Freitag, 24. Juli 2026

Carl's Doomsday Scenario: Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe (Dungeon Crawler Carl, Band 2)


Matt Dinnimans zweiter Band der Dungeon Crawler Carl-Reihe macht genau dort weiter, wo der erste aufgehört hat. Carl und Prinzessin Donut leben noch, die Dungeon-KI treibt weiterhin ihre perfiden Spielchen, und die Zuschauer im ganzen Universum verlangen nach immer mehr Chaos, Blut und Unterhaltung. Dinniman erfindet das Rad nicht neu, er nimmt, was im ersten Band funktioniert hat, und legt noch eine Schippe drauf.

Diesmal verschlägt es Carl und Donut auf die dritte Ebene, die Oberstadt. Eine zerstörte Metropole voller Monster, Fallen und absurder Herausforderungen. Gleichzeitig wird der Einfluss der außerirdischen Sender immer spürbarer, die um Quoten, Sponsoren und Wettgewinne kämpfen. Genau hier wird es kreativ, chaotisch und voller Ideen. Der Autor nutzt die Spielmechaniken auf unterhaltsame Weise. Im späteren Verlauf wirkt die Handlung stellenweise etwas zerfahrener, da die Geschichte zwischen neuen Aufgaben, Chatshows und Level-ups hin und her springt. Langweilig wird es aber nie, dafür bleibt das Tempo durchgehend hoch.

Besonders gelungen fand ich die stärkeren Horrorelemente. Die Oberstadt ist nicht nur gefährlich, sondern oft regelrecht verstörend. Untote Artisten, groteske Kreaturen und albtraumhafte Szenarien verleihen der Welt eine deutlich düsterere Atmosphäre als in Band eins. Es gibt Momente, die wirklich unangenehm werden, und das Buch scheut sich nicht vor Bildern, die eher nach Albtraum als nach Spiel klingen.

Gleichzeitig hatte ich nie wirklich Angst um Carl oder Donut. Die Reihe ist auf viele weitere Bände ausgelegt, und das merkt man. Man fiebert zwar mit, fragt sich aber eher, wie sie die nächste Katastrophe überleben, als ob sie es überhaupt schaffen. Das nimmt manchen Szenen etwas Spannung, sorgt aber auch dafür, dass der Spaß stets im Vordergrund bleibt.

Carl bleibt ein sympathischer Überlebenskünstler, der clever improvisiert, ohne zum klassischen Helden zu werden. Prinzessin Donut stiehlt mit ihrer arroganten und selbstverliebten Art (und ich liebe sie genau dafür, sie ist eben eine Katze) erneut viele Szenen und sorgt für einen Großteil des Humors. Auch die LitRPG-Elemente funktionieren weiterhin gut und so langsam verstehe auch ich, wie Videospiele funktionieren. Skills, Loot, Achievements und Quests sind sinnvoll in die Handlung eingebunden und fühlen sich nie wie bloße Spielerei an.

Fazit: Carl's Doomsday Scenario ist eine starke Fortsetzung, die die Welt erweitert und die Stärken der Reihe konsequent ausspielt. Die Horrorelemente sorgen für zusätzliche Atmosphäre, und trotz kleinerer Längen bleibt das Buch durchgehend unterhaltsam. Wer den ersten Band mochte, wird auch mit diesem Teil viel Spaß haben. Den ersten Band sollte man auch unbedingt  gelesen haben.


  • Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Tor
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 24. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 3.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 448 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3596712491
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3596712496
  • Originaltitel ‏ : ‎ Carl's Doomsday Scenario



Mittwoch, 22. Juli 2026

Schlosshotel Fuschl: Roman von Caren Benedikt

 


Ich habe schon einige Romane von Caren Benedikt gelesen und mag ihren Erzählstil sehr. Aus diesem Grund wollte ich das „Schlosshotel Fuschl“ unbedingt lesen, und es hat meine Erwartungen erfüllt. Leserinnen und Leser, die bereits in die Welt von Caren Benedikt kennen, werden auch hier schnell Bekanntes entdecken: eine eindrucksvolle historische Kulisse, liebevoll beschriebene Figuren und eine Familiengeschichte, die von Konflikten und Geheimnissen geprägt ist.

Im Sommer 1955 ist die Geschichte im Salzburger Land angesiedelt. Während im Schlosshotel Fuschl die feine Gesellschaft verkehrt, die Salzburger Festspiele stattfinden und am See die „Sissi“-Filme gedreht werden, kämpft Theresa von Reuschenberg darum, ihre beiden Hotels durch harte Zeiten zu steuern. Die Rückkehr von Benedikt, ihrem totgeglaubten Bruder, der nach Jahren in der Kriegsgefangenschaft plötzlich seinen Erbanteil einfordert, bringt das Gleichgewicht, das sie mühsam aufgebaut haben, durcheinander. Alte Wunden brechen auf, und es wird schnell offensichtlich, dass es hier nicht nur um Geld geht, sondern auch um Vertrauen, Schuld und Familie.

Die Atmosphäre gefällt mir besonders gut. Die Nachkriegszeit ist präsent, ohne dass sich die Autorin in zu vielen Details verliert. Die privaten Probleme stehen im starken Kontrast zur Filmkulisse und den Festspielen, die eine heile Welt vorgaukeln. Die Hotellerie ist nicht nur Dekoration; sie ist auch die Quelle von Konflikten mit: Personal, Gästebindungen, Krediten und dem Druck, den Glanz zu bewahren.

Theresa war für mich eine starke Hauptfigur. Sie handelt oft pragmatisch, trifft nicht immer einfache Entscheidungen und wirkt dadurch sehr authentisch. Auch Benedikt ist keine Figur, die man sofort einordnen kann. Seine Rückkehr bringt viel Spannung in die Geschichte. Nach der Freude über die unerwartete Rückkehr des totgeglaubten Bruders beginnen die Konflikte. Auch das sorgt dafür, dass ich  immer weiterlesen möchte. Und dann sind da noch Marie und Sophie, Theresas Töchter, die unterschiedlicher nicht sein können, während Marie pflichtbewusst studiert und in ihrer freien Zeit im Hotel aushilft, plant Sophie ihre Zukunft nicht in Österreich, ohne dass ihre Mutter davon weiß. Die Frage wie es mit den beiden jungen Frauen weitergeht sorgte ebenfalls dafür das ich immer weiterlesen wollte.

Wer bereits Das Grand Hotel oder andere Bücher der Autorin gelesen hat, wird einige vertraute Elemente wiederfinden. Das große Hotel als Schauplatz, eine Frau, die Verantwortung übernimmt, und familiäre Konflikte gehören inzwischen fast zu Caren Benedikts Markenzeichen. 

