Donnerstag, 28. Mai 2026

Im Schein von Gold und Feuer: Die verborgene Welt der Wikinger von Eleanor Barraclough


Das erste was mir bei diesem Buch auffiel war das Cover, erinnert es mich doch an einen Roman, die goldene Schrift des Titels und die Zeichnungen von Artefakten sind schon ein echter Hingucker. Nur handelt es sich bei "Im Schein von Gold und Feuer" um ein Sachbuch. Die lese ich ja eher selten, doch hier hat mich der Klappentext neugierig gemacht. Wir haben ja alle ein Bild im Kopf wenn wir an Wikinger denken, geprägt von alten Geschichten sehen wir eine blutrünstige, räuberische Horde Männer mit Hörnerhelmen vor uns Eleanor Barraclough erzählt uns nun aber von den Menschen, hinter den Klischees.

Im Schein von Gold und Feuer“ von Eleanor Barraclough ist eines dieser seltenen Sachbücher, das bekannte Geschichte vollkommen neu erzählt. Statt sich erneut auf plündernde Krieger, Schlachten und die üblichen Wikingerklischees zu konzentrieren, öffnet Barraclough den Blick auf den Alltag und die Menschen hinter den Legenden. Genau das macht dieses Buch so außergewöhnlich.

Bereits nach den ersten Seiten war mir klar, dass hier nicht die bekannten Mythen wiederholt werden. Vielmehr entsteht ein lebendiges Bild der Wikingerzeit, das nahbar, detailreich und überraschend modern wirkt. Barraclough erzählt von Kindern, Versklavten, Handwerkern, Seherinnen und Reisenden. Sie zeigt eine Welt, die weit mehr war als Kampf und Eroberung. Kleine archäologische Funde wie verzierte Kämme, eingeritzte Botschaften auf Holz oder Kinderkritzeleien verleihen der Vergangenheit eine fast intime Nähe. Da ist z.B. der Kamm auf dessen Hülle Runen eingeritzt sind, die sagen das Thorfast einen guten Kamm angefertigt hat, solche Beispiele des normalen Lebens finden sich im Buch immer wieder.

Besonders beeindruckt hat mich Art, wie die Autorin archäologische Erkenntnisse in spannende Erzählungen verwandelt. Münzen, Gräber, Figuren und Inschriften dienen hier nicht bloß als wissenschaftliche Belege, sondern werden zu Ausgangspunkten echter Geschichten. Das Buch wirkt dadurch nie trocken oder akademisch. Stattdessen liest es sich atmosphärisch und menschlich, ohne dabei an historischer Tiefe zu verlieren.

Auch der geografische Blickwinkel macht das Buch sehr spannend die Autorin erzählt , wie weitreichend die Verbindungen der nordischen Welt tatsächlich waren. Die Reisen führten nicht nur nach Grönland, sondern ebenso bis ins byzantinische Reich und in das islamische Kalifat. Diese internationale Vernetzung wird verständlich, anschaulich und faszinierend dargestellt.

Der Schreibstil trägt wesentlich zum Leseerlebnis bei. Barraclough schreibt lebendig und klug. Ihre Erfahrung als Dozentin und Rundfunksprecherin ist spürbar, denn selbst komplexe Zusammenhänge kann sie sehr verständlich erklären, ohne jemals oberflächlich zu werden.

„Im Schein von Gold und Feuer“ eignet sich besonders für Leserinnen und Leser, die Geschichte nicht nur über Schlachten und Herrscher kennenlernen möchten. Wer sich für archäologische Funde interessiert, die geschickt in erzählerische Zusammenhänge eingebunden werden, wird hier ebenso fündig wie alle, die die Wikingerwelt jenseits von Hollywoodbildern entdecken möchten.

Mit seinen 464 Seiten ist das Buch recht umfangreich und fordert an manchen Stellen Aufmerksamkeit und etwas Geduld. Die vielen Namen, Orte und Details machen es stellenweise etwas anspruchsvoll, aber genau darin liegt auch sein Reiz. Die Vergangenheit läuft schließlich nicht weg, und die spannenden Erkenntnisse der Autorin schon gar nicht. Allerdings hätte ich mir Farbfotos gewünscht, die wenigen s/w Aufnahmen werden dem modernen, lebendig erzählten  Text nicht gerecht.



  • Herausgeber ‏ : ‎ Penguin Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 13. Mai 2026
  • Auflage ‏ : ‎ Deutsche Erstausgabe
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 496 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3328113738
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3328113737
  • Originaltitel ‏ : ‎ Embers of the Hands

Ein letztes Opfer: Thriller von Heidi Troi


Vera arbeitet als Redakteurin bei einer Grazer Tageszeitung und hat dort die Rubrik „Literarische Seiten“ ins Leben gerufen, um unbekannten Autorinnen und Autoren eine Bühne zu geben. Die Resonanz ist groß und die Einsendungen stapeln sich, doch nur wenige Texte bleiben wirklich hängen. Anders ist es bei den Gedichten eines Mannes, der sie immer wieder tief berührt. Seine Worte wirken intensiv und persönlich, fast so, als würden sie mehr erzählen, als auf den ersten Blick sichtbar ist. Auffällig ist auch, dass er ihr noch Briefe schreibt, was ihm eine zusätzliche, beinahe geheimnisvolle Aura verleiht.

