mich also mit recht großen Erwartungen an die Lektüre gemacht.

Frederik kehrt aus dem Urlaub auf Sizilien zurück, den er ohne seine Freundin Simone verbracht hat, da diese sich strikt weigert, irgendwo anders als an der Nordsee zu verbringen. Als er sie nach seiner Rückkehr anruft, weicht sie ihm aus. Dann erfahren wir in einem Rückblick, wie sich Frederick und Simone kennenlernten und wie sich ihre Beziehung entwickelt und wie sie sich nach und nach wieder voneinander entfernen.

Ich bin leider mit dem Buch nicht warm geworden. Der Hauptprotagonist Frederik, war mir nicht sonderlich sympathisch, er überreicht Simone in einer Diskothek eine Visitenkarte in der Hoffnung auf ein zweites Treffen zu bitten und er spricht in Selbstgesprächen von sich in der 3. Person. Ich hatte gehofft mich an den ungewöhnlichen Schreibstil zu gewöhnen, oft geschieht das während einer spannenden oder mitreißenden Story, dieses Mal war es leider nicht der Fall, da das aber mein ganz persönliches Empfinden ist, werde ich kein Urteil über das Buch abgeben. 

  • Herausgeber ‏ : ‎ VERRAI-VERLAG; New Edition (24. Juni 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948342598
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948342593

Mittwoch, 16. November 2022

Labyrinth der Freiheit: Roman (Wege-der-Zeit-Reihe, Band 3)





Berlin während der "Goldenen 20er Jahre" eine Stadt in der das Leben tobt, dekadente Feste und Verschwendungssucht prägen das Leben der Reichen und Schönen, während der Großteil der Menschen ums nackte Überleben kämpft. Nach dem großen Krieg bestimmen Arbeitslosigkeit und Armut das Leben der Menschen. Und mitten drin die drei Freunde Isi, Arthur und Carl, die wir schon aus den beiden Vorgängerbänden Schatten der Welt und Revolution der Träume kennen, die wir in ihrer Kindheit und Jugend in dem kleinen Thorn in Westpreußen, kennenlernen und deren Weg wir bis nach Berlin verfolgen konnten.


Der dritte Teil beginnt mit einem Anschlag auf Isi dem sie sich nur durch einen Sprung aus dem Fenster entziehen kann, mit fatalen Folgen, für die junge Frau, die es sich zum Lebensinhalt gemacht hat, denen zu helfen, die keine Stimme haben und auf Gedeih und Verderb den Reichen und Mächtigen ausgeliefert sind.
Dieser Anschlag ruft Artur, der sich als Unterweltboss einen Namen gemacht hat und Carl, der als Kameramann bei der UFA arbeitet und der die Anfänge des Tonfilms hautnah miterlebt, auf den Plan.
Gemeinsam jagen sie die Hintermänner des Anschlags.


Ich mochte schon die ersten beiden Bände der Trilogie sehr, mit Spannung habe ich jeden Schritt der Freunde verfolgt, mit ihnen gelacht und gebangt, der Autor Andreas Izquierdo hat mit scheinbar leichter Hand die fiktiven Schicksale der drei Freunde mit dem Weltgeschehen verwoben. Die sozialen Ungerechtigkeiten zeigen sich in den Lebensumständen der Menschen, während auf der einen Seite Frauen in glänzenden Kleidern, Männer mit Zigarren in der Hand und das Kokain ist das Elixier der Nacht ist, ausgelassene Feste feiern, drängen sich kinderreiche Familien in engen und feuchten Wohnungen, nicht selten vermieten sie Stundenweise Betten an, sogenannte Schlafgänger.