Insgesamt hat mich Schlosshotel Fuschl sehr gut unterhalten. Der Roman verbindet historische Ereignisse mit einer emotionalen Familiengeschichte und lädt dazu ein, für ein paar Stunden in eine andere Zeit einzutauchen. Im Nachwort berichtet die Autorin von ihrer Recherchearbeit und den wahren Begebenheiten und Menschen, auch das ist sehr lesenswert und macht neugierig auf Salzburg. 


  • Herausgeber ‏ : ‎ Blanvalet Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. Juli 2026
  • Auflage ‏ : ‎ Originalausgabe
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 416 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3764508523
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3764508524


Montag, 20. Juli 2026

Feenpakte Geschichten aus der Welt der Seelenfänger


Ich wusste, dass ich die Anthologie „Feenpakte“ mögen würde. Der Verlag steht für starke Storys und einige der Autorinnen und Autoren kannte ich bereits. Dass mich aber gleich die erste Geschichte so umhauen würde, hätte ich nicht erwartet.

Vincent Voss: Das Nebelbrett
Die Auftaktgeschichte setzt sofort einen düsteren, verstörenden Ton. Zwischen märchenhafter Anderswelt und beklemmender Gegenwartsnähe entfaltet sich eine Erzählung über Manipulation, Angst und Macht. Besonders eindrücklich sind die Bilder, etwa die Spinnen, die sich unbemerkt in Menschen einnisten, als Sinnbild für schleichende gesellschaftliche Vergiftung. Ohne plump zu wirken, liest sich die Geschichte wie ein Kommentar auf reale Entwicklungen und zeigt, wie anfällig Gemeinschaften für gezielte Angstmache sein können und dass man dem gemeinsam entgegenwirken kann.

Gloria H. Manderfeld: Waldgrimms Raub
Diese Geschichte trifft mit ihrem Thema besonders hart. Im Zentrum steht eine Frau auf der Flucht vor häuslicher Gewalt, die ausgerechnet im Unheimlichen Schutz findet. Manderfeld spielt gekonnt mit Erwartungen und hinterfragt, wer eigentlich als „Monster“ gilt. Die eigentliche Stärke liegt jedoch in der bitteren Erkenntnis, dass Betroffene oft nicht gehört werden, selbst dann nicht, wenn sie längst wissen, was für sie gefährlich ist.

Florian Wehner: Die arme Frau Wohlstand
Nach dem großen Krieg lebt Nadjala mit ihren Kindern in Armut, denn ihr Mann hat hohe Schulden hinterlassen. Kurz bevor sie auch noch ihr Haus verliert, taucht eine alte Frau auf: Britha. Sie hilft im Haushalt und braut Heiltränke, die Nadjala im Dorf verkauft. Endlich können die Schulden beglichen werden und die Kinder wieder unbeschwert leben. Brithas einzige Bedingung ist Schweigen. Als jedoch ein Kind im Dorf krank wird und die Tränke alles nur verschlimmern, zeigt sich, dass Hilfe ihren Preis hat und der ist selten gerecht.

Francis Bergen: Das Frühjahrsfest
Der Hütejunge Anton sorgt sich um sein Lamm Darja, das von seiner Mutter verstoßen wurde. Er zieht es mit der Hand auf, obwohl es kaum Überlebenschancen hat. Ein Fremder erscheint, erstaunt über Antons Fürsorge, und heilt das Tier. Zum Dank nimmt Anton ihn mit auf das Frühjahrsfest. Bei Gesang und Tanz fügt sich der Fremde, der sich Hariyo Rhaday nennt, unter die Feiernden, bis der eigentliche Höhepunkt beginnt und dem Frühling und dem Sommer geopfert wird.

Nils Krebber: Geh nicht in den Glimmerwald
Nach dem Fluchwall lebt ein junger Holzfäller in einem Dorf, das zwar von Wald umgeben ist, doch nur ein entfernter Wald darf betreten werden. Der nahe Wald gilt als gefährlich, bevölkert von einer Fee und Wesen, die sich gegen Eindringlinge wehren. Eine Frau ist einst zurückgekehrt, bevor der Wind sie wieder forttrug. Niemand widersetzt sich dem Verbot, bis eine junge Frau auftaucht, in die sich der Holzfäller verliebt. Sie zeigt ihm einen Weg, die Fee um Erlaubnis zu bitten. Die Geschichte kreist um Versprechen und die Konsequenzen, wenn man sie bricht.

Marco Ansing: Die Zahnfee
Die bekannte Geschichte von der Zahnfee bekommt hier eine düstere Wendung. In Godenfort blüht das Dorf, die Ernten sind gut, doch die Menschen wirken krank, viele haben keine Zähne und Kinder sind kaum zu sehen. Als die Seelenfängerin Kaira und ihr Bruder eintreffen, kommen sie einem grausigen Geheimnis auf die Spur. Eine unheimliche, sehr wirkungsvolle Geschichte.

Daniel Isberner: Der Wunsch
Ein Dorf ist auf der Flucht vor einem Geist, der einst ein Dieb war und nun weiter stiehlt und tötet. Selbst auf der Flucht sind sie nicht sicher. Die dreizehnjährige Jaria freundet sich mit Perai an, bei dem Jungen mit dem Messer fühlt sie sich sicher. Als er verletzt wird, spricht sie einen Wunsch aus, dessen Preis hoch ist. Mein erster Gedanke war: Du dummes Kind. Mein zweiter: Wie weit würde ich gehen für einen geliebten Menschen?

Ralf Sandfuchs: Die Liebe einer Mutter
Sören lebt mit seiner Mutter abgeschieden im Wald. Nur selten geht er ins Dorf, inzwischen auch, um sich mit den Mädchen zu treffen, die sich ihm kaum entziehen können. Seine Mutter sagt, er komme nach seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Als der Vater eines Mädchens ihm droht, hält Sören sich nicht daran und läuft in eine Falle. Auch hier geht es um Ausgrenzung und die Angst vor dem Fremden.

Christian Günther: Fünf, sechs, sieben, acht
Auf diese Geschichte war ich besonders gespannt. Jarek sucht seine Schwester, die vor ihrem Vater geflohen ist. Die alte Raika verspricht ihm Hilfe, doch seine Mutter behauptet, Raika sei seit Jahren tot. Als Jarek am nächsten Tag zu ihrer Hütte zurückkehrt, ist sie verschwunden. Eine Geschichte mit einer starken Idee und einem unerwarteten Ausgang.

