Donnerstag, 11. Juni 2026

Zu Gast im Buecherhaus Marko Richter-Höfer

Hallo Marko, ich freue mich dich im Buecherhaus begrüßen zu dürfen, Kaffee, Tee, Kekse und Wasser stehen, leider nur virtuell, bereit. Bedien dich also gern ungeniert.

Heute erscheint ganz offiziell deine Novelle "Der Rückzug" Ersteinmal herzlichen Glückwunsch dazu.

Wie hast du die Idee zu „Der Rückzug" entwickelt, und was war der erste Auslöser, der dich dazu gebracht hat, genau diese Geschichte zu schreiben?



Vielen Dank, Manuela! Auch für die Einladung zu diesem Interview. Einen leckeren Kaffee habe ich neben mir stehen.

Seit einem Jahr pendle ich hauptberuflich an zwei Tagen in der Woche zwischen Lüneburg und Lüchow bzw. Dannenberg. Dabei fahre ich durch die schöne, dünn besiedelte Landschaft des Wendlands und habe viel Zeit, um mit weitem Blick über die Felder, vorbei an kleinen Dörfern, Ideen zu entwickeln und gedanklich auszuarbeiten. Dazu haben die Begegnungen mit den Menschen vor Ort zu der Idee beigetragen. Nicht alles an dem Flächenlandkreis Lüchow-Dannenberg ist für jeden dort positiv, die mangelhafte Infrastruktur z.B., speziell die Versorgung psychisch kranker Menschen. Aber ein „Rückzug“ ist hier definitiv möglich.

Irgendwann hat es einfach Klick gemacht.


Welche Art von Recherche hast du für „Der Rückzug" durchgeführt? Hast du dich mit Burnout-Themen, psychologischen Aspekten oder dem Wendland selbst beschäftigt, und wie lange hat diese Vorbereitung gedauert?


Durch meine Arbeit in einer Beratungsstelle für Menschen mit Beeinträchtigungen habe ich oft Berührungspunkte mit psychischen Krankheitsaspekten. Und schon im Studium hatte ich Psychologie als Nebenfach, und später habe ich in dem Bereich eine Weiterbildung absolviert.

Zudem hatte ich auch persönlich schon Berührungspunkte.

Wenn du so willst, läuft die Vorbereitung auf solche literarischen Themen also schon viele Jahre lang.

Dem Wendland habe ich mich dann noch zusätzlich über Internetrecherche genähert, (historische) Fakten ermittelt usw. Und den Ort Clenze habe ich mir angeschaut, bin dort mit dem Auto herumgefahren, habe Fotos gemacht, um ein besseres Gefühl für ihn zu bekommen. Dass es dort tatsächlich Storchennester gibt und früher eine riesige Funkstation in dem Gebiet aufgestellt war, habe ich nur so erfahren. Beides habe ich in die Geschichte eingebaut.


Du schreibst sowohl Kinderliteratur (wie „Ida und Soraya") als auch Werke für Erwachsene wie „Der Rückzug" oder eine Zombiegeschichte in Lauf oder Stirb (Friedland) Wie unterscheiden sich dein Schreibprozess und deine Herangehensweise zwischen diesen völlig unterschiedlichen Zielgruppen?


„Ida und Soraya“ war mein Debüt, an dem ich lange gearbeitet und gefeilt habe. Neben verschiedenen Schreibkursen hat die wunderbare Lektorin und Herausgeberin Carolin Gmyrek, die ich seither bei jedem Projekt zu Rate ziehe, den größten Anteil daran, dass ich mittlerweile in verschiedenen Genres und für verschiedene Zielgruppen schreibe. Weil ihr mein Schreiben gefallen hat, lud sie mich beispielsweise zur Zombie Zone Germany ein.

Ich liebe alle Bereiche, und der Schreibprozess ähnelt sich tatsächlich. Bei der „Rückzug“ musste ich mehr auf (psychologischen) Realismus und Geografie achten, während das Worldbuilding bei Kinder-Fantasy-Literatur ja eine große Spielwiese ist. Vielleicht ist die Zombie-Literatur für mich eine Art Mischung. Die phantastischen Vorgaben sind da, ich achte auf psychologische Dichte und Realismus bei den Figuren, aber ich kann mich inhaltlich richtig austoben.




Wie recherchiert du allgemein für die unterschiedlichen Genres, in denen du schreibst? Gibt es Methoden oder Quellen, die du für Kinderbücher anders nutzt gegenüber Erwachsenenliteratur?

Die beste Recherche ist für mich immer das Lesen anderer Bücher. Meine Tochter ist jetzt Acht, da haben wir schon verschiedene Arten von Kinderliteratur gemeinsam gelesen. Da nehme ich viel mit. Das Gleiche gilt für das Erwachsenen-Genre. Stephen King sagte mal sinngemäß: „Wenn du nicht gerade schreibst, dann lies viel.“ Mir hilft das, bei Stil, Technik und Storytelling meinen eigenen Weg zu finden.

Die größte Quelle ist meine Fantasie. Und die ist riesig.



Was macht dir am meisten Spaß beim Schreiben – die fantasievolle Weltgestaltung in Kinderbüchern oder die tiefgründige, vielleicht düstere Erzählweise in Werken wie „Der Rückzug", und warum?


