Sonntag, 25. Januar 2026

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén (Autorin), Ulla Ackermann (Übersetzerin)

 

Bo ist 89, und ihm läuft die Zeit davon. Andererseits ist Zeit wenigstens etwas, das er noch zur Genüge hat. Denn seit seine Frau in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt, sind Bos Tage viel zu lang. Sein Kontakt beschränkt sich auf seinen Hund Sixten und die täglichen Besuche vom Pflegedienst. Hans, sein Sohn, kommt dagegen nur selten vorbei und traut ihm vor allem gar nichts mehr zu. Jetzt will er ihm auch noch den Hund wegnehmen. Dabei braucht Bo seinen geliebten Vierbeinigen so dringend wie noch nie. Warum versteht das niemand? Der drohende Verlust seines Hundes bringt Bo dazu, die Schlüsselmomente seines Lebens zu überdenken. Wenn die Kraniche nach Süden ziehen ist ein brillant geschriebener, weltweit gefeierter Roman voller Witz und Wärme über das, was im Leben wichtig ist und uns mit Zuversicht erfüllt.

Es sind oft die leisen Geschichten, die am längsten im Gedächtnis bleiben, so wie dieses Buch. Mit „Wenn die Kraniche nach Süden ziehen“ entführt uns Lisa Ridzén nach Nordschweden zu Bo, 89 Jahre alt, störrisch, verletzlich und sehr viel klarer im Kopf, als seine Umgebung ihm zutraut. Der alte Mann lebt allein im Haus, seit seine Frau in einem Pflegeheim für demenzkranke Menschen leben muss, ihre Pflege wurde für Bo einfach zu viel, nicht einmal mit Hilfe des Pflegedienstes war wohl auch ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet. Sein Tag ist strukturiert von kleinen Ritualen, dem Besuch des Pflegedienstes und vor allem von der Gesellschaft seines Hundes Sixten seinem letzten wirklichen Gefährten. 


Als sein Sohn Hans entscheidet, dass Sixten weggegeben werden soll, gerät Bos fragil gewordenes Gleichgewicht ins Wanken. Plötzlich steht alles in Frage, seine Selbstständigkeit, seine Erinnerung und die Frage, wie viel vom eigenen Leben man sich nehmen lassen muss, wenn andere für einen entscheiden. Ridzén erzählt diese Geschichte ruhig und unspektakulär, und gerade darin steckt für mich die große Stärke dieses Romans. Wir sind immer ganz nah bei Bo, begleiten ihn durch die guten Tage, an denen der Humor noch aufflackert, und durch die Momente, in denen der Körper nicht mehr so will wie der Kopf. Es sind viele Kleinigkeiten, die hängen bleiben: der Gang durch das Haus, das Schweigen am Telefon, der Blick aus dem Fenster, wenn die Kraniche ziehen. Für mich geht es in diesem Buch um den Umgang mit dem Thema Würde im Alter. 

Die Story zeigt wie es sich anfühlt, wenn Entscheidungen über den eigenen Kopf hinweg getroffen werden meist gut gemeint, aber trotzdem schmerzhaft. Lisa Ridzén klagt nicht an, sie drängt Bo vor allem nicht in die Rolle eines hilflosen alten Mannes dem alle anderen etwas wegnehmen wollen, man spürt die Zuneigung zwischen Vater und Sohn auch wenn ihre Beziehung nicht immer leicht war, zu sehr wurde Bo von der Erziehung seines eigenen Vaters geprägt. Immer wieder kommt es zu Momenten in denen die Hoffnung aufkeimt, das sich Vater und Sohn in den letzten Tagen, Wochen oder wie lange Bo noch leben wird, wieder annähern, und die Momente erleben können wie es sie zu Hans Kinderzeiten gab. Sprachlich ist das Buch eher reduziert, ohne große Ausschmückungen, aber mit vielen Bildern, die unter die Haut gehen. Wer sich auf ein stilles, emotionales Porträt eines alten Mannes einlassen möchte, wird mit einer wunderbaren Geschichte belohnt. Für mich war es ein Buch zum Innehalten und Nachdenken.


  • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 21. Januar 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 384 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442762960
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442762965
  • Originaltitel ‏ : ‎ When the Cranes Fly South

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