Hallo zusammen und herzlich willkommen auf der OBM2020.
Wir dürfen heute die Autorin Anna Castronovo begrüßen
Liebe Anna, herzlich willkommen am OBM2020 Stand von Frau Goethe liest und dem Bücherhaus, gemeinsam betreiben wir die Facebookseite 2Blogs1Buch, und wir wollen heute ein bisschen über dein neues Buch Fluch der Saline, deinen Bezug zu Italien, Sonne, Strand und Meer plaudern.
Sowohl Heike als auch ich haben dein Buch gelesen, im Gegensatz zu Heike habe ich was zu meckern. Am Ende des Buches verrätst du das Rezept für Tante Lilys Caponata, ganz viele Leser werden das nun nachkochen und ich stehe da und denk mir: Ich mag keine Auberginen und keine Oliven und keine Kapern, ganz zu schweigen von Zwiebeln. Was ich aber mag sind Cannoli, nur dafür hast du kein Rezept verraten, würdest du das bitte nachholen? Am liebsten gleich.
Anna (lacht): Wird sofort gemacht! Ich nehme die Kritik meiner Leser immer sehr ernst.
Zum Thema Cannoli bin ich aber gleich ganz ehrlich: Die Röhrchen zu backen ist irre schwer, ich würde sie fertig im italienischen Feinkostladen kaufen. Und für die Füllung braucht man unbedingt echten sizilianischen Schafs-Ricotta. Was man bei uns im Supermarkt als Ricotta bekommt, ist zwar auch lecker, hat aber nichts mit dem Original zu tun. Also die 500 g Ricotta bitte auch im Feinkostladen besorgen. Dann 150g Zucker und 75g Schokotropfen unterrühren. Fertig.
Die Füllung spritzt Du nun in die Röhren und garnierst die Enden mit gehackten Pistazien. Am Ende stäubst Du noch Puderzucker über die Cannoli. Buon appetito!
Übrigens kannst Du Dich live auf der Onlinebuchmesse an der Wahl zum Rezept für meinen nächsten Roman beteiligen - dann kannst Du ein Gericht vorschlagen, das Dir garantiert auch schmeckt :-)
Und jetzt werden wir mal ernst.
Magst du dich unseren Standbesuchern und Lesern in drei kurzen Sätzen vorstellen?
Anna: Das schaffe ich sogar in drei Worten: italophil, schreibverrückt, katzenverliebt
1. Onlinebuchmessen sind vielleicht ein kleiner Trost für die vielen Events, die dieses Jahr ausfallen mussten, allen voran natürlich die großen Messen LBM und FBM. Wie geht es dir damit, fehlt dir was oder denkst du: Prima, endlich mehr Zeit für die Familie und zum Schreiben?
Anna (seufzt): Ich wäre dieses Jahr wahnsinnig gerne wieder nach Frankfurt gefahren. Letztes Jahr wurde mir dort der Skoutz Award verliehen, ich habe einen Exposè-Wettbewerb gewonnen, Sebastian Fitzek getroffen und viele liebgewonnene Social Media Bekanntschaften endlich in echt kennengelernt. Das sind unvergessliche Erinnerungen, und das fehlt mir sehr.
Trotzdem nutze ich die Einschränkungen natürlich zum schreiben, schreiben, schreiben und nochmals schreiben.
2. Sprechen wir über deine Bücher. Klosterkind, das 2018 erschienen ist, und Fluch der Saline spielen beide in Italien in der jüngeren Vergangenheit. Was verbindet dich mit Sizilien?
Anna: Mein Mann ist Sizilianer. Dadurch habe ich in eine waschechte und turbulente sizilianische Großfamilie eingeheiratet, die mir jede Menge Vorlagen für meine Romanfiguren bietet (lacht). Wir verbringen seit über 15 Jahren unsere Ferien auf der Insel und ich stoße immer wieder auf spannende Geschichten und berührende Schicksale, aus denen dann die Ideen zu meinen Romanen entstehen.
