Hallo Jol, herzlich willkommen im Bücherhaus, mach es dir bequem, Kaffee, Tee und Kekse stehen bereit, bedien dich bitte.
Magst du dich für die Leserinnen und Leser, die dich vielleicht noch nicht kennen, kurz vorstellen, bitte?

(Bild mit freundlicher Genehmigung von Jol Rosenberg)
Ich bin Jol Rosenberg und schreibe charakterbetonte Science-Fiction. Ich beschäftige mich damit, wie zukünftige Techniken oder Entwicklungen einzelne Personen und Gesellschaften beeinflussen, und baue daraus spannende Geschichten. Außerdem betreibe ich einen queerfeministischen Buchblog mit SF-Schwerpunkt.Fangen wir doch ganz harmlos an:
1. Welche Schullektüre hat dich begeistert oder wahlweise, welche fandest du besonders schrecklich?
Schullektüre … hmm. Ich erinnere mich daran, dass „Käuzchenkuhle“ mich berührt hat. Obwohl ich gar nicht mehr weiß, worum es darin ging, erinnere ich mich daran, dass es eine Szene im Wald gab, in der ich mich verstanden fühlte.
Oh, das kenne ich, ich habe auch schon viele Bücher gelesen, die mir immer noch positiv im Gedächtnis sind, obwohl ich keine Ahnung vom Inhalt mehr habe.
2. Hast du eine*n Lieblingsautor*in?
Bislang mochte ich alles von Becky Chambers, auch wenn mich „To be taught, if fortunate“ nicht so vom Hocker gerissen hat wie die anderen Bücher. Ich bin absolut Fan der Murderbot-Serie von Martha Wells, konnte aber mit anderen Texten von ihr nichts anfangen. Ähnlich geht es mir mit Judith und Christian Vogt oder Lena Richter: Manches mochte ich sehr, anderes weniger. Ich bin wohl eher Fan von Texten als von Autor*innen.
3. Was hat dich dazu inspiriert, Schriftsteller*in zu werden, und welche Themen liegen dir besonders am Herzen?
Wie so vielen anderen ist mir das Schreiben passiert. Ich habe mir nie ausgewählt, dass ich das jetzt will, es überkam mich immer wieder. Thematisch sind mir Hoffnung und Utopien wichtig. Einfach weil ich ganz oft Bücher lese, die ich sprachlich enorm mag, deren Düsterkeit und Hoffnungslosigkeit mich aber sehr bedrücken. Da möchte ich gern ein Gegengewicht schaffen: sprachlich schöne Bücher mit viel Beziehung (und gern auch ein wenig Action), mit Figurenentwicklung und vor allem Hoffnung.
4. Kannst du uns einen Einblick in deinen Schreibprozess geben? Arbeitest du nach einem bestimmten Schema oder lässt du dich von deinen Ideen leiten?
Kein Schema. Wenn sich das einschleicht, versuche ich, mich davon frei zu machen. Ich beginne meist mit einer Szene, oft auch mit einer Figur. Und die lasse ich dann loslaufen, gedanklich oder schon schreibend, bis mir klar wird, worum es geht. Ganz viel davon muss ich später verwerfen, weil erst, wenn ich meine Figuren gut kenne, der eigentliche Text losgeht und ich plotten kann. Das Thema wird mir dann oft erst im Arbeiten klar und daraufhin überarbeite ich den Text dann, reichere ihn an und specke ihn an den Stellen ab, an denen ich ins Schwafeln gekommen bin. Ich probiere immer mal wieder aus, wie ich meinen Arbeitsprozess besser gestalten kann, aber letztlich ist es immer ein Ringen.
5. Wie entwickelst du deine Charaktere?
Die sind erstmal einfach da. Aber natürlich taugen sie dann nichts. Ich muss eine Weile mit ihnen leben, sie kennenlernen, sie in verschiedene Situationen schicken. Manchmal spaziere ich lange mit ihnen herum, bis sie mir genug verraten. Ich fertige Figurenbögen an, denke über sie nach, interviewe sie, spreche mit anderen darüber. Ich beleuchte sie kritisch auf Klischees und Ismen (und finde immer einige), überlege, ob die einen Sinn für den Text haben, oder bearbeitet werden können. Dann komme ich irgendwann an den Punkt, an dem ich denke: Die Figur ist rund. Fertig. Und natürlich verändert sie sich dann trotzdem weiter.