Die rasante Entwicklung der Inflation (In Berlin kostete am 19. November 1923 ein Kilogramm Roggenbrot 233 Milliarden Mark und ein Kilogramm Rindfleisch 4,8 Billionen Mark. *), die Verbrechen der Rechtsextremen (Am Morgen des 24. Juni 1922 wurde der Außenminister Walther Rathenau in Berlin-Grunewald auf der Fahrt ins Auswärtige Amt von Angehörigen der rechtsextremen Organisation Consul (OC) ermordet.*), die der Autor im Buch beschreibt, sind historisch belegte Fakten.
Besonders spannende Einblicke gewährt Izquierdo uns in die Filmstudios, Carls Arbeit als Kameramann lässt uns den genialen Regisseur Fritz Lang hautnah erleben, (Der Science-Fiction-Streifen Frau im Mond, war 1929 ein kommerzieller Erfolg, obwohl seine filmhistorische Bedeutung bereits von der Einführung des Tonfilms überschattet wurde – das Werk ging als einer der letzten deutschen Stummfilme in die Filmgeschichte ein*). Diese Passagen waren für mich mit die interessantesten Szenen des Buches. Für die Spannung sorgt die Jagt auf die Drahtzieher des Anschlags, oftmals dachte ich "Das war es jetzt, die drei Freunde haben verloren, es gibt keinen Ausweg mehr, doch durch eine geschickte und immer plausible Wendung in der Handlung kam es doch anders.


Mit diesem Band endet die Geschichte um die drei Freunde, leider können wir sie nicht weiter begleiten, wir können ihnen nur alles Glück wünschen, das sie nach allem, was sie durchmachen mussten, verdient haben. Was bleibt ist die Gewissheit, dass die Freundschaft der drei alle Stürme des Lebens überstehen wird.
"Wir drei" "Nur wir drei"


Ich würde dringend empfehlen, alle drei Bände der Trilogie zu lesen, nicht nur, weil die Vorgängerbände wichtige Informationen enthalten, sondern auch für das eigene Lesevergnügen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. November 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 500 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3832165916
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3832165918

*Quelle Wikipedia

Dienstag, 15. November 2022

Facetten der Zukunft Science Fiction made in Austria (Stefan Cernohuby HRSG)


Der Herausgeber dieser Anthologie, Stefan Cernohuby hat Autorinnen und Autoren versammelt, die ihre Visionen einer möglichen Zukunft zu Papier gebracht haben und herausgekommen ist dabei eine wirklich bunte Mischung aus Geschichten.

Den Anfang macht Werner Skibar mit seiner Geschichte

Der letzte Wiener in der, der Junge Maximilian sich auf den Nationalfeiertag freut, besonders die Waffenschau des österreichischen Bundesheers, mit all ihren Panzern, Sturmgewehren und Hubschraubern hat es ihm angetan. Doch plötzlich verändert sich alles um ihn herum und er gerät in höchste Gefahr.

Viel mehr werde ich euch nach Möglichkeit von keiner der 13 Geschichten erzählen, bei Kurzgeschichten ist zu schnell zu früh verraten. Ich werde auch nicht auf jede der Geschichten eingehen, ich habe mir wahllos einige herausgepickt.

Weiter geht es mit

Anekdote zur Nivellierung der Arbeitsmoral von Faye Hell

Nonagintaden existieren, um zu arbeiten und Decemden das Leben zu erleichtern, ihnen zu dienen und sie zu schützen. Ihr Tagesablauf ist immer gleich.

Aufstehen, Nahrungsaufnahme, Arbeit, Ruhephase
Wissen, dass diese Regelmäßigkeit nötig ist, um eine vorzeitige Deaktivierung zu verhindern. Wissen nicht fühlen, denn Nonagintaden fühlen nicht.

Da hat mich die Autorin auf eine absolut falsche Fährte geführt, ich hatte etwas ganz anderes erwartet.

Jaqueline Mayerhofer fragt: Träumen KIs von Analoger Liebe?

Auf einem Flug durchs All beharrt die KI des Raumschiffs darauf, nicht nur ein Programm zu sein, sondern eine künstliche Intelligenz mit Persönlichkeitsrechten und außerdem ist sie offensichtlich verliebt.


Künstliche Intelligenzen sind ein beliebtes Thema in der Science Fiction, die Variationen ihrer Fähigkeiten sind vielfältig, ob sie zu echten Gefühlen fähig sind? Lest selbst.

