Jakob Steins „Schuld und Unschuld“ hat mir gut gefallen. Ich kannte Henry Jaeger vorher nur dem Namen nach und wusste nicht, dass er ursprünglich Karl-Heinz Jäger war und in den 1950er-Jahren als Mitglied einer Frankfurter Räuberbande bekannt wurde. Allein diese Lebensgeschichte fand ich schon interessant.
Der Roman beginnt mit einem Vorwort, hier Vorrede genannt und genau damit hatte mich der Autor schon, beschreibt er doch die Gefühle der Menschen kurz nach Kriegsende (j1954 war das dunkelste Kapitel Deutschland noch nicht lange vorbei und in den Köpfen und Herzen der Menschen noch sehr gegenwärtig), da stellte sich mir auch gleich die Frage: "Hat sich wirklich viel geändert seit damals?"
Aber nun zum Buch, wir lernen die Protagonisten und ihren Lebensweg kennen. Im Mittelpunkt stehen Karl-Heinz und seine beiden Freunde aus Bornheim. Sie wollen mit dem Überfall endlich zu Geld kommen und sich etwas von dem leisten können, was sie in der Wirtschaftswunderzeit um sich herum sehen. Vieles läuft allerdings anders als geplant.
Die Wandlung vom Kriminellen zum Schriftsteller
Was mir im weiteren Verlauf besonders gefallen hat, war die Entwicklung von Karl-Heinz zum Schriftsteller Henry Jaeger. Er schreibt zunächst ziemlich unbeholfen, bleibt aber dabei. Das nimmt im Roman immer mehr Raum ein. Irgendwann hatte ich fast mehr Interesse daran, wie er zum Schriftsteller wird, als an den eigentlichen Überfällen.
Überhaupt fand ich diese beiden Seiten der Figur interessant. Einerseits der Kriminelle, andererseits der Mann, der unbedingt schreiben will. Beides lässt sich bei ihm nicht so einfach voneinander trennen. Besonders deutlich wird das in der Passage mit den Spielbanken. Henry beschäftigt sich dort mit Dostojewski und beobachtet die Spieler und gleichzeitig entstehen bei ihm neue Ideen für Überfälle. Das ist eine ziemlich ungewöhnliche Verbindung.
Man merkt dem Roman die Recherche an. Stein hat unter anderem Akten und Vernehmungsprotokolle verwendet. Trotzdem hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, ein Sachbuch in der Hand zu haben. Die historischen Hintergründe sind immer Teil der Geschichte. Interessant fand ich auch die Gegenüberstellung der Jäger-Bande mit den großen Wirtschaftsverbrechen und der Geschichte der IG Farben. Dadurch bekommt die Frage, wie mit Tätern umgegangen wird, noch eine andere Dimension.
Gut gefallen hat mir außerdem, dass Stein die Figuren nicht ständig bewertet. Man bekommt ihre Sicht auf die Dinge mit, ohne dass einem dauernd erklärt wird, was man davon zu halten hat. Gleichzeitig wird das Frankfurt der 1950er-Jahre ziemlich anschaulich.
Für mich ist das Buch deshalb nicht einfach ein Kriminalroman. Eigentlich fand ich die Geschichte des werdenden Schriftstellers sogar interessanter als die Kriminalfälle selbst. Karl-Heinz Jäger versucht, sich mit dem Schreiben ein anderes Leben aufzubauen, während seine Vergangenheit ihn immer wieder einholt. Ich habe mich ein wenig über den Schriftsteller Jäger schlau gemacht und finde seinen Lebensweg außerordentlich interessant, seine Intelligenz zeigt sich auch in der akribischen Durchführung der Überfälle, die er mit der Bande durchführte bevor er schließlich doch verhaftet wurde, 70 Einbrüche und Überfälle sind schon eine Hausnummer. Über die Beschaffung der Alibis zu lesen, war schon recht amüsant, bis ich dann im gleichen Abschnitt, mehr über die Lebensumstände erfuhr, da verging mir doch das leise Lächeln.
Insgesamt habe ich das Buch gern gelesen. Vor allem die ungewöhnliche Lebensgeschichte von Karl-Heinz Jäger/Henry Jaeger und die Verbindung mit dem Frankfurt der Nachkriegszeit mochte ich sehr.
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