3.Was bedeutet für dich Familie à la Sicilia? Bevorzugst du es, wenn alle unter einem Dach leben, oder suchst du manchmal auch die Distanz?
Anna: Ich bin als Einzelkind aufgewachsen und habe in der Zeit, als ich meinen Mann kennengelernt habe, freiwillig allein in einer Studentenbude gewohnt und das auch sehr genossen. Der erste Urlaub in der Großfamilie war dann ein entsprechender Kultur- und Sozialschock für mich. Mittlerweile habe ich es zu schätzen gelernt, dass in Sizilien keiner allein ist und die Familie immer füreinander einsteht und sich gegenseitig hilft – viel mehr, als ich es aus Deutschland kenne, wo sich alle immer individuell verwirklichen wollen und ihre eigenen Wege gehen, oft ohne Rücksicht auf Verluste. Das finde ich an der Familie à la Sicilia sehr schön. Trotzdem brauche ich manchmal meine deutsche Ruhe ;-)
4.Welche signifikanten Unterschiede hast du als Deutsche in der Mentalität feststellen können? Gibt es Anekdoten?
Anna: Jede Menge! Das würde hier zu weit führen, aber eine Anekdote kann ich erzählen: In meinem ersten Urlaub bin ich krank geworden und wollte, typisch deutsch, in meiner kleinen Kammer alleine vor mich hinleiden und einfach in Ruhe schlafen. Aber die gesammelte Familie hat mich zu einem medizinischen Notdienst in irgendeiner Garage an der Piazza geschleppt, Gegenwehr zwecklos. Dort wurde dann von jemandem, der mir dreimal auf den Bauch gedrückt hat, "Vergiftung" diagnostiziert und eine Spritze mit einem mysteriösem Medikament verschrieben. Spritzen werden in Sizilien nicht vom Arzt verabreicht, sondern die Nachbarin kam rüber (eine Friseurin), und hat mir im Badezimmer die Spritze in den Allerwertesten gejagt, worauf ich kurz ohnmächtig geworden bin. Dann wurde ich auf das Sofa mitten im Wohnzimmer drapiert, wo der Fernseher auf voller Lautstärke lief, alle wild durcheinander geredet haben und im Laufe des Tages die ganze Nachbarschaft vorbei kam, um nach mir zu sehen. Eine sizilianische Familie würde NIEMALS ein krankes Familienmitglied alleine lassen. Meine einzige Rettung war: Möglichst schnell gesund werden ;-))) In meinen neuen Roman werden einige solcher Anekdoten einfließen.
5.Toto steht vor der Berufswahl. Was schätzt du, wie viele junge Männer in seiner Situation in einen Beruf gedrängt wurden, ohne auf seine Talente Rücksicht zu nehmen?
Anna: Sehr viele, und das gilt auch noch heute. In Sizilien herrscht eine extrem hohe Arbeitslosigkeit, viele Familien sind arm. Dazu kommt, dass die Universitäten Geld kosten. Da können es sich die jungen Leute meistens nicht aussuchen, was sie mal werden wollen. Mein Mann wollte zum Beispiel Architektur studieren, aber er musste nach Deutschland gehen, um in der Gastronomie Geld zu verdienen, um seine Familie zu unterstützen. Für mich war es ein Glück ;-) Aber für viele junge Menschen ist es frustrierend, dass Sizilien so perspektivlos ist. Was das angeht, leben wir in Deutschland im puren Luxus.
6. Du bist in München geboren, zu einer Zeit, als Emanzipation in Deutschland schon auf dem Weg war, du hast also die Umstände, in denen besonders die Frauen im Buch lebten, eher nicht selbst erlebt. Wie hast du es geschafft, ihre Lebenssituation trotzdem so glaubhaft und authentisch dazustellen?
Anna: Tolle Frage! Als ich vor gut 15 Jahren zum ersten Mal in Sizilien war, war ich ehrlich gesagt geschockt darüber, wie wenig emanzipiert die dortige Gesellschaft Anfang der 2000er-Jahre noch war. Es hat mich interessiert, warum das so ist, und ich habe mir viel darüber erzählen lassen. Vor allem meine Schwiegermutter, die in den 60ern großgeworden ist, und meine Schwägerin, die in den 80ern aufgewachsen ist, sind meine Quelle Nummer 1 für die Situation der Frauen.
