Montag, 29. Juli 2024

Der Getreue des Herzogs: Ein Historischer Roman aus Württemberg von Johanna von Wild



Der Roman »Der Getreue des Herzogs« entführt die Leserinnen und Leser ins Tübingen des Jahres 1498. Im Mittelpunkt stehen der elfjährige Ulrich, der zum Herzog von Württemberg ernannt wird, und Johannes, ein kluger Junge, der als Küchenjunge arbeitet und davon träumt, Arzt zu werden. Ulrich wächst unter der Obhut seines Onkels Eberhard auf. Während eines Aufenthalts auf dem Schloss Hohentübingen lernt er Johannes kennen, der die Schule besucht und in der Schlossküche arbeitet, um Geld für ein Studium zu sparen, wird auf Drängen Ulrichs von seinen Pflichten entbunden und wird Ulrichs engster Vertrauter und Freund.

Tübingen 1498

so beginnt der Klappentext und da ich nur eine halbe Stunde Autofahrt von dem Ort, an dem die Geschichte zu Beginn spielt, lebe, hat der Roman »Der Getreue des Herzogs« von Johanna von Wild sofort mein Interesse geweckt.

Ulrich, der mit 11 Jahren zum Herzog ernannt wird, wird bald zum Spielball seiner Vormünder, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Johannes muss miterleben, wie sein Freund in Verschwendungssucht und rücksichtsloses Verhalten abrutscht. Trotz der loyalen Freundschaft kann Johannes nicht verhindern, dass der Herzog seine Untertanen zunehmend unterdrückt, was schließlich zu einem Bauernaufstand führt. Gleichzeitig entwickelt sich Johannes zu einem mitfühlenden und herausragenden Arzt. Die Situation spitzt sich zu, als Johannes’ große Liebe, Sophie Breuning, gezwungen wird, den grausamen Ambrosius Volland zu heiraten, der am Hof immer mehr Macht gewinnt.

Die detaillierte und gut recherchierte Darstellung der historischen Ereignisse hat mich besonders beeindruckt. Johanna von Wild hat es erneut geschafft, historische Fakten und fiktive Elemente gekonnt zu verweben. So werden beispielsweise die arrangierte Ehe von Herzog Ulrich mit Sabina von Bayern und seine Affäre mit Ursula, der Tochter seines Vormunds, thematisiert. Diese historischen Fakten sind sorgfältig recherchiert und authentisch dargestellt. Ulrich ist ein schwieriger Charakter: Jähzornig, verschwenderisch auf der einen Seite, ein Reformator auf der anderen.

Die Figur des Johannes Greiner, die rein fiktiv ist, fügt sich nahtlos in das historische Umfeld ein. Manchmal vergisst man fast, dass er nicht wirklich existiert hat. Er ist das genaue Gegenteil von Ulrich, mitfühlend, verständnisvoll und bedacht bei fast allem, was er tut. Dass dies nicht zu unglaubwürdig rüberkommt, zeugt ebenfalls von Johanna von Wilds schriftstellerisches Können. Ihre lebendige Schilderung und die genaue Darstellung der damaligen Zeit machen das Buch zu einem fesselnden Leseerlebnis.

Fazit

»Der Getreue des Herzogs« ist ein fesselnder und gut geschriebener historischer Roman, der tief in die Welt des spätmittelalterlichen Württemberg eintaucht. Johanna von Wild bietet nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch einen Einblick in die historischen Ereignisse und Persönlichkeiten der Zeit. Für Leserinnen und Leser, die sich für historische Fiktion interessieren, ist dieses Buch absolut empfehlenswert.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Gmeiner-Verlag; 2020. Edition (12. August 2020)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 448 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3839226996
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3839226995

Freitag, 26. Juli 2024

RAUCH: von Yrsa Sigurdardóttir (Autorin), Tina Flecken (Übersetzerin), Anika Wolff (Übersetz

 

Die isländische Autorin Yrsa Sigurdardóttir hat mich bereits mit ihren früheren Thrillern begeistert, und "Rauch" setzt diese Erfolgsreihe eindrucksvoll fort.

Der Roman beginnt mit der Überfahrt auf die Westmännerinseln, wo die Natur Islands in ihrer rauen Schönheit und abweisenden Kälte wunderbar zur düsteren Stimmung der Geschichte passt. Der Charakter Trausti stellt die Clique zunächst als eine eng verbundene Gruppe dar, die trotz der Jahre und geografischen Distanz immer noch harmonisch miteinander umgeht. Doch schnell enthüllt sich eine andere Realität: Unter der Oberfläche brodelt es, und alte Spannungen sowie lang gehütete Geheimnisse kommen ans Licht.

In "Rauch" steht besonders die Figur der Gerichtsmedizinerin Idun im Mittelpunkt, die mir bereits aus dem Vorgängerband "Nacht" bekannt war. Idun ist eine vielschichtige und faszinierende Persönlichkeit, deren professionelle Kühle und analytische Schärfe sich mit persönlichen Unsicherheiten mischen. Ihre Entwicklung und ihre Beziehung zu den anderen Charakteren werden meisterhaft geschildert.