Getrieben von Neugier und einer gewissen Faszination macht sich Vera schließlich auf den Weg in das kleine Dorf Rabenstein, um Wilhelm Schneider kennenzulernen. Dort stößt sie jedoch nicht nur auf verschlossene Dorfbewohner, sondern auch auf ein beunruhigendes Gerücht: Schneider soll jedes Jahr am Michaelistag eine Frau töten. Konkrete Beweise gibt es nicht, doch die Angst und das Misstrauen im Ort sind deutlich spürbar. Während Vera versucht, hinter die Wahrheit zu kommen, gerät sie immer tiefer in ein Geflecht aus Andeutungen, Schweigen und unterschwelliger Bedrohung. Und der nächste Michaelistag rückt unaufhaltsam näher.

„Ein letztes Opfer“ hat mir sehr gut gefallen. Der Thriller beginnt ruhig und beinahe unspektakulär, was jedoch hervorragend zur Geschichte passt. Heidi Troi legt den Fokus zunächst auf Figuren, Atmosphäre und das leise Unbehagen, das sich Stück für Stück einschleicht. Gerade diese langsame Entwicklung sorgt dafür, dass die Spannung kontinuierlich wächst und sich immer weiter verdichtet.

Besonders überzeugend ist die dichte, fast bedrückende Stimmung des Dorfes, in dem jeder etwas zu wissen scheint, aber niemand offen spricht. Als Leserin beginnt man schnell, eigene Vermutungen anzustellen und misstrauisch zu werden. Die Handlung lebt nicht von schnellen Wendungen, sondern von der stetigen Zuspitzung und der Frage, was hinter den Gerüchten wirklich steckt.

Die Auflösung bringt einige unerwartete Aspekte mit sich und fügt sich stimmig in das Gesamtbild ein. Für mich ist „Ein letztes Opfer“ ein atmosphärisch dichter Thriller, der seine Spannung leise, aber wirkungsvoll entfaltet und gerade dadurch lange nachwirkt. Eine klare Empfehlung für alle, die ruhige, aber eindringliche Spannung schätzen.


  • Herausgeber ‏ : ‎ tolino media
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 21. November 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3819463410
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3819463419

Donnerstag, 21. Mai 2026

Die Therapeutin und ihre Mörder: Dr. Pat Philipps und der tote Klient von Philippa Perry (Autorin), Elke Link (Übersetzerin)


Im Mittelpunkt steht die Therapeutin Pat Philipps, die sich nicht damit abfinden will, dass ihr Klient Henry Clayton von den Seven Sisters in Südengland angeblich Selbstmord begangen haben soll. Die Polizei erklärt den Fall schnell für abgeschlossen, ohne tiefer zu ermitteln, doch Pat ist überzeugt, dass Henry nicht selbstmordgefährdet war. Also beginnt sie gemeinsam mit ihrem Freund und Nachbarn Pritchard auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen.

Schon bald ergeben sich mehrere mögliche Motive und Verdächtige. Besonders Henrys komplizierte On Off Beziehung zu seinem Freund gerät schnell in den Fokus. Trotz dessen toxischen Verhaltens scheint Henry sich emotional nicht von ihm lösen zu können. Gleichzeitig könnte auch sein Engagement für eine Naturschutzgruppe, die ein geplantes Golfresort im Schutzgebiet verhindern wollte, eine Rolle gespielt haben.

Pat ermittelt dabei weniger mit klassischen Detektivmethoden als vielmehr mit Beobachtungsgabe, psychologischem Feingefühl und viel Einfühlungsvermögen. Sie kann Menschen hervorragend einschätzen und kleine Schwächen gezielt nutzen. Besonders amüsant ist etwa die Szene, in der sie die große Vorliebe eines Polizeibeamten für Süßigkeiten erkennt und diese geschickt für ihre Ermittlungen einsetzt. Gerade diese kleinen psychologischen Details verleihen dem Roman seinen besonderen Charme.

Auch atmosphärisch erfüllt der Krimi alles, was man sich von einem klassischen englischen Cosy Crime wünscht. Ein pittoreskes Dorf mit hübschen Cottages, Dorfanger und gemütlichem Pub bildet die perfekte Kulisse für die Handlung. Der Schreibstil ist  unaufgeregt und flüssig, die Spannung oder bei diesem Buch eher die Neugier darauf wie es wohl weiter geht,  bleibt dabei durchgehend erhalten, ohne jemals hektisch zu wirken.

Wer regelmäßig englische Cosy Crimes liest, wird sich bei Die Therapeutin und ihre Mörder: Dr. Pat Philipps und der tote Klient schnell zuhause fühlen. Das Ermittlerduo Pat und Pritchard erinnert dabei durchaus an bekannte Figurenpaare des Genres: die scharfsinnige Ermittlerin und ihr loyaler Begleiter sind eine vertraute Konstellation. Dennoch hebt sich der Roman durch das psychologische Hintergrundwissen der Autorin Philippa Perry von vielen ähnlichen Dorfkrimis ab. Dass Perry selbst Psychotherapeutin ist, spiegelt sich deutlich in den  Charakterzeichnungen und der Atmosphäre wider. Statt auf viel Action setzt die Geschichte vor allem auf psychologisches Gespür, sympathische Figuren, trockenen britischen Humor und ein behagliches englisches Setting, ideale Voraussetzungen für unterhaltsame und gemütliche Lesestunden.



