Olivias Eltern sind die Kriegsgeneration, die hautnah miterlebt hat, wie es ist, die Angst am eigenen Leib zu spüren und nicht nur aus Erzählungen, wie Olivia und ihre Schwester Martha, die mit den Eltern unbeschwerte Urlaube am Meer verbringen und bedrückende Stunden im Keller des Elternhauses, wenn Karl wieder einmal die Angst vor einem erneuten Krieg überkommt.
Wir erfahren Olivias Lebensgeschichte, die von Ängsten geprägt ist. Als Kind baut sie sich eine Höhle am Flussufer und stattet sie mit Konserven aus, ihr eigener Schutzkeller,den sie in ihrer eigenen Wohnung später vermisst. Als Erwachsene lässt sie sich immer wieder in die Psychiatrie einweisen; sie hat das Trauma ihres Vaters geerbt, nicht durch die Weitergabe seiner Gene, sondern durch sein Verhaltensmuster.
Rita hat als Mutter vieles versucht, ihre Kinder vor dem Trauma des Vaters zu schützen, aber nicht genug. Statt sich ihm entgegenzustellen, brachte sie den Kindern bei, sich mit nur einem Becher Wasser zu waschen. Es fiel mir schwer, während des Lesens Verständnis für Rita aufzubringen. Das kam erst, nachdem ich später über das Gelesene nachdachte – sie hat einfach versucht, ihre Familie zu schützen und konnte dabei nicht jedem gerecht werden.
Lina Schwenk gelingt es, auf knappem Raum eine ganze Familiengeschichte zu erzählen, deren leise Töne lange nachwirken. Vieles ist nicht ausdrücklich ausgesprochen, sondern entfaltet seine Wirkung zwischen den Zeilen. So wie die Kriegsgeneration vieles ungesagt ließ, bleibt auch in diesem Roman manches ungesagt. Gerade darin liegt seine Kraft: im Schweigen, das unausweichlich Teil der Geschichte ist und den Leserinnen und Lesern viel Raum für eigene Gedanken gibt.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hier dürft ihr mir eure Kommentare hinterlassen. Bitte beachtet: DATENSCHUTZ: Mit dem Abschicken des Kommentars nehme ich zur Kenntnis und bin einverstanden, dass meine Daten gespeichert und weiterverarbeitet werden!