Die Geschichte wird auf zwei Erzählebenen präsentiert: Einmal aus der Sicht der Ermittler Tyr und Idun, die versuchen, die Wahrheit hinter den Vorkommnissen aufzudecken, und zum anderen aus der Perspektive der Freunde, sowohl vor als auch nach dem verhängnisvollen Ereignis. Diese strukturierte Erzählweise sorgt nicht nur für eine hohe Spannung, sondern erlaubt es auch, die Charaktere und ihre Motive tiefgehend zu erforschen. Man wird förmlich in die komplexen emotionalen Verstrickungen und moralischen Konflikte der Figuren hineingezogen.

Fazit: "Rauch" ist ein meisterhaft konstruierter Thriller, der durch seine dichte Atmosphäre und die psychologische Tiefe der Charaktere besticht. Yrsa Sigurdardóttir gelingt es, eine fesselnde Geschichte zu erzählen, die bis zur letzten Seite mit überraschenden Wendungen aufwartet. Ein absolutes Muss für Liebhaber des Genres, die sich auf eine spannende und emotionale Reise begeben möchten!


  • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag (12. Juni 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 400 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 344276243X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442762439
  • Originaltitel ‏ : ‎ GÆTTU ÞINNA HANDA

Dienstag, 23. Juli 2024

Warum der stille Salvatore eine Rede hielt von Michael Wäser

 Salvatore, ein Einzelgänger aus Bovnik, wird durch einen spektakulären Unfall plötzlich ins Rampenlicht gezerrt. Als ein verendeter Pottwal, der zu Forschungszwecken zur Universität gebracht werden soll, wird Salvatore fast von ihm erschlagen, durch diesen spektakulären Unfall findet sich der Einzelgänger unerwartet im Zentrum der Aufmerksamkeit seiner Heimat wieder. Dieser Vorfall zieht nicht nur mediales Interesse nach sich, sondern bringt ihn auch in Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen.

Inmitten dieser neuen Situation verliebt sich Salvatore in Vera, eine Freiheitskämpferin, deren Gruppe mit äußerst skurrilen Methoden für ihre Ziele kämpft.

 Bovnik befindet sich seit Jahren im Krieg mit dem Nachbarland Thunak. Dieser Krieg  unterscheidet sich grundlegend von herkömmlichen Kriegshandlungen: Durch eine neu entwickelte Waffentechnik werden ausschließlich Soldaten verletzt oder getötet und militärische Einrichtungen beschädigt oder zerstört.

Die UN unterstützt beide Kriegsparteien finanziell, um sicherzustellen, dass nur diese spezielle Waffentechnik verwendet wird. Die Bevölkerung beider Länder hat sich mit dem Krieg arrangiert und akzeptiert ihn als notwendig. Daher haben die Regierungen keinen Anreiz, den Konflikt zu beenden.

Michael Wäser führt seinen Leserinnen und Lesern die Absurdität des Krieges eindrucksvoll vor Augen. Sein Schreibstil ist ungewöhnlich und leicht ausschweifend, was wohl als bewusstes Stilmittel eingesetzt wird. Zunächst hatte ich Schwierigkeiten, mich an diesen Schreibstil zu gewöhnen, und es dauerte eine Weile, bis ich vollständig verstand, wie die "moderne" Art der Kriegsführung funktioniert und welche tiefgreifenden Auswirkungen sie hat. Der Vergleich des Krieges zwischen Bovnik und Thunak mit den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien ist sicherlich kein Zufall und verstärkt die kritische Botschaft des Romans.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Dielmann, Axel; 2. Edition (23. Juni 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 344 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3866384459
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3866384453


Das Blutgericht von Köln: Historischer Kriminalroman von Ingo Gach



Nominiert für den Literaturpreis Goldener HOMER 2024 – ein brillant recherchierter historischer Krimi, der tief in die Abgründe der Ränkespiele um Macht und Einfluss blickt. Köln, 1193: Der junge Ritter Seyfrid von Viskenich hat nach dem Kreuzzug dem Töten abgeschworen und lässt sich in Italien als Medicus ausbilden. Doch als sein Vater in Köln wegen Mordes hingerichtet wird, kehrt er in seine Heimat zurück und sucht unter falschem Namen nach den wahren Tätern. Nur Rebecca, die ebenso schöne wie kluge Händlerstochter, steht ihm zur Seite. Gemeinsam kämpfen sie gegen Intrigen und Verrat – und geraten selbst in den Fokus der Mörder.

Als junger Mann zieht Seyfrid von Viskenich zur Freude seines Vaters mit den Kreuzrittern ins Heilige Land, um Jerusalem zu befreien und den christlichen Glauben zu verteidigen. Nach einer Schlacht, bei der sein bester Freund stirbt, gerät Seyfrid schwerverletzt in die Hände des Arztes Abdul Al-Aziz, der im Gegensatz zu seinen christlichen Kollegen Patienten unabhängig ihres Glaubens behandelt. Seyfrid erkennt, dass seine Bestimmung nicht auf dem Schlachtfeld liegt, sondern darin, anderen zu helfen, und er beginnt eine Ausbildung zum Medicus. Diese setzt er nach dem Tod seines Mäzens in Salerno an der Scola Medica Salernitana bei einem der besten Ärzte seiner Zeit fort.