  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Paperback
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 7. Mai 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3864933900
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3864933905
  • Originaltitel ‏ : ‎ Shrink Solves Murder

Dienstag, 19. Mai 2026

Cor Magis von Michael Siefener


Nach einem Herzinfarkt versucht der namenlosen Erzähler wieder ins Leben zurückzufinden. Dafür erfindet er die Figur des Amon Ruf. Doch mit fortschreitender Handlung vermischt sich das Leben der Kunstfigur mit dem des Erzählers immer mehr. Was ist Realität, was Fiktion?


Mit Cor Magis hat Michael Siefener einen Roman vorgelegt, der mich gleichermaßen fasziniert und verwirrt hat und der sich auf gar keinen Fall nebenbei lesen lässt.

Nach dem Herzinfarkt, den der Erzähler nur knapp überlebt hat, kehrt er nach Hause zurück. Dort fühlt sich plötzlich alles fremd an, nicht nur seine Wohnung, sondern auch er selbst. Gleich zu Beginn des Romans steht ein Satz, der für mich im Laufe der Lektüre immer wichtiger wurde:

„Es sind doch nur Gefühle, Stimmungen, Ängste, Erlebnisse.“

Sich damit auseinanderzusetzen, fällt dem Erzähler schwer, so wie es uns wohl allen ergehen würde. Deshalb erschafft er sein Alter Ego Amon Ruf. Durch ihn kann er von seiner Zeit im Krankenhaus, der anschließenden Reha und dem Versuch erzählen, nach seiner Rückkehr nach Hause ein neues und glücklicheres Leben zu beginnen und an seine vermeintlich glückliche Kindheit in seiner alten Heimat Köln anzuknüpfen.

Im Mittelpunkt stand für mich weniger eine klare Handlung als vielmehr die bedrückende Stimmung, die der Text erzeugt. Vieles blieb offen und rätselhaft, doch genau das hat mich beim Lesen immer tiefer in die Geschichte hineingezogen. Die Bilder, die der Autor in meinem inneren Auge entstehen ließ, haben die Ängste des namenlosen Erzählers für mich sehr greifbar gemacht. Besonders seine Angst vor dem Tod, die nach dem Herzinfarkt immer wieder spürbar wurde, hat mich beeindruckt. Gleichzeitig habe ich seine Einsamkeit und seine vorsichtige Hoffnung auf ein wenig Glück deutlich gespürt, auch wenn er sich dieses Glück selbst kaum erlaubt. Gerade die düsteren und albtraumhaften Bilder haben die beklemmende Atmosphäre für mich besonders intensiv gemacht.

Besonders spannend fand ich die Atmosphäre des Buches. Sie ist dunkel, intensiv und stellenweise fast beklemmend, zugleich aber auch literarisch und eigenwillig. Cor Magis verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf Unsicherheiten einzulassen. Wer eine geradlinige Geschichte erwartet, könnte irritiert sein. Wer sich jedoch gern auf ungewöhnliche Literatur einlässt, wird hier reich belohnt.

Für mich ist das ein Roman, der nicht über einfache Verständlichkeit funktioniert, sondern über seine Wirkung und die Bilder, die er vor meinem inneren Auge hinterlassen hat. Genau das macht den Roman für mich so stark. Er bleibt im Kopf, gerade weil er nicht alles erklärt. Es ist ein Buch, das man nicht einfach liest, sondern das einen noch lange begleitet.



Bei dem Buch handelt es sich um einen Privatdruck ohne ISBN in limitierter Auflage, kaufen kann man es direkt beim Verlag: 

https://dunkelgestirn.jimdofree.com/2026/03/15/erschienen-cor-magis-von-michael-siefener/

Die Illustrationen im Buch sind von Jörg Kleudgen, der am Ende des Buchs noch etwas zu ihrer  erzählt. 

Sonntag, 17. Mai 2026

Die Frauen vom Tafelberg. Catharina Ustings' mutiger Kampf um ihr Glück: Roman von Inès Keerl


Liebe und Verrat am Kap der Guten Hoffnung Kapstadt, 1672. Sieben Jahre nach den dramatischen Ereignissen am Tafelberg steht Catharina Ustings erneut vor einer existenziellen Bedrohung: Sie wird des Mordes bezichtigt und soll nach Mauritius verbannt werden. Zusätzlich drohen ihre heimliche Affäre mit einem neuen Kommandanten und ein gefährliches Geheimnis sie zu vernichten. Gemeinsam mit der ehemaligen Sklavin Amisha und Krotoa, der »Urmutter Südafrikas«, riskiert Catharina alles, um ihre Farm, ihre Freiheit und ihr Glück zu retten.


