Freitag, 25. Februar 2022

Blogtour "Töchter der Speicherstadt" von Anja Marschall

 


Die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert.


Das Idealbild der deutschen Frau im Bürgertum war klar definiert: Sie kümmert sich um die Familie, den Haushalt und repräsentiert an der Seite ihres Ehemanns auf den von ihr organisierten Gesellschaften und sie unterhielt die Gäste mit kultivierten Gesprächen und Hausmusik. Als Gegenleistung lebte sie meist frei von finanziellen Sorgen.





Frauen wird der Status als autonomer Mensch verweigert, es fehle ihnen Objektivität und Urteilsvermögen, überhaupt seien Frauen naturgemäß nicht so intelligent wie Männer, sie könnten nicht mit Geld umgehen und natürlich fehlt es ihnen an körperlicher Kraft. Frauen müssen beschützt und behütet werden, ihre natürliche Rolle ist die der Mutter und Hausfrau, sie hat das Leben des Mannes im eigenen Heim so angenehm wie irgendwie möglich zu machen, in allen Belangen. Sie ist schlicht rechtlos, über alles kann ein sogenannter Geschlechtsvormund bestimmen und auch gegen körperliche Gewalt vonseiten ihres Ehemanns ist sie nicht geschützt.
Nun saßen diese Frauen nicht untätig in ihren Salons und warteten auf die Rückkehr des Hausherrn, sie hatten oft  einen großen Haushalt zu führen. Es gab Bälle und Abendessen  zu organisieren, auf denen von den Herren Geschäfte abgeschlossen wurden, dazu war es wichtig, dass die Frauen sich in den richtigen gesellschaftliche Kreisen bewegten, so manche Karriere in der Politik und der Wirtschaft wurde auf einer Teegesellschaft unter den Damen angeschoben. 

Der Großteil der Frauen kann allerdings von einem bürgerlichen Leben nur träumen, sie müssen arbeiten, um die Familie zu ernähren und schuften als Dienstmädchen, Wäscherinnen und in den neu entstehenden Fabriken, um die meist zahlreichen Kinder satt zu bekommen, doch auch sie sind der Willkür und oftmals der Gewalt ihrer Männer rechtlos ausgeliefert.





Als die Hauptprotagonistin im Buch "Die Töchter der Speicherstadt" Maria kurz nach deren Eröffnung im Jahr 1888 alles über den Kaffeehandel lernt, bzw. lernen darf, denn auch für sie wird gelten, dass sie nur mit der Erlaubnis ihres Mannes einer Arbeit nachgehen darf, arbeiten Frauen in der Speicherstadt unter menschenunwürdigen Bedingungen z.B. als Kaffeeverleserin auf den Kaffeeböden.(1889 protestierten sie für Verkürzen der Tagesarbeitszeit auf 9 Std., Mindeststundenlohn von 25 Pfennig (das war die Hälfte der niedrigsten Männerlöhne im Hafen), Verbot des Säckeschleppens (Gewicht ca. 80 kg), Eindämmen des Strafgeld-Unwesens: pro Tag sollten nicht mehr als 10 Pfg. Erhoben werden dürfen (strafbar waren z.B. lachen, singen, manchmal auch reden).



Das sind die Fakten in Kurzform, es gibt viele Bücher zur Rolle der Frauen, ihrer Rechte und Pflichten und je mehr und tiefer man sich mit dem Thema beschäftigt, desto mehr wird klar, dass noch viel Arbeit bis zur vollständigen Gleichberechtigung vor uns liegt.

Alle weiteren Themen und Links zur Blogtour:

21.02.2022 Auf einen Kaffee bei Jasmin von Buch-leben
22.02.2022 Ein Rundgang durch die Speicherstadt bei Ullas Leseecke
23.02.2022 Figurenvorstellung bei Kunterbunte Bücherreisen
24.02.2022 Die Handlungsorte bei Angéliques Leseecke
25.02.2022 Frauen im Kaiserreich bei mir
26.02.2022 Interview mit Anja Marschall bei Heike von Frau Goethe liest.