Nachdem Seyfrid die Nachricht erhält, dass sein Vater wegen Mordes von einem Blutgericht zum Tode verurteilt wurde und seine Familie für vogelfrei erklärt wurde, bricht er seine Ausbildung ab und reist unter dem Namen seines gefallenen Freundes Ulrich von Schwarzenberg nach Köln, um die wahren Hintergründe des Todes seines Vaters herauszufinden.

Ingo Gach hat mir mit "Das Blutgericht von Köln" einige unterhaltsame und spannende Lesestunden beschert. Ich fühlte mich zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit, die sicherlich den Grundstein für unsere heutigen medizinischen Erkenntnisse legte. Aber natürlich liegt das Hauptaugenmerk in diesem historischen Krimi auf dem Tod Johann von Viskenich und der damit zusammenhängenden Intrige.

Der Autor hat es hervorragend geschafft, die Ränkespiele der Kölner Oberschicht darzustellen. Durch seine meisterhafte Verbindung von Fiktion und Fakten wird die Geschichte nicht nur spannend, sondern regt auch dazu an, sich näher mit der damaligen Zeit zu beschäftigen.

Soweit ich es beurteilen kann, hat Ingo Gach perfekt recherchiert. Sowohl die Schauplätze, insbesondere die in Köln, als auch die historischen Persönlichkeiten sind sehr gut beschrieben. Ein ausführliches Glossar am Ende vermittelt den interessierten Leserinnen und Lesern einen weiteren detaillierten Blick auf die damals einflussreichen Persönlichkeiten.

"Das Blutgericht von Köln" ist ein meisterhaft recherchierter historischer Krimi, der nicht nur durch spannende Handlung und tiefe Einblicke in die Ränkespiele der Kölner Oberschicht besticht, sondern auch gekonnt Fiktion und Fakten verwebt. Ingo Gach schafft es, die Leser in eine längst vergangene Zeit zu entführen und dabei das Interesse an historischen Details und medizinischen Entwicklungen zu wecken. Ein Muss für Liebhaber historischer Romane!

Viele weitere, sehr interessante Beiträge findet ihr bei:

svanvitheanke

carmensbuecherkabinett

nichtohnebuch

Kapitel 11

Buchmomente

lesebuch_meinebuecherundich

kunterbunte Bücherreisen

thenerdybookbird


  • Herausgeber ‏ : ‎ Emons Verlag (21. September 2023)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 448 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3740818867
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3740818869


Montag, 22. Juli 2024

Das Buch vom Salz: von Monique Truong (Autor), Barbara Rojahn-Deyk (Übersetzerin)

 

Die Geschichte beginnt mit Binh, der seit einigen Jahren in Paris lebt und als Koch in verschiedenen Haushalten arbeitet. Es ist nicht einfach für ihn, so fern seiner Heimat Fuß zu fassen. Seine Arbeitsstellen behält er nie lange; meist kündigt er selbst, nicht ohne Gegenstände aus dem jeweiligen Haushalt mitzunehmen. Bevor die Herrschaft merkt, dass etwas fehlt, ist er schon weg.

Eines Tages liest er eine Stellenanzeige:

„Koch gesucht. Zwei amerikanische Damen wünschen einen Koch einzustellen. Rue de Fleurus – melden Sie sich beim Concierge.“

Die zwei amerikanischen Damen sind Alice B. Toklas und Gertrude Stein. Fünf Jahre lang arbeitet Binh bei dem exzentrischen Paar, denen ihre beiden verzogenen Schoßhündchen ebenso am Herzen liegen wie der künstlerische Nachwuchs der Pariser Moderne. Jeden Samstagnachmittag kommen junge Männer zu ihnen zum Tee. Einer von ihnen wird Binhs Liebhaber. Binh hat seine Heimat nicht aus Abenteuerlust verlassen; seine Homosexualität zwang ihn zur Flucht. So landet er nach einigen Jahren als Schiffskoch in Paris und schließlich im Haushalt von Gertrude Stein und Alice B. Toklas.

Binh erzählt als Ich-Erzähler stets aus seiner eigenen Perspektive. Der Roman besteht aus beständigen Vor- und Rückblenden, und obwohl man bei genauem Lesen erkennt, welche Erzählstränge die eigentliche Rahmenhandlung bilden, verschwimmt es manchmal, ob gerade ein Zeitsprung nach vorne oder nach hinten stattfindet.

Monique Truongs Schreibstil ist sehr bildhaft. Auch wenn ihr Protagonist nicht immer die richtigen Worte findet, gibt sie ihm die passenden Ausdrücke, indem er über Rezepte nachdenkt. Diese Worte zergehen auf der Zunge. Allein die Beschreibung eines so einfachen Essens wie Reis, der je nachdem, wie man ihn nach dem Kochen behandelt, seine Konsistenz verändert, ist sprachlich meisterhaft. Truong versteht es, Binhs inneres Erleben und die Atmosphäre der Pariser Kulturszene der 1920er Jahre lebendig und anschaulich zu schildern.

Binh ist eine fiktive Person, was der Autorin die Gelegenheit gibt, Fiktion und Fakten wunderbar miteinander zu verbinden. Sie schafft es, historische Figuren und Ereignisse geschickt in eine erfundene Erzählung einzubetten, die dennoch authentisch wirkt, besonders für Leserinnen und Leser wie mich, die nichts über die "Steins" wissen. Und die nichts über die französischen Kolonien wissen, auch darüber weiß ich so gut wie nichts, auch darüber schreibt die Autorin und weckt mein Interesse daran, mehr darüber zu erfahren. 