Die Frauen vom Tafelberg von Inès Keerl ist nach Die Löwin vom Tafelberg der zweite Band um Ustings die auch dieses Mal wieder im Mittelpunkt steht. Der Roman knüpft wohl nahtlos an die Geschehnisse im ersten Band an und obwohl ich den ersten Band nicht kenne, hatte ich kaum schwierigkeiten mich in die Geschichte einzufinden. Ich habe ein bisschen etwas über den Beginn der Geschichte Catharina Usting srecherchiert, die tatsächlich gelebt hat, wie ich aus dem kurzen Vorwort erfahren habe. Solche Geschichten, gewebt aus Fiktion und historischen Tatsachen haben immer einen besonderen Reiz.

Catharina und ihr Mann Hans leben mit ihren Kindern auf einer Farm. Die Verhältnisse sind schwierig, denn die Preise, die die VOC, die Niederländische Ostindien-Kompanie, für Getreide zahlt, sind unfair. Deshalb verkaufen viele Farmer heimlich Rinder an Engländer und Franzosen, bis der Secunde Crudop Brandzeichen einführt, um das Vieh besser kontrollieren und zählen zu können. Das ist nur ein Beispiel für die Schikanen, denen die Siedler ausgesetzt sind. Doch selbst das ist nichts im Vergleich zu dem, was die Menschen erleiden müssen, die schon immer dort gelebt haben. Den Stämmen wird der Zugang zu ihren angestammten Weidegründen verwehrt, und wer sich dagegen auflehnt oder auch nur eine Bitte äüßert das zu ändern wird bestraft, so wie Eva/Krotoa die zu Beginn des Romans auf Robben-Eiland verbannt ist, angeblich weil sie zuviel getrunken hat.

Als Hans  stirbt muss Catherina um ihre Farm fürchten, denn Frauen dürfen kein Land besitzen so das es nach Hans Tod an die Niederländischen Ostindien-Kompanie zurückfallen würde, wenn Catherina keine Lösung findet. 

Eine Mordanklage, die drohende Verbannung und die vielen Geheimnisse sorgen dafür, dass die Spannung eigentlich nie abreißt. Was mir dabei besonders gefallen hat: Catharina wirkt trotz aller Schwierigkeiten nie schwach oder hilflos. Sie trifft Entscheidungen, kämpft für sich selbst und versucht, ihren eigenen Weg zu gehen.

Auch die Beziehungen zwischen den Figuren haben mir gut gefallen. Vor allem die Verbindung zwischen Catharina, Amisha und Krotoa bringt viel emotionale Tiefe in die Geschichte. Gerade die Momente, in denen Zusammenhalt und Vertrauen wichtig werden, haben das Buch für mich besonders gemacht.

Der Schreibstil liest sich angenehm flüssig und die historischen Details wirken gut eingebunden, ohne dass es zu ausführlich oder trocken wird. Man merkt, dass gut recherchiert wurde, gleichzeitig bleibt die Geschichte aber immer lebendig und unterhaltsam.

Mir hat außerdem gefallen, dass der Roman nicht nur Drama und Gefühle bietet, sondern auch zeigt, wie abhängig das Leben vieler Frauen damals von Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Regeln war. Das macht die Geschichte nocheinmal interessanter.

Insgesamt ist Die Frauen vom Tafelberg für mich ein gelungener historischer Roman mit starken Figuren, viel Atmosphäre und einer spannenden Handlung. Wer historische Geschichten mit emotionalen Konflikten und starken Frauenfiguren mag, dürfte mit diesem Buch viel Freude haben.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Emons Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 16. Oktober 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 496 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3740826002
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3740826000

Mittwoch, 13. Mai 2026

Das Ende der Nacht von Pia Lüddecke


Klappentext: Nuri Ramoska hat keine Angst vor der Dunkelheit. Als Aushilfsjournalistin mit einem Faible für morbide Themen läuft sie nachts zur Höchstform auf. Dann wird auf dem Gelände einer verfallenen Chemiefabrik eine verstümmelte Frauenleiche gefunden, und das Verbrechen geht ihr näher, als sie sich eingesteht. Ist der Fabrikmörder aus den Neunzigerjahren zurück? Was hat es mit den Gerüchten von einem Fluch auf sich? Und welche Rolle spielt Viktor Lux, der undurchsichtige Erbe der Pharmafirma Lux Enterprises? Bei ihren Recherchen gerät Nuri immer tiefer in einen Sumpf aus Intrigen und Schauergeschichten. Die Grenzen zwischen Albtraum und Wirklichkeit verschwimmen in einer finsteren, vom Totentanz der Glühwürmchen erfüllten Mitsommernacht. Um das Böse zu besiegen, muss Nuri auf ihr Herz hören und sich den Monstern der Vergangenheit stellen. In ihrem neuen Schauerroman „Das Ende der Nacht“ entführt Pia Lüddecke ihre Leserschaft einmal mehr auf einen packenden, sprachlich reich bebilderten Trip, der die Leidenschaft der Autorin für schwarzromantische Schauplätze und alte Mythen und Legenden offenlegt. Und natürlich ist es nur konsequent, dass einmal mehr – wie schon bei ihren Vorgängerromanen „Geister“ und „In Dreams“ – Holger Much die Gestaltung des einzigartigen Buchumschlages übernahm.



Mit Das Ende der Nacht hat Pia Lüddecke erneut einen Roman geschrieben, der mich von der ersten bis zur letzten Seite überzeugen konnte. Zwar verrät der Klappentext bereits einiges, trotzdem blieb für mich beim Lesen lange die Frage offen, was hier eigentlich real ist. 

