Nun sitze ich selbst unter einer Buche. Nicht zum Sterben, sondern um die Sonne zu genießen, meine Leere zu erkunden und an dich zu denken. Vielleicht auch, um ein bisschen zu weinen. Ich will dir erzählen, von mir, von dir und Resümee ziehen aus unseren schwierig schönen gemeinsamen Jahren. Doch hier im Friedwald fallen mir vor allem Geschichten vom Sterben ein. Als ob die Seelen vorbeistreiften und mir einen Wink gäben. Als ob sie mir zärtlich zuflüsterten: „Erzähl auch von mir.“ Als ob sie mir Bilder schenkten von ihrem Leben, während sie noch bei uns waren. So entfaltet sich ein Kaleidoskop aus immer neuen Bildern von Menschen, die ihren Weg zu Ende gegangen sind. Wie einzelne Perlen in den Farben von Reue, Versöhnung, Liebe und Schuld flechten sich die Erzählungen in unsere gemeinsame Geschichte ein und hinterlassen mich mit Stille und Zuversicht.
Geschichten über das Sterben zu lesen ist für mich, wenn es sich nicht gerade um Krimis oder Thriller handelt eher ungewöhnlich. Der Titel und das Cover aber sprachen mich an und ich dachte mir: Wenn es zu traurig, rührselig oder religiös wird, kann ich es immer noch abbrechen.
Da ihr diese Rezension
lesen könnt, habe ich es nicht abgebrochen.
Eine Frau sitzt unter einem Baum in einem Friedwald und trauert um ihren Mann, mit dem sie eine lange von Höhen und Tiefen geprägte Ehe führte, sie erzählt von dem Schmerz, den sie empfand, als er starb und sie allein zurückbleiben musste, aber auch davon, dass sie nun frei sei, ein neues Leben beginnen zu können. Und sie erzählt ihm Geschichten vom Sterben anderer Menschen, denn die sind es, die ihr in dem Friedwald einfallen. Vor allem von den Menschen, die im Krieg oder danach starben. Sie erzählt von Gertrud, die als Krankenschwester ihren Dienst an der Front tut, in Blut und Eingeweiden, in Schmerz und Leid versinkt und niemals aufgibt, erst als ein Mann sie enttäuscht und sie das gemeinsame Kind abtreiben lässt, beginnt etwas in ihr zu zerbrechen, Stück für Stück, bis von der Gertrud die enthusiastisch in den Krieg zog, nichts mehr übrig blieb. Erst als sie wieder zu Hause eine Ausbildung zur Hebamme macht, heilt ihre Seele, ein Happy End aber nimmt auch diese Geschichte nicht.
Ich könnte euch jetzt von jeder der Geschichten erzählen, worum es geht, aber das werde ich nicht tun, ich versuche euch lieber zu erzählen, was ich gefühlt habe, als ich diese Geschichten las:
Trauer, Mitgefühl und manchmal auch den Schmerz, den die Hinterbliebenen fühlten, besonders Heinrichs Mutter, deren Söhne im Krieg fielen, muss sehr unter ihrem Verlust leiden, sprechen kann sie darüber nicht, denn andere haben ja noch "viel mehr verloren".
Zwischen all diesen Geschichten über den Tod, erfahren wir mehr über die Erzählerin und ihrer Beziehung zu ihrem verstorbenen Mann. Und das ist es, was dieses Büchlein so besonders macht, denn dieses Kennenlernen der Erzählerin, so nenne ich das einmal, lässt uns erleben, dass Trauer nichts Schlimmes ist, wir sollten sie zulassen, weinen und schreien, reden und schweigen, all das gehört zur Trauer dazu und nur so können wir den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten.
Die Vögel singen weiter von Lea Söhner hat mich nicht traurig zurückgelassen, sondern mit einem guten Gefühl, wie ich das genau benennen soll, weiß ich allerdings nicht. Jetzt kommt die Zeit, in der traditionsgemäß in Deutschland den Toten gedacht wird. Die Natur macht eine Pause und der Mensch findet vielleicht die Zeit einmal innezuhalten und zurückzublicken, auf die, die vor uns da waren, um dann mit den bald wieder helleren Tagen auch wieder nach vorn zu auf die, die noch da sind und die, die kommen werden.
Das nehme ich aus diesem Buch mit.
- Herausgeber : tredition (21. September 2022)
- Sprache : Deutsch
- Taschenbuch : 156 Seiten
- ISBN-10 : 3347668995
- ISBN-13 : 978-3347668997