Im Kinderbuch habe ich es geliebt, meiner Fantasie völlig freien Lauf zu lassen und eine spannende, aber rundum schöne Geschichte zu erzählen. Es gibt auch Ideen für eine Fortsetzung und für ein weiteres Kinderbuch.
Ehrlich gesagt haben mich jedoch derzeit die psychologischen und eher düsteren Themen, manchmal mit einem Hauch Philosophie, fest im Griff. Mich interessieren, wie sich Menschen und ihr Umfeld in Ausnahmezuständen oder in veränderten Gesellschaften entwickeln. Aber alles im Rahmen der Phantastik. Es treibt mich an, über Themen zu schreiben, die mir im Kern nahe sind oder mit denen ich mich auskenne – und sie in ein phantastisches Setting zu schmeißen und somit wieder ein Stück weit weg von mir zu bringen.



Wie gehst du bei der Entwicklung der Charaktere vor? Insbesondere bei Steffen, dem Protagonisten aus "Der Rückzug"? Arbeitest du mit einem detaillierten Profil oder hat er sich erst während des Schreibens so entwickelt?

Am Anfang steht für mich immer die Frage: Was wäre, wenn? Und hier war es: Was wäre, wenn jemand, der die Welt und die Menschen satt hat, aber in einem familiären Gefüge steht, sich sehnlichst nach einem permanenten Rückzugsort sehnt, von dem er sich Entlastung und innere Ruhe erhofft? Und was, wenn die Erfüllung dieses Wunsches eine gefährliche Richtung einschlägt? Ich fand das Gedankenspiel faszinierend und dazu auch sehr aktuell. Und das phantastische Element der unsichtbaren Barriere passte auf vielen Ebenen sehr gut für meine Geschichte.

Steffen hatte ich bereits zu Beginn charakterlich stark umrissen, und seine innere Reise war für mich fest. Aber ich mag es sehr, erst im Schreibprozess die Charaktere umfänglich mit Farbe und Form zu füllen.



Du warst 30 Jahre als Singer-Songwriter aktiv, wenn ich das richtig recherchiert habe. Wie hat diese musikalische Vergangenheit dein Schreiben beeinflusst, und überträgst du Elemente aus der Songwriting-Praxis (wie Struktur, Rhythmus, emotionale Spitzen) auch in deine Novellen?


In der Musik hat man etwa drei Minuten Zeit (heutzutage wegen der schwindenden Aufmerksamkeitspanne eher noch weniger), eine Geschichte zu erzählen, ein Bild von einer Situation oder einem Gefühl zu malen.

Mein Schreibstil ist dadurch nicht in der Knappheit, aber auf andere Art geprägt:

Ich habe nie ein Lied am Reißbrett entworfen - etwa.: Heute schreibe ich über Menschen in Not. Es war stets stimmungsgetrieben, manchmal von der Melodie und vom Takt bestimmt, aber immer ergebnisoffen.

So zähle ich mich heute auf dem Spektrum von Plotter und Pantser auch eher zu Letzterem. Ich strukturiere schon mehr deutlich mehr als am Anfang und, wie gesagt, arbeite ich auch Charaktere bis zu einem gewissen Grad gewissenhaft vorher aus. Aber dann schreibe ich viel „auf dem Weg“. Ich schaue, wo die Geschichte mich hinträgt und korrigiere zügig, wenn etwas nicht passt. Dabei gehe ich Szenen sehr bildhaft, rhythmisch und filmisch an. Das habe ich vom Songschreiben übernommen - mit möglichst tragfähigen Bildern zu arbeiten, die sich beim Hörer/Leser schnell formen können und Emotionen wecken. Mein Ziel war und ist es, auf die eine oder andere Art zu berühren.



Welche Reaktionen auf "Der Rückzug" wünscht du dir von deinen Lesern, meiner Meinung nach ist die Novelle ja weit mehr als eine "Misterystorie"


Wenn ich es mir ausmalen dürfte, würde ich sagen: „Das Buch hat mich sehr gut unterhalten und bewegt.“ Und wenn zwischendurch der Gedanke auftaucht: „Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst. Du könntest es bekommen“.


Wenn du nicht schreibst, wie verbringst du deine Zeit


Da bleibt neben der Arbeit manchmal gar nicht viel, außer für meine Familie und den Hund natürlich. 😊 Aber auch die Familie zeigt viel Verständnis für intensive Schreib- und Überarbeitungsphasen. Ansonsten genieße ich ein gutes Buch, Hörbuch oder auch einen Film.


Gibt es das eine Buch, nachdem du wusstest "Ich muss auch schreiben".

Nein, DAS eine Buch nicht. Aber es gibt „Stephen King 😊. 
👍

Nach dem Buch ist vor dem Buch. Was dürfen wir als nächstes von dir lesen, kannst du schon etwas verraten?


Mit der bereits erwähnten Carolin Gmyrek als Herausgeberin darf ich für den Amrun-Verlag im Oktober eine weitere Novelle in Form eines Heftromans veröffentlichen. Es ist also ein fantastisches Schreibjahr für mich.

Diese Geschichte spielt wieder in der Welt der Zombie Zone Germany. Daran habe ich seit 2024 gearbeitet. Ich freue mich riesig darauf!

Zudem habe ich bei einigen Ausschreibungen Kurzgeschichten ins Rennen geschickt. Aber da dort erfahrungsgemäß viele tolle Geschichten eingehen, nehme ich es sportlich und so wie es kommt.

Vielen Dank, für deinen Besuch im Buecherhaus und für deine geduldige Beantwortung meiner Fragen, ih freue mich auf die ZZG Novelle, da gilt für mich das Gleiche wie für Stephen King: Ihr schreibt, ich lese. 

Neugierig geworden auf "Der Rückzug"? Hier ist der Link zu meiner Rezension


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