Als auf dem Gelände einer stillgelegten Chemiefabrik eine verstümmelte Frauenleiche gefunden wird, landet die Aushilfsjournalistin Nuri mitten in einem Fall, der schnell mehr ist, als es zunächst scheint. Die Parallelen zu einer Mordserie aus den Neunzigerjahren sind deutlich, und auch die Geschichten, die sich seit Jahren um das Gelände halten, lassen sich nicht einfach ausblenden.

Anfangs war ich mir zunächst sehr sicher, dass hinter allem eine nachvollziehbare Erklärung steckt, vielleicht im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um die Chemiefabrik während der NS-Zeit. Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr beginnt diese Sicherheit zu bröckeln. Die Atmosphäre wird immer dichter und unangenehmer, ohne dabei jemals völlig ins Übernatürliche abzudriften.

Besonders mochte ich, dass der Roman mich ständig im Ungewissen lässt. Mit jeder neuen Erkenntnis verschiebt sich das Bild erneut, und irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, woran ich eigentlich noch glauben soll. Trotzdem bleibt die Geschichte gerade genug in der Realität verankert, dass ich immer weiter nach rationalen Erklärungen suche.

Auch die weiteren Figuren neben Nuri tragen viel zu dieser bedrückenden Stimmung bei. Weder der Eigentümer des Geländes, Silas Lux, noch die Behörden wirken wirklich daran interessiert, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Statt Aufklärung geht es eher darum, die Situation unter Kontrolle zu halten und die Chemiefabrik in einem guten Licht erscheinen zu lassen und Nuri durch haltlose Verdächtigungen von weiteren Nachforschungen abzuhalten. Viktor Lux, den Nuri nach der Pressekonferenz kennenlernt, wirkt von Beginn an geheimnisvoll, obwohl Nuri nicht einschätzen kann, ob sie ihm trauen kann oder welche Rolle er in den Geschehnissen spielt, fühlt sie sich auf eine schwer erklärbare Weise zu ihm hingezogen.

Pia Lüddecke schafft es mühelos, diese beklemmende Stimmung über den gesamten Roman hinweg aufrechtzuerhalten. Die Sprache der Autorin ist sehr bildhaft und verstärkt die einzelnen Elemente der Geschichte, anstatt sie aufzulösen. Gerade dadurch entsteht eine dichte Atmosphäre, in der die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung zunehmend verschwimmen. Für mich lebt Das Ende der Nacht von seiner Atmosphäre und diesem permanenten Gefühl der Unsicherheit. Gerade das hat den Roman für mich so eindringlich gemacht, das Ende und die Auflösung sind einfach großartig, aber davon verrate ich euch natürlich nichts.



  • Herausgeber ‏ : ‎ Edition Outbird
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 390 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948887977
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948887971
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 14 Jahren

Sonntag, 10. Mai 2026

Schnitzel, Mord & Tunke - Mord am Baggersee: Kommissar Hubsis erster Fall: Kriminalroman


 Endlich scheint sich das Wetter am Neuenhainer Baggersee zu bessern und Hubsi, Kriminalkommissar Hubertus vom Basalthügel, hofft, seine Familie endlich davon überzeugen zu können, dass es keinen schöneren Urlaub als Campen gibt. Begeistert sind die nämlich nicht. Doch kaum kommt die Sonne zum Vorschein, entdeckt Hubsi noch vor dem ersten Kaffee und vor dem Frühstück eine Leiche im Neuenhainer See. Die zuständigen Kollegen sind überfordert. Eine Leiche, Kühe auf der Autobahn, Klimakleber und Personalmangel führen dazu, dass Hubsi den Fall übernehmen muss. Das war es dann wohl mit dem ruhigen Urlaub auf dem Campingplatz und zum Angeln, seiner großen Leidenschaft, wird er nun wohl auch nicht mehr kommen. Wenigstens seiner Frau Melli wird es nun nicht langweilig, schließlich ist sie als Krimileserin überzeugt, den Fall selbst lösen zu können. An Verdächtigen mangelt es ohnehin nicht und dann hat Hubsi noch ein Geheimnis, das auf keinen Fall ans Licht kommen darf.

Andi & Ella Marcs entführen mit „Schnitzel, Mord & Tunke, Kommissar Hubsis erster Fall: Mord am Baggersee“ in eine Welt, in der Campingchaos, Dorftratsch und Polizeiarbeit auf humorvolle Weise zusammenstoßen. Der Roman ist ein origineller Auftaktband, der sich als klassischer Krimi mit einem echten Mord versteht, aber gleichzeitig nie zu düster wird. Die Balance aus Spannung, Humor und familiärer Dynamik wirkt frisch und unterhaltsam.

Hubsi ist der sympathische Mittelpunkt: bodenständig, ein begeisterter Camper und trotzdem kein unprofessioneller Krimikomiker. Er arbeitet mit Sachverstand, auch wenn sein Umfeld eher chaotisch ist. Seine Frau Melli liefert als Krimileserin konkurrierende Theorien, die die Ermittlungen immer wieder auflockern. Kinder, Kühe, Hacker, Bauern und ein paar sehr eigene Dorfbewohner sorgen für eine schräge Atmosphäre, ohne dass die Glaubwürdigkeit des Falles leidet.