Fazit:
»Das Buch vom Salz« von Monique Truong ist ein faszinierender Roman, der die Geschichte von Binh, einem vietnamesischen Koch in Paris, erzählt. Durch seine Augen lernen wir Gertrude Stein und Alice B. Toklas kennen und erleben die Pariser Kulturszene der 1920er/ 1930er Jahre. Truong beschreibt auf eindrucksvolle Weise Binhs inneren und äußeren Konflikte und verwendet dabei oft kulinarische Metaphern, die das Lesen zu einem Genuss machen. Ein Roman, der durch seine schöne Sprache und tiefen Emotionen besticht.


  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck; 1. Edition (11. Juli 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 335 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406822509
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406822506
  • Originaltitel ‏ : ‎ Book of Salt The



Klappentext: Binh, der vietnamesische Koch von Gertrude Stein und Alice B. Toklas in Paris, hat fünf Jahre als Koch in der berühmten Wohnung Rue de Fleurus 27 gelebt, wo Alice B. Toklas und Gertrude Stein die Helden der Lost Generation zum Tee empfingen, hat ihre Rituale und Gewohnheiten beobachtet, ihre Verrücktheiten und ihre Genialität. Monique Truongs Roman erzählt sinnlich, klug und spannungsreich verwoben die Geschichte von Binh und den ‹Steins›. Sie führt zurück zu Binhs Jugend im kolonialen Vietnam, seiner Zeit auf See, seinen Versuchen, in Paris Fuß zu fassen. Dabei ist Binh, der Erzähler, ein Fremder, eine verlorene Seele, dessen Liebe zu Männern ihn seine Heimat fliehen ließ, ein ebenso anrührender wie nicht ganz zuverlässiger Berichterstatter. Wunderschön und doppelbödig geschrieben ist Das Buch vom Salz ein Fest der Sinne und des Erzählens und seit seinem Erscheinen Anfang des Jahrtausends ein moderner Klassiker.


Donnerstag, 18. Juli 2024

Mitternachtsschwimmer von Roisin Maguire (Autor), Andrea O'Brien (Übersetzerin)

Die Geschichte beginnt mit Grace, die jeden Tag an "ihrer" Badestelle schwimmen geht. Sie ist eins mit dem Meer und kennt es genau, gestört wird sie nur von Touristen, die lärmend den Strand für sich beanspruchen. Grace lebt sehr zurückgezogen am Rande von Ballybrady und verdient sich etwas Geld mit der Vermietung eines Cottages an Touristen.

Eines Tages zieht Evan in das Cottage. Er hat einen schmerzhaften Verlust zu bewältigen, an dem auch seine Ehe zu zerbrechen droht. Evan will sich nur eine Woche erholen, bevor er sich wieder den wichtigen Dingen in seinem Leben stellt: seiner Familie und seinem Job. Vor allem will er seine Ehe retten, auch wenn seine Frau zunächst keinerlei Kontakt wünscht. Doch es kommt anders: Der Lockdown nimmt das Land in seinen Griff und begrenzt das Leben auf ein Mindestmaß.

Währenddessen muss sich Evans Frau Lorna um den Alltag kümmern: Job, Haushalt und die Erziehung des gehörlosen Luca, ihres ersten Kindes. Als ihr alles über den Kopf wächst, bringt sie den Jungen kurzerhand nach Ballybrady zu Evan.

So, genug vom Inhalt verraten.

Die Geschichte beginnt recht ruhig und bleibt es auch im Verlauf, was keinesfalls ein Nachteil ist. So bleibt genügend Zeit, sich die irische Landschaft und die Bewohner des kleinen Küstenortes vorzustellen, die Grace auf liebevolle und erfrischende Art als verrückt bezeichnen. Denn eigentlich mögen sie alle Grace sehr. Evan muss lernen, mit ihnen zurechtzukommen und ihre Zuneigung zu gewinnen.

Die Leserinnen und Leser erfahren nach und nach von Graces Geheimnissen. Hier hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht, doch vor allem erfahren wir von Evans Schicksal, dessen Ausmaß erst im letzten Teil des Buches ans Licht kommt.

Die Autorin Roisin McGuire hat einen feinfühligen Roman geschrieben, der zu Herzen geht und in dem der Lockdown tatsächlich auch positive Auswirkungen auf die Menschen hat, die sich trotz Abstand näherkommen konnten.

Fazit

"Mitternachtsschwimmer" ist ein leiser, und kluger, aber auch tief berührender Roman, der die Schönheit Irlands und die Komplexität menschlicher Beziehungen einfängt. McGuires einfühlsamer Schreibstil und die sorgfältig gezeichneten Charaktere machen das Buch zu einem wahren Lesevergnügen.



