Kann ein Einzelner den Lauf der Geschichte verändern? Kann eine Minderheit etwas gegen einen übermächtigen Gegner, den Staat, ausrichten? »Der Nachtwächter«, der neue Roman der mit dem National Book Award ausgezeichneten Autorin Louise Erdrich, basiert auf dem außergewöhnlichen Leben von Erdrichs Großvater, der den Protest gegen die Enteignung der amerikanischen UreinwohnerInnen vom ländlichen North Dakota bis nach Washington trug. Elegant, humorvoll und emotional mitreißend führt Louise Erdrich vor, warum sie zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart gezählt wird - und zeigt, dass wir alle für unsere Überzeugungen kämpfen sollten und dabei manchmal sogar etwas zu verändern vermögen.
Thomas Wazhawk, arbeitet als Nachtwächter in einer Lagersteinfabrik in Turtle Mountain und kämpft als Vorsitzender des Stammesrats gegen die Terminationspolitik, die sein Volk die Chippewa zur sofortigen Terminierung vorsieht. Das Leben im Reservat ist nicht einfach, vom Land, das die Weißen ihnen ließen, können sie kaum leben und andere Arbeit ist knapp, es gibt eine Lagersteinfabrik in der viele Frauen aus dem Reservat arbeiten unter ihnen auch die 17-jährige Pixie, die nach ihrem Schulabschluss vergebens darum bittet Patrice genannt zu werden.
Thomas und Patrice, sind die Hauptpersonen des Romans, während Thomas Charakter auf einer realen Persönlichkeit beruht, ist Patrice frei erfunden, sie ist eine Verschmelzung vieler starker Frauen, die die Autorin aus den Erzählungen ihrer Quellen zum Leben erweckte.
Patrice macht sich auf die Suche nach ihrer älteren Schwester Vera, die mit einem Mann nach Minneapolis ging, um dort Arbeit zu finden. Damit schlägt die Autorin ein weiteres düsteres Kapitel im Leben der Indianer auf, sie wurden zur Umsiedlung in die Städte überredet, wo sie nur teilweise Arbeit fanden und entweder in die Reservate zurückkehrte oder verelendeten (anders kann ich meinen Eindruck von der Lebenssituation nicht ausdrücken). Ohne es direkt in Worte zu fassen, erzählt Louise Erdrich davon, wie knapp Patrice, aus dem Strudel von Drogen und Prostitution entgeht, in dