Juli wächst in einer Vorzeigefamilie auf: Die Eltern sind Rechtsanwälte, sie ist Klassenbeste. Doch in der Kleinstadtvilla herrscht das Grauen. Der Vater drillt die Kinder auf Leistung, prügelt sie und seine Frau. Juli wird älter, fordert ein Ende der Gewalt, deren Realität von der Mutter vehement abgestritten wird. Einzig ihre Geschwister und eine Maus geben Halt. Doch wie kann man sich befreien, wenn man weder den Eltern noch den eigenen Erinnerungen traut? Die Befreiung gerät zum Feldzug – gegen die Eltern und das eigene Ich. Drei Jahrzehnte folgen wir Juli, die mit aller Macht versucht, die Deutungshoheit über ihr Leben zu erlangen. Ein eindringlicher Roman über Verletzungen und eine mögliche Heilung, voller Originalität und Wärme.
Für diesen Roman die passenden Worte zu finden, ohne in Plattitüden zu verfallen, fällt mir unheimlich schwer.
Juli wächst in einer Vorzeigefamilie auf, die Eltern Anwälte, ein schönes gepflegtes Zuhause, drei Geschwister. In der Schule und im Sport läuft es für das Mädchen bestens, das Leben könnte für alle eitler Sonnenschein sein. Doch das ist es nicht, der Vater ist ein brutaler, sadistischer Schläger, der sowohl seine Frau als auch seine Kinder psychisch und physisches misshandelt, sie wissen nie, wann und warum er ein weiteres Mal über sie herfällt und ob sie die Schläge überleben. Julis Mutter streitet ab, dass die Kinder vom Vater misshandelt wurden, schließlich sei sie es gewesen, die sein Opfer war, sie verlangt von den Kindern, dass sie schweigen und besticht sie mit Geschenken und Kuchen.
Juli beginnt ein Studium in Berlin und flüchtet sich in Drogen, Alkohol und immer neuen Beziehungen, sie kann sich zwar räumlich von den Eltern trennen, emotional gelingt es ihr nicht sich zu lösen.
Ich habe mitgelitten, mit dem Kind und der jungen Frau, zu der sie sich entwickelt hat.
Dieser Roman ruft den Leserinnen und Lesern eindringlich ins Bewusstsein, welche Gewalt hinter vielen gutbürgerlichen Fassaden herrscht, entgegen der landläufigen Meinung zieht sich das Problem durch alle Gesellschaftsschichten und beschränkt sich nicht nur auf Menschen, die am unteren Rande der Gesellschaft leben müssen.
Wer nicht selbst betroffen ist, kann sicher nicht verstehen, warum sich die Opfer der Gewalt nicht wehren, warum sie nicht gehen. Ich kann das auch nicht, ich kann nur mutmaßen, dass es sowohl finanzielle Gründe als auch emotionale hat, der Wunsch dem Täter zu gefallen und die Hoffnung, die daraus resultiert, dass vielleicht doch noch alles gut wird.
Juli ist als Charakter schwierig gezeichnet, ich konnte ihre Handlungen nicht immer nachvollziehen, auch wenn ich verstand, welcher Schaden in ihrer Seele über die Jahre der Misshandlungen entstanden sein muss, was sicherlich so manches erklärt.
Dabei schafft die Autorin eine gewisse Distanz zum Geschehen zu wahren, das ist der Sprache geschuldet, die sie ihrer Protagonistin gibt, sarkastisch und mit manchmal bissigem Humor wehrt sich Juli gegen ihren Vater und entkommt ihm doch nicht.
Ich kann dem Buch mit meinen Worten nicht gerecht werden. Das Buch muss gelesen werden, um die Gefühle nachvollziehen zu können, die ich beim Lesen entwickelte: Wut, Trauer und Hoffnung wechselten sich ab und am Ende, soviel kann ich euch verraten, siegte die Hoffnung.
Über die Autorin:
Claudia Schumacher, 1986 in Tübingen geboren, verbrachte ihre Jugend im Stuttgarter Speckgürtel. Nach dem Studium in Berlin folgten sieben Jahre in Zürich, wo sie als Journalistin und Kolumnistin arbeitete, Redakteurin bei der ›NZZ am Sonntag‹ war. Heute lebt die Autorin in Hamburg und schreibt unter anderem für ›DIE ZEIT‹.
- Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG; 4. Edition (18. Mai 2022)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 376 Seiten
- ISBN-10 : 3423290153
- ISBN-13 : 978-3423290159

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