Sonntag, 21. Dezember 2025

Zurück unter Mördern von Michael Jensen


Vor dem Krieg hat Henry Mahler begonnen, Jura zu studieren. Nach dem Krieg gelingt es ihm nicht, wieder Fuß zu fassen. Er lebt von einer Gelegenheitsarbeit zur nächsten und haust eher, als dass er wohnt, in einer kleinen Wohnung, die er sich mit einem Kriegsversehrten teilt. Im Sommer ist es heiß, im Winter kalt – und doch hat er Glück gehabt: Er muss sich den Wohnraum nicht mit noch mehr Menschen teilen und ist körperlich unversehrt aus dem Krieg zurückgekehrt. Dennoch leidet er unter den Folgen der Naziherrschaft. Seine Frau Ellen gilt seit kurz vor Kriegsende als vermisst. Als Jüdin ist ihr Schicksal mehr als ungewiss, doch Henry gibt die Hoffnung, sie zu finden, nicht auf.

Als der Rechtsanwalt Dr. Arno Kornbach, ein Freund seines Vaters, ihn kontaktiert und ihm einen Job als Privatermittler anbietet, beginnt für Henry eine völlig neue berufliche Laufbahn. Sein erster Auftrag: Er soll herausfinden, was wirklich mit dem Vater von Oswald Lassally geschehen ist. Laut Darstellung der Nazis soll er Selbstmord begangen haben, doch Oswald zweifelt daran – niemals hätte Eduard Lassally sich selbst getötet. Oswald kehrt nach Hamburg zurück, um die Wahrheit zu erfahren.

Bücher, die sich mit der Nazizeit und der Nachkriegszeit beschäftigen, sind heutzutage wichtiger denn je. Sie lassen ihre Leserinnen und Leser hoffentlich erkennen, dass sich so etwas niemals wiederholen darf und dass jeder, der sich Mensch nennt, alles in seiner Macht Stehende tun muss, um das zu verhindern.

Michael Jensen gelingt mit diesem Buch ein eindringliches Werk, das in Rückblenden die Nazizeit beleuchtet. Oswald Lassally wird dabei direkt mit dem Judenhass konfrontiert, als die Nazis 1931 einen Anschlag auf ihn für ihre Propaganda missbrauchen und das Urteil gegen den Täter erstaunlich mild ausfällt – ein klares Zeichen dafür, dass selbst Richter ihre Neutralität längst verloren hatten.

Doch auch nach dem Krieg lebt die braune Gesinnung in vielen Köpfen weiter. Als ein Beamter auf der Meldebehörde abfällige Bemerkungen über Henrys Frau macht, wird deutlich, wie allgegenwärtig der Antisemitismus weiterhin ist.

Das Buch ist keine leichte Lektüre. Die Beschreibungen schaffen eine bedrückende Atmosphäre – nicht nur durch die Zerstörung der Städte und die allgegenwärtige Not, sondern vor allem durch die Weigerung vieler Menschen, das begangene Unrecht anzuerkennen. Besonders erschütternd ist die Erkenntnis, dass auch nach Kriegsende ehemalige Nazis in Legislative, Exekutive und Judikative weiterhin Posten besetzen.

Die Handlung ist außerordentlich spannend, der Weg, den Mahler und Lassally beschreiten, gefährlich. Besonders gelungen ist die Verbindung von Fakten und Fiktion. Vieles von dem, was Jensen beschreibt, ist historisch belegt. Oswald Lassally hat wirklich gelebt und sein Schicksal ist historisch belegt.

 

Achtung, Spoiler:

Es gibt kein Happy End, das Erleichterung verschafft. Die Täter werden nicht zur Rechenschaft gezogen, Henry wird Ellen nie wieder umarmen. Für Oswald bleibt lediglich die Hoffnung auf finanzielle Entschädigung und das Wissen um das Schicksal seines Vaters. Henry gelingt es, sich ein Stück weit von der Vergangenheit zu lösen und vielleicht einen Schritt in die Zukunft zu wagen. Und für uns Leserinnen und Leser bleibt der Gedanke: Nie wieder


  • Herausgeber ‏ : ‎ Aufbau Taschenbuch
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 8. Dezember 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 430 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3746639220
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3746639222

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