„Katharsis“ steht ursprünglich für eine Art emotionale Reinigung: für den Moment, in dem starke Gefühle wie Mitleid, Angst oder Schuld so dicht werden, dass sie sich aufstauen und schließlich in Verständnis oder Einsicht verwandeln. So war auch Siembiedas Roman: keine laut verkündete Abrechnung mit der Vergangenheit, sondern ein vorsichtiges, oft sehr leises Zerlegen von Schuld, Schweigen und Verdrängung.
Für mich ist „Katharsis“ vor allem ein Roman über Menschen, die nach Krieg, Flucht und politischen Umbrüchen versuchen, ein normales Leben zu führen und dabei immer wieder über die Schatten ihrer Vergangenheit stolpern. Die Sprache ist klar und ruhig; sie stellt sich nicht in den Vordergrund, sondern lässt die Figuren und ihre Entscheidungen wirken. Die Dialoge sind oft knapp, manchmal von feiner Ironie geprägt, und gerade das macht sie für mich glaubwürdig und nah an der Realität.
Ich spürte deutlich Siembiedas Hintergrund als Autor von Reportagen: Die Szenerie zwischen Polen, Griechenland und dem nahen Umfeld der Sowjetunion fühlt sich für mich sehr konkret an, ohne jemals zu trockenem Geschichtsunterricht zu werden. Man spürt, dass er sich intensiv mit historischen Quellen beschäftigt hat, aber er baut daraus keine aufgeblasene Lehrstunde, sondern eine Geschichte, in der die Politik direkt einzelne Lebensläufe beeinflusst.
Besonders fasziniert mich, dass Siembieda keine Figuren mit scharfen Konturen zeichnet. Kostas Tosidos etwa ist für mich kein klarer Held, sondern ein Mann, der lange Zeit mit seiner eigenen Schuld ringt und sich selbst im Weg steht. Er ist zugleich Überlebender und jemand, der seine Vergangenheit lange verdrängt hat, und gerade das macht ihn für mich besonders menschlich. Sacharin wirkt wie ein Schatten zwischen Schwarzmarkt und Notwendigkeit: kein einfacher Schurke, sondern ein Typ, der sich irgendwo zwischen Überlebenskunst, kleinen Tricks und echtem Charisma bewegt. Janis und Zulus wiederum entwickeln sich über lange Passagen hinweg aus unterschiedlichen Ausgangspunkten zu Figuren, die ihre eigene Geschichte erst mühsam zusammensetzen müssen.
Ich habe „Katharsis“ vor allem als Geschichte von Menschen empfunden die nach Krieg und Vertreibung versuchen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Aber die Vergangenheit verschwindet bei fast keiner Figur wirklich. Siembieda erzählt das in einer eher ruhigen, direkten Sprache. Er drängt sich als Autor nicht ständig nach vorne, sondern vertraut darauf, dass Figuren und Situationen für sich selbst sprechen.
Ich empfehle „Katharsis“ allen, die historische Romane mit vielen Perspektiven mögen und lieber von Menschen als von großen politische Abhandlungen lesen.
- Herausgeber : Polente Verlag
- Erscheinungstermin : 16. März 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 632 Seiten
- ISBN-10 : 3903634026
- ISBN-13 : 978-3903634022
- Lesealter : Ab 18 Jahren
- Originaltitel : Katharsis

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