Thorsten Küper: Im Dienst des Turmbaumeisters
Vermil ist ein begnadeter Zeichner. Als er auf Arzad trifft, erhält er einen ungewöhnlichen Auftrag: Ein Turmbaumeister will seine verstorbene Frau zurückholen und braucht dafür ein genaues Bild von ihr. Doch schnell stellt sich die Frage, ob es wirklich Liebe ist, die ihn antreibt.

„Feenpakte“ versammelt Geschichten über Wünsche und deren Preis und stellt dabei die düstere Seite der Anderswelt in den Mittelpunkt. Statt romantischer Feenbilder dominieren hier Verlockung, Täuschung und Konsequenzen, die oft erst spät sichtbar werden. Viele Texte spielen gezielt mit Erwartungen und erzeugen eine durchgehend eher beklemmende Stimmung. Die Qualität ist insgesamt recht ausgeglichen, einzelne Storys unterscheiden sich aber genug, dass keine wie die andere wirkt, auch wenn sich Motive wiederholen.

Für mich funktioniert die Anthologie vor allem dann, weil sie die düsteren Ideen konsequent ausspielt. Wer solche Geschichten mag, wird hier auf jeden Fall fündig.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Low, Torsten
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 22. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ Erstauflage
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 220 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3966290537
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3966290531

Mittwoch, 15. Juli 2026

Eine winzige Lüge von Astrid Korten

Astrid Korten versteht es wie kaum eine andere, sensible und schwierige Themen so in Worte zu fassen, dass sie Leserinnen und Leser berühren und zugleich für Aspekte sensibilisieren, die in der Öffentlichkeit noch immer viel zu oft verschwiegen werden. Während sie in ihrem Roman „Poppy“ die Perspektive des Missbrauchsopfers einnimmt, beleuchtet „Eine winzige Lüge“ die Sicht einer Mutter, die mit einem kaum vorstellbaren und kaum aushaltbaren Vorwurf konfrontiert wird.

Martinas Tochter Julia wirft Martinas Lebensgefährten Alex vor, sie seit ihrem 9. Lebensjahr missbraucht zu haben. Zu widersprüchlich erscheint ihr dieses Bild. Schließlich nannte Julia ihn seit ihrer ersten Begegnung im Alter von drei Jahren „Papa“, und das Kind hatte schon immer eine überbordende Fantasie. Immer wieder erfand sie Geschichten, etwa von einem Kobold, der an Alex’ Schreibtisch saß, wenn er selbst nicht da war.

Warum also sollte sie ausgerechnet diese Geschichte glauben?

Doch was, wenn Julia die Wahrheit sagt?

Es kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Martina kennt den erfolgreichen Schriftsteller seit 25 Jahren und war überzeugt, ihn so gut zu kennen wie sich selbst. Doch die Zweifel lassen sie nicht mehr los, und sie beginnt, nach der Wahrheit zu suchen.

Ich konnte Martinas Gedanken gut nachvollziehen, auch wenn sie schwer auszuhalten sind, besonders dann, wenn man selbst Kinder hat. Dieses Festhalten an der eigenen Realität, dieses Nicht-glauben-Wollen, weil die Konsequenzen alles zerstören würden. Gleichzeitig ist da beim Lesen dieses nagende Gefühl, dass genau darin die eigentliche Tragik liegt.

Genau das macht den Roman so eindringlich. Schritt für Schritt beginnt Martina nachzuforschen, und mit jeder neuen Erkenntnis gerät ihr Leben mehr ins Wanken. Auch beim Lesen verändert sich die Perspektive immer wieder. Man hinterfragt, zweifelt und denkt mit jeder Wendung neu und davon gibt es einige. Manche sind bewusst verwirrend, passend zu Martinas Gefühlsleben und der beklemmenden Atmosphäre, die die Autorin erschafft.

 

  • ASIN ‏ : ‎ B0H7CLBNXF
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 2. Juli 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 326 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8185207284






  • Samstag, 11. Juli 2026

    Die Villa der Architektin: Roman (Unionsverlag Taschenbücher) von Melania G. Mazzucco (Autor), Karin Fleischanderl (Übersetzerin


    Mit "Die Villa der Architektin" erzählt Melania G. Mazzucco die Geschichte von Plautilla Bricci, einer Frau, die in der Kunstgeschichte lange kaum wahrgenommen wurde. Die Autorin begleitet ihr Leben im Rom des 17. Jahrhunderts und verbindet historische Fakten mit einer klar erzählten Romanhandlung. Dabei entsteht das Bild einer Frau, die sich in einem sehr engen gesellschaftlichen Rahmen ihren eigenen Weg gesucht hat.

    Plautilla Bricci wurde 1616 in Rom geboren und wuchs in einem künstlerischen Umfeld auf. Ihr Vater förderte ihre Ausbildung in der Malerei früh. Da Frauen der Zugang zur akademischen Aktausbildung verwehrt blieb, arbeitete sie zunächst vor allem als Malerin religiöser Motive und als Miniaturmalerin. Später trat sie auch als Architektin hervor und gilt als eine der ersten Frauen, die in diesem Bereich in Rom Beachtung fanden.

    Besonders gelungen sind Mazzuccos Schilderungen des barocken Rom. Sie zeigen die künstlerischen Möglichkeiten der Zeit, machen aber auch deutlich, welche Grenzen Frauen damals gesetzt waren. Plautillas Entscheidung, unverheiratet zu bleiben, erscheint aus heutiger Sicht nachvollziehbar, war für ihre Zeit jedoch ungewöhnlich. Dadurch wird deutlich, welchen Preis persönliche Unabhängigkeit für Frauen damals haben konnte.

    Mir hat gefallen, dass der Roman gut recherchiert wirkt, ohne trocken zu werden. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Bedürfnis nachzuprüfen, welche Ereignisse historisch belegt sind und wo die literarische Gestaltung beginnt. Gerade diese Verbindung aus Recherche und Erzählung macht das Buch für mich interessant, weil es nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern auch ein vergessenes Kapitel sichtbar macht.

