In der Stille nach dem Zusammenbruch wird selbst das Flüstern zu einer Herausforderung. Nicht, weil die Untoten uns hören könnten, sondern weil jedes Wort zu einem Balanceakt zwischen Vertrauen, Macht und Zugehörigkeit wird.
Die Zwölf Geschichten erzählen von Begegnungen während der Zombieapokalypse: von Fremden, die zu Gefährten werden, von Freund*innen, die sich als Feinde entpuppen, von Gemeinschaften, die Schutz bieten – und ihren Preis verlangen. Ideale, Moral und Weltanschauungen verschwinden nicht mit dem Ende der Zivilisation. Sie rücken näher. Unausweichlich. Und zwingen zu einer Entscheidung: Lauf oder stirb!
Zwischen Angst, Misstrauen und Gewalt zeigen die zwölf Geschichten aber auch das andere Gesicht der Katastrophe: Solidarität. Zusammenhalt. Menschlichkeit.
Denn selbst am Ende der Welt ist nicht alles verloren.
Mit Geschichten von Sophia Rosenberger, Helge Lange, Antonia Dorah, Manuel Zerwas, Sucy Pretsch, Till Kunze, Janika Rehak, Robert Boehm, Joshua Friedrichs, Oliver & Carolin Gmyrek, Marko Richter-Höfer und Vincent Voss
"Eine Zombieapokalpse ist selten ruhig. Jedenfalls zu Beginn." So beginnt das Vorwort zu "Lauf oder stirb" von der Herausgeberin Carolin Gmyrek. Sie ist laut, Schüsse, Schreie, Helikopter, Explosionen, doch dann wird es ruhig, die Überlebenden verstecken sich, vor den Zombies und anderen Überlebenden.
Berglandschaft vor Blauem Himmel, 2023 von Sophia Rosenberger
Operation Endzeit von Helge Lange
In seiner Kurzgeschichte Operation Endzeit entwirft Helge Lange eine spannende Vision der Apokalypse, die von Zombies, und menschlicher Gier geprägt ist. Bertram Dahlfels hat sich mit einem älteren Ehepaar auf einem abgelegenen Hof nahe des Bodensees ein vergleichsweise sicheres Refugium geschaffen. Die Lage des Hofs scheint ideal, abgelegen genug, um weder den Untoten noch plündernden Menschen zu begegnen, und doch gefährlich nah an der Zone des „Niemandslandes“, in der auf alles geschossen wird, was sich bewegt.
Auf einer seiner Erkundungstouren gerät Bertram in große Gefahr, als er von nicht gekennzeichneten Hubschraubern verfolgt und beschossen wird. Nur mit Glück und der Hilfe einer schwer bewaffneten Gruppe überlebt er. Von ihnen erfährt Bertram, das es im Rest der Welt schon Menschen gibt die nur auf den Moment warten in dem Deutschland entvölkert ist, denn ein Staatsgebiet ohne Bevölkerung kann annektiert werden, und manche beschleunigen diesen Zustand skrupellos.
Lange gelingt es eindrucksvoll, Spannung mit Gesellschaftskritik zu verbinden. Die Geschichte zeigt, dass selbst in einer Welt, die von Zombies verwüstet wurde, die menschliche Gier das wahre Übel bleibt. Besonders positiv fiel mir auf, dass die Geschichte nicht ausschließlich düster ist: Die Gruppe, der Bertram begegnet, ist tatsächlich nett, ein wohltuender Gegensatz zu vielen anderen Endzeitgeschichten, in denen Misstrauen und Verrat dominieren.
Operation Endzeit ist eine kurze, aber wirkungsvolle Erzählung, die neben Action und Atmosphäre auch zum Nachdenken über Macht, Moral und Menschlichkeit anregt.
Die titelgebende Story führt uns in die dunkle Welt der Superreichen, die selbst in der Apokalypse nicht auf ihre Belustigung verzichten wollen. Die Grundidee ist nicht ganz neu: Wehrlose Menschen werden gefangengenommen und müssen um ihr Leben laufen. Hier trifft es Wanda, sie wird entführt und findet sich plötzlich in einem Wettlauf wieder, der nur der Unterhaltung einiger Reicher dient. Ihr Ziel ist einfach "Lauf oder stirb", denn hinter ihr lauert eine Horde Zombies.