Die Spannung bleibt konstant, auch wenn der Ton  leicht bleibt. Die Frage, wer den Bauern Martin auf dem Gewissen hat, zieht sich über mehrere Motivstränge: wirtschaftliche Interessen, Nachbarschaftsstreitigkeiten, persönliche Abrechnungen und ökologische Konflikte. Immer wieder wirkte ein Verdächtiger für mich plausibel, doch neue Details sorgten immer wieder dafür, dass ich bis zum Ende mitraten konnte. Das Autorenduo spielt mit Klischees, genauso wie beschrieben stelle ich mir Camping vor und Kinder, na ja, sie sind Kinder. Und doch ist der Fall ein komplexes Geflecht aus zufälligen Begegnungen und durchdachten Entscheidungen. Diese Mischung hat mir wirklich gut gefallen.

Sprachlich ist der Krimi leicht und flüssig, mit vielen lebendigen Dialogen, teils im örtlichen Dialekt und mit treffenden Details. Die Campingplatzroutine, die Reaktionen der Urlauber auf einen Mordfall und die typischen Probleme von Polizeiarbeit in Zeiten von Personalengpässen wirkten für mich absolut authentisch.

Insgesamt ist „Schnitzel, Mord & Tunke“ ein gelungener Start für eine neue Reihe, die mich gut unterhalten hat. Die Spannung kommt nicht zu kurz, bleibt aber stets zugänglich und unterhaltsam. Wer lockere, aber nicht oberflächliche Krimis mit Herz und Humor mag, ist hier auf der richtigen Seite des Zeltes.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Blue Mountains Publishing
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 10. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3982193486
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3982193489

Samstag, 9. Mai 2026

Katharsis (Griechische Trilogie) von Maciej Siembieda (Autor), Ewa Krauss (Übersetzer)


„Katharsis“ steht ursprünglich für eine Art emotionale Reinigung: für den Moment, in dem starke Gefühle wie Mitleid, Angst oder Schuld so dicht werden, dass sie sich aufstauen und schließlich in Verständnis oder Einsicht verwandeln. So war  auch Siembiedas Roman: keine laut verkündete Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern ein vorsichtiges, oft sehr leises Zerlegen von Schuld, Schweigen und Verdrängung.

Für mich ist „Katharsis“ vor allem ein Roman über Menschen, die nach Krieg, Flucht und politischen Umbrüchen versuchen, ein normales Leben zu führen und dabei immer wieder über die Schatten ihrer Vergangenheit stolpern. Die Sprache ist klar und ruhig; sie stellt sich nicht in den Vordergrund, sondern lässt die Figuren und ihre Entscheidungen wirken. Die Dialoge sind oft knapp, manchmal von feiner Ironie geprägt, und gerade das macht sie für mich glaubwürdig und nah an der Realität.

Ich spürte  deutlich Siembiedas Hintergrund als Autor von Reportagen: Die Szenerie zwischen Polen, Griechenland und dem nahen Umfeld der Sowjetunion fühlt sich für mich sehr konkret an, ohne jemals zu trockenem Geschichtsunterricht zu werden. Man spürt, dass er sich intensiv mit historischen Quellen beschäftigt hat, aber er baut daraus keine aufgeblasene Lehrstunde, sondern eine Geschichte, in der die Politik direkt einzelne Lebensläufe beeinflusst.

Besonders fasziniert mich, dass Siembieda keine Figuren mit scharfen Konturen zeichnet. Kostas Tosidos etwa ist für mich kein klarer Held, sondern ein Mann, der lange Zeit mit seiner eigenen Schuld ringt und sich selbst im Weg steht. Er ist zugleich Überlebender und jemand, der seine Vergangenheit lange verdrängt hat, und gerade das macht ihn für mich besonders menschlich. Sacharin wirkt wie ein Schatten zwischen Schwarzmarkt und Notwendigkeit: kein einfacher Schurke, sondern ein Typ, der sich irgendwo zwischen Überlebenskunst, kleinen Tricks und echtem Charisma bewegt. Janis und Zulus wiederum entwickeln sich über lange Passagen hinweg aus unterschiedlichen Ausgangspunkten zu Figuren, die ihre eigene Geschichte erst mühsam zusammensetzen müssen.

Ich habe „Katharsis“ vor allem als Geschichte von Menschen empfunden die nach Krieg und Vertreibung versuchen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Aber die Vergangenheit verschwindet bei fast keiner Figur wirklich. Siembieda erzählt das in einer eher ruhigen, direkten Sprache. Er drängt sich als Autor nicht ständig nach vorne, sondern vertraut darauf, dass Figuren und Situationen für sich selbst sprechen.

Ich empfehle „Katharsis“ allen, die historische Romane mit vielen Perspektiven mögen und lieber von Menschen als von großen politische Abhandlungen lesen. 


  • Herausgeber ‏ : ‎ Polente Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 16. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 632 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3903634026
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3903634022
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 18 Jahren
  • Originaltitel ‏ : ‎ Katharsis

Mittwoch, 6. Mai 2026

Zu Gast im Bücherhaus: Sanjina Kashikar

Liebe Sanjina, herzlich willkommen im Buecherhaus. Ich freue mich sehr, dass du dir die Zeit nimmst, mir ein paar Fragen zu beantworten.