    Auch die Beziehung zu Elpidio Benedetti spielt eine wichtige Rolle. Dass Plautilla bei der Testamentseröffnung leer ausgeht, zeigt, wie tief und zugleich frei von Erwartungen diese Verbindung war. Er hat ihr nichts Materielles hinterlassen, sondern etwas, das sich eher in Vertrauen und Nähe zeigt. Nach der Testamentseröffnung sucht sie Virginia auf, Elpidios Tochter, die in einem Conservatorio lebt. Dort wurden uneheliche Töchter von Geistlichen und Adligen ebenso aufgenommen wie Waisen von Handwerkern oder Hausangestellten. Sie blieben dort abgeschottet von der Außenwelt, bis sie verheiratet wurden oder in Stellung gingen, damit die Männer vor der "Versuchung" geschützt waren, die von ihnen ausging. Gerade dieser Abschnitt hat mich beim Lesen wirklich berührt. Dass Frauen zum Schutz der Männer abgeschottet wurden, zeigt, wie selbstverständlich ihnen die Verantwortung für das Verhalten der Männer zugeschrieben wurde. Wenn wir ehrlich sind: Viel geändert hat sich in der heutigen Zeit nun nicht. In diesem Abschnitt steht auch einer der berührendsten Sätze: "Beschützte, unversehrte , ausgelöschte Leben"
    Dieser Gedanke an beschützte, unversehrte und zugleich ausgelöschte Leben bleibt hängen, weil er die Härte dieses Systems so deutlich macht.

    Die Villa der Architektin ist ein historischer Roman für alle, die sich für Frauen in der Geschichte, für Kunst und Architektur sowie für sorgfältig recherchierte Stoffe interessieren. Melania G. Mazzucco erzählt konzentriert und klar und rückt Plautilla Bricci mit spürbarem Interesse ins Zentrum.


    Originaltitel: L’architettrice
    Originalsprache: Italienisch
    Erstauflage: 9.7.2026
    Auflage: 1

    Freitag, 10. Juli 2026

    Krasse Kurze "Bizarre Geschichten" von Sascha Dinse

     

    Klappentext: Die 31 Kurzgeschichten in diesem Band schlagen einen weiten Bogen von den Abgründen des Großstadtlebens über Auswüchse moderner Technik bis hin zu unheimlichen Erscheinungen und finsteren Zukunftsszenarien. Manchmal blutig und verstörend, dann wieder voller nachdenklicher Melancholie, haben die Geschichten eines gemeinsam: Sie sind kurz und krass.Dieses Buch ist eine komplett überarbeitete Neuauflage. An sehr vielen Stellen sind Dinge verbessert, geschärft oder ergänzt worden.

    Besonders gut gefallen hat mir die Abwechslung innerhalb der Sammlung. wir treffen auf Geister ebenso wie auf hochtechnologie, auf Ernährungsbewusste Kannibalen und wie begegnen dem Tod, um nur einige Themen zu nennen mit denen sich Sascha Dinse befasst hat. Ich verzichte an dieser Stelle auf Rezensionen zu den einzelnen Texte denn die Geschichten sind wirklich kurz, manche gehen nur über zwei Seiten, und da wäre schnell zuviel verraten. Die einzelnen Geschichten sind pointiert und mit einem treffenden Blick auf das ausergewöhnliche. Genau das sorgt dafür, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte, ich wusste nie welches Genre mich auf der nächsten Seite erwartet, sehr spannend, kann ich da nur sagen.

    Nicht jede Geschichte hat mich gleichermaßen überzeugt, was ich bei einer Sammlung dieser Art aber völlig in Ordnung finde. Manche Ideen haben mich stärker gefesselt als andere, einige Storys sind mir besonders im Gedächtnis geblieben, während andere etwas weniger Eindruck hinterlassen haben, aber das waren wirklich nur wenige und am Ende ist es einfach eine Frage des persönlichen Geschmacks.Insgesamt hat mich der Band gut unterhalten. 

    Für mich ist „Krasse Kurze“ eine vielseitige, düstere und stellenweise angenehm unbequeme Sammlung, die ich vor allem Leserinnen und Lesern empfehlen kann, die kurze, ungewöhnliche Geschichten mit Horror, Weird Vibes und einem Hauch Melancholie mögen.


    • ASIN ‏ : ‎ B0H564BKFM
    • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 13. Juni 2026
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 166 Seiten
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8181386495
    • Lesealter ‏ : ‎ 16–17 Jahre

    Donnerstag, 9. Juli 2026

    Herz König: Roman von Lily King (Autor), Eva Bonné (Übersetzerin)

     


    Lily King erzählt in Herz König eine Geschichte über erste Liebe, Freundschaft, Anziehung und die Spuren, die bestimmte Begegnungen im Leben hinterlassen können. Im Mittelpunkt steht eine junge Literaturstudentin, die sich plötzlich in einer intensiven Verbindung zu Sam und Yash wiederfindet. Was zunächst leicht und fast spielerisch beginnt, entwickelt sich zu einer vielschichtigen Geschichte, die auch Jahre später noch Bedeutung hat.

    Besonders gefallen hat mir, wie die Geschichte erzählt wird. Lily King schreibt ruhig, klar und sehr genau. Sie setzt nicht auf große Wendungen oder laute Effekte, sondern auf Beobachtungen, Gespräche und Zwischentöne. Genau das macht den Roman für mich so überzeugend, weil er dadurch sehr nah an seinen Figuren bleibt.

    Auch sprachlich hat mich das Buch überzeugt. Kings Stil ist schlicht, aber sehr fein gearbeitet. Sie trifft Stimmungen und innere Konflikte mit wenigen Worten und schafft es, den Figuren eine große Glaubwürdigkeit zu geben. Gerade diese unaufgeregte Art des Erzählens passt sehr gut zu der Geschichte.

    Die zweite Zeitebene, in der die Protagonistin auf ihr früheres Leben zurückblickt, gibt dem Roman zusätzliche Tiefe. Hier wird deutlich, wie stark Entscheidungen aus der Jugend ein ganzes Leben prägen können. Lily King verbindet beide Ebenen geschickt miteinander und hält die Spannung dabei bis zum Schluss aufrecht.

    Herz König ist für mich ein stiller, aber eindringlicher Roman, der vor allem durch seine Erzählweise und die Sprache lebt. Wer fein beobachtete Beziehungen und eine kluge, ruhige Erzählung mag, wird hier sicher fündig.


    • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 9. Juli 2026
    • Auflage ‏ : ‎ 1.
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 222 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406848192
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406848193
    • Originaltitel ‏ : ‎ Heart the Lover

    Dienstag, 7. Juli 2026

    Dungeon Crawler Carl: Entertainment ist Pflicht. Überleben nicht. | Die legendäre Fantasy-Serie endlich auf Deutsch von Matt Dinniman (Autor), Ruggero Leo (Übersetzer)


    Bereits nach wenigen Kapiteln zeigt sich der Ton: schnell, bissig und oft ziemlich direkt, ohne sich in Erklärungen zu verlieren. Genau das macht den Einstieg in Dungeon Crawler Carl so ungewöhnlich, denn auch ohne großes Vorwissen zu Videospielen findet man erstaunlich zügig in diese schräge Welt hinein. Die Begriffe sind zwar zunächst neu, werden aber so eingebettet, dass man nicht ständig ins Stolpern gerät.

