Donnerstag, 26. Januar 2023

Salomés Zorn von Simone Atangana Bekono

 

Das Buch beginnt mit einer äußerst bedrückenden Szene. Eine Schülergruppe auf dem Rückweg vom Sportunterricht demütigt einen Mann, der vor einer Geflüchtetenunterkunft steht. Niemand weist die Kinder zurecht, ob die Lehrkraft den Vorfall nicht mitbekommen hat oder ignoriert, wird aus der Szene nicht klar. Aber dies scheint der Moment zu sein, in dem Salomé zum ersten Mal bewusst wird, dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert, gedemütigt oder einfach nur mit anderen Augen gesehen werden. Und auch sie in der einen oder anderen Form schon Rassismus ausgesetzt gewesen ist, wenn auch bisher nur unterschwellig. Die Kinder sind zu dem Zeitpunkt ungefähr zwölf Jahre alt. (Die niederländische Grundschule dauert acht Jahre.)

Dann macht die Handlung einen Sprung. 

Salomé ist 16 Jahre alt, als sie in einer Jugendstrafanstalt landet, was genau sie dort hinführte, wird erst nach und nach enthüllt. Von dem Moment an wird Salomés Geschichte zeitgleich rückwärts und vorwärts erzählt. Wir erleben mit, wie es zu ihrer Verurteilung kam und wie sie sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt und sich langsam öffnet und lernt, mit ihrer durchaus verständlichen Wut umzugehen und sich selbst zu erkennen.
Salomé weigert sich zunächst, mit dem Therapeuten Frits zu sprechen, den sie aus einer TV-Show kennt. In der Show leben Kandidaten für einen gewissen Zeitraum unter denselben Bedingungen wie ihre Gastgeber und diese können für Europäer durchaus belastend sein. Dementsprechend fallen ihre Reaktionen teilweise aus, was dann, zusammengeschnitten vom Sender, dieselbe Wirkung auf die Fernsehzuschauer hat wie ähnliche Sendungen im deutschen Fernsehen. Dass ich hier so weit aushole, dient dem Verständnis für Frits, der sich nicht einmal bewusst war, dass er mit seiner Teilnahme an der Sendung dem alltäglichen Rassismus Vorschub leistet. Und erst als Frits sich öffnet, kann Salomé Vertrauen fassen.

Die Geschichte fesselte mich von der ersten Seite an und ließ mich bis zum Ende nicht mehr los. Die Autorin Simone Atangana Bekono hat es geschafft, den alltäglichen Rassismus ohne Schuldzuweisungen zu beschreiben. Sie zeigt die Konsequenzen auf, die unser Handeln haben kann, unabhängig davon, ob wir Opfer oder Täter von Mobbing, Diskriminierung  und Rassismus sind. 

Salomés Zorn ist ein Buch, dem ich gern eine Leseempfehlung gebe, dazu beigetragen hat s auch die Übersetzerin Ira Wilhelm. Ich hatte nie das Gefühl, eine Übersetzung zu lesen. 

Über die Autorin und weitere Mitwirkende

Simone Atangana Bekono wurde 1991 in Dongen, Niederlande, geboren. Sie studierte kreatives Schreiben an der ArtEZ Universität der Künste und schloss ihr Studium dort 2016 mit einer preisgekrönten Gedichtsammlung ab. 2020 wurde sie vom »de Volkskrant« zu einem der literarischen Talente des Jahres ernannt. »Salomés Zorn« ist ihr erster Roman.

Ira Wilhelm, 1962 in Lahr geboren, lebt als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin aus dem Niederländischen in Berlin. Zu den von ihr übersetzten Autor:innen zählen u. a. Anneke Brassinga, Stefan Hertmans, Ilja Leonard Pfeijffer.
Das Buch wurde mir als Vorabexemplar zur Verfügung gestellt, dies hat auf meine Meinung keinerlei Einfluss.
Weitere Stimmen zum Buch: NichtohneBuch


  • Herausgeber: ‎ C.H.Beck; 1. Edition (26. Januar 2023)
  • Sprache: ‎ Deutsch
  • Gebundene Ausgabe: ‎ 246 Seiten
  • ISBN-10: ‎ 3406800009
  • ISBN-13: ‎ 978-3406800009
  • Originaltitel: ‎ Confrontaties

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