  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (15. Juli 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 383216829X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3832168292
  • Originaltitel ‏ : ‎ Night Swimmers


Dienstag, 16. Juli 2024

Kasalé Taschenbuch – von Kettly Mars (Autor), Ingeborg Schmutte (Übersetzerin)

 

In einem kleinen haitianischen Dorf bewahrt Antoinette, genannt Gran’n, Großmutter, die althergebrachten Praktiken und Riten. Um sie herum andere, jüngere Frauen, vor allem Sophonie, die „auf dem Höhepunkt des Regenschauers in andere Umstände fiel.“ Antoinette hat in ihr die erkannt, die ihr nachfolgen soll, aber Sophonie zögert und begreift auch erst nach und nach, was es mit dem Kind auf sich hat, das sie erwartet. Antoinette fühlt ihr Ende nahen, will aber noch einen letzten Auftrag erfüllen: Das Haus der Mysterien, der Geister des Voodoo, das ein Unwetter zerstört hat, muss wieder aufgebaut werden. Das Projekt droht die Gemeinschaft zu entzweien, denn viele Bewohner haben sich von den Mysterien abgewendet … Kettly Mars’ erster Roman erzählt in der Tradition des magischen Realismus und durchdrungen von der Spiritualität des Voodoo von der Welt des ländlichen Haiti, von der tragenden Rolle der Frauen und von den Konflikten mit der vermeintlich modernen Welt.

Anfang der 60er Jahre wird der Voodoo-Kult auf Haiti nur noch von wenigen Menschen praktiziert, meist im Verborgenen. Das Christentum hat seinen Platz eingenommen. So auch in Kasalé, einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince. Hier lebt die weitverzweigte Familie von Antoinette, einer alten Frau, die tief in den Traditionen ihres Landes verwurzelt ist. Nach einem Sturm, bei dem ein Zimtapfelbaum entwurzelt über dem Fluss hängt und das »Haus der Mysterien« zerstört wird, beginnt die alte Frau, ihre Angelegenheiten zu regeln. Sie sucht eine Nachfolgerin, die ihr als spirituelle Anführerin folgen soll, und findet diese in Sophonie, der Witwe ihres einzigen Enkels, die in der Nacht des Sturms in einem verwirrenden Traum schwanger wird. Doch dies ist nicht die einzige Aufgabe, die Antoinette vor ihrem Tod erledigen muss. Sie muss auch das »Haus der Mysterien« wieder aufbauen lassen. Dafür benötigt sie Geld, das sie ihrer Nichte zur Aufbewahrung anvertraut hatte, um die Kosten für ihre Beerdigung zu decken.

In diesem gerade mal 211 Seiten umfassenden Buch passiert unglaublich viel. Die Autorin verwebt in ihrem Roman die mystische Welt des Voodoo, den Glauben an Götter und die Macht der Träume mit dem Leben der Menschen in ihrem Land, ihren Problemen und Sorgen.

Das einfachste Beispiel dafür ist Nativita, Antoinettes Nichte, die sich weigert, das Geld, das die alte Frau ihr gab, zurückzugeben. Sie kann es auch gar nicht mehr, da sie es schon längst ausgegeben hat. Nativita hat den Glauben an den Voodoo-Kult vermeintlich schon lange aufgegeben. Sie hält ihn einzig für ein Erbe der Sklavenzeit, doch auch in ihr glimmt noch ein Funke davon, und die »Geister« setzen ihr zu. Rational betrachtet wird sie von ihrem Gewissen geplagt. Antoinette allerdings ist felsenfest davon überzeugt, dass Nativita mithilfe der Götter einen Weg finden wird.

Ich brauchte eine Weile, um mich in die Geschichte einzufinden, doch nach einigen Seiten war ich gefangen von dieser mir vollkommen fremden Welt. Ich erkannte, dass Voodoo wenig mit dem zu tun hat, was wir im Kino zu sehen bekommen. In diesem Roman treffen wir nicht auf Zombies; hier sehen wir, wie der Kult die Menschen verbindet und wie uraltes Wissen bei der Heilung von Krankheiten und dem Lösen von Konflikten hilft.

Fazit
Kettly Mars' erster Roman gibt einen tiefen Einblick in das ländliche Haiti und die Welt des Voodoo. Mit einer Mischung aus magischem Realismus und realen Problemen zeigt sie, wie wichtig Tradition, Glauben und Gemeinschaft für die Menschen sind. Die Geschichte ist fesselnd und bringt uns eine fremde, aber faszinierende Kultur näher. Dieser Roman ist eine spannende und lehrreiche Lektüre, die den Leser in eine andere Welt eintauchen lässt.



  • Herausgeber ‏ : ‎ litradukt Literatureditionen; 1. Edition (15. April 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 211 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3940435481
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3940435484

Montag, 8. Juli 2024

Das Erbe derer von Thurn und Taxis von Johanna von Wild

 

Alexandrine von Taxis und der Sohn des Oberstallmeisters des Mainzer Kurfürsten, der junge Silas von Maringer, fühlen sich schon bei ihrer ersten Begegnung stark zueinander hingezogen. Doch ihrer Liebe stehen nicht nur Alexandrines Ehe mit Leonhard von Taxis, sondern auch die gesellschaftlichen Konventionen im Weg, die eine Beziehung zu einem Mann niederen Adels verhindern. Als Alexandrines Ehemann stirbt, übernimmt sie sein Amt als Generalpostmeisterin. Um das Erbe ihrer Kinder zu bewahren und zu vermehren, darf sie jedoch nicht wieder heiraten. So trennen sich Alexandrines und Silas Wege vorerst. Doch hat ihre Liebe überhaupt eine Chance?