    Die Ausgangssituation ist auf ihre ganz eigene Weise reizvoll und erinnerte mich stellenweise ein wenig an Per Anhalter durch die Galaxis: absurd, überdreht und mit einem sehr eigenen Sinn für Humor. Carl entgeht nur knapp der Auslöschung durch Außerirdische, weil er in genau diesem Moment die Katze seiner Ex-Freundin von einem Baum rettet. Um zu überleben, muss er in den Dungeon und dort gemeinsam mit der Katze Prinzessin Donut gegen feindliche Kreaturen kämpfen. Unterstützung und Rat erhalten die beiden von Mordecai, einem Gildenmeister, der ihnen durch dieses seltsame Abenteuer hilft.

    Was auf den ersten Blick vor allem nach Spaß, Chaos und einer ziemlich verrückten Grundidee klingt, hat jedoch noch eine zweite Ebene. Zwischen den Kämpfen, der teils derben Sprache und den vielen skurrilen Momenten blitzen immer wieder kritische Gedanken auf. Carl fühlt sich nicht wohl dabei, andere Lebewesen zu töten, ist sich aber gleichzeitig bewusst, dass es hier letztlich um das eigene Überleben geht. Genau dieser innere Konflikt gibt der Geschichte mehr Tiefe, als man anfangs vielleicht vermuten würde.

    Besonders unterhaltsam ist Prinzessin Donut, die verwöhnte Perserkatze, die sich überraschend schnell als echte Erscheinung entpuppt. Ihre Erfahrung aus Schönheitswettbewerben kommt ihr im ganz eigenen Stil durchaus zugute, und gerade diese Mischung aus Eitelkeit, Selbstbewusstsein und ungeahnter Stärke macht sie zu einer herrlich schrägen Figur. Zusammen mit Carl bildet sie ein Duo, das gut funktioniert und dem Buch viel von seinem Charme verleiht.

    Dass die ganze Geschichte als Reality-Show galaxyweit übertragen wird, passt sehr gut zu der satirischen Ebene des Romans. Hier steckt nicht nur Unterhaltung drin, sondern auch ein etwas bitterer Blick auf Zuschauerverhalten, Spektakel und die Bereitschaft, Gewalt zur Unterhaltung zu machen. Das wird nie schwerfällig erzählt, sondern bleibt locker, flott und angenehm scharfzüngig.

    Für mich war das insgesamt ein originelles, witziges und gleichzeitig nicht ganz anspruchsloses Leseerlebnis. Wer schräge Ideen, einen besonderen Humor und eine gute Portion Gesellschaftskritik mag, dürfte hier genau richtig sein. Die derbe Sprache gehört dabei einfach zum Gesamtbild und wirkt nicht aufgesetzt, sondern passend zur Welt, in die man hier hineingeworfen wird.

    Fazit: Ein ungewöhnliches, unterhaltsames und zugleich kluges Buch, das mit einer verrückten Grundidee, viel Tempo und einer sehr besonderen Katze punktet.


    • Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Tor
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 25. Februar 2026
    • Auflage ‏ : ‎ 6.
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 512 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3596712483
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3596712489
    • Originaltitel ‏ : ‎ Dungeon Crawler Carl

    Montag, 6. Juli 2026

    Dunkel wie die Nacht: Jakob Webers zweiter Fall (Jakob Weber Reihe) von von Orjan N. Karlsson (Autor), Günther Frauenlob (Übersetzer), Maike Dörries (Übersetzerin)

    Ich habe schon den ersten Fall von Jakob Weber und Noora Yun Sande gelesen, „Kalt wie die Luft“, und der hat mir richtig gut gefallen. Keine überladene Sprache, keine übertriebene Action, sondern ein ruhiger, düsterer Krimi, der mich die Nächte durchlesen liess.

    Deshalb war mein Interesse an „Dunkel wie die Nacht“ sofort geweckt. Und nach dem Lesen kann ich sagen: Für mich steht dieser Band dem Vorgänger in nichts nach.

    Die Handlung führt wieder nach Nordnorwegen, in den kleinen Ort Kjerringøy, umgeben von Bergen und Meer. Dort wird beim Eisbaden eine Leiche gefunden, ausgerechnet von Tuva. Der Tote ist ihr Freund Emilio, der eines Tages plötzlich verschwand und von dem sie dachte, er hätte sie einfach verlassen. Kurz darauf wird eine  junge Frau tot aufgefunden, die 20-jährige Veronika. Zunächst steht Selbstmord im Raum, doch daran kommen bald Zweifel auf. Vieles deutet darauf hin, dass beide Todesfälle zusammenhängen.

    Jakob Weber und Noora Yun Sande nehmen die Ermittlungen auf und haben schon bald den Leiter einer Suchtklinik im Blick, Hermann Kjerschow. Doch er ist nicht der einzige Verdächtige. Auch Stein-Jarle Lie, den man bereits aus dem Iselin-Hanssen-Fall kennt, scheint in die Geschehnisse verwickelt zu sein.

    Mir hat gut gefallen, dass der Roman ruhig Spannung aufbaut, statt ständig neue Wendungen oder große Actionszenen zu liefern. Die wechselnden Perspektiven, auch die Tagebucheinträge aus Sicht des Täters, haben mich dabei besonders nah an die Geschichte herangeführt. Dadurch hatte ich immer wieder das Gefühl, nah am Geschehen zu sein. Mehr als einmal war ich mir sicher, den richtigen Verdächtigen gefunden zu haben, nur um kurz darauf wieder ins Grübeln zu geraten.

    Besonders gefreut habe ich mich über das Wiedersehen mit Jakob und Noora. Die beiden sind inzwischen ein gut eingespieltes Team, wirken dabei aber sehr menschlich. Noora hat noch immer mit den Folgen ihrer Verletzungen zu kämpfen, körperlich wie psychisch, versucht das aber vor ihren Kollegen zu verbergen. Auch Jakob trägt seine eigenen Konflikte mit sich herum. Genau das macht die Figuren für mich so glaubwürdig, in diesem Band sind sie mir noch einmal näher gekommen.

    Auch das nordische Setting trägt viel zur bedrückenden Atmosphäre bei und passt sehr gut zur ruhigen, dichten Erzählweise. Die Geschichte bleibt durchgehend interessant, vor allem die Frage, wie alles miteinander zusammenhängt, hat mich bis zum Ende begleitet. Dabei wirkt der Roman nie überladen, sondern bleibt klar und konzentriert erzählt.

