Mittwoch, 28. Oktober 2026

Rezension: Das Lächeln der Kinder von Julia Kröhn

Werbung-Rezensionsexemplar

Es gibt Dinge, die im Grauen eines Krieges fast verschwinden, Unrecht, das unglaublich groß ist und doch kaum Beachtung findet. Der systematische Raub von Kindern gehört für mich dazu.
Die Nationalsozialisten verschleppten Kinder aus den besetzten Gebieten, besonders wenn sie mit blondem Haar und blauen Augen ihrem Ideal entsprachen. Ihnen wurden ihre Familien, ihre Sprache, ihre Herkunft und  ihre Identität genommen, um sie zu „germanisieren“. Dass auch heute im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine Kinder verschleppt werden, zeigt erschreckend, wie aktuell dieses Unrecht geblieben ist. Wieder entscheiden Erwachsene über das Leben von Kindern, die sich dagegen nicht wehren können.
Genau diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart greift Julia Kröhn in ihrem Roman „Das Lächeln der Kinder“ auf. Sie erzählt zwei Geschichten, die Jahrzehnte auseinanderliegen und doch auf schmerzliche Weise miteinander verbunden sind.
Zwei Schicksale zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Im historischen Handlungsstrang begegnen wir Lori, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in einem von Anna Freud gegründeten Kriegskinderheim um traumatisierte Kinder kümmert. Sie erfährt dabei auch vom Schicksal jener Kinder, die von den Nationalsozialisten ihren Familien entrissen und verschleppt wurden. Mir stellte sich automatisch die Frage, was geschieht, wenn ein Kind zwischen seiner leiblichen Mutter und der Frau steht, die es großgezogen hat, denn gewachsene Bindungen und Gefühle lassen sich nicht einfach auslöschen.
Wie sehr solche Verletzungen über Generationen hinweg nachwirken können, zeigt der zweite Handlungsstrang, der uns in die Gegenwart nach Polen führt. Dort betreut Dr. Milena Kowalska ukrainische Kinder, die sich in einer ruhigen und sicheren Atmosphäre von den Traumata des Krieges etwas erholen sollen. Besonders der verschlossene Nikolay berührt sie. Der Junge wurde von den Russen entführt, seine Erlebnisse und die der anderen Kinder sind kaum in Worte zu fassen. Milena hofft, dass der Umgang mit Tieren den Kindern helfen kann, und sucht Ryta auf, die einen Gnadenhof betreibt. Mit dieser Begegnung zeichnet sich eine Verbindung zur Vergangenheit ab.
So führt Julia Kröhn beide Zeitebenen zusammen und lenkt den Blick auf diejenigen, die in den großen Erzählungen über Krieg und Geschichte leicht übersehen werden: die Kinder. Sie tragen keine Schuld, haben kaum eine Möglichkeit, sich zu wehren, und müssen doch oft ein Leben lang mit den Folgen dessen leben, was Erwachsene ihnen angetan haben.
Einblicke in die Arbeit von Anna Freud
Neben diesem Einblick in die Schicksale der Kinder hat mir besonders gefallen, dass ich durch den Roman mehr über Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, erfahren habe. Ihre Erkenntnisse über die kindliche Psyche und ihre Arbeit mit traumatisierten Kriegskindern haben mich erstaunt und berührt. Sie wusste, wie wichtig es ist, die Ängste und Bedürfnisse von Kindern ernst zu nehmen und ihre seelischen Verletzungen zu verstehen.
Für mich ist „Das Lächeln der Kinder“ deshalb mehr als ein Roman über ein dunkles Kapitel unserer Geschichte. Er macht deutlich, dass Unrecht nicht einfach verschwindet, nur weil Zeit vergeht. Er bleibt in Erinnerungen, im Schweigen und in Familiengeschichten spürbar, die über Generationen von Verlust geprägt sind.
Mein Fazit zu diesem wichtigen Buch
Der NS-Kinderraub und die Verschleppung ukrainischer Kinder macht auf deutlich, wie hilflos Kinder sind, wenn Ideologien und Machtansprüche über Menschlichkeit gestellt werden. Dabei geht es nicht darum, die Verbrechen miteinander zu vergleichen, sondern das gemeinsame Unrecht zu erkennen. 
Es ist keine leichte Lektüre, aber ich finde  Bücher wie dieses so wichtig. Sie machen auf ein Leid aufmerksam, das angesichts so vieler historischer Grausamkeiten leicht übersehen wird.Gleichzeitig musste ich an die unzähligen Kinder weltweit denken, die unter Krieg, Verfolgung und Vertreibung leiden.  Auch sie dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Gmeiner-Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 9. September 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1. Auflage 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3839281458
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3839281451



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