Montag, 23. März 2026

Giovanni, du stinkst: Tod am See - Sinovats ermittelt - Antikrimi (K&S Kremi)


Es könnte ein schönes, ruhiges Leben sein. Hier am verträumten Badesee im kleinen Paradies, wie es von den Menschen im Dorf liebevoll genannt wird. Wäre da nicht dieser sonderbare Badeunfall, mit dessen Aufklärung Abteilungsinspektor Giovanni Sinovats betraut wird. Und der nicht nur die Idylle, sondern auch die vermeintliche Harmonie der nur auf den ersten Blick eingeschworenen Dorfgemeinschaft gehörig aus dem Gleichgewicht bringt.

Schon bald bleibt kein Stein auf dem anderen im kleinen Paradies am See. Sogar Erdbeben sowie ein profitgeiler Grundbesitzer werden da zur absoluten Nebensache.
Zu allem Überfluss treibt auch noch Mama Sinovats mit ihrem Italienfaible alle in den Wahnsinn. Allen voran Giovanni selbst.




Schon die ersten Seiten haben mich sofort in diese Kulisse hineingezogen: Klinger beginnt nicht mit Blut und Blaulicht, sondern mit dem Ort. Der See wurde vor Jahren künstlich angelegt, schimmert aus der Nähe dunkelgrün, und die kleinen Häuser rundherum wirken von oben wie aneinandergereihte Schuhschachteln – manche liebevoll renoviert, andere mit deutlichen Gebrauchsspuren. Die Siedlung trägt den schönen Namen „Paradies“, ein hochtrabender Name für eine Idylle, die schon früh feine Risse zeigt. Nachbarschaftskonflikte, Besitzansprüche, alte Kränkungen ,schnell wird klar, dass hinter den Gardinen mehr brodelt, als man auf den ersten Blick sieht.

Was der Klappentext verspricht, hält das Buch tatsächlich ein: Für mich ist „Giovanni, du stinkst“ weniger ein klassischer Krimi als eine sehr genaue Milieustudie. Der Todesfall am See liefert den Rahmen, aber im Mittelpunkt stehen die Menschen im „Paradies“ ihre Routinen, ihre Eigenheiten und die feinen Verschiebungen in den Beziehungen. Ich mochte gerade dieses entschleunigte Erzählen, das sich Zeit nimmt für Atmosphären, Blicke und unausgesprochene Spannungen.

Besonders gut gelungen fand ich die Figuren: Da ist zum Beispiel Alois, der jeden Morgen seine „Kronen Zeitung“ braucht, als sei sie lebenswichtig. Schon beim Lesen dieser Szenen hat man das Gefühl, er bekäme ohne sie echte Entzugserscheinungen. Im Alltag ist er, wenn man ehrlich ist, ein ziemlich langweiliger Mensch, und man stellt sich wie Ilse unweigerlich die Frage, warum sie diesen Mann überhaupt geheiratet hat. Die Antwort kommt leise, aber sehr eindrücklich: Er ist nett – und zwar auf die gute Art. Verlässlich, freundlich, einer, der da ist, wenn man ihn braucht. Das ist so unspektakulär wie berührend.

Ihre Nachbarn sind die Senefelders: Norbert, der Steuerberater, und Kerstin, eine sehr gelangweilte Hausfrau und Mutter, die ständig auf der Suche nach einem Betätigungsfeld ist, das sie wirklich ausfüllt. Man spürt in ihren Szenen dieses diffuse Unbehagen, das entsteht, wenn das Leben äußerlich „passt“, innerlich aber Lücken lässt. Gleich nebenan wohnt Werner Kukla mit seiner Frau; man kennt sich vom Grüßen und nimmt sich immer mal wieder vor, sich „bei einem Glas Wein“ besser kennenzulernen – ein Vorsatz, der genauso gut auch in jeder echten Wochenendsiedlung stehen könnte. Und wer weiß , vielleicht kennt sich der eine oder andere der Nachbarn ja schon genauer? Genau in solchen kleinen, alltäglichen Beobachtungen zeigt Klinger sein Gespür für realistische Figuren.

Um den Reigen der wirklich vielen Beteiligten zu ergänzen, lernen wir auch das Opfer des vermeintlichen Badeunfalls kennen: Herbert Wolk. Er steht unter der Fuchtel seiner Frau Brigitte, von der böse Zungen behaupten, sie habe nach seinem Tod nun niemanden mehr zum Herumkommandieren. Dieses Machtgefälle in der Beziehung ist unangenehm, manchmal fast komisch, und trotzdem nie platt gezeichnet – man ahnt, dass hinter Brigittes Kontrolle auch eigene Ängste stecken.

Einig sind sich all diese Menschen in einem Punkt: der Verärgerung über den Grundstücksbesitzer Stephan Rakózy, der die Pacht für die Grundstücke am See maßlos erhöht hat. Die gemeinsame Wut auf ihn schweißt zusammen, aber sie schärft auch die Konfliktlinien, denn nicht alle können oder wollen sich die steigenden Kosten leisten. So wird der See, dieser künstlich angelegte Sehnsuchtsort, immer mehr zum Brennglas für soziale Spannungen, alte Feindschaften und neue Allianzen.

Ich bin wirklich erstaunt, wie viel Handlung Christian Klinger in dieses nicht besonders seitenstarke Buch packt, ohne dass sich etwas gehetzt oder zu kurz abgehandelt anfühlt. Die vielen Figuren bekommen genug Raum, um plastisch zu werden, und doch verliert der Roman nie seinen roten Faden. Für Leserinnen und Leser, die mehr an Figuren, Atmosphäre und Milieu interessiert sind als an rasanten Wendungen im Minutentakt, ist dieser Antikrimi ein kleines Highlight. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und mochte besonders, wie sich der „Kriminalfall“ auflöst. Ich habe tatsächlich fast vergessen, Giovanni zu erwähnen , schließlich ist er der Ermittler. Er lebt noch bei seiner Mutter, die ein Faible für alles Italienische hat und sehr großen Wert auf Hygiene legt. So begrüßt sie ihren Sohn jeden Tag mit den Worten „Giovanni, du stinkst“, und irgendwie verhindert sie, dass ihr einziges Kind eine Beziehung eingehen kann , was ihn zu einem Frauen gegenüber sehr unsicheren Mann macht. Lernt ihn kennen und mögen so wie ich.

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