    An dieser Stelle auch ein Lob an die Übersetzer Günther Frauenlob und Maike Dörries, die den Ton der Geschichte sehr stimmig ins Deutsche übertragen haben.

    Fazit: Ein packender nordischer Thriller mit starker Atmosphäre, interessanten Figuren und einer durchdachten Handlung. Wer den ersten Band mochte, wird auch mit Dunkel wie die Nacht wieder spannende Lesestunden verbringen.


    • Herausgeber ‏ : ‎ Pendragon
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 6. Juli 2026
    • Auflage ‏ : ‎ 1.
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 356 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3865329640
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3865329646
    • Lesealter ‏ : ‎ Ab 16 Jahren
    • Originaltitel ‏ : ‎ NATTEN REISER ALENE











    Donnerstag, 2. Juli 2026

    Lesung mit Jessica Mawuena Lawson aus „Kekeli“


     Lesung mit Jessica Mawuena Lawson aus „Kekeli“ am 1. Juli 2026 in der  Literarischen Buchhandlung Quichotte,  in Tübingen

    Trotz des sehr warmen Wetters war die Veranstaltung sehr gut besucht, und schon beim Betreten der Buchhandlung  fiel mir die besondere Atmosphäre auf. Die Räume wirkten angenehm persönlich und wohltuend anders als die bekannten Filialbuchhandlungen. Von der Buchhandlung hatte ich bisher leider noch nichts gewusst, aber ich habe mir vorgenommen, mich bei einem weiteren Tübingenbesuch dort genauer umzusehen.


    Pünktlich um 18 Uhr begrüßte Wolfgang Zwierzynski die Gäste, die Moderatorin Prof. Dr. Sigrid G. Köhler und natürlich die Autorin Jessica Mawuena Lawson. 


    Danach las Lawson aus ihrem Roman „Kekeli“. Der Roman erzählt von einer jungen Frau in einer Kleinstadt in Süddeutschland, deren Leben sich verändert, als ihre Cousine Afi aus Togo zu Besuch kommt und neue Fragen nach Herkunft und Zugehörigkeit aufwirft. Hinzu kommt die Einladung ihres Mitschülers Kwame, für die »Pamoja Society« an einem Doku-Film über Schwarze Menschen in Deutschland mitzuwirken und dafür nach Berlin zu fahren.

    Prof. Dr. Sigrid G. Köhler, die an der Universität Tübingen den Bereich für Neuere deutsche Literatur sowie den Forschungsschwerpunkt Globalität und Diversität leitet, vertiefte das Gespräch mit ihren Fragen auf angenehme Weise. Sie half dabei, noch etwas tiefer in das Buch einzutauchen, ohne zu viel zu verraten, und machte es auch für diejenigen spannend, die den Roman bereits kannten. Im Anschluss hatten die Besucher noch Gelegenheit, eigene Fragen zu stellen.

    Besonders schön war, dass sich das Publikum nach dem offiziellen Teil nicht sofort auflöste, sondern viele noch zusammenblieben und über den Abend ins Gespräch kamen. Insgesamt war es eine sehr gelungene Veranstaltung, und ich kann „Kekeli“ nur sehr empfehlen. Wenn ihr die Gelegenheit habt, eine Lesung zubesuchen, lohnt sich das auf jeden Fall.

    Hier geht es zum Buch

    und hier zu meiner Rezension: 

    Mittwoch, 1. Juli 2026

    Der Totengräber und der Orden des Teufels: Ein neuer Fall für Leopold von Herzfeldt von Oliver Pötsch| Grabschändung und ein bestialischer Mord zwingen den Totengräber zu ermitteln (Die Totengräber-Serie, Band 5)


     Der Totengräber und der Orden des Teufels ist für mich wieder so ein Band gewesen, bei dem ich nach wenigen Seiten merkte, wie sehr ich diese Figuren inzwischen ins Herz geschlossen habe. Es fühlt sich fast an wie ein Wiedersehen mit guten Bekannten, mit Leopold von Herzfeldt, Julia Wolf, Augustin Rothmayer und Anna, deren Weg ich nun schon so lange begleiten durfte.

    Oliver Pötzsch gelingt auch diesmal wieder dieser besondere Mix aus düsterem Kriminalfall, historischer Atmosphäre und menschlicher Nähe, der die Reihe für mich so lesenswert macht. Wien im Jahr 1896 wirkt lebendig und zugleich bedrückend, voller gesellschaftlicher Zwänge, Vorurteile und dunkler Abgründe. Gerade diese Verbindung aus Spannung und Zeitkolorit macht den Roman so interessant.

    Besonders eindrücklich fand ich die Szenen rund um Leopolds Familie. Die Begegnung mit seinem Bruder und seiner Schwägerin zeigt mit aller Deutlichkeit, wie sehr Standesdenken und Abwertung das Leben der Menschen damals geprägt haben. Dass Julia dort auf eine so verletzende und respektlose Art behandelt wird,  macht  unmissverständlich klar, in welcher Welt sich Leopold und Julia bewegen. Es sind genau solche Momente, die dem Roman Tiefe geben und weit über den eigentlichen Kriminalfall hinausgehen.

    Auch Leopolds Situation selbst ist nicht einfach. Das Testament seines Vaters setzt ihn unter Druck, während ihn gleichzeitig sein Vorgesetzter zurück nach Wien beordert. Dass ausgerechnet jetzt ein besonders grausamer Mord seine volle Aufmerksamkeit fordert, passt natürlich perfekt in die Dramaturgie des Romans. Der Fall ist düster, brutal und von einer Atmosphäre durchzogen, die von Beginn an gespannt hält. Eine junge Frau wurde grausam ermordet und verstümmelt im Haus derer von Tattens aufgefunden, als Tatverdächtiger wird Ferdinand von Tatten verhaftet und in ein Privatsenatorium eingeliefert. Und die antisemitische Presse nutzt die Tat um Stimmung gegen Juden zu machen. Sie schreibt:

    Der Teufel auf der Wieden! Ein Menschenopfer für Luzifer! Stecken die Juden dahinter?

    Was mir an dieser Reihe so gut gefällt, ist das Gefühl von Vertrautheit, ohne dass es jemals langweilig würde. Die Figuren sind mir längst ans Herz gewachsen, und doch bringt jeder neue Band neue Konflikte, neue Rätsel und neue emotionale Momente mit sich. Auch Anna als Adoptivtochter von Rothmayer ist inzwischen eine Figur, deren Entwicklung ich mit großem Interesse verfolge. Genau das macht die Reihe für mich so besonders.