Dein Paradies von Nora Bendzko

Vollkommene Vernetzung von Mensch und Androiden, jeder fühlt, was der andere fühlt, kein Privatleben mehr, aber auch keine Kriege mehr, wenn jeder den Schmerz des anderen fühlt.
So ist die Welt in Dein Paradies, in der Wissenschaftler es geschafft haben, Menschen und Androiden wie einen Bienenstock miteinander zu verbinden, mit allem, was dazu gehört, inkl. einer Königin. Und wenn diese stirbt, stirbt das ganze Volk.


Dies war tatsächlich eine meiner Lieblingsgeschichten in der Sammlung.

Wobei sie fast nur aus Lieblingsgeschichten besteht, ich wähle meinen Lesestoff sehr gezielt aus und weiß bei vielen Autorinnen und Autoren schon im Vorfeld, was mich erwarten könnte und sie enttäuschen mich so gut wie nie.

Stefan Cenohuby,Werner Skibar, Faye Hell, Jacueline Mayerhofer, Caroline Hofstätter, Michael Marcus Thurner, Jana Paradigi, Roman Schleifer, Nora Bendzko, Andreas Gruber, Mia Faber, Leo Lukas und Melanie Vogeltanz haben mir einige sehr interessante und unterhaltsame Lesestunden beschert und ich könnte mir einen zweiten Band sehr gut vorstellen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ OHNEOHREN; 1. Edition (1. Oktober 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 300 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 390329649X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3903296497




















Montag, 14. November 2022

Buchmesse Schwetzingen vom 12.11.2022



 


Ich hatte einen Tag Baustellen-Pause.

Und kann man so einen Tag besser verbringen als inmitten von Büchern und gemeinsam mit lieben Menschen?

Nein natürlich nicht. Also startete ich gemeinsam mit meiner Tochter am Morgen die 2-stündige Fahrt ins wunderschöne Schwetzingen, in einem Café trafen wir uns mit lieben Freunden zum Frühstück, da wir uns relativ selten treffen können, wurde erst einmal ausgiebig geplaudert, bevor wir uns zu Fuß auf den Weg zur Buchmesse machten. Veranstaltet wurde die Messe im atemberaubend schönen Schloss des Städtchens.



Bei noch schönerem Wetter kann man durch den Park lustwandeln, so wie schon Wolfgang Amadeus Mozart es getan hat. 

Dann ging es aber endlich zu den Büchern, einige der Verlage kannte ich schon und es war sehr schön Marc und Tanja vom Leseratten-Verlag gesund und munter anzutreffen, nachdem sie die BuCon aus gesundheitlichen Gründen ausfallen lassen mussten. Marc hat mir ein bisschen was von den kommenden Büchern erzählt und ja lieber Marc, ich bin jetzt neugierig. 
Dann durfte ich endlich Silke Boger vom Pinguletta Verlag kennenlernen, bisher ist das immer daran gescheitert, dass die Messen ausgefallen sind, um so mehr hat mich diese Begegnung gefreut, denn die Themen der Bücher des Verlags sind vielfältig, das Spektrum umfasst Krimis, Sachbücher, Romane und Biografien, hier finden Leserinnen und Leser immer das passende Buch. 
Ebenso vertreten waren die mörderischen Schwestern, die Vereinigung von schreibenden Frauen hat es sich zum Ziel gesetzt,  von Frauen geschriebene deutschsprachige Kriminalliteratur zu fördern.



Die Schwetzinger Buchmesse ist klein, zugegeben, aber auch interessant, das Programm war für meinen Geschmack zwar etwas Kinderbuchlastig, da muss ich noch auf Enkelkinder warten, aber nichtsdestotrotz ist meine Wunschliste wieder angewachsen.  Und das Schloss ist immer einen Besuch wert. 



