Heute darf ich die Autorin Ulrike Serowy im Bücherhaus begrüßen, deren Novelle"Im Schutzraum« ich gerade gelesen habe.
Herzlich willkommen, liebe Ulrike, ich freue mich, dass du dich bereit erklärst, hast mir ein paar Fragen zu beantworten. Für die unter meinen Leserinnen und Lesern, die dich noch nicht kennen, stelle dich doch bitte kurz vor.
Hallo Manuela, vielen Dank für die Gelegenheit! Ich bin Autorin und lebe im schönen Rheinland, am liebsten in Sichtweite des Kölner Doms. Mein Debüt kam 2013 im Hablizel Verlag heraus, seitdem schreibe und veröffentliche ich regelmäßig die Geschichten, die durch mich erzählt werden wollen. Die bewegen sich mal im Düster-Romantischen, mal im Lustig-Bizarren, oder eben, wie „Im Schutzraum“, in dystopischer Finsternis.
Kommen wir nun zu den Fragen.
Was hat dich dazu inspiriert »Im Schutzraum« zu schreiben. (Ich war ja froh, dass die Novelle so kurz ist, ich habe sie fast durchgängig mit angehaltenem Atem gelesen)
Erstmal freut es mich, dass die Geschichte dich in Atem gehalten hat! Die Inspiration kam durch den Ort, an dem sie spielt: Ich habe lange in Köln-Kalk gewohnt, und dort gibt es in der U-Bahn-Station „Kalk Post“ den Atomschutzraum, in dem die Erzählung spielt. Ich habe zweimal eine Führung durch den Schutzraum mitgemacht und diese Erfahrungen haben mich nachhaltig erschüttert. Die Anlage dort unten ist Ausdruck eines starren Verwaltungswillens, der im Namen der Funktionalität wenig Raum lässt für Menschlichkeit und Lebendigkeit. Eigentlich soll dieser Schutzraum dazu dienen, die Überlebenschancen nach einem Atomschlag auf Köln für die Insassen um eine gewisse Zeit zu verlängern, ist dabei aber so dysfunktional, dass am Ende der Führung mit all ihren beklemmenden Eindrücken nicht nur ich den Gedanken hatte, dass ich im Fall des Falles lieber draußen wäre als drinnen, im Schutzraum…
Deine Erzählerin bleibt namenlos – was war dein Beweggrund dafür
Es ist spannend, dass du die Person als Frau, als Erzählerin gelesen hast. Ich habe mir beim Schreiben eher einen mitteljungen Mann vorgestellt, eine Art Jedermann. Es kann aber genauso gut eine Jederfrau sein, denn die Namenlosigkeit der Hauptfigur genau wie die Du-Perspektive soll den Leser an ihre Stelle setzen. Im Grunde ist die Hauptfigur nur ein Platzhalter für den Leser, der sich mit den Fragen konfrontiert sehen soll, wie er oder sie selbst sich in einer solchen Extremsituation fühlen und verhalten würde.
Wie bist du bei der Recherche zu den historischen und technischen Details rund um den Zivilschutzraum vorgegangen
Ich habe die Führungen im Schutzraum mitgemacht und dann noch dazu gelesen. Die Führungen waren sehr detailliert und eindrücklich, da konnte ich schon viel mitnehmen. Bis vor einiger Zeit gab es auch einen virtuellen Rundgang durch den Schutzraum, durch den ich beim Schreiben oft per Mausklick gewandert bin. Leider ist der nicht mehr online, aber dort konnte ich meine Erinnerungen an die Raumsituation auffrischen.
Da es ein literarisches Werk und kein Sachbuch ist, mag es nicht hundert Prozent historisch korrekt sein). Doch manche Ungenauigkeit oder Widersprüchlichkeit im Text spiegeln eben auch die Dysfunktionalität des Schutzraums selbst wider.
Machtstrukturen und Kontrolle spielen in deinem Buch eine große Rolle. Was fasziniert dich besonders an diesen Themen in solchen Extremsituationen?