Während Alexandrine es schafft, den Nachrichtendienst während des Dreißigjährigen Krieges weiter auszubauen, verlässt Silas seine Heimat und Familie, um anderswo sein Glück zu suchen. Schließlich tritt er doch als Postreiter in Alexandrines Dienst. Die Figur der Alexandrine von Taxis beruht auf einer realen Person. Sie war eine Tochter des Grafen Philibert Baron de Balacon Comte de Varax und dessen Ehefrau Claudine de Tournon-Roussillon. Silas von Maringer hingegen ist der Fantasie der Autorin Johanna von Wild entsprungen. So entstand eine außerordentlich spannende Geschichte, die in die realen Geschehnisse des Dreißigjährigen Krieges eingebettet ist.

Die Geschichte bot mir nicht nur Unterhaltung, sondern frischte auch mein Schulwissen über diesen Krieg auf, der mit dem Fenstersturz zu Prag 1618 begann. Ich mochte den Schreibstil der Autorin sehr. Gekonnt versetzte sie mich in die längst vergangene Zeit, ohne dabei antiquiert zu wirken. Ebenso war ich positiv davon beeindruckt, wie sorgfältig die Autorin wohl recherchiert hat. Alles, was ich als Fakt überprüfen konnte, war stimmig.

Fazit.

Das Buch verbindet geschickt historische Realität und Fiktion, es erzählt eine fesselnde Liebesgeschichte im Kontext des Dreißigjährigen Krieges und überzeugt durch einen lebendigen, gut recherchierten Schreibstil. Es bietet nicht nur Unterhaltung, sondern auch wertvolle Einblicke in die damalige Zeit.

Freitag, 5. Juli 2024

Helisee: Der Ruf der Feenkönigin (NUITHONIA REIHE) von Andreas Sommer

 

Ernestus wächst in dem kleinen Dorf Calmis im Königreich Birgunt auf. Seit einiger Zeit hat er seltsame Träume von einer wunderschönen Frau, die ihn zu sich ruft. Am Tag zieht es ihn mit seiner Ziegenherde immer wieder in die Nähe des Flüsterbachs. Dessen Überqueren ist strengstens verboten, denn er markiert die Grenze zu einem Land, das nicht für Menschen gemacht ist. Doch als die Leitziege seiner Herde ausreißt und über den Flüsterbach springt, widersetzt sich "Schön Erni", wie die Dorfbewohner ihn nennen, diesem Verbot. Beim Versuch, die Ziege wieder einzufangen, dringt er immer tiefer in das verbotene Land ein und findet dort einen Stein mit seltsamer Macht. Damit beginnt ein Abenteuer, das seinesgleichen sucht.

Auf dem Beldenfest trifft Ernestus auf Anatheńa, die Tochter des Schmieds, der vor Jahren mit dem Kind ins Dorf kam. Über ihre Mutter hat er niemandem etwas erzählt. Ernestus ist schon lange in die schöne junge Frau verliebt, und auf dem Fest gibt sie ihm zu verstehen, dass auch sie seine Gefühle erwidert. Ernestus nimmt sie auf die andere Seite des Flüsterbachs.

Ich würde euch am liebsten das gesamte Buch erzählen, aber das ist natürlich nicht möglich. Doch es passiert so viel auf den über 500 Seiten, dass ich mich wirklich schwertue, ein Ende zu finden.

Schweizer Sagen waren mir bisher vollkommen unbekannt. Ich kenne die klassischen Sagen der nordischen Mythologie, die der Griechen, und die Geschichten über Feen und Elben, von Drachen und Riesen. Die Liste ist endlos. Nun also ein Buch, das eine Sage aus der Schweiz neu erzählt und auf unterhaltsame Weise geschichtliche Überlieferungen, einst real existierende Orte und verschiedene Sagengestalten miteinander verknüpft.

Der Autor Andreas Sommer überzeugt durch seine ruhige Erzählweise. "Helisee: Der Ruf der Feenkönigin" entführt seine Leser in eine fremde Welt, die, wenn man sich darauf einlässt, nicht mehr so einfach zu verlassen ist. Ich jedenfalls bin gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Der Epilog lässt auf eine Fortsetzung hoffen.

Interessant ist auch das Nachwort des Verfassers. Er erklärt darin, wie seine Geschichte entstanden ist, und erzählt etwas über die Örtlichkeiten und den geschichtlichen Hintergrund. Ein Namensregister findet sich ebenfalls, und das empfand ich als besonders hilfreich.

Fazit: "Helisee: Der Ruf der Feenkönigin" von Andreas Sommer verknüpft geschickt Schweizer Sagen mit magischen Abenteuern und historischen Elementen. 


  • Herausgeber ‏ : ‎ Neptun Verlag; 2., durchgesehene und korrigierte Edition (3. Mai 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 528 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3858203548
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3858203540


Donnerstag, 4. Juli 2024

Alles immer wegen damals von Paula Irmschler

 

Der Hund ist jetzt da, nun muss man sich eben um ihn kümmern, sagt Mutti. So wie die Kinder, die waren damals auch plötzlich da und man musste sich eben kümmern. Das will ihre Tochter Karla in jedem Fall anders machen. Also ist sie von Leipzig nach Köln geflohen, hat den Kontakt zur Mutter abgebrochen, das ist einfacher als mit Gerda zu diskutieren. Aber jetzt hadert Karla mit der Ausbildung, kämpft mit der Miete, und mit ihrer Freundin könnte auch mal der nächste Schritt kommen. Ob es eine gute Idee von Karlas Geschwistern war, den beiden zu ihren Geburtstagen – zum 30. und 60. – eine gemeinsame Reise nach Hamburg zu schenken?

