Freitag, 11. Juli 2025

Der Totengräber und die Pratermorde von Oliver Pötsch


Oliver Pötsch führt uns in seinem neusten Buch wieder nach Wien, diesmal in das Jahr 1896. Schon nachdem ich das letzte Buch beendet hatte, freute ich mich auf einen neuen Fall mit Augustin Rothmayer, Leopold von Herzfeldt und Julia Wolf – das Wiedersehen fühlt sich inzwischen an wie die Rückkehr zu alten Freunden. Umso größer war die Spannung, mit welcher Geschichte Oliver Pötsch dieses Mal aufwartet – und ich wurde nicht enttäuscht.

Augustin Rothmayer, der Totengräber mit viel Herz und feinem Gespür für das Morbide, steht erneut im Mittelpunkt. Besonders faszinierend fand ich seine Zusammenarbeit mit Professor Hofbauer: der ihn bei der Arbeit an seinem neuen Buch ‚Was uns die Toten erzählen‘ unterstützt. Rothmayer führt erste forensische Experimente mit Fliegen und Maden durch – ein ungewohntes, aber überaus spannendes Detail, das zeigt, wie sich die Wissenschaft langsam in die Ermittlungsarbeit vorwagt. Gleichzeitig ringt Rothmayer mit seiner Rolle als Ziehvater der 15-jährigen Anna, das Mädchen steckt mitten in der Pubertät und macht mit ihrer Eigenwilligkeit Augustin das Leben manchmal ganz schön schwer.

Auch Inspektor Leopold von Herzfeldt überzeugt wieder auf ganzer Linie. Mit seiner Grazer Beharrlichkeit und Offenheit für neue Methoden bringt er frischen Wind in die Wiener Polizeiarbeit. Julia Wolf steht ihm als kluge und selbstbewusste Partnerin zur Seite – sie lässt sich nicht einschüchtern, weder von Vorgesetzten noch von gesellschaftlichen Konventionen. Das Zusammenspiel der drei Hauptfiguren funktioniert wunderbar und zeigt, wie gut sie sich ergänzen: Rothmayers Lebenserfahrung, Herzfeldts moderne Ansätze und Julias Mut bilden ein starkes Team, trotz ihrer zwischenzeitlichen Trennung, da war ich, obwohl ich nicht viel für Liebesgeschichten in Krimis übrig habe, doch etwas enttäuscht, die beiden gehören doch irgendwie zusammen.

Der Fall selbst beginnt spektakulär: Zwei Zauberkünstler sorgen in Wien für Furore – der Amerikaner Banton im Ronacher, der Große Bellini im Prater. Doch bei der berühmten Illusion der „zersägten Jungfrau“ kommt es zur Katastrophe – die Assistentin stirbt vor den Augen des Publikums. Was zunächst wie ein tragischer Unfall wirkt, entpuppt sich bald als der erste Mord einer ganzen Serie. Die Ermittlungen führen tief in eine Welt aus Täuschung, Eitelkeit und Abgründen hinter der Bühne, die Pötsch mit viel Liebe zum Detail und einer Prise düsterem Flair beschreibt.

Pötsch gelingt es erneut, das Wien der Jahrhundertwende atmosphärisch dicht und lebendig zu zeichnen. Der Wandel der Zeit – zwischen Aberglauben und aufkommender Kriminaltechnik – wird ebenso greifbar wie die sozialen Spannungen im alten Wien. Gerade dieser Kontrast macht den Reiz der Reihe für mich aus. Fingerabdrücke gelten noch nicht als Beweismittel, vieles basiert auf Intuition und Erfahrung – und dennoch: Die Moderne klopft schon deutlich an. Die Spannung wird durch überraschende Wendungen und die dichte Atmosphäre konstant gehalten, so kam es dann wieder einmal zu dem bekannten Phänomen: Eine Seite noch und noch eine und schon graut der Morgen.😅

Für mich war Der Totengräber und die Pratermorde ein spannendes Leseerlebnis. Der Kriminalfall ist vielschichtig und klug konstruiert, die Figuren sind vertraut, entwickeln sich aber weiter, und das Setting rund um die magische Bühnenwelt verleiht der Geschichte eine besondere Note. Ein echter Höhepunkt der Reihe – und ich freue mich schon jetzt auf das nächste Buch.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Paperback
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 26. Juni 2025
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 544 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3864932254
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3864932250

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