    Der Totengräber und der Orden des Teufels ist ein Roman, der historische Krimiatmosphäre, Spannung und Figurenbindung sehr gekonnt verbindet. Für alle, die die Vorgängerbände mochten, ist das hier ein stimmiger, fesselnder und emotionaler weiterer Teil der Reihe. Für mich war es wieder ein echtes Heimkommen, allerdings eines mit düsteren Schatten und einem Fall, der unter die Haut geht.


    • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Paperback
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 25. Juni 2026
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 544 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 386493267X
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3864932670



    Montag, 29. Juni 2026

    Madame Lazare von Tadhg Mac Dhonnagáin (Autor), Elvira Veselinović (Übersetzerin)


     Seit sie denken kann, ist Levana stolz auf ihre jüdische Herkunft, die Generationen jüdischer Frauen, von denen sie abstammt, auf ihre Großmutter, Hana Lazare, die als Einzige in ihrer Familie die Shoah überlebt hat – und es nie geschafft hat, dar­über zu sprechen. Bis Hana, die zunehmend den Bezug zum Hier und Jetzt verliert, plötzlich anfängt, Wörter in einer Sprache zu murmeln, die Levana vollkommen fremd ist. Als sie beginnt, die Bruchstücke zusammenzufügen, die aus Madame Lazares Erinnerung emporgespült werden, löst sich vor ihren Augen alles, was sie über das Leben ihrer Großmutter weiß, in Nichts auf. Die Spur führt sie von Paris und Brüssel bis ans Ende der Welt, eine kleine Insel vor der irischen Atlantikküste, zu einem jungen Mädchen, das sich nicht mehr vom Leben wünscht, als alt werden zu dürfen auf dieser Insel, wo der Wind ihr das Haar zerzaust, beim Klang der Wellen und dem Geruch von Seetang, beim Geschichtenerzählen am Torffeuer – bis etwas ihr Leben für immer ändert.


    Mit einem Prolog, der sofort Fragen aufwirft, gelingt dem Roman ein starker Einstieg: 1944 rudern eine Frau und ein Mann in die Galway Bay hinaus, um eine Leiche im Meer zu versenken. Genau dieser Auftakt sorgt dafür, dass ich direkt wissen wollte, wie es zu dieser Situation gekommen ist und was die Geschichte noch bereithält.


    Doch zunächst führt uns der Autor ins Jahr 2015. Levana erhält einen Anruf, der sie nach Paris zu ihrer Großmutter Hana Lazare ruft. Hana, bei der Levana nach dem Tod ihrer Mutter aufgewachsen ist, stammt aus Estland und hat als einziges Mitglied ihrer Familie die Shoah überlebt. Levanas Mutter Brigitte hatte ihren Eltern Hana und Samuel das Versprechen abgenommen, Levana im jüdischen Glauben aufwachsen zu lassen. Für Hana wird das zunehmend schwerer, sodass sie Samuel die religiöse Erziehung des Kindes überlässt. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht. Es ist, als hätte es diese nie gegeben.

    Ein weiterer Erzählstrang führt die Leser:innen auf eine kleine irische Insel.

    Muraed liebt die Geschichten und Gedichte, die ihr Vater und seine Freunde am Torffeuer erzählen. Ein Völkerkundler sammelt diese Erzählungen, indem er Schulen im ganzen Land besucht und die Kinder auffordert, sie aufzuschreiben, damit sie nicht verloren gehen. Auch Muraed gehört zu diesen Kindern und schreibt mit großer Begeisterung auf, was ihr erzählt wird. Weil es dabei nicht nur um religiöse Geschichten geht, gerät sie mit dem Schulmeister in Konflikt, der keine „Lügenmärchen über Jesus“ lesen will und sie dafür bestraft. Umso wichtiger ist für Muraed die Unterstützung des Pfarrers, der darauf besteht, dass sie die Anerkennung bekommt, die ihr zusteht. Das stärkt sie in ihrem Glauben, das die Gebete die sie an die Jungfrau Maria richtet erhört werden.


    Tadhg Mac Dhonnagáin erzählt die Handlung abwechselnd aus Hanas und Muraeds Leben. Verbindendes Element ist Levana, die von ihrer zunehmend dementen Großmutter immer wieder Worte in einer ihr unbekannten Sprache hört. Neugierig sammelt sie diese Sprachfragmente und schickt sie an eine Dolmetscherin für Estnisch. Doch auch dort bleibt die Suche zunächst erfolglos. Erst später zeigt sich, dass Hana Irisch spricht. Mir war die Verbindung zwischen Hana und Muraed relativ schnell klar, ebenso wie das Schweigen, das Hana über ihre Vergangenheit bewahrte. Sie konnte nichts über eine offizielle Version ihres Lebens erzählen, weil es diese schlicht nie gab. Erst als Levana Hanas Geheimnis enthüllt, gelingt es ihr, sich mit dem Verhalten ihrer Großmutter etwas zu versöhnen. Nicht alles wird dabei vollständig aufgeklärt, doch gerade das macht einen Teil der Wirkung dieser Geschichte aus. Im Kern erzählt der Roman von der Suche nach Identität, von Sprache als Verbindung zur Vergangenheit und von dem Gewicht, das ungelöste Geheimnisse mit sich bringen. Gerade Hanas Schweigen zeigt eindrucksvoll, wie belastend eine Vergangenheit sein kann, die auf einer Lebenslüge beruht.

    Ich mochte es sehr, dass der Roman am Ende nicht alle Fragen beantwortet. Zwar sind wir Leser Levana in mancher Hinsicht voraus und erfahren mehr über Hanas Schicksal als sie selbst. Dennoch bleiben einige Details im Dunkeln. So wird Hanas Wunsch, ihre Vergangenheit nicht vollständig preiszugeben, zumindest teilweise respektiert. Dieser Verzicht auf eine vollständige Auflösung wirkt auf mich konsequent und macht den Schluss umso eindrucksvoller.

    Das Glossar am Ende des Buchs erweist sich übrigens als sehr hilfreich. 



    • Herausgeber ‏ : ‎ Alfred Kröner Verlag
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 23. März 2026
    • Auflage ‏ : ‎ 1.
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 300 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3520630052
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3520630056
    • Originaltitel ‏ : ‎ Madame Lazare

    Dienstag, 23. Juni 2026

    Summer of Mexican Mystery: Eine Romance zum Miträtseln mit Seiten zum Aufklappen von Nina Bilinszki


    Normalerweise greife ich weder  zu Liebesromanen noch zu Rätselbüchern. Umso überraschender war es für mich, dass mich Summer of Mexican Mystery am Ende doch ziemlich gut unterhalten hat. Ganz ehrlich: Ein Teil meiner Neugier war definitiv dem hübschen Cover und der liebevollen Innengestaltung geschuldet. 

