Lieber Michael, herzlich willkommen im Bücherhaus. Vielen Dank das du dir die Zeit nimmst meine Fragen zu beantworten. Beschreibe dich doch bitte für meine Leser mit 5 Worten.
Ich bin ein lichtscheues Extremophil.
Ich habe Extremophil erst mal googeln müssen 😏 Und so Lichtscheu siehst du auf dem Bild gar nicht aus.
Ein bisschen mehr darfst du schon erzählen. Machen wir aus den 5 Worten „in eigenen Worten“.
Geboren wurde ich im November 1965, am Tag zwischen dem Start einer Kosmos-2-Rakete mit dem Satelliten Kosmos 95 vom Raketentestgelände Kapustin Jar, und dem Start der ersten Delta-E-Rakete mit dem Satelliten Explorer XXIX vom Cape Canaveral Space Center. Nach einer wahrhaft fürchterlichen Ausbildung zum Großhandelskaufmann studierte ich Grafik-Design, Desktop-Publishing und Multimedia in Stuttgart und versuchte mich zwischen 1989 und 1996 als Autor, Illustrator, Herausgeber und Anthologist. Nach einigen Jahren als freier Illustrator widme ich mich seit der Jahrtausendwende vornehmlich dem Schreiben, kann aber auch das Illustrieren nicht lassen. Die für mich schönste und gelungenste Symbiose beider Talente vereinen mein 2017 im Amrun Verlag erschienener Roman DER KANON MECHANISCHER SEELEN und seine 2018 erschienene Fortsetzungsnovelle DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ZEIT. Ich lebe und arbeite in Schöningen am Elm, der selbsternannten Stadt der Speere.
Und das war es auch schon fast mit allgemeinen Fragen. Ich habe mir deine Vita etwas genauer angeschaut und die ist ja sehr beeindruckend. Allein Der Kanon mechanischer Seelen (ich kann gar nicht oft genug betonen wie sehr ich allein den Titel feiere, vom Buch mal ganz abgesehen) wurde als bestes Buch“ mit dem Phantastik-Literaturpreis Seraph und dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Und das waren ja nicht die einzigen Auszeichnungen die deine Bücher und Grafiken erhalten haben.
Da gab es im Laufe der Jahre noch ein paarmal den Deutschen Science Fiction Preis und den Deutschen Phantastik Preis. Zu der Zeit, als ich sie bekam, leider allesamt undotiert. ;)
1) Wie hoch ist nach solchen Erfolgen der Druck, den du dir selber machst?
Ich schreibe wirklich nicht, um Preise zu gewinnen. Letztere sind, augenzwinkernd betrachtet, so eine Art „positiver Kollateralschaden“. Allerdings habe ich natürlich einen gewissen Anspruch an meine eigenen Texte, der jedoch unabhängig ist von irgendwelchen Honorierungen und den Gedanken daran. Er ist das Resultat einer kontinuierlichen Entwicklung, deren oberste Prämisse für mich die Ästhetik und sprachliche Ausgewogenheit ist. Hinzu kommt – und das soll keinesfalls Selbstbeweihräucherung sein – eine teils mich selbst überraschende Fantasie, die jedoch ebenfalls schon immer da war. Im Grunde ist es diese Fantasie, die mein Schreiben geformt hat, denn ich musste und wollte lernen, sie zu kanalisieren und in die richtigen und passenden Worte zu kleiden. Da ich dieses Kopfkino nicht abschalten kann, sondern höchstens ein wenig zu dimmen vermag, musste ich meine Schreibe so entwickeln, dass ich die Fantasie nach außen transportieren kann, in Sprache und Bilder. Früher las sich das alles noch ein wenig unbeholfen. Heute bin ich weitaus zufriedener mit dem Resultat.
2) Das zweite Buch, das ich von dir gelesen habe, war Der Garten des Uroboros, in dem der Archäologe Hippolyt Krispin bei Ausgrabungen in Mexiko auf etwas stößt, das alles, was bisher über die Menschheit bekannt ist, infrage stellt. Wie bist du auf die Grundidee zu dem Buch gekommen?
Das kann ich aus heutiger Sicht gar nicht mehr so genau sagen, denn die ersten Kapitel entstanden bereits vor fast 20 Jahren. Ich glaube, die Idee wurde geboren, als ich an meinem Roman IMAGON gearbeitet hatte. Darin stößt der Protagonist in ferner Vergangenheit auf Gebäude, die in hunderten Metern Höhe an bzw. in einer Felswand angelegt wurden. Das hatte mich wohl auf die Idee gebracht, über indigene Völker zu schreiben, die ihre Häuser und Gräber ebenfalls hoch in Felswänden anlegen, bewohnen oder pflegen.
