Dienstag, 4. März 2025

Tabakpech von Eva-Martina Weyer

"Tabakpech" erzählt als große Familiengeschichte die Jahre 1930 bis 1995 im unteren Odertal, wo die Grenzen von Preußen und Pommern, von Hochdeutsch und Platt verwischen. Das Schicksal der Menschen ist von Tabak und Tradition geprägt. Das Tabakpech, der Saft, der beim Ernten aus der Pflanze tritt, klebt schwarz an den Händen der Bauern. Im Tabak ist der Traum der Bäuerin Elfie zugrunde gegangen, Sängerin in Berlin zu werden. Sie hat sich für die Pflicht entschieden und ist nie aus dem Tabakland herausgekommen. Elfie hasst den Tabak und meint, durch ihn habe sie die Chance ihres Lebens verpasst. "Tabakpech" ist durchwoben von einem märchenhaft anmutenden Erzählton.


Als ich das erste Mal von dem Buch und der Geschichte, die es erzählt, hörte, fielen mir wieder die vielen Frauen ein, die in meiner Familie in der Zigarrenproduktion arbeiteten, sei es, dass sie zu Hause in Heimarbeit die Zigarren rollten oder in einer ortsansässigen Zigarrenfabrik. Der Tabak dafür kam immer aus weit entfernten Ländern.
Dass auch in Deutschland Tabak angebaut wurde, war mir vollkommen unbekannt. Tatsächlich brachten die Hugenotten den Tabakanbau ins Untere Odertal, wo er zu einem wichtigen Wirtschaftszweig der Region wurde. Meine Neugier war also geweckt.

1995 fährt Elfie zum Verkauf ihres Tabaks, voller Sorge, dass der Ankäufer ihre Ware als minderwertig einstuft. Während sie vor dem Gasthaus, wo der Ankäufer die Tabakbauern empfängt, wartet, lässt sie ihr Leben Revue passieren. Nach dem Tod ihrer Mutter wird 1933 sie als Fünfjährige in den Haushalt ihrer liebevollen Tante Wilmine aufgenommen. Dort wächst sie wie deren eigenen Kinder auf, mit denselben Rechten und Pflichten.

Der Tabak bestimmt das Leben der Bauernfamilien mit hugenottischen Wurzeln. Jede Wachstumsphase erfordert besondere Sorgfalt, und auf den Höfen wird jede helfende Hand gebraucht. Auch Kinder, die zur Schule gehen, müssen mit anpacken.
Mit dem Zweiten Weltkrieg brechen schwere Zeiten an. Viele Männer werden eingezogen, und nicht alle kehren zurück. Erst kommen die Einberufungsbefehle, dann oft Briefe mit Todesnachrichten oder Vermisstenmeldungen. Doch die Frauen halten zusammen und stemmen die harte Arbeit auf den Feldern. Träume zerplatzen – Elfies Wunsch, in Berlin als Sängerin aufzutreten, bleibt unerfüllt. Auch ihre Ziehschwester Grete muss den Traum, Lehrerin zu werden, aufgeben.

Eva-Martina Weyer hat mich mit ihrem Debüt beeindruckt. Ihr Erzählstil ist schnörkellos und zugleich einfühlsam. Sie beschreibt das Leben der Menschen im Odertal von 1930 bis 1995 – eine Zeit voller Umbrüche: der Zweite Weltkrieg, die Kollektivierung in der DDR, der Mauerfall und schließlich das Ende des Tabakanbaus in der Region. Anders als der Klappentext suggeriert, ist der Ton des Romans nicht märchenhaft, sondern lebendig und detailreich. Weyer zeichnet nicht nur das Porträt einer bemerkenswerten Frau, sondern auch das einer einzigartigen Landschaft und ihrer Bewohner.




Fazit: Eva-Martina Weyer überzeugt mit einem schnörkellosen, aber einfühlsamen Erzählstil, der die Menschen und ihre Zeit lebendig werden lässt. Besonders gelungen ist die Darstellung der Frauen, die trotz aller Widrigkeiten ihren Platz in der Gesellschaft behaupten. Ein lesenswerter Roman für alle, die sich für deutsche Geschichte und starke Lebensgeschichten interessieren.



Herausgeber ‏ : ‎ STROUX edition; 1. Edition (14. Oktober 2024)
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Gebundene Ausgabe ‏ : ‎ 280 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3948065381
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948065386

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