Ein hoffnungsvoller Blick in die Zukunft
Mit diesem Satz ist der Klappentext von Planta Nubo überschrieben – und treffender lässt sich der Ton der Anthologie kaum fassen. Die 20 versammelten Geschichten entwerfen Zukunftsbilder, in denen das Überleben der Menschheit nicht durch die Beherrschung der Natur gelingt, sondern durch ein Leben im Einklang mit ihr.
Die Welt von Overgrown
Die Erde steht kurz vor dem ökologischen Kollaps, als eine neue Lebensform auftaucht: die Arboren – gigantische Bäume, deren weitverzweigte Kronen unvergifteten Lebensraum bieten. Die Menschheit zieht sich in diese Baumstädte zurück und beginnt dort einen neuen Abschnitt – technologisch fortschrittlich, aber im Einklang mit den natürlichen Prozessen.
Die Herausgeber Sven Nieder und Andi Bottlinger haben für dieses Projekt 20 Autor:innen aus verschiedenen Bereichen der Phantastik versammelt, die gemeinsam eine facettenreiche Solarpunk-Anthologie gestaltet haben. Das Genre – für mich noch recht neu – verbindet ökologische Nachhaltigkeit, technologische Visionen und gesellschaftliche Utopien zu einem positiven Zukunftsentwurf.
Solarpunk: Vision statt Verzweiflung
Solarpunk grenzt sich bewusst von dystopischen Szenarien ab. Statt apokalyptischer Verwüstung oder autoritärer Regime stehen regenerative Energien, dezentrale Gemeinschaften und ein optimistischer Blick nach vorn im Mittelpunkt. Es geht nicht darum, Probleme zu verdrängen, sondern darum, sich vorzustellen, dass wir sie lösen – gemeinsam, kreativ, nachhaltig.
Was die Sammlung besonders macht: Jede Stimme bleibt unverkennbar. Manche Texte stammen von mir bekannten Autor:innen, deren Stil ich schnell wiedererkannt habe. Andere waren Neuentdeckungen, die mich mit originellen Ideen und ungewöhnlichen Erzählformen überrascht haben. Was alle Beiträge eint, ist ein Grundton des Vertrauens – in die Gemeinschaft, in die Kraft der Natur und in unsere Fähigkeit, eine bessere Zukunft zu gestalten.
In der Welt von Overgrown darf jeder Mensch so leben, wie er möchte – solange dies nicht auf Kosten anderer geschieht. Dieser Gedanke zieht sich als Fundament durch viele der Geschichten, die trotz aller geschilderten Herausforderungen nie in Dystopie abgleiten. Stattdessen bieten sie sogenannte „Hopepunk“-Erzählungen: Geschichten, die Mut machen, ohne naiv zu sein.
Beispielhafte Erzählungen
In Hochnase und Betongeist von Bernd Perplies geht es um Vorurteile und Vertrauen. Die Geschichte zeigt, wie sich Ängste gegenüber dem Unbekannten überwinden lassen und wie bedeutend gegenseitiges Verständnis in einer vielfältigen Gesellschaft ist – eine nachdenkliche, kluge Ergänzung zur Sammlung.
In Pilgern zurück von Anja Bagus erleben wir eine Gemeinschaft, in der es den Menschen freisteht, ihren eigenen Lebensweg zu wählen – ohne Druck, ohne das Gefühl, Erwartungen erfüllen zu müssen. Eine stille, aber kraftvolle Utopie individueller Freiheit.
Diese beiden Beispiele stehen stellvertretend für viele Themen, die in der Anthologie behandelt werden. Alle zwanzig Beiträge zu besprechen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen – aber ich kann versichern: Jede einzelne Geschichte ist lesenswert.
"Fliegbert" von Christian Humberg, brachte mich zum Lächeln, und auch jetzt, wo ich sie nochmal Revue passieren lasse, zaubert sie mir ein Lächeln ins Gesicht. Es geht um eine Gruppe kleiner Kinder, die ihr Zuhause verlassen, um ein Abenteuer zu erleben. Dabei stoßen sie auf einen „Fliegbert“ – so heißt jemand, der in ihrer Fantasie Drachen jagt. Und einen Drachen, da sind sie sich ganz sicher, haben sie gehört. Die Erzählung zeigt mit viel Wärme und Feingefühl, wie bedeutsam es ist, Kinder ernst zu nehmen – ihre Fragen, ihre Vorstellungen, ihre Bedürfnisse. In dieser Utopie wird ihnen mit Respekt begegnet – und das berührt tief.
Planta Nubo ist eine Anthologie, die nicht nur unterhält, sondern Denkanstöße gibt. Die Geschichten zeigen, wie Zukunft auch gedacht werden kann: als gemeinsamer Weg in eine lebenswerte Welt, geprägt von Verantwortung, Solidarität und Vorstellungskraft. Wer genug hat von düsteren Endzeitszenarien und sich stattdessen für positive Zukunftsentwürfe interessiert, findet in Overgrown eine inspirierende, gut erzählte Alternative. Eine empfehlenswerte Lektüre – nicht nur für Genre-Fans, sondern für alle, die sich fragen, wie wir morgen leben könnten.
- Herausgeber : Calderan; 1. Edition (5. Oktober 2023)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 384 Seiten
- ISBN-10 : 3986000135
- ISBN-13 : 978-3986000134

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