7. Nach dem Buch ist vor dem Buch. Woran arbeitest du gerade, magst du schon etwas verraten?
Anna: Jaaaa :-) Ich wollte immer schon darüber schreiben, wie eine Deutsche, die in die sizilianische Gesellschaft katapultiert wird, diese mit all ihren Höhen und Tiefen erlebt. Bisher waren meine Protagonisten Sizilianer. Diesmal geht es jedoch um eine Frau, die zwar in Sizilien geboren wurde, aber in Deutschland aufgewachsen ist. Ihre Zwillingsschwester ist angeblich bei der Geburt gestorben, das hat sie allerdings nie geglaubt. Deshalb reist sie zusammen mit ihrer fünfjährigen Tochter nach Sizilien, um mehr über ihre Vergangenheit herauszubekommen. Dadurch kann ich Sizilien diesmal von außen beschreiben. Es wird witzig, berührend, spannend und natürlich wieder so richtig sizilianisch ;-) Ich bin mit der ersten Version schon fertig, die Veröffentlichung ist für das Frühjahr geplant.
8.Du durftest als Gewinnerin des Skoutz-Awards die diesjährige Auswahl der historischen Romane aussuchen. Wie sieht dein heimisches Bücherregal aus?
Anna: Jetzt muss ich etwas gestehen: Ich lese selbst kaum historische Bücher, oft sind sie mir zu dick, zu trocken und zu kompliziert. Ich mag kurzweilige Geschichten, die mich mitreißen und die spannend sind. Natürlich lese ich gerne Bücher, die in Italien und Sizilien spielen. Ich liebe zum Beispiel die "Tante Poldi"-Reihe von Mario Giordano, die ist sooo witzig! Oder die Bücher von Daniel Speck ("Bella Germania", "Piccola Sicilia"). Klar: Auch der Klassiker "Maria ihm schmeckt´s nicht" von Jan Weiler steht bei mir im Regal, genauso wie "Arminuta" von Donatella Di Pietrantonio und "Der Duft von Erde und Zitronen" von Marherita Oggero. Die kann ich alle heiß empfehlen ;-)
9. Und da wir schon bei der Arbeit sind, brauchst du absolute Ruhe beim Schreiben oder hörst du Musik, setzt du dich lieber in ein Café in der Großstadt oder ans Meer um zu Schreiben? (ich musste jetzt doch noch das Meer ins Gespräch bringen.)
Anna: Ja, das Meer (seufzt). Am liebsten schreibe ich auf unserer sizilianischen Terrasse mit Meeresrauschen. Ansonsten brauche ich Ruhe, damit ich ganz in meine Geschichten abtauchen kann, am besten ein paar Stunden am Stück, was aber bei einer turbulenten Familie manchmal schwierig ist ;-) Wenn Ihr mal sehen wollt, wo meine Bücher entstehen, könnt Ihr auf meinem YouTube-Kanal vorbeischauen. Diesen Sommer habe ich mit Hilfe meiner Tochter Videolesungen vor Originalkulisse mit Wind- und Wellen-Sound gedreht. (https://www.youtube.com/channel/UCXPhuyFvPtMRJE8K_-J9oXw)
Anna hat einen Arbeitsplatz der jeden anderen vor Neid erblassen lässt.
10.Lass uns hypothetisch werden. Wenn du keine Schriftstellerin geworden wärst, welchen Beruf würdest du mit eben soviel Herzblut und Leidenschaft ausüben?
Anna: Ganz klar: Ponyhof-Besitzerin.
Liebe Anna, vielen Dank für deinen Besuch an unserem Stand, wir wünschen dir noch viel Spaß und Erfolg auf der Messe.
Anna: Vielen Dank für das nette Interview! Euch auch noch viel Spaß auf der Messe.


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