3. Der Roman spielt in Mexiko, Peru, Mali und Venezuela. Bist du persönlich schon in den Ländern gewesen?
Leider nein, aber ich hatte 2018 zumindest für rund zwei Monate Besuch von einer Freundin aus Mexiko, die mir das Land und die Leute dort sehr anschaulich beschrieben hatte. Sie schickte mir Material über die Raramuri-Indianer wie z.B. ein Wörterbuch der Tarahumara-Sprache, Texte aus Universitätsbibliotheken und dergleichen. Publikationen, über die ich von Deutschland aus nie rangekommen wäre. Alle anderen Ethnien- und Landesrecherchen stammen aus Dissertationen, Büchern und Bildbänden.
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| Das ist beeindruckendes Recherchematerial |
4. Die Geschichten und Legenden der indigenen Völker der Handlungsorte spielen eine sehr große Rolle, ebenso wie die Traditionen die zum Teil immer noch gepflegt werden. Hattest du fachliche Unterstützung bei der Recherche? Erzähl doch mal wie so etwas abläuft, bitte.
Indirekte Unterstützung. Es gab E-Mail-Korrespondenz mit einem Hamburger Ethnologen und einer Wiener Kulturanthropologin, die beide zahlreiche Reisen zu den Raramuri-Indianern unternommen hatten. Ihre Publikationen waren eine wertvolle Recherchequelle für mich. Daher habe ich nach Fertigstellung des Romans mit ein wenig Sisyphusarbeit Kontakt zu beiden aufgenommen. Jedoch nicht, um mir Exklusivinformationen einzuholen, sondern um mich rechtetechnisch abzusichern und ihre Genehmigung einzuholen, bestimmte rituelle oder zeremonielle Beschreibungen oder kurze Formulierungen aus ihren teils vor Jahrzehnten veröffentlichten wissenschaftlichen Abhandlungen übernehmen oder an den Roman angepasst adaptieren zu dürfen. Sie entstammen zwar Sachbüchern, Fotoreportagen und publizierten Dissertationen und sind somit öffentlichkeitsinformatives Material, aber sicher ist sicher. Die entsprechenden Romankapitel hatte ich ihnen schließlich zum Gegenlesen und Prüfen geschickt und von beiden grünes Licht erhalten, sie so veröffentlichen zu dürfen.
Dass das trotzdem teilweise recht kurios vonstattenging, zeigt ein kleines Beispiel aus einem Mail-Dialog mit der erwähnten Kulturanthropologin und ihrer Fotoreportage über die Raramuri-Indianer, aus deren Bildlegenden ich zwei besondere Zitate übernehmen wollte.
Sie antwortete mir, wenn ich die Raramuri in meinem Buch würdevoll (von ihr in Großbuchstaben und mit drei Ausrufezeichen geschrieben) darstelle, dürfte ich die benannten Zitate benutzen. Ich schrieb ihr zurück, dass es knifflig sei, ein Volk würdevoll darzustellen, das sich, wie in ihrem Bericht beschrieben, auf seinen Maisbierfesten tagelang ununterbrochen besäuft, rauft und sich gegenseitig vollkotzt. Sie äußerte Verständnis für meine Ansicht und erklärte mir, wie das mit dem „Respekt“ gemeint war. Als ich ihr beschrieben hatte, wie meine Darstellung der Raramuri im Roman aussehen wird, waren ihre Bedenken jedoch rasch verflogen.
5) Der ursprüngliche Roman-Klappentext vermittelt, dass es einen Vorgängerroman um den Protagonisten Hippolyt Krispin gibt. Muss man diesen vor dem UROBOROS gelesen haben?
Definitiv nein. MORPHOGENESIS (der erste Krispin-Roman von 2005) und DER GARTEN DES UROBOROS sind zwei unabhängige und zudem völlig verschiedene Romane. Ich hatte einfach keine Lust, nach Poul Silis (IMAGON) und Hippolyt Krispin (MORPHOGENESIS) einen weiteren, dritten Archäologen zu etablieren. Es gibt im UROBOROS zwei, drei dezente Anspielungen auf die Geschehnisse in MORPHOGENESIS, aber das wars auch schon.
6. Nach dem Buch ist vor dem Buch. Worauf dürfen sich deine Leser freuen?
Auf den für kommenden Herbst angekündigten zweiten Band meiner im Memoranda-Verlag erscheinenden Storysammlung namens DIE PARABEL VOM ZWIELICHT, von dem viele befürchtet hatten, er würde der Golkonda-Insolvenz zum Opfer fallen.
Bis es soweit ist, gibt es drei Kurzgeschichten, zwei in Form klassischer Anthologie-Beiträge, die dritte bereits kommenden Monat in Form eines Hörbuchs, das im Rahmen einer Doppel-CD mit dem neuen Album einer deutschen Medieval-Electro-Band veröffentlicht werden wird. Mehr will ich zu diesem Projekt noch nicht verraten, solange die Band die Katze nicht selbst aus dem Sack gelassen hat.
Als voraussichtlich nächstes Buch erscheint ein kurzer SF-Roman bei Amrun mit dem Arbeitstitel INSOMNIA. Er ist eine Kombination umfangreich erweiterter Re-Works zweier älterer Kurzgeschichten mit Blade Runner Ambiente, einst inspiriert von den Bildern des vor wenigen Monaten verstorbenen Filmdesigners Syd Mead. Ich hatte auf Facebook vergangenes Jahr eine kleine Reminiszenz über die Entstehung der Ur-Geschichte geschrieben.