In »Alles immer wegen damals« erzählt Paula Irmschler die Geschichte von Karla und ihrer Mutter Gerda, zwei Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten.

Karla lebt in Köln und ist fast dreißig Jahre alt. Halbherzig verfolgt sie eine Ausbildung zur Mediengestalterin und lebt in ständiger Angst, aus ihrer illegal untervermieteten Wohnung geworfen zu werden. Sie träumt von einer Zukunft mit ihrer Freundin Nathalie, die in Leipzig lebt, hat aber Schwierigkeiten, andere Menschen an sich heranzulassen. Am liebsten ist sie allein in ihren eigenen vier Wänden; in Gesellschaft fühlt sie sich am wohlsten, wenn sie es allen recht machen kann.

Gerda, Karlas Mutter, hat vier Kinder großgezogen und dennoch ihre Unabhängigkeit bewahrt. Sie legt wenig Wert auf die Meinung anderer und investiert nur so viel Mühe in Beziehungen, wie unbedingt nötig. Die Trennung von ihrem Freund Wolfgang belastet sie daher kaum. 

Gerda und Karla sprechen seit einem Streit vor zwei Jahren nicht mehr miteinander. Während Karla das Schweigen als einfacher empfindet, als sich damit auseinanderzusetzen, überspielt Gerda den Konflikt, als hätte es ihn nie gegeben.

 Früher haben sie ihre Geburtstage mit besonderen Ausflügen gefeiert, und diese Tradition wollen die älteren Geschwister mit einer Reise nach Hamburg wieder aufleben lassen und haben dabei die Hoffnung, dass Mutter und Tochter sich näher kommen. Gerda stimmt dem Plan freudig zu, während Karla weniger begeistert ist, aber nicht wirklich nein sagt, bis es zu spät ist, so wie sie vieles aufschiebt was in ihrem Leben wichtig ist.

Paula Irmschler erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive von Karla und Gerda, wobei die Kapitel zwischen Köln und Leipzig wechseln. Im Mittelpunkt stehen die Gedanken und das Innenleben der beiden Protagonistinnen, was auf Kosten einer aktiven Handlung geht. Es gibt keine wörtliche Rede, dies schaffte eine Distanz zwischen mir als Leserin und den Charakteren des Romans.

Die Autorin schneidet viele wichtige Themen an – wie Zukunftsängste, Zwangsstörungen, Patchwork-Familien und schwierige Mutter-Kind-Beziehungen – ohne diese wirklich zu vertiefen. Dies könnte beabsichtigt sein um ihre  Leserinnen und Leser dazu anregen, selbst über diese Themen und ihr eigenes Leben nachzudenken. 

Die Reise nach Hamburg, die von den älteren Geschwistern initiiert wurde, bringt keine nennenswerte Veränderung in der Beziehung zwischen Karla und Gerda. 

Die Geschichte lässt viel Raum für Spekulationen über Karlas verkorkstes Leben. Liegt es am zurückliegenden Streit oder an ihrer Kindheit, in der es ihr vielleicht an Liebe und Nestwärme fehlte? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, und auch ein Streit während der Reise nach Hamburg klärt die Situation nicht wirklich. 

Alles immer wegen damals" von Paula Irmschler bietet eine nachdenkliche Erzählung über die komplexe Beziehung zwischen einer Mutter und ihrer Tochter. 

Die Geschichte ist, wegen des Schreibstils, nicht einfach zu lesen, ich musste es ab und an die Seite legen und ich war mir auch lange nicht im Klaren, ob es mir gefällt. Wie gesagt ein schwieriges Buch, durch das man aber sein eigenes Verhalten reflektieren könnte, wenn man sich darauf einlässt.



  • Herausgeber ‏ : ‎ dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 1. Edition (16. Mai 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3423283343
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3423283342

Dienstag, 2. Juli 2024

Views von Marc-Uwe Kling

 

Die 16-jährige Lena ist verschwunden. Eigentlich kein Fall für das BKA, doch einige Tage nach ihrem Verschwinden taucht ein Video auf, das ihre brutale Vergewaltigung durch drei Männer mit Migrationshintergrund zeigt. Das Video verbreitet sich rasend schnell im Netz und ruft eine rechtsradikale Gruppe namens "Aktiver Heimatschutz" auf den Plan, die zur Jagd auf die Täter aufruft.

Yasira Saad, eine engagierte und erfahrene Kommissarin beim BKA, wird mit der Leitung des Falls betraut. Neben dem enormen Druck, Lena zu finden und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, muss sie auch gegen die zunehmende Bedrohung durch den 'Aktiven Heimatschutz' ankämpfen. Yasira, die selbst einen Migrationshintergrund hat, wird durch diesen Fall nicht nur beruflich, sondern auch persönlich stark belastet. Ihr ethnischer Hintergrund macht sie zur Zielscheibe verbaler und körperlicher Angriffe, und sie muss um die Sicherheit ihrer Tochter bangen. 

