Heute darf ich die österreichische Autorin Alex Beer im Buecherhaus
begrüßen, sie ist so freundlich mir ein paar Fragen zu beantworten.
Liebe Alex, herzlich
willkommen, im echten Leben hätte ich Kaffee, Tee und Kekse
vorbereitet, so müssen wir uns das einfach vorstellen.
Für die
Leserinnen und Leser die dich noch nicht kennen, beschreibe dich doch
bitte in 5 Worten.
Diszipliniert
Introvertiert
Weltoffen
Tierlieb
Buchnerd
1.Du bist mit deinem
Buch „Die weiße Stunde“ dem mittlerweile 6. Band der Reihe um
den Kriminalinspektor August Emmerich für den Homer 2025 nominiert,
was war dein erster Gedanke? Und wie geht es dir jetzt, so kurz vor
der Verleihung?
Als
ich von der Nominierung für den HOMER erfahren habe, war mein erster
Gedanke: ‚Wirklich? Schon wieder darf ich dabei sein?‘ Es ist
eine große Ehre – vor allem, weil ich weiß, wie viele talentierte
Kolleginnen und Kollegen jedes Jahr großartige historische Romane
veröffentlichen. Außedem ist so ein Preis ein Zeichen dafür, dass
das, woran man monatelang gearbeitet hat – mit all den Zweifeln und
Nachtschichten – Leserinnen und Leser berührt hat. Das ist einfach
wunderbar.
Jetzt,
kurz vor der Verleihung, kommt natürlich eine gewisse Aufregung auf,
aber die Freude überwiegt.
2. Welche Aspekte
der historischen Epoche waren dir beim Schreiben von „Die weiße
Stunde“ besonders wichtig?
In
Die weiße Stunde
spielt
das Jahr 1923 eine zentrale Rolle – ein Jahr des Übergangs, voller
Spannung und Gegensätze. Mir war besonders wichtig, die
gesellschaftliche Polarisierung dieser Zeit spürbar zu machen:
bittere Armut und überbordender Reichtum, politische
Radikalisierung, aber auch die Sehnsucht nach Stabilität.
Die
Hyperinflation war in Deutschland in aller Munde – doch auch in
Österreich herrschte Unsicherheit, Hoffnungslosigkeit, ein Gefühl
des Ausgeliefertseins. Genau diesen historischen Druck wollte ich
einfangen: Wie lebt, fühlt, kämpft ein Mensch wie August Emmerich
in so einer Zeit? Wie sehr beeinflussen äußere Umstände unsere
Moral, unsere Entscheidungen? Mich interessiert immer das
Spannungsfeld zwischen Zeitgeschichte und Menschlichkeit – das ist
für mich das Herz meiner Romane.
3.Gibt es reale
historische Vorbilder für deine Figuren oder bewegst du dich ganz
frei in der Fiktion?
Die
meisten meiner Figuren entstehen aus der Fiktion heraus, bewegen sich
aber in einem historisch fundierten Umfeld. Ich lege großen Wert
darauf, dass das Denken, Fühlen und Handeln der Figuren glaubwürdig
für die jeweilige Epoche ist. Bei August Emmerich zum Beispiel gibt
es kein konkretes Vorbild, aber er trägt viele Züge jener
Generation, die vom Ersten Weltkrieg gezeichnet wurde –
traumatisiert, misstrauisch, aber unbeugsam.
Anders
ist es bei Felix Blom: Für ihn war Eugène-François Vidocq das ganz
klare historische Vorbild. Vidocq war im 19. Jahrhundert zunächst
selbst ein berüchtigter Verbrecher, bevor er zum Gründer der
französischen Kriminalpolizei und zur Inspiration für zahllose
Detektivfiguren wurde. Diese Doppelrolle – Täter und Ermittler in
einer Person – fand ich faszinierend. Auch Blom trägt diese
Ambivalenz in sich: Er ist ein ehemaliger Meisterdieb, der plötzlich
gezwungen ist, auf die Seite des Gesetzes zu wechseln. Die Frage, ob
man sich wirklich ändern kann, ob Vergangenheit und Schuld jemals
hinter einem liegen – das ist ein zentrales Thema der Blom-Reihe.“
4.Gab es bei der
Recherche für „Die weiße Stunde“ eine überraschende
Entdeckung, die dich besonders beeindruckt hat?