In dieser verzweifelten Lage trifft sie Ruby, die einst zu den Reichen gehörte, aber verstoßen wurde, weil sie die Annäherungen eines mächtigen Mannes ablehnte. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine unerwartete Verbindung. Gemeinsam kämpfen sie ums Überleben und schmieden einen Plan, um sich an denen zu rächen, die sie in dieses grausame Spiel gezwungen haben.
So lebt er mit seiner Frau Jule allein im abgelegenen Haus und denkt an die leichteren Tage zurück, an den Pianisten Josh Maibach, dem er beim Joggen begegnet war (Tipp: In den Novellen Elegie und Elegie 2 erfahrt ihr mehr über Maibachs Schicksal in der Apokalypse). Der Protagonist ist Maler, und erst als sein eigenes Ende absehbar wird, findet er die Kraft, wieder zu seiner Kunst zurückzukehren.
Mich hat diese Geschichte sehr bewegt sie ist still, poetisch und traurig zugleich. Sie erzählt weniger vom Überleben als vom Erinnern, von dem, was bleibt, wenn alles andere verloren ist.
Mit dieser Geschichte hatte ich wirklich ein Problem, und das im besten Sinne. Wotan, der Hauptprotagonist, ist alles andere als sympathisch: skrupellos, brutal und ohne Gewissen. Das Zwillingspaar Adrian und Ulrika wirkt dagegen hoffnungsvoll und optimistisch, hat sich im Moor in einem Museum eingerichtet, mit Solarstrom und Vorräten, doch ganz unschuldig sind auch sie nicht.
Ich mochte keine der Figuren und fand die Geschichte trotzdem stark. Sie regt zum Nachdenken über Moral und Menschlichkeit an und endet offen, genau richtig für eine Story, die mich bis zum Schluss innerlich hin- und herriss.
Diese Story war für mich anfangs wirklich schwer zu greifen. Wer erzählt hier eigentlich, und was ist zuvor passiert? Im Mittelpunkt steht Wilhelm, scheinbar ein Kind, das schon mehrere „Mamas“ hatte, die sein Vater ihm gebracht hat, um sich um ihn zu kümmern. Im Verlauf stellt sich jedoch heraus, dass Wilhelm ein Erwachsener im Körper eines Kindes ist.
Abwechselnd lesen wir aus seiner Sicht und aus der Perspektive von Mama Nr. 4, die Wilhelm über die Zeit immer mehr ins Herz schließt und alles tun würde, um ihn zu beschützen. Die ganze Geschichte hat sich mir erst am Schluss wirklich erschlossen und im Rückblick finde ich sie interessant und sie ist auf jeden Fall ungewöhnlich erzählt.
Besuch erhält er selten, nur Otto kommt manchmal vorbei um nach dem Rechten zu sehen, als sein Besuch ausbleibt macht sich Hugo auf dem Weg zu seinem Hof und findet dort eine vollkommen veränderte Welt vor. Eine von Zombies verseuchte Welt.
Diese Story hat für mich eine klare Botschaft und die versuche ich mal in Worte zu fassen.
Zombies funktionieren wie die Lebenden vor der Apokalypse, sie jagen nur anderen Dingen hinterher als früher. Was einst Anerkennung, Karriere oder Besitz war, ist nun zur „Jagd nach Fleisch“ geworden ein treffendes Bild für eine Gesellschaft, die ständig konsumiert, ohne innezuhalten und zu fragen, wozu das alles eigentlich gut ist.
Die Autor*innen zeigen eindrucksvoll, wie Gier, Fanatismus und Konsum auch nach dem Zusammenbruch weiterwirken-
Gleichzeitig leuchten Momente von Solidarität, Kunst und Menschlichkeit auf, wie in den poetischen Erinnerungen oder der neu entdeckten Liebe zum Lesen.
Ein starker Band für Fans von Endzeitgeschichten mit Tiefgang: Er unterhält, regt zum Nachdenken an und lässt manchmal hoffen, dass nicht alles verloren ist.
264 Seiten Taschenbuch oder E-Book
ISBN 9783958694545
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