Marc-Uwe Kling greift in diesem Buch mehrere brisante aktuelle Themen auf, darunter den weitverbreiteten Alltagsrassismus, der durch den Charakter des Kollegen Michael dargestellt wird. Michael kämpft damit, seine gewohnten Begriffe und Einstellungen zu ändern, und diese inneren Konflikte spiegeln die gesellschaftlichen Herausforderungen wider, vor denen wir heute stehen. Auch die rechtsradikalen Aktivisten des „Aktiven Heimatschutzes“ nutzen das grausame Video für ihre eigenen Zwecke und heizen die Stimmung gegen Menschen mit Migrationshintergrund weiter an.

Die Ermittlungen gestalten sich als äußerst schwierig und langwierig. Yasira und ihr Team treten lange auf der Stelle, sie weder einen Tatort noch die Identität der Täter herausfinden können. Bis eine zufällige Bemerkung Yasiras Tochter Zara, sie auf eine völlig neue Spur führt. Diese Spur führt in die komplexe und oft unheimliche Welt der Künstlichen Intelligenz und Deep Fake-Videos. Diese Technologie, die bereits heute erschreckend realistische Fälschungen erzeugen kann, wird zu einem zentralen Element der Geschichte. Die Spannung bleibt durchweg hoch, und der Leser wird ständig zum Miträtseln animiert.

Dies war tatsächlich mein erstes Buch von Marc-Uwe Kling, und ich konnte unvoreingenommen an die Lektüre herangehen. Der Schreibstil des Autors hat mir sehr gut gefallen. Er versteht es, die Spannung durchgehend aufrechtzuerhalten und schafft es, trotz der düsteren Thematik, immer wieder humorvolle Momente einzuflechten, die die Stimmung auflockern. Insgesamt hat mich das Buch sehr beeindruckt. Es ist nicht nur ein spannender Krimi, sondern regt auch zum Nachdenken über gesellschaftliche Themen an. Die Kombination aus packender Handlung, tiefgründigen Charakteren und aktuellen gesellschaftlichen Problematiken macht dieses Buch zu einer empfehlenswerten Lektüre. Marc-Uwe Kling hat bewiesen, dass er  wohl nicht nur satirisch, sondern auch ernst und tiefgründig schreiben kann.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Hardcover (27. Juni 2024)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 272 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3550202997
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3550202995

Montag, 1. Juli 2024

Upps - Tot: Kurzkrimis & böse Songs von Jutta Wilberts

 

Ich liebe Kurzgeschichten.

"Upps, tot!" vereint eine Sammlung von Kurzkrimis und Songtexten, die sich durch schwarzen Humor und überraschende Wendungen auszeichnen. Jede Geschichte dreht sich um unerwartete Todesfälle, die  auf skurrile und humorvolle Weise erzählt werden. Diese Erzählungen eignen sich besonders gut für Leserinnen und Leser, die Spaß an schwarzem Humor und kurzen, prägnanten Kriminalgeschichten haben.

Jutta Wilbertz' Schreibstil ist prägnant und treffsicher, genau richtig für die kurzen Formate der Geschichten. Sie versteht es meisterhaft, Spannung aufzubauen und diese mit humorvollen Elementen zu durchbrechen. Ihre Charaktere sind immer glaubwürdig und lebendig beschrieben, was den Geschichten eine besondere Tiefe verleiht. Manche der Storys sind sehr makaber, aber in vielen findet man genau die richtige Prise Humor – gerade genug, um mir so manches Mal ein kleines fieses Lächeln ins Gesicht zu zaubern, aber nie so viel, dass die Geschichten ins Lächerliche abdriften.

Besonders bemerkenswert ist die Vielfalt der Szenarien, die Jutta Wilbertz entwirft. Ob ein Spaziergang entlang gefährlicher Klippen, ein Treffen mit dem besitzergreifenden EX oder eine Rangelei unter Freunden – jedes Setting ist sorgfältig gewählt und trägt zur Spannung der jeweiligen Geschichte bei. Manchmal reicht eben ein kleiner Schubs, um die Situation eskalieren zu lassen: "Upps!"

Überrascht war ich von den Songtexten, vor denen ich zugegebenermaßen ein klein wenig Angst hatte. Ich traue mir zu, zu beurteilen, ob eine Geschichte für mich funktioniert und ob ich sie mag. Aber Songtexte? Meine Sorge war allerdings vollkommen unbegründet. Die Texte stehen den Storys in nichts nach und erzählen ebenfalls komplette Geschichten – böse und makaber. Sie sind ebenso prägnant und pointiert wie die Kurzkrimis und fügen sich nahtlos in das Gesamtbild des Buches ein. 

Insgesamt bietet "Upps, tot!" eine erfrischende und unterhaltsame Lektüre für alle, die kurze, knackige Kriminalgeschichten mit einem dunklen Twist lieben. Jutta Wilbertz zeigt, dass sie sowohl in der Kurzprosa als auch im Songwriting ein Händchen für makabren Humor und überraschende Wendungen hat. Dieses Buch ist ideal für entspannte Lesestunden.

Aber bitte nicht nachmachen.😀


  • Herausgeber ‏ : ‎ BoD – Books on Demand; 2. Edition (11. September 2020)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 212 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 375199016X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3751990165