Kurzgeschichten sind eine meiner großen Leidenschaften. Die Gründe dafür sind vielfältig: Ich schätze ihre Kürze, den klaren Fokus auf einen besonderen Moment und die Kunst, mit wenigen Worten viel zu sagen. Oft taucht man direkt ins Geschehen ein, ohne lange Einleitung, und bleibt am Ende mit Gedanken zurück, die nachhallen. Es fasziniert mich, wie wenige Figuren und einfache Sprache ausreichen können, um große Wirkung zu entfalten.
Gerrit Wustmanns Sammlung Sterben in deinem Geweih hat mich allein schon durch ihren skurrilen Titel neugierig gemacht, dieser bereitete mich auf Geschichten vor, die sperrig, manchmal schwer greifbar, aber gerade deshalb interessant sind. Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass hier keine leicht zugänglichen Erzählungen warten – sondern Texte, die fordern, irritieren und gerade dadurch faszinieren.
Ein Beispiel dafür ist die Eröffnungsgeschichte "Der magische Handstaubsauger". Miriam, die unter dem zwanghaften Putzfimmel ihres Mannes Gregor leidet, entdeckt durch ein scheinbar harmloses Haushaltsgerät einen Weg, der Realität zu entkommen. Während Gregor sogar im Gespräch mit Gästen nicht vom Saugen lassen kann, öffnet sich für Miriam zufällig ein Fluchtweg in eine andere Welt – mit nicht ganz absehbaren Folgen für beide.
Immer wieder begegnen Leser*innen Figuren, die in unterschiedlichen Texten wieder auftauchen – etwa Felix Kleindorf, der einmal als Mordopfer in "Falschere Fährten. Drexlers zweiter Fall" im Zentrum steht. Ein brutaler Mord, und keine Hinweise auf den Täter – Wustmann liefert hier einen klassisch aufgebauten Krimi, der bis zuletzt spannend bleibt und ganz nebenbei Einblicke in das Verlagswesen und den Stellenwert von Lyrik in der heutigen Literaturszene vermittelt.
Dass Wustmann auch über Literatur selbst nachdenkt und sie zum Thema macht, zeigt sich besonders deutlich in "Kleindorfs Klassiker.Die Feldlerche". Schon der erste Satz – „Es gibt Bücher, die den Ruf haben, das Leben ihrer Leser verändern zu können...“ – wirkt wie ein Augenzwinkern in Richtung des Literaturbetriebs. Die Geschichte erinnert daran, wie viele von uns sich schon in der Schule mit Texten quälen mussten, deren Bedeutung nicht einmal die Lehrkräfte überzeugend erklären konnten. Wustmann trifft damit einen Nerv – ironisch, aber nicht zynisch.
"In Festakt in Scharlachrot" begegnen wir einem Autor, der einen Kunstpreis erhält. Er ist sich nicht sicher, ob es für seine fast ungelesenen Gedichte oder für seinen unheimlichen Roman ist, in den die Jury etwas hineininterpretiert hat. Auch hier zeigt sich Wustmanns kritischer Blick auf die Welt der Literatur und die manchmal undurchsichtigen Entscheidungen in ihr.
Insgesamt ist Sterben in deinem Geweih eine vielschichtige Sammlung, in der sich Alltagsbeobachtungen, skurrile Wendungen und gesellschaftliche Seitenhiebe miteinander verbinden. Die Texte fordern Aufmerksamkeit, sind aber keineswegs unzugänglich. Gerade durch ihre Offenheit und das Spiel mit Erwartungen entfalten sie ihre Wirkung – mal leise, mal pointiert, oft mit einem doppelten Boden.
- Herausgeber : Sujet (27. März 2025)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 326 Seiten
- ISBN-10 : 3962021477
- ISBN-13 : 978-3962021474

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