Freitag, 24. April 2026

Geschichten aus der Dämmerung: Elf Geschichten von Fabienne Siegmund


Ich habe mal wieder Kurzgeschichten gelesen, ganz besondere Kurzgeschichten. Geschichten die man nicht nur liest, sondern fühlt, die eine ganz besondere Atmosphäre erzeugen.

Dieses Gefühl beim Lesen hatten die meisten von uns, also die die klassischen Märchen liebten, vielleicht zu letzt als Kinder, da ich nicht dazu gehöre konnte ich das nie so richtig nachvollziehen, jetzt allerdings habe ich eine Ahnung davon, allerdings sind die Geschichten die Fabienne Siegmund erzählt natürlich viel komplexer.


In manchen Geschichten trifft man bekannte Figuren aus anderen, so in

Das Zimmer der tausend Türen

 Faye, Billie und Nettie sind seit ihrer Kindheit eng miteinander verbunden, Murmelschwestern, die immer füreinander da sind. Als Faye in eine kleine Wohnung zieht, werden sie auf seltsame Vorgänge in der Wohnung gegenüber aufmerksam, an deren Wände sich unzählige Türklinken befinden . Menschen betreten sie, übergeben einem Mann in Weiß etwas und verschwinden durch eine Tür, nachdem sie sich eine der Türklinken ausgesucht haben. Billie ist bald wie besessen davon herauszufinden, was dort vor sich geht, und beginnt zu recherchieren. Als sie Faye schließlich um die Meteoritensplitter bittet, die die drei einst gefunden haben, ahnt diese nicht, was Billie vorhat und wie sehr sie sich nach einem anderen Leben sehnt.


Ein Glas voller Sterne 

knüpft an dieses Thema an. Luca ist in die Straßenmalerin Claire verliebt, die mit Kreide wunderschöne Bilder auf Wände malt, flüchtige Kunstwerke, die nur den Moment einfangen und nur für diesen einen Augenblick bestehen. Claire wirkt unstet, immer auf der Suche, immer an einem anderen Ort und sie will auf dem Mondlicht reisen. Ob sie Lucas Gefühle erwidert, bleibt zunächst offen, doch dass er ihr etwas bedeutet, wird deutlich. Eines Tages verschwindet Claire, und Luca macht sich auf die Suche nach ihr und nach Sternen, Jahre und Jahrzehnte vergehen. Dabei trifft er auf andere Sternensammler , dem Mann in Weiß, und auf Billie, die zurückgekehrt ist, sie ist alt geworden ob ihre Träume in Erfüllung gegangen sind?

Diese Texte lassen viel Raum für eigene Interpretationen. Für mich erzählen sie davon, dass Menschen unterschiedliche Träume haben, die nicht immer mit denen der Menschen übereinstimmen, die sie lieben oder denen sie sich besonders verbunden fühlen. So kommt es manchmal vor, dass Menschen sich innerlich voneinander entfernen. Nicht immer bleiben Wege gemeinsam, und manchmal muss man einen Traum loslassen, um das eigene Glück finden zu können. Und manchmal erkennt man erst viel zu spät, dass das, wonach man gesucht hat, längst da war.


Eine besondere Geschichte ist das Gemeinschaftswerk von Fabienne Siegmund mit weiteren Autorinnen: Stefanie Bender, Sameena Jehanzeb, Christina Löw, M. W. Ludwig, Christin C. Mittler, Melanie Vogltanz und Jenny Wood. 

In

Wenn Wünsche sterben


greifen die einzelnen Geschichten klassische Märchenmotive auf. Die alten Märchenhexen müssen die Magie retten, nachdem eine gute Fee durch einen eigennützigen Wunsch alles in Gefahr gebracht hat, denn ein solcher Wunsch ist, wie wir alle wissen, streng verboten. Also machen sich die Hexen auf den Weg, um die Zutaten für einen Zaubertrank zu besorgen, mit dem sie verhindern wollen, dass die Fee weitere, eigennützige Wünsche ausspricht. Die einzelnen Storys haben mir dabei sehr gut gefallen, weil jede von ihnen ihren ganz eigenen Ton und ihre eigene Wirkung entfaltet. Zugleich fügen sie sich am Ende zu einem stimmigen Gesamtwerk zusammen, das einen schönen gemeinsamen Rahmen bildet und dennoch jeder Autor:in Raum für die eigene Stimme lässt.



Aber natürlich habe ich auch eine Lieblingsgeschichte, diese findet sich ganz am Ende

Herzblut

Besonders gern mochte ich auch die Geschichte Herzblut, die sich ganz am Ende findet. In nüchternen Worten ließe sie sich als der Schreibprozess beschreiben, den Autorinnen und Autoren durchlaufen, bevor ihre Geschichten den Weg zu den Lesenden finden. Doch nüchtern ist dieser Weg ganz sicher nicht, denn zwischen der ersten Idee und der Veröffentlichung liegen Hoffnung, Euphorie, Zweifel und Angst. Und am Ende des beschwerlichen Weges, liegt der Anfang einer neuen Geschichte, für uns die Lesenden, eine Geschichte die uns zum Lachen bringen soll, oder zum Weinen, sie sollen uns Mut schenken und unsere Herzen zum schlagen bringen.

Fabienne Siegmund hat mich vor allem mit ihrer Sprache und der besonderen Stimmung in den Geschichten erreicht. Sie sind ruhig erzählt, und gerade daraus ziehen sie ihre Intensität. Beim Lesen hatte ich oft dieses leise Gefühl von Staunen, das auch nach der letzten Seite noch für länger als nur einen Moment bleibt.

Für mich ist Geschichten aus der Dämmerung ein Buch für alle, die literarische Fantastik, atmosphärische Erzählungen und  viel Magie zwischen den Zeilen mögen. Dies  macht den Reiz des Buches aus: Es geht um Wünsche, Verluste, Magie, und das, was sich hinter den sichtbaren Dingen verbirgt.

Am Ende des Buches finden sich kurze Interviews mit den Autorinnen und dem Autor des Gemeinschaftswerks. Ihnen allen wurde die Frage gestellt: 

"Was macht für dich eine Kurzgeschichte aus?"
Die Antwort der Autorin Sameena Jehanzeb die mit einem Zitat einer mit ihr befreundeten Übersetzerin antwortete, bringt das zum Ausdruck was ich auch immer sage.

"Wer eine Kurzgeschichte schreiben kann, kann auch einen Roman schreiben. Umgekehrt ist das nicht unbedingt der Fall"




  • Herausgeber ‏ : ‎ Low, Torsten
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 23. Februar 2026
  • Auflage ‏ : ‎ Erstauflage
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 460 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3966290529
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3966290524

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