Mittwoch, 9. November 2022

Die Vögel singen weiter von Lea Söhner


Nun sitze ich selbst unter einer Buche. Nicht zum Sterben, sondern um die Sonne zu genießen, meine Leere zu erkunden und an dich zu denken. Vielleicht auch, um ein bisschen zu weinen. Ich will dir erzählen, von mir, von dir und Resümee ziehen aus unseren schwierig schönen gemeinsamen Jahren. Doch hier im Friedwald fallen mir vor allem Geschichten vom Sterben ein. Als ob die Seelen vorbeistreiften und mir einen Wink gäben. Als ob sie mir zärtlich zuflüsterten: „Erzähl auch von mir.“ Als ob sie mir Bilder schenkten von ihrem Leben, während sie noch bei uns waren. So entfaltet sich ein Kaleidoskop aus immer neuen Bildern von Menschen, die ihren Weg zu Ende gegangen sind. Wie einzelne Perlen in den Farben von Reue, Versöhnung, Liebe und Schuld flechten sich die Erzählungen in unsere gemeinsame Geschichte ein und hinterlassen mich mit Stille und Zuversicht.


Geschichten über das Sterben zu lesen ist für mich, wenn es sich nicht gerade um Krimis oder Thriller handelt eher ungewöhnlich. Der Titel und das Cover aber sprachen mich an und ich dachte mir: Wenn es zu traurig, rührselig oder religiös wird, kann ich es immer noch abbrechen.

Da ihr diese Rezension 
lesen könnt, habe ich es nicht abgebrochen.

Eine Frau sitzt unter einem Baum in einem Friedwald und trauert um ihren Mann, mit dem sie eine lange von Höhen und Tiefen geprägte Ehe führte, sie erzählt von dem Schmerz, den sie empfand, als er starb und sie allein zurückbleiben musste, aber auch davon, dass sie nun frei sei, ein neues Leben beginnen zu können. Und sie erzählt ihm Geschichten vom Sterben anderer Menschen, denn die sind es, die ihr in dem Friedwald einfallen. Vor allem von den Menschen, die im Krieg oder danach starben. Sie erzählt von Gertrud, die als Krankenschwester ihren Dienst an der Front tut, in Blut und Eingeweiden, in Schmerz und Leid versinkt und niemals aufgibt, erst als ein Mann sie enttäuscht und sie das gemeinsame Kind abtreiben lässt, beginnt etwas in ihr zu zerbrechen, Stück für Stück, bis von der Gertrud die enthusiastisch in den Krieg zog, nichts mehr übrig blieb. Erst als sie wieder zu Hause eine Ausbildung zur Hebamme macht, heilt ihre Seele, ein Happy End aber nimmt auch diese Geschichte nicht.

Ich könnte euch jetzt von jeder der Geschichten erzählen, worum es geht, aber das werde ich nicht tun, ich versuche euch lieber zu erzählen, was ich gefühlt habe, als ich diese Geschichten las:

Trauer, Mitgefühl und manchmal auch den Schmerz, den die Hinterbliebenen fühlten, besonders Heinrichs Mutter, deren Söhne im Krieg fielen, muss sehr unter ihrem Verlust leiden, sprechen kann sie darüber nicht, denn andere haben ja noch "viel mehr verloren".

Zwischen all diesen Geschichten über den Tod, erfahren wir mehr über die Erzählerin und ihrer Beziehung zu ihrem verstorbenen Mann. Und das ist es, was dieses Büchlein so besonders macht, denn dieses Kennenlernen der Erzählerin, so nenne ich das einmal, lässt uns erleben, dass Trauer nichts Schlimmes ist, wir sollten sie zulassen, weinen und schreien, reden und schweigen, all das gehört zur Trauer dazu und nur so können wir den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten.

Die Vögel singen weiter von Lea Söhner hat mich nicht traurig zurückgelassen, sondern mit einem guten Gefühl, wie ich das genau benennen soll, weiß ich allerdings nicht. Jetzt kommt die Zeit, in der traditionsgemäß in Deutschland den Toten gedacht wird. Die Natur macht eine Pause und der Mensch findet vielleicht die Zeit einmal innezuhalten und zurückzublicken, auf die, die vor uns da waren, um dann mit den bald wieder helleren Tagen auch wieder nach vorn zu auf die, die noch da sind und die, die kommen werden. 

Das nehme ich aus diesem Buch mit.