Ja,
tatsächlich. Während der Recherche zu
Die weiße Stunde
hat
mich besonders die Rolle der Frauen in dieser Umbruchszeit
beeindruckt – und überrascht. Wir sprechen oft von den ‚goldenen
Zwanzigern‘, aber 1923 war davon in Wien kaum etwas zu spüren.
Viele Frauen mussten plötzlich allein für ihre Familien sorgen,
kämpften ums Überleben – und das mit einer
Selbstverständlichkeit, die in den offiziellen Geschichtsbüchern
kaum vorkommt.
5.Wie entwickelst du
die Themen deiner Romane? Entstehen sie zuerst aus historischen
Begebenheiten oder aus einer fiktionalen Idee?
In
der Regel beginne ich mit einem historischen Thema oder einer realen
Begebenheit, die mich nicht mehr loslässt – ein Zeitungsartikel,
eine Gesetzesänderung, ein vergessener Skandal oder ein
gesellschaftlicher Umbruch. Daraus entwickelt sich dann die Frage:
Welche Geschichte könnte sich in diesem Umfeld abspielen? Welche
Figur gerät unter Druck, muss handeln, verändern, verlieren?
Manchmal
sind es auch persönliche Fragen, die ein Thema anstoßen: Wie weit
geht jemand für Gerechtigkeit? Was bleibt vom Menschen, wenn das
System zerfällt? Erst danach entwickle ich die eigentliche
Krimihandlung.
6.Was bedeutet dir
der Austausch mit anderen Autorinnen und Autoren der HOMER-Shortlist
persönlich und beruflich?
Der
Austausch mit Kolleginnen und Kollegen ist für mich stets ein echtes
Highlight – sowohl menschlich als auch beruflich. Schreiben ist ein
einsamer Prozess, oft voller Zweifel, und umso wertvoller ist es,
sich mit Menschen auszutauschen, die genau wissen, wie sich das
anfühlt. Manche AutorInnen kenne ich bereits, bei den anderen freue
ich mich schon sehr darauf, sie kennenzulernen.
7. Wenn du dich an
die Anfänge deiner Karriere als Autorin erinnerst, kurz vor der
Veröffentlichung deines ersten Romans, wie hast du dich zwischen
„Yeah der Pulitzer-Preis ist mir sicher „ und „Oh, weh man
reiche mir ein Mauseloch“ gefühlt?
Ganz
ehrlich? Ich habe zwischen beiden Extremen geschwankt – manchmal
innerhalb weniger Minuten. An einem Tag dachte ich: ‚Das wird
groß!‘ – und am nächsten wollte ich den Verlag anrufen und
alles abblasen, weil ich mir sicher war, dass niemand das lesen will.
8. Und als letztes,
welche Frage wolltest du schon immer beantworten, es hat sie nur noch
niemand gestellt?
Vielleicht:
Was
würden Sie tun, wenn Sie einen Tag lang in Ihrer eigenen Romanwelt
leben könnten?
Ich würde sehr früh aufstehen – schon allein, um Emmerich zu
beobachten, wie er seinen Kaffee trinkt, ohne Milch, aber mit viel
Misstrauen. Ich würde versuchen, Blom auf frischer Tat zu ertappen,
was mir wahrscheinlich nicht gelänge. Und ich würde sehr genau
aufpassen, wo ich hintrete – denn das Wien oder Berlin meiner
Romane ist zwar faszinierend, aber nichts für zarte Gemüter. Am
Abend würde ich dann froh sein, wieder ins 21. Jahrhundert
zurückzukehren – mit Zentralheizung, Zahnmedizin und Internet.
Ich drücke dir ganz fest die Daumen für die Preisverleihung und wünsche dir weiterhin viel Erfolg. Ich habe mich sehr über deine ausführlichen Antworten gefreut.