Danach folgt ein Horror-Roman, der bereits vor dem AION angekündigt worden war, damals unter dem Projektnamen REBECCA. Er ist – als klassisches Nebenprojekt – zuerst der Computerspielphase (2006 bis 2012) zum Opfer gefallen, und danach vom KANON und vom UROBOROS verdrängt worden. Inzwischen ist er jedoch so weit gediehen, dass ich seine Veröffentlichung für 2021 ankündigen kann. Üppig illustriert wird er von Jens Maria Weber, den die meisten Leser für seine Arbeiten zu Kai Meyers Space-Fantasy-Trilogie DIE KRONE DER STERNE kennen dürften.
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| © Jens Maria Weber Ich bin ganz verliebt in die Illustrationen |
Vom Genre her kann man den Roman als „Lovecraftian Horror“ klassifizieren, genauer gesagt als eine Hommage an „Der Flüsterer im Dunkeln“. Da Jens und ich derzeit noch mit anderen Projekten ausgelastet sind, hier exklusiv als Illu-Appetizer und mit freundlicher Genehmigung eine kleine Collage von Jens‘ Skizzen zum ersten Romandrittel. In naher Zukunft werden wir auch die Projektseite freischalten, mit kleinen Leseproben, ersten fertigen Illus und mehr Infos zum Buch.
7. Eine Frage die mich schon länger beschäftigt. Ich lese deinen Namen häufiger im Zusammenhang mit dem Goethe-Institut Irland. Was hat es damit auf sich?
Das war eine Geschichte, die sich 2018 im Zuge des SERAPH-Gewinns für DER KANON MECHANISCHER SEELEN entwickelt hatte. Ich hatte irgendwann eine E-Mail aus Irland im Postfach, in der man mich nach Dublin eingelanden hatte, für eine Lesung im Rahmen der Neueröffnung der Bibliothek des dortigen Goethe Instituts.
Zuerst war ich überzeugt gewesen, dass mich irgendjemand verarschen wollte, denn: Wieso sollten die ausgerechnet mich einladen wollen? Wer solle mich denn in Irland kennen?
Nach ein paar Stunden Internetrecherche hatte ich einige Tage später herausgefunden, dass die Person, die mir geschrieben hatte, tatsächlich die Leiterin der Dubliner Bibliothek des GI Irland ist und die Anfrage echt und ernst gemeint war.
Bei einem ersten Telefonat hatten wir dann ein wenig Brainstorming betrieben, was man denn Exklusives zur Bibliothekseröffnung produzieren könnte. Das in der zur Verfügung stehenden Zeit lösbare Ergebnis war die Idee, eine neue KANON-Novelle zu schreiben, in der es auch um Bibliotheken geht. So entstand damals DIE REISE ZUM MITTELPUNKT DER ZEIT.
Im Oktober 2018 folgte schließlich ein fünftägiger Aufenthalt in Dublin mit Lesungen aus der neuen Novelle im Goethe Institut und in der Trinity Library und einer kleinen Ausstellung der KANON-Illustrationen im Rahmen der Bibliotheks-Neueröffnung. Dass auch hierzulande in der Szene darüber gesprochen wurde, lag vor allem daran, dass ich damals für den KANON den Kurd Laßwitz Preis für den besten Roman 2017 bekommen sollte und die Verleihung in Leipzig just an dem Wochenende war, als ich in Dublin meine erste Lesung hatte. Ich hatte mich via Internet also leider nur aus der Ferne bedanken können und eine lustige Dankesrede an den Treuhänder geschickt. Als ich davon in Dublin erzählt hatte, waren alle ganz verwundert gewesen, dass ich für die Lesung und Bibliothekseröffnung nach Irland gekommen war, statt in Deutschland den Literaturpreis persönlich entgegenzunehmen. Das war alles irgendwie ziemlich schräg an diesem Wochenende …
8. Welchen Traum als Schriftsteller hast du noch? Was sind deine Ziele?
Über Träume möchte ich heute nichts erzählen. Die Zeiten sind zu fragil und unberechenbar dafür. Kein Traum, aber eine Hoffnung war es einst, dass ein Publikumsverlag sich nach dem Erfolg des KANONS 2018 für eine Taschenbuchausgabe des Buches interessieren könnte, aber die habe ich längst begraben. Ist wohl kommerziell nicht vermarktbar …
Zu meinen Zielen hingegen gehört, alle begonnenen Projekte zu Ende zu führen, vor allem jene, auf die die LeserInnen seit über zehn Jahren auf die Fortsetzung warten, wie etwa die Gesamtausgabe der AION-Trilogie, aber endlich auch jenen oben erwähnten Horror-Roman. Zudem ist die Fortsetzung des KANONS zu einem Drittel fertig, aber diese erscheint definitiv erst nach dem Ausflug ins Lovecraft-Universum.





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