  • Herausgeber ‏ : ‎ tredition (21. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 156 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3347668995
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3347668997




Samstag, 5. November 2022

Projekt DreamWalker Die Schatten von Christoph Zachariae


Dr. Jakob Lem ist  Klarträumer, das heißt, er ist sich bewusst zu träumen und er ist in der Lage in seinen Träumen bewusst zu handeln, diese Fähigkeit will der Traumforscher nutzen, um Komapatienten in ihren Träumen aufzusuchen und sie zum Aufwachen zu bewegen. Jakobs Tochter Isabella hat es als Autistin nicht leicht, sie meidet Menschen, denn soziale Kontakte sind schwierig, für das hochsensible Mädchen, selbst zu ihrer Mutter Maude kann sie keine Bindung aufbauen. Maude versucht, in ihren Träumen mit Isa in Kontakt zu kommen, denn ihren Träumen ist Isa, frei und voller Selbstbewusstsein und sie kann ihre Gefühle ausdrücken, doch der Versuch scheitert an Maudes Unvermögen in die Enge der Schlafkapseln zu ertragen. 

Jakob beginnt Isa zu einer Dreamwalkerin auszubilden, in ihren gemeinsamen Träumen stärken sie ihre Verbindung zueinander, als Jakob selbst ins Koma fällt, macht sich Isa in der Traumwelt auf den Weg ihren Vater zu finden und zu retten.

Traumforschung, Lucide Träume, Oneironauten (Menschen, die ihre Träume gezielt beeinflussen können), das klang nach einem interessanten Thema, über das ich schon in der einen oder anderen Fantasygeschichte lesen durfte, bis dahin war mir nicht bewusst, dass auf diesem Gebiet schon seit längerem geforscht wird und da ich bisher nur Gutes über Christoph Zachariae neustes Buch
Projekt DreamWalker gehört hatte, lag es nah, es auch zu lesen, weil es sich genau mit diesem Thema beschäftigt.
Und ich wurde nicht enttäuscht, sowohl der Schreibstil des Autors als auch die Story haben mich vollends überzeugt.
Isa ist kein leichter Charakter, ihr Autismus macht ihr und ihrem Umfeld das Leben schwer, sie zu mögen ist zu Beginn nicht einfach, doch je näher ich sie kennenlernte, desto mehr schloss ich sie ins Herz. 
Die Beschreibungen der Traumwelt haben mir besonders gut gefallen, denn ich konnte mir alles sehr gut vorstellen, der Autor hat ein Händchen dafür geschriebene Worte in Bilder zu verwandeln, aber er  hat auch einen gewissen Sinn für Humor, der mir sehr gut gefällt, da er meinem eigenen nah zu sein scheint, die eine oder andere Formulierung ließ mich gleich zu Beginn schmunzeln. Nicht falsch verstehen, das Buch ist keine *lustige Fantasygeschichte,* sie ist herausfordernd und nichts für Leserinnen und Leser, die nur schnell unterhalten werden wollen, um gleich nach dem Lesen zum nächsten Buch zu greifen.  Das nächste Buch, zu dem ich greifen wollte, war der zweite Teil der Trilogie, aber da muss ich mich wohl noch etwas gedulden.
Eine Besonderheit, sind die Illustrationen, die jedem Kapitel vorangestellt sind, sie verraten nicht nur aus wessen Sicht die Geschichte gerade erzählt wird, sondern auch, ob derjenige gerade träumt oder sich in der Realität befindet. Wie? Das müsst ihr schon selbst herausfinden. Vielleicht verrät es euch ja jemand in seinen Träumen.

Mein Fazit: Ein sehr gelungener Auftakt zu einer Trilogie, ich freue mich schon auf die nächsten Bände.

