Montag, 20. April 2026

Moosland von Katrin Zipse


1949 kommt Elsa als eine von rund 300 so genannten „Esja‑Frauen“ nach Island. Die Frauen wurden von der isländischen Bauernpartei angeworben, um ein Jahr lang auf den Höfen zu arbeiten und im besten Fall einen Isländer zu heiraten. Für viele ist die Reise zugleich Flucht, Neuanfang und ein stiller Versuch, eine Trauer hinter sich zu lassen. Elsa trauert um ihre Freundin Sola und schweigt. Dieses Schweigen ist nicht nur Folge ihrer fehlenden Sprachkenntnisse, sondern Ausdruck einer tiefen Trauer, die sie zunächst nicht benennen kann.

Gerda, mit der Elsa gemeinsam nach Island gereist ist, landet auf einem anderen, weit entfernten Hof. Sie versucht den Kontakt über Briefe aufrechtzuerhalten, doch Elsa beantwortet ihre Zeilen nicht. So bleibt sie zunächst allein unter Fremden, mit einer Sprache, die ihr nur bruchstückhaft zugänglich ist, in einer Landschaft, die sich fremd und unzugänglich anfühlt. Das Haus der Familie, bei der sie unterkommt, steht einsam und ist von ihrem Land umgeben. Der wortkarge Bauer ist das unumstrittene Oberhaupt der Familie,  die Frau wirkt kühl, und die beiden Söhne ringen um ihre eigene Zukunft. Eine Tochter gehört ebenfalls zur Familie, über die Tochter spricht niemand. In diesem Schweigen, in den unausgesprochenen Geschichten, liegt viel von dem, was Elsa in kleinen Schritten zu erahnen beginnt.

Das Leben auf dem Hof ist hart. Die Arbeit im Haus, im Stall und auf den Feldern verlangt ihr viel ab. Elsa ignoriert Schmerz und Erschöpfung und bemüht sich, alles zu lernen, was es auf einem Bauernhof zu lernen gibt: Reiten, Feldarbeit, den Umgang mit Schafen, das Überwinden ihrer Angst vor Hühnern. Die Familie lässt ihr Raum und Zeit, sich in dem Land, der Sprache und in der Familie zu finden.

Katrin Zipse führt ihre Leserinnen und Leser nicht nur in ein fernes, für viele unbekanntes Land, sondern auch in eine lange zurückliegende Zeit mit gesellschaftlichen Arrangements, von denen kaum jemand Kenntnis hat. Ich wusste nicht, dass nach dem Krieg tatsächlich deutsche Frauen – die „Esja‑Frauen“ – nach Island gingen, um auf den Höfen zu arbeiten; manche von ihnen blieben dort, lernten die Sprache und gründeten Familien. In diesem historischen Hintergrund verankert Zipse einen stillen Roman über Sprachlosigkeit, langsames Vertrauen und die Kraft leiser Annäherungen. Sie erzählt weniger durch Dialoge, sondern dadurch, wie die Menschen handeln, und schafft es, Lesern und Leserinnen einen Eindruck vom Land zu vermitteln, von der atemberaubenden Natur, die voller Gegensätze ist.

„Moosland“ lebte für mich nicht durch große Konflikte und Drama, sondern durch seine Ruhe und Zurückhaltung. Der Roman blieb nah bei Elsa und ihrem langsamen Herantasten an Sprache, Menschen und die neue Umgebung, das beschreibt die Autorin sehr behutsam. Gerade das überzeugte mich Katrin Zipse erzählt leise, ohne Schnörkel, sie setzt auf Stimmung, Schweigen und kleine, beobachtete Gesten, die bei mir für ein besonderes Lesevergnügen sorgten.




  • Herausgeber ‏ : ‎ DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 10. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 2.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3755800713
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3755800712

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