Dein Buch „Rattenkönig“, das in der Edition Outbird erschienen ist, hat mich wirklich begeistert. Ich bin eigentlich kein typisches Fangirl, aber zu dieser Geschichte fallen mir tatsächlich nur Superlative ein. Für meine Leser:innen, die dich noch nicht kennen, stell dich doch bitte kurz vor. 

Hallo und vielen lieben Dank für die Einladung! Ich bin Sanjina Kashikar und schreibe am liebsten düster, surreal und experimentell. Ich lese auf Kultur- und Musikfestivals (z. B. auf dem Wave-Gotik-Treffen und dem Sternenklang Festival) und veröffentliche Prosa und Lyrik in Anthologien (z. B. in „Liber Vampirorum V“) und Literaturzeitschriften (z. B. in „Literarische Blätter“ und „Am Erker“). „Rattenkönig“ ist mein erster Roman.

Kommen wir zu den Fragen:

Wenn du nicht schreibst, wofür brennst du noch?

Meine zweitgrößte Leidenschaft ist das Lektorieren. Meine drittgrößte ist meine Lesereihe AnArCHiEN, die ich zusammen mit Mirjam Kay Mashkour in Aachen kuratiere und moderiere. Davon abgesehen begeistere ich mich für verschiedene Kunstformen. Unter anderem zeichne und fotografiere ich. Im Moment arbeite ich an einem Song zu meinem Roman. Das macht mir unglaublich viel Spaß, und ich glaube, ich werde in Zukunft mehr Musik machen. An die Musik kann ich, anders als ans Schreiben, ohne Ehrgeiz herangehen, was ein ziemlich befreiendes Gefühl ist.

Außerdem finde ich Filmkunst, 2D-Animation (insbesondere Rotoskopie), Filmrestauration und das Thema Lost Media spannend.

Früher habe ich mich viel mit Aktivismus befasst, aber momentan habe ich dafür leider keine Zeit. Ich interessiere mich für 1000 Dinge, aber der Tag hat nur 24 Stunden.


Erinnerst du dich an einen Moment oder eine Phase, in der dir klar wurde, dass du schreiben „musst“?

Sobald ich genug Buchstaben kannte, fing ich an, kleine Geschichten zu schreiben (in der ersten ging es um sprechende Schweine und ich musste meiner Oma beim Entziffern helfen). Ich hielt Schreiben für eine ganz selbstverständliche Beschäftigung – irgendwo mussten die ganzen Bücher ja herkommen. Ab der weiterführenden Schule arbeitete ich ständig im Unterricht an eigenen Texten (mal mehr, oft weniger heimlich). Es gab gefühlt nie eine Zeit, in der das Schreiben kein Teil meines Lebens war.

Deine Texte bewegen sich oft in dunklen, intensiven Gefühlsräumen. Was reizt dich daran, gerade diese Seiten auszuloten?

Mich hat schon immer das Abgründige, das Melancholische, das Kaputte und Widersprüchliche fasziniert. Da ich intensiv fühle, freue ich mich, diese Intensität in Texten wiederzufinden, die ich schreibe oder lese. Eskapismus funktioniert nur selten für mich.

Lesungen, Öffentlichkeit, Organisation und der Alltag verlangen viel Energie. Wie schaffst du es, dir gleichzeitig Raum fürs Schreiben zu bewahren?

Ganz ehrlich: Oft schaffe ich das nicht. Ich bin keine Vielschreiberin. Ideen habe ich aber immer mehr als genug. Wenn eine Idee mich so sehr überzeugt, dass ich einen Text daraus machen will, nehme ich mir dafür bewusst Zeit.

Hat sich dein Verhältnis zu deinem eigenen Text verändert, seit du ihn vor Publikum präsentierst?

Ich bin leider eine Perfektionistin und deshalb nie mit meinen Texten zufrieden. Dass ich so viele positive Rückmeldungen zu meinem Roman bekommen habe, hat mir dabei geholfen, ihn wohlwollender zu betrachten. Manchmal, wenn ich bestimmte Passagen vorlese, denke ich mir inzwischen: Verdammt, das ist wirklich gut.

Die Beziehung zwischen Noel und Aliéna wirkt zugleich roh und fragil. Wie hat sich diese Dynamik während des Schreibens entwickelt? War sie von Anfang an so geplant?

Das war von Anfang an so geplant, und ich habe die Figuren und ihre Beziehung dementsprechend geschrieben. Zum Glück entwickeln meine Figuren nur in seltensten Fällen ein Eigenleben – was praktisch ist, da ich so nicht mit ihnen verhandeln muss, wie ihre Geschichte verläuft. (Die einzige Figur, die sich anders entwickelt und mehr Raum im Roman eingenommen hat als geplant, war Malte.)

Ich gebe zu, vor dem Lesen und auch noch eine ganze Weile während der Lektüre hat mich der Titel „Rattenkönig“ etwas ratlos gemacht. Erst nach und nach habe ich meine eigene Interpretation entwickelt. Magst du uns die Bedeutung näher erläutern? Vielleicht liege ich ja auch völlig daneben.