  • ASIN ‏ : ‎ B09NRJT9S8
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published (23. Dezember 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 454 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8788316659



Mittwoch, 2. November 2022

Adler, Weibliche Kriminalpolizei, Berlin: Verdunklung 1940 von Stephan Weichert

 



Klappentext:

Berlin 1940: Alliierte Luftangriffe treffen die Reichshauptstadt, es herrscht Verdunkelung bis zum Morgengrauen. Die Männer sind an der Front, während die Frauen die Betriebe am Laufen halten, oft bis spät in die Nacht. Doch ihr Weg nach Hause wird zur Gefahr: in den dunklen S-Bahnzügen Berlins treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Um dem Täter auf die Spur zu kommen, setzt die Polizei auf die Abteilung der weiblichen Kriminalpolizei. Kriminalassistentin Luise Adler soll den attraktiven Lockvogel spielen, doch kommt man bei den Ermittlungen nicht wie gewünscht voran. Fadenscheinig wittert der politische Apparat einen Komplott von Staatsfeinden und schnell wird klar: Es geht nicht mehr um den Fall, sondern um planmäßige Demütigung und Vernichtung all derer, die nicht ins Weltbild der Nationalsozialisten passen.





    Krimis, die kurz nach dem 2. Weltkrieg spielen, gibt es viele, Krimis, deren Handlung mitten drin angesiedelt ist, sind mir bisher wenige untergekommen. Umso gespannter war ich auf

    Adler, weiblichen Kriminalpolizei, Berlin.

    Die Straßen in Berlin sind dunkel im Jahr 1940, die Alliierten sollen ihre Ziele zum Bombardieren in der Nacht nicht ohne weiteres finden, was den Alliierten das Leben schwer macht, erleichtert einem Serienvergewaltiger sein grausames Tun.
    Als es ein erstes Todesopfer gibt, gründen Kriminalrat Lüdke und Grete Hartmann, Leiterin der weiblichen Kriminalpolizei, die Sonderkommission Quadriga.

    Die junge Kriminalassistentin Luise Adler wird als Lockvogel eingesetzt und um ihr die Aufgabe schmackhaft zu machen, bekommt sie im Gegenzug die Beförderung zur Kommissarin.

    Gemeinsam mit der Sicherheitspolizei will man dem Vergewaltiger und Mörder auf die Spur kommen, doch während die Kriminalpolizei in alle Richtungen ermittelt, wie es so schön heißt, hat sich die Sicherheitspolizei unter der Leitung von Kurt Eugen Görnitz schon längst darauf eingeschossen, dass es sich bei dem Täter um einen Staatsfeind handeln muss und agiert dementsprechend.

    Neben der verzweifelten Suche nach dem Täter, lenkt der Autor den Blick der Leserinnen und Lesern auf das, was während der NS-Zeit noch an Grausamkeiten geschah, die Zustände im Kinderheim "Knabenrettungsheim", die jedem, der sich auch nur einen Hauch von Menschlichkeit bewahrt hat, den Magen umdrehen, sind ebenso Thema wie geplante Anschläge auf das Regime. Immer wieder sind Zitate von Himmler, Goebbels oder Hitlers eingestreut, die zum Inhalt passen und das menschenverachtende Gedankengut der damaligen Machthaber widerspiegelt.

    Ich mochte an dem Buch, dass der Autor Stephan Weichert augenscheinlich gut recherchiert hat, er hat Fiktion und Wirklichkeit gut miteinander verwoben. Nicht so gut gefallen hat mir, dass die Hauptprotagonistin und ihr Kollege Zach ihre privaten und beruflichen Probleme mit Drogen und Alkohol bekämpfen.

    Der Auftakt der Reihe spiegelt die Zeit, in der sie spielt, gut wider, der Autor lässt seine Leserinnen und Leser einen Blick zurück werfen in die Abgründe der NS-Diktatur, aber natürlich auch in die Anfänge der Gleichberechtigung von Frauen im Polizeiapparat, auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist. Ich bin gespannt, wie die Reihe weitergeht.