    Aurora kehrt an einen Ort zurück, der für sie mit glücklichen Erinnerungen verbunden ist, um nach einer unerwarteten Trennung zur Ruhe zu kommen. Doch ausgerechnet dieser Rückzugsort birgt inzwischen ein dunkles Geheimnis. Als sie auf den verschlossenen, aber attraktiven Rafael trifft, dessen Freundin Valentina vor einem Jahr spurlos verschwunden ist, gerät sie immer tiefer in ein Netz aus Vermutungen, Rätseln und Ungewissheit. Dabei geht es nicht nur um die Frage, was damals wirklich passiert ist, sondern auch darum, ob Aurora ihrem Herzen und ihrer eigenen Wahrnehmung trauen kann.

    Gerade diese Verbindung aus romantischer Spannung und mysteriöser Handlung hat mir gefallen. Die Geschichte entwickelt sich nicht überstürzt, sondern eher vorsichtig und mit einer gewissen Zurückhaltung, was gut zur Atmosphäre passt.  Besonders schön ist, dass die Romanze nicht einfach nebenbei mitläuft, sondern eng mit dem Rätsel um Valentina verbunden ist und dadurch mehr Tiefe bekommt.

    Auch der Ort trug für mich viel zur Wirkung der Geschichte bei. Die mexikanische Kulisse, die sommerliche Stimmung und die besondere Gestaltung des Buches machen es zu einem echten Hingucker. Dazu kommt der spielerische Rätselcharakter, der die Geschichte von einer klassischen Liebesgeschichte abhebt und ihr etwas Eigenes verleiht. Gerade weil ich normalerweise nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehöre, war es für mich spannend zu sehen, wie gut diese Mischung funktionieren kann.

    Unterm Strich war Summer of Mexican Mystery für mich eine angenehme Überraschung. Das Buch lebt von seiner Atmosphäre, der hübschen Aufmachung und der gelungenen Verbindung aus Romance und Mystery. Wer Lust auf eine sommerliche Geschichte mit Herzklopfen, Geheimnissen und einem kleinen Miträtselfaktor hat, dürfte hier gut aufgehoben sein.



    • Herausgeber ‏ : ‎ Pattloch Geschenkbuch
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 29. Mai 2026
    • Auflage ‏ : ‎ 1.
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 184 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3629016103
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3629016102

    Der Club der Unbeugsamen von Kathrin Stockett (Übersetzerin Cornelia Holfelder-von der Tann )


    Oxford, Mississippi, 1933: Während die Wirtschaftskrise das Leben vieler Menschen erschüttert, kreuzen sich die Wege dreier sehr unterschiedlicher Frauen. Was sie verbindet, ist nicht nur ihre schwierige Lage, sondern auch der Mut, gemeinsam etwas zu verändern. Sie wagen sich an einen Plan, der riskant ist, aber vielleicht genau deshalb notwendig. Denn in einer Zeit, in der Frauen nur wenig Spielraum bleibt, kann schon ein kleiner Schritt Konsequenzen haben.

    Besonders ans Herz gewachsen ist mir die elfjährige Meg, die wir zu Beginn des Romans kennenlernen. Meg lebt seit zwei Jahren im Waisenhaus von Oxford. Das kleine Mädchen ist klug und pragmatisch, sie hat die Hoffnung, dass ihre Mutter, die vor zwei Jahren einfach verschwand, sie wieder abholt, noch nicht ganz aufgegeben. Das außerordentlich intelligente Mädchen wird von der Vorsitzenden des Waisenhauskomitees, Garnett Pittman, drangsaliert und von den anderen Kindern separiert.

    Frances hat nach ihrer Hochzeit mit dem wohlhabenden Rory den Kontakt zu ihrer Familie weitgehend abgebrochen. Sie antwortet nicht auf Briefe und ruft auch nicht zurück. Deshalb schicken ihre Mutter und Großmutter ihre Schwester Birdie zu ihr in die Stadt, um sie um Geld zu bitten, denn die Finanzkrise hat auch ihre Familie getroffen.

    Birdie erkennt recht schnell, dass im Leben der Reichen oft mehr Schein als Sein ist. Frances engagiert sich als Freiwillige im Waisenhaus, und Birdie erklärt sich bereit, sich um die Buchhaltung des Waisenhauses zu kümmern. Sie schließt die kleine Meg in ihr Herz und beschließt, ihr zu helfen – entgegen der Weisung von Miss Garnett, der Vorsitzenden des Waisenhauskomitees.

    Miss Garnett ist dabei das genaue Gegenteil all dieser starken Frauen. Sie gibt sich moralisch überlegen, wirkt aber von Anfang an kalt, herrisch und bösartig. Ich habe mich schnell gefragt, ob Meg wirklich aus heiterem Himmel von ihrer Mutter verlassen wurde, denn so, wie Meg an ihre Mutter dachte, passte das für mich überhaupt nicht zu einer Frau, die ihr Kind einfach aufgegeben haben soll. Mehr möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.

    Kathryn Stockett erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Meg und Birdie. Die unterschiedliche Sicht auf die Dinge macht die Geschichte sehr abwechslungsreich. Mit „Der Club der Unbeugsamen“ ist der Autorin ein wunderbarer Roman gelungen, der ein sehr lebendiges und glaubwürdiges Bild dieser Zeit zeichnet. Besonders gefallen hat mir, dass sie trotz der ernsten Themen wie Wirtschaftskrise, Rassismus und den bedrückenden Zuständen im Waisenhaus einen leichten, gut lesbaren Ton findet. Genau das macht das Buch trotz seines großen Umfangs zu einem echten Pageturner.

    Unbedingt lesenswert ist auch das Nachwort, in dem die Autorin auf ihre Recherchen eingeht und den historischen Hintergrund noch einmal deutlich macht. Vor allem der Verweis auf die damaligen Sterilisationsgesetze ist erschütternd dort wird auch klar, dass sich das Nazi-Regime bei seinen eigenen Gesetzen an solchen amerikanischen Regelungen orientierte. wie tief menschenverachtende Ideen bereits lange vor dem Nationalsozialismus verankert waren.

     

    • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag
    • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 27. Mai 2026
    • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
    • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 848 Seiten
    • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442763355
    • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442763351
    • Originaltitel ‏ : ‎ The Calamity Club