6. Welche Autor*innen oder Werke haben deinen Schreibstil und deine Themenwahl am meisten beeinflusst?
Das ändert sich immer mal wieder, je nachdem, welche Texte mich besonders berühren. Oft lese ich ja Texte zu Themen, die mich ohnehin interessieren. Die oben Genannten spielen da eine wichtige Rolle. Aber auch teilweise Filme: Etomi beispielsweise ist von „Logan’s Run“ inspiriert. Den habe ich als Kind gesehen („Flucht ins 23. Jahrhundert“) und dann dreißig Jahre lang verdaut. ;) Mein Roman biegt in eine völlig andere Richtung ab als der Film, aber die Grundidee, die ist von dort. Oft weiß ich das aber gar nicht mehr so genau, wo meine Ideen herkommen.
7. Inwiefern fließen deine Erfahrungen als Psychotherapeut*in in deine literarische Arbeit ein?
Ich glaube, dass es eher das gleiche Interesse ist, das zu beiden Berufen geführt hat: das Interesse für Menschen und Beziehungen, für das, was Menschen bewegt und trägt. Und vielleicht hat mich mein Beruf als Psychotherapeut*in eine gewisse Demut gelehrt, die auch in meine Texte einfließt. Aber möglicherweise wünsche ich mir das auch nur …
8. Du beschäftigst dich mit futuristischen Themen. Wie siehst die Zukunft der Menschheit, und welche Botschaften möchtest du durch deine Geschichten vermitteln?
Die Texte machen ja nicht immer, was ich möchte. Das finde ich ganz wichtig: dass sie lebendig sind und nicht pädagogisch. Aber wenn ich mir etwas wünschen darf, dann ist es, dass meine Texte Mut machen. Nicht zuckergussmäßig, sondern in der Auseinandersetzung mit Ängsten und Sorgen, in dem Vertrauen darauf, dass wir gemeinsam zurecht kommen können, mit dem, was geschehen muss. Auch im Hinblick auf den Klimawandel. Dass wir uns trauen, hinzusehen und daraus Änderungen abzuleiten, die möglichst viele Leute mitnehmen. Dass wir uns trauen, groß zu denken und all den tollen Ideen, die es ja bereits gibt, Raum zu geben.
9. Kannst du uns einen Ausblick auf kommende Projekte oder Bücher geben? Gibt es Themen oder Genres, die du noch erkunden möchtest?
Als nächstes kommt die von mir herausgegebene Anthologie „Psyche mit Zukunft“, die auf dem BuCon Premierenlesung hat. Das ist eine Sammlung von SF-Kurzgeschichten rund um das Thema psychische Gesundheit und Krankheit. Dann, vermutlich 2025, kommt der zweite Teil von „Das Geflecht“, ein Roman rund um die Frage, wie ein utopisches Leben gestaltet werden kann. Das ist gar nicht so leicht, denn natürlich haben die Beteiligten verschiedene Ideen dazu, was eigentlich utopisch ist.
Mit meinem Genre bin ich zufrieden, auch wenn ich mir wünsche, mehr Leser*innen jenseits des SF-Stammpublikums zu erreichen. Ich glaube, dass meine Texte dafür auch geeignet sind, solange Menschen Lust haben, sich auf einige phantastische Elemente einzulassen. Letztlich schreibe ich immer Beziehungsgeschichten.
Mein Herz schlägt für Roboter- und Androidenfiguren und ich träume davon, einer solchen Figur ein ganzes Romanprojekt zu widmen. Bislang ist aber keine Idee dazu rund genug, um wirklich in einen Roman zu fließen, sodass es zu dem Thema „nur“ eine Handvoll Kurzgeschichten gibt.
Das neue Buch wird am 19.10.2024 auf dem BuCon vorgestellt: 14:00 - 14:55 Uhr, Kegelbahn
Anthologie "Psyche mit Zukunft". Saskia Dreßler, Aiki Mira, Marie Meier, Nicole Hobusch, Jol Rosenberg. Lesung. Trigger: Mental-Health-Themen
Vielen Dank, dass du meine Fragen so geduldig beantwortet hast. Ich freue mich darauf, dich auf dem kommenden BuCon zu treffen.
Vielen Dank für das Interview. Ich freu mich auch!