Lucy und ihr Mann Jake leben mit ihren Kindern in einer Kleinstadt. Während Jake täglich zur Arbeit an die Universität pendelt, arbeitet Lucy von zu Hause und kümmert sich um die beiden Söhne. Ihr Leben scheint perfekt, bis ein Anruf Lucys heile Welt ins Wanken bringt: Jake betrügt sie mit einer Kollegin. Trotz des Betrugs beschließen die beiden, zusammenzubleiben. Lucy darf sich dreimal an Jake rächen – jedoch nicht durch einen eigenen Seitensprung, sondern indem sie ihn auf andere Weise verletzen darf, sei es körperlich oder seelisch, ganz nach ihrer eigenen Wahl.
Megan Hunter nimmt ihre Leserinnen und Leser mit in den Kopf Lucys. Wir begleiten sie durch ihren Alltag, der sie zunehmend verzweifeln lässt. Lucy klammert sich an ein Lebensbild, das längst nicht mehr existiert – wenn es überhaupt jemals existiert hat. In alltäglichen Situationen erfahren wir vom gesellschaftlichen Druck, unter dem Lucy steht. Ein Beispiel dafür ist ihre alljährliche Weihnachtsparty, die sie trotz allem gibt. Dort erfährt Lucy, dass wohl alle bereits von der Affäre ihres Mannes wussten.
Von Anfang an erschien mir Lucy als jemand, der nur mühsam die Fassade aufrechterhalten konnte, die alle von ihr erwarteten. Je weiter die Geschichte fortschritt, desto schwieriger wurde es für sie, diese Fassade zu wahren. Im Laufe des Buches hatte ich immer mehr das Gefühl, dass die Affäre ihres Mannes nur der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen brachte, und dass ihre Probleme schon viel früher, vielleicht schon in ihrer Kindheit, begonnen hatten.
Ich musste lange über das Gelesene nachdenken und finde es immer noch schwierig, meine Gedanken und Gefühle dazu zu Papier zu bringen. Für mich war es, als wäre ich als Zuschauerin ganz nah am totalen Zusammenbruch Lucys, und doch blieb sie mir so fremd wie selten eine Protagonistin. Lucy ist schon lange unzufrieden mit ihrer Situation, erkennt dies jedoch selbst nicht. Da sich ihre Unzufriedenheit immer weiter aufbaut, wundert es nicht, dass sie am Ende mit ihrer Rache übers Ziel hinausschießt. Dieser Rachegedanke war für mich ein weiterer Punkt, den ich nicht nachvollziehen konnte. Rache kann nie die Lösung sein; sie lindert vielleicht kurz den Schmerz, löscht ihn jedoch nie aus.
Fasziniert war ich vom Schreibstil der Autorin, den die Übersetzerin Ebba D. Drolshagen meiner Meinung nach wunderbar ins Deutsche transportieren konnte. Fast poetisch beschreibt Megan Hunter den Untergang einer bis ins Innerste verletzten Frau.
Fazit:
"Megan Hunters Roman bietet eine eindringliche und bewegende Erzählung über die Zerrissenheit und den inneren Kampf einer betrogenen Frau. Die Autorin schafft es, die Leser tief in die Gedankenwelt Lucys eintauchen zu lassen und dabei den Druck und die Erwartungen der Gesellschaft spürbar zu machen. Obwohl Lucys Handlungen und Gedanken oft schwer nachzuvollziehen sind, bleibt sie eine faszinierende und komplexe Figur. Der poetische Schreibstil und die gelungene Übersetzung von Ebba D. Drolshagen verstärken die emotionale Intensität der Geschichte. Ein intensives Leseerlebnis, das lange nachhallt und zum Nachdenken anregt."
- Herausgeber : C.H.Beck; 1. Edition (11. Juli 2024)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 229 Seiten
- ISBN-10 : 3406822517
- ISBN-13 : 978-3406822513
- Originaltitel : Harpy The

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