Doch nun zum Buch:
Als die junge Brasilianerin Maria erfährt, dass ihr Vater die heimatliche Kaffeeplantage verkaufen will, bricht für sie eine Welt zusammen, sie ist auf der Plantage aufgewachsen und der Gedanke daran diese zu verlassen ist für sie unerträglich. Als sie den potenziellen Käufer Johann Behmer kennenlernt und dieser um ihre Hand anhält, stimmt sie nach kurzem Zögern nicht nur aus rationalen Beweggründen zu, sie hat sich in den viel älteren Mann verliebt, der ihr das Versprechen gibt, sie immer als gleichwertig zu sehen. Maria geht mit ihrem Mann nach Hamburg, wo ihr nicht nur die norddeutsche Kälte zu schaffen macht,  auch in der Villa der Familie herrscht ihr Gegenüber eisige Kälte. Ihre Schwägerin Gertrud führt ein strenges Regiment, ihr Leben ist davon bestimmt, die richtigen Kontakte zu knüpfen, um ihrem Mann Alfons den Weg in eine fulminante Karriere zu ebnen.

Die Töchter der Speicherstadt, ist nicht das erste Buch der Autorin, welches ich gelesen habe, allerdings ist es das erste, mit dessen Hintergrund ich mich im Vorfeld so intensiv beschäftigte. Und so waren mir die Orte, die die Autorin Anja Marschall beschreibt, recht vertraut.
Auch die Personenbeschreibungen waren sehr realistisch, Anja Marschall lässt uns in die Salons der gehobenen Gesellschaft blicken und in die katastrophalen Lebensbedingungen in den Armenvierteln des reichen Hamburgs, dessen Senat mit der stetig wachsenden Bevölkerung vollkommen überfordert ist, dies beschreibt sie anschaulich mit der Cholera Epidemie im Jahr 1892, der in Hamburg mehr als 8000 Menschen zum Opfer fielen.

Maria fällt es nicht leicht sich in Hamburg einzugewöhnen, alles ist fremd und kalt und bis auf ihren Mann Johann heißt sie niemand willkommen. Für ihre Schwägerin, sie ist die *Wilde*, die sich in den Damensalons nicht zu benehmen weiß und die, das ist wohl das schlimmste, ihrem Mann einen Erben schenken könnte, der das Erbe der eigenen Kinder bedroht. Doch Maria beißt sich trotz aller Lügen und Intrigen durch. 

Mehr zum Inhalt mag ich euch natürlich nicht erzählen, das würde euch des Vergnügens berauben selbst einzutauchen in die Welt des Kaffeehandels und vor allem in Marias Geschichte.
Mit dem Beginn des 1. Weltkriegs endet der erste Band um die Töchter der Speicherstadt, der mit dem großen Brand in Hamburg 1842, der zwischen dem 5. und 8. Mai große Teile der Altstadt zerstörte. 
Und jetzt verrate ich euch noch, was ich an diesem Buch besonders mochte, jeder historische Fakt der erwähnt wurde, hielt meiner  eigenen Recherche stand, und damit gewann auch Marias Geschichte an Glaubwürdigkeit.

Ich vergebe sehr gern eine absolute Leseempfehlung

Autorin: Anja Marschall

Genre: Historisch
Version: eBook und Taschenbuch
erschienen: 24. Februar 2022
Seiten: 464
Altersempfehlung: Erwachsene
Herausgeber ‏ : ‎ Piper Taschenbuch








4 Kommentare:

  1. Hallo,

    Danke, für den schönen Beitrag! In Sachen Gleichberechtigung hat sich zum Glück mittlerweile sehr viel geändert (wenn auch leider nicht in allen Ländern der Welt).

    LG Diana

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    1. Ja es liegt weltweit noch viel Arbeit vor der Menschheit

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  2. Hallo! Ich danke für die tolle und ausführliche Rezension nebst Leseempfehlung sowie die interessanten Zeilen zum Frauenbild von damals. LG Astrid

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  3. Liebe Astrid, danke für deinen Besuch im Bücherhaus.

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