Die Frage, die sich mir stellte und die das Buch stellt: Woran erkennen wir, ob wir Regeln folgen sollten, die nominell zu unserem Besten sind, aber vielleicht nicht unser Bestes bewirken? Hannah Arendt sagte mit Bezug auf Kant: Niemand hat das Recht, zu gehorchen. Damit ist gemeint, dass einem ein Befehl nicht die Verantwortung für das eigene Handeln abnimmt. Wann ist der Punkt erreicht, ab dem das gilt? Und: Wo fängt Machtmissbrauch an, wo beginnt man, sich über andere zu erheben, sobald man etwas Macht bekommt? Das sind Fragen, die der Text verhandelt. Wobei ich noch ergänzen möchte, dass meine Texte in erster Linie Werke sind, die Eindrücke in Sprache übersetzen und erst nachrangig politische oder gesellschaftskritische Aussagen. Meiner Meinung nach muss Literatur sich in erster Linie an künstlerischen Maßstäben messen, dann an denen des Inhalts, ansonsten ist es keine Literatur, sondern ein Gebrauchstext.
Gab es eine Szene oder Passage, die dir beim Schreiben besonders schwergefallen oder besonders wichtig war?
Da „Im Schutzraum“ recht kurz ist, lag die größte Herausforderung eher darin, die beklemmende Stimmung in einem stetig anwachsenden Bogen aufzuspannen. Außerdem ist es beim Schreiben immer ein Ziel, dem Leser nicht ausdrücklich vorzuschreiben, wie er die Geschehnisse in der Erzählung wahrzunehmen hat, sondern durch möglichst präzise Beschreibungen dafür zu sorgen, dass sich ein bestimmter Eindruck, eine besondere Stimmung einstellt, ohne, dass es dafür Regieanweisungen braucht. Ich hoffe, das hat bei „Im Schutzraum“ gut geklappt, auch durch die Wahl der Du-Perspektive.
Wie sieht dein Arbeitsalltag aus, wenn du an einem neuen Buch schreibst?
Tatsächlich gar nicht groß anders als sonst, außer dass es dann längere Schreibphasen gibt. Wirklich produktiv bin ich – etwas klischeehaft – am ehesten abends und nachts, wenn die Alltagswelt Ruhe gibt.
Wenn du nicht schreibst, womit beschäftigst du dich?
Mit den unterschiedlichsten Dingen – Arbeit, Kunst, Menschen, Sprachen… mein Lebensgefährte und ich sind vor Kurzem umgezogen, das hat einige Zeit und Energie gebunden, aber wir sind froh über unser neues Zuhause und ich liebe es, dort immer weiter heimisch zu werden. Ich male auch gerne, singe und mache Musik und will mir dafür wieder mehr Zeit nehmen, sobald es richtig Herbst ist.
Gibt es bestimmte Autorinnen oder Autoren oder Werke, die dich besonders geprägt oder inspiriert haben?
Mein Schreiben wird von ganz vielen unterschiedlichen Autorinnen und Autoren inspiriert – ich habe als Kind und Jugendliche eigentlich nur gelesen, und besonders als Kind haben mich die „Der Kleine Vampir“-Bücher von Angela Sommer-Bodenburg sehr geprägt. Die sind zwar sehr kindgerecht, lassen aber doch die abgründige Verlorenheit dieser Wesen durchscheinen. In den letzten Jahren haben mich vor allem „Die Wand“ von Marlen Haushofer und „Der Erlkönig“ von Michel Tournier umgehauen. Auch die Bücher von Tarjei Vesaas kann ich sehr empfehlen, besonders wenn es um die künstlerische Verarbeitung der Beziehung zwischen Mensch und Natur geht.
Und zum Schluss: Gibt es schon ein neues Projekt, auf das wir uns freuen können?
Ich schließe gerade einen szenischen, realistischen Kurzroman ab, der sich thematisch mit dem Thema Mobbing und zerstörerischen Dynamiken unter Schülern auseinandersetzt. Vielleicht lasse ich den aber erstmal in der Schublade, das weiß ich noch nicht.
Ich arbeite zusammen mit einer Drehbuchautorin gerade daran, Highway to Hel verfilmen zu lassen. Wir sind dafür auf der Suche nach einer Produktionsfirma und es wäre so genial, wenn das klappt!
Vielen herzlichen Dank für deine ausführlichen Antworten, liebe Ulrike, wenn die Realisierung einer Verfilmung von Highway to Hel klappt, wäre das großartig, ich mochte auch diese Geschichte von dir sehr.
Hier geht es zu meiner Rezension von "Im Schutzraum" https://lesenswertesausdembuecherhaus.blogspot.com/2025/10/im-schutzraum-von-ulrike-serowy.html

Vielen lieben Dank für dieses spannende Interview mit Ulrike Serovy!
AntwortenLöschenUlrike ist eine sehr angenehme Interviewpartnerin gewesen, so macht das Spaß.
LöschenSehr interessantes Interview, ich bin gespannt auf die Rezension zum Buch.
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