Als Rattenkönig werden mehrere an den Schwänzen zusammengewachsene Ratten bezeichnet. In Aliénas verquerer Gedankenwelt stellt das die ultimative Form der Symbiose dar. Diese Denkweise führt – neben anderen Faktoren – zu der Co-Abhängigkeit, in die sie und Noel im Laufe der Handlung geraten. Aliéna möchte sich von Lea lösen, überträgt die ungesunde Dynamik aber auf Noel, ohne sie zu hinterfragen. In der Natur leiden die einzelnen Ratten, die Teil eines Rattenkönigs sind. Dass Aliéna dieses Leid nicht bedenkt, ändert nichts daran, dass es existiert.

Wünschst du dir eine bestimmte Reaktion bei Leser:innen oder ist dir gerade die Offenheit der Interpretation wichtig?

Ich wünsche mir keine bestimmte Reaktion. Ich freue mich immer, wenn Leser:innen mein Roman gefällt, oder wenn sie beim Lesen etwas gefühlt haben. Bei Lesungen habe ich im Publikum verschiedene Reaktionen beobachten können: gespannt, bewegt, bei manchen Passagen amüsiert, aber bei heftigeren Szenen auch abgestoßen. Jede dieser Reaktionen halte ich für valide. Ich habe auch kein Problem damit, wenn Leser:innen sagen: Das war nicht meins.

Im Roman spielt der Verlust von Realität eine zentrale Rolle. Gab es einen gedanklichen oder emotionalen Ausgangspunkt, von dem aus sich dieses Thema entwickelt hat?

Zumindest keinen, an den ich mich erinnere. Das klingt jetzt wahrscheinlich ziemlich antiklimatisch, oder? Ich glaube, das Thema hat sich aus meinem Interesse am Surrealen ergeben.

Wenn du an zukünftige Projekte denkst, bleibst du thematisch in ähnlichen Gefühlswelten oder reizt dich auch etwas völlig anderes?

Mich faszinieren komplexe, ambivalente Figuren, deren Leben nicht glatt läuft. Deshalb werde ich in nächster Zeit vermutlich nicht über Leute schreiben, die einfach nur glücklich und erfolgreich sind. Ich kann aber verraten, dass mein nächster Roman trotzdem ganz anders wird als „Rattenkönig“.

Vielen lieben Dank für deinen Besuch. Ich habe mich sehr darüber gefreut und bin gespannt auf alles, was noch von dir kommen wird.

Ich danke dir für deine interessanten Fragen, deine lieben Worte und deine Zeit!

Und hier nochmal der Link zu meiner Rezension zu dem außergewöhnlichen Roman: Rattenkönig: 









Der Prinz (Berlin-Trilogie) von Magdalena Parys (Autor), Lothar Quinkenstein (Übersetzer), Hans Gregor Njemz (Übersetzer)


„Der Prinz“ ist der zweite Teil der Berlin-Trilogie von Magdalena Parys und knüpft direkt an „Der Magier“ an. Das machte mir den Einstieg allerdings nicht ganz leicht. Gerade die erste Hälfte ist ziemlich komplex, mit vielen Figuren, Zeitsprüngen und Hintergrundinformationen. Ich hatte leider immer das Gefühl das mir wichtige Informationen zunächst noch fehlen, Das liegt weniger an der Handlung selbst als an den Beziehungen und Vorgeschichten der Figuren. So jedenfalls erging es mir.

Im Mittelpunkt stehen wieder der Berliner Polizeipräsident Tschapieski, Kommissar Tomasz Kowalski und die Journalistin Dagmara Bosch.

Die Geschichte spielt in einem Berlin der nahen Gegenwart, das zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät: Im Berliner Dom wird ein gekreuzigter Priester gefunden, in einer Migrantensiedlung in Brandenburg bricht unter rätselhaften Umständen ein Feuer aus, und gleichzeitig nehmen nationalistische und separatistische Tendenzen spürbar zu.

Die drei Hauptfiguren geraten unfreiwillig in eine Kette von Ereignissen, die immer größere Kreise zieht – angefangen bei einem Mord, über eine Entführung bis hin zu einem schweren Autounfall, der bis in die höchste politische Ebene reicht. Stück für Stück stoßen sie dabei auf Hinweise zu einer geheimen Taskforce aus den 1970er-Jahren, die offenbar am Kanzleramt vorbei agiert hat. Gleichzeitig verdichten sich die Spuren zu etwas noch Größerem: einer Art Schattenarmee mit Wurzeln in der Vergangenheit.

Stilistisch setzt Parys weniger auf Tempo und Action, sondern auf einen ruhigen, dichten Aufbau. Die Spannung entsteht vor allem daraus, wie sich nach und nach die Verbindungen zwischen Polizeiarbeit, Journalismus und Geheimdiensten offenbaren.

Wer politische Thriller mag, die nah an der deutschen Realität sind und sich mit Machtstrukturen und Geheimdiensten beschäftigen, und die eine ruhige gut durchdachte Erzählweise mögen, der nicht auf schnelle Unterhaltung setzt, wird mit einer spannenden Story belohnt.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Polente Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 16. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 424 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3903634042
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3903634046
  • Originaltitel ‏ : ‎ Ksi¿¿¿