Warum weibliche Krankheiten nicht ernst genommen werden und was wir dagegen tun können.
Sarah Ramey ist jung und gesund, bis sie in einen See springt und sich eine Harnwegsinfektion zuzieht. Was dann folgt, ist ein Odyssee aus Schmerz, Leid und endlosen Facharztbesuchen, denn alles, was die Medizin zu bieten hat, hilft nicht oder macht ihre Beschwerden nur noch schlimmer. Zu den Schmerzen kommt noch eine kaum zu überwindende Erschöpfung hinzu. Sarah stammt aus einer renommierten Arztfamilie und so sollte man meinen, dass sie auch die beste Behandlung bekommt und das größte Verständnis. Aber auch sie ist nicht davor gefeit Sätze zu hören wie »Haben Sie es schon mit Antidepressiva probiert?«
20 Jahre lang sucht Sarah nach einer Diagnose, damit das, was sie quält, wenigstens einen Namen hat.
Ich habe mich während der Lektüre oft gefragt, woher die Frau die Kraft nimmt, zu recherchieren, Fachliteratur zu wälzen und sich einzuarbeiten in die vielen unterschiedlichen Krankheiten und ihre Behandlungsmethoden. Ihre Schmerzen in Körperregionen, über die man ja nicht spricht, um sie einmal beim Namen zu nennen, in der Vagina, in den Fortpflanzungsorganen, im Darm, im Rücken, dazu kommt noch »Brain Fog« Konzentrationsschwierigkeiten und das Gefühl damit allein zu sein und nicht ernst genommen zu werden. Eine Kraftquelle war wohl auch die Gewissheit, die sich irgendwann bei ihr einstellte: Sie ist nicht allein, Fibromyalgie, Chronisches Fatigue-Syndrom, Lupus oder MS z. B.sind Krankheiten, die zu 85 % Frauen betreffen. (Diese Zahlen sind aus den USA, es wird hier aber nicht anders sein) 85 %, das wären doch genug Fälle um der Sache mal auf den Grund zu gehen, aber die Forschungsgelder die z. B. für CFS bereitgestellt werden, sind schon lächerlich gering.
Wir begleiten Sarah auf ihrem Leidensweg, erleben mit ihr ihre Rückschläge, aber auch ihre kleinen Erfolge, wir erleben ihre Wut auf Mediziner und Medizinerinnen und das immer mit dem Wissen »Das kenne ich« Und tatsächlich kann ich von mir sagen »so etwas habe ich schon erlebt« nicht so extrem wie Sarah und ihre Leidensgenossinnen, aber oft genug um mich wirklich überwinden zu müssen bevor ich eine Praxis aufsuchte, viele nur einmal. Und ich kenne auch die Situation, dass Männer viel ernster genommen werden, das aber auch nur mit dem Glück, die richtigen Ärzte zu finden.
Sarah wollte nach Lösungen suchen, nach Heilung für alle Frauen im »Club der hysterischen Frauen«, das ist ihr nicht gelungen. Aber sie hat während ihrer Odyssee vieles gelernt, zu viel Antibiotika schädigt den Darm (das zuviel Antibiotika nicht gesund ist, weiß ja eigentlich jeder), der kann dadurch so durchlässig werden, dass Schadstoffe und sogar mikrobiotisch kleine Nahrungsbestandteile in die Blutbahn geraten, durch die das Immunsystem in stetiger Alarmbereitschaft gesetzt wird, das war mir vollkommen neu.
Es gab aber auch eine Stelle im Buch, da hätte ich es fast an die Seite gelegt, sie erzählt von ihren Erfahrungen mit Yoga, Akupunktur und alternativen Heilmethoden und ich dachte, wenn sie mir jetzt erzählt, dass ein Schamane alle ihre Beschwerden weggezaubert hat, kann ich sie nicht mehr ernst nehmen, war mein Gedanke. Aber weit gefehlt, zwar hat sie davon berichtet, wie ihr Yoga und Akupunktur und auch Ernährungsumstellungen geholfen haben, aber auch dass das kein Allheilmittel ist, das dies ihren Leidensweg nicht schlagartig beendet hat, ihr allerdings hat das zu einer etwas besseren Lebensqualität verholfen, nicht immer von Dauer, aber immerhin.
Ramey argumentiert, dass viele chronische Krankheiten ökologischer Natur sind und von modernen Veränderungen der Gesundheitsgrundlagen wie Schlafqualität, Ernährung und sozialen Verbindungen beeinflusst werden. Gerade in Verbindung mit der Darmgesundheit bin ich geneigt ihr absolut zuzustimmen, schon unsere moderne Ernährung ist ja bei den meisten und da schließe ich mich ein, eine mittlere Katastrophe.
Wenn ich meinen Text hier nochmal lese, komme ich zu dem Schluss, eine Rezension ist das ja eigentlich nicht, ich lasse das aber trotzdem alles genau so stehen. Suchen wir uns Ärzte die Verständnis haben, sich Zeit nehmen zuzuhören und die nicht aufgeben nach der Ursache aller Beschwerden zu suchen, die nicht nur die schmerzende Vagina sehen und den Rücken missachten, die nicht nur die Konzentrationsschwierigkeiten sehen und den Darm dabei außer Acht lassen. Suchen wir uns Ärzte die zuhören. Und lernen wir Nein zu sagen, Nein zu der Diagnose Depression, wenn wir uns vor Schmerzen kaum noch rühren können oder wenn wir die Konzentration einer Stubenfliege habe, wenn es wieder einmal heißt.
»Haben Sie es schon mit Antidepressiva probiert?«
Herausgeber : btb Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (15. Januar 2025)Sprache : DeutschBroschiert : 592 SeitenISBN-10 : 3442770238ISBN-13 : 978-3442770236Originaltitel : The Lady’s Handbook For Her Mysterious Illness