  • Herausgeber ‏ : ‎ edition krimi; 1. Edition (19. September 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 330 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948972877
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948972875

Dienstag, 1. November 2022

Liebe ist gewaltig von Claudia Schuhmacher

Juli wächst in einer Vorzeigefamilie auf: Die Eltern sind Rechtsanwälte, sie ist Klassenbeste. Doch in der Kleinstadtvilla herrscht das Grauen. Der Vater drillt die Kinder auf Leistung, prügelt sie und seine Frau. Juli wird älter, fordert ein Ende der Gewalt, deren Realität von der Mutter vehement abgestritten wird. Einzig ihre Geschwister und eine Maus geben Halt. Doch wie kann man sich befreien, wenn man weder den Eltern noch den eigenen Erinnerungen traut? Die Befreiung gerät zum Feldzug – gegen die Eltern und das eigene Ich. Drei Jahrzehnte folgen wir Juli, die mit aller Macht versucht, die Deutungshoheit über ihr Leben zu erlangen. Ein eindringlicher Roman über Verletzungen und eine mögliche Heilung, voller Originalität und Wärme.

Für diesen Roman die passenden Worte zu finden, ohne in Plattitüden zu verfallen, fällt mir unheimlich schwer.

Juli wächst in einer Vorzeigefamilie auf, die Eltern Anwälte, ein schönes gepflegtes Zuhause, drei Geschwister. In der Schule und im Sport läuft es für das Mädchen bestens, das Leben könnte für alle eitler Sonnenschein sein. Doch das ist es nicht, der Vater ist ein brutaler, sadistischer Schläger, der sowohl seine Frau als auch seine Kinder psychisch und physisches misshandelt, sie wissen nie, wann und warum er ein weiteres Mal über sie herfällt und ob sie die Schläge überleben. Julis Mutter streitet ab, dass die Kinder vom Vater misshandelt wurden, schließlich sei sie es gewesen, die sein Opfer war, sie verlangt von den Kindern, dass sie schweigen und besticht sie mit Geschenken und Kuchen.

Juli beginnt ein Studium in Berlin und flüchtet sich in Drogen, Alkohol und immer neuen Beziehungen, sie kann sich zwar räumlich von den Eltern trennen, emotional gelingt es ihr nicht sich zu lösen.

Ich habe mitgelitten, mit dem Kind und der jungen Frau, zu der sie sich entwickelt hat.

Dieser Roman ruft den Leserinnen und Lesern eindringlich ins Bewusstsein, welche Gewalt hinter vielen gutbürgerlichen Fassaden herrscht, entgegen der landläufigen Meinung zieht sich das Problem durch alle Gesellschaftsschichten und beschränkt sich nicht nur auf Menschen, die am unteren Rande der Gesellschaft leben müssen. 
Wer nicht selbst betroffen ist, kann sicher nicht verstehen, warum sich die Opfer der Gewalt nicht wehren, warum sie nicht gehen. Ich kann das auch nicht, ich kann nur mutmaßen, dass es sowohl finanzielle Gründe als auch emotionale hat, der Wunsch dem Täter zu gefallen und die Hoffnung, die daraus resultiert, dass vielleicht doch noch alles gut wird.

Juli ist als Charakter schwierig gezeichnet, ich konnte ihre Handlungen nicht immer nachvollziehen, auch wenn ich verstand, welcher Schaden in ihrer Seele über die Jahre der Misshandlungen entstanden sein muss, was sicherlich so manches erklärt.
Dabei schafft die Autorin eine gewisse Distanz zum Geschehen zu wahren, das ist der Sprache geschuldet, die sie ihrer Protagonistin gibt, sarkastisch und mit manchmal bissigem Humor wehrt sich Juli gegen ihren Vater und entkommt ihm doch nicht.

Ich kann dem Buch mit meinen Worten nicht gerecht werden. Das Buch muss gelesen werden, um die Gefühle nachvollziehen zu können, die ich beim Lesen entwickelte: Wut, Trauer und Hoffnung wechselten sich ab und am Ende, soviel kann ich euch verraten, siegte die Hoffnung.

Über die Autorin:

Claudia Schumacher, 1986 in Tübingen geboren, verbrachte ihre Jugend im Stuttgarter Speckgürtel. Nach dem Studium in Berlin folgten sieben Jahre in Zürich, wo sie als Journalistin und Kolumnistin arbeitete, Redakteurin bei der ›NZZ am Sonntag‹ war. Heute lebt die Autorin in Hamburg und schreibt unter anderem für ›DIE ZEIT‹.

  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 4. Edition (18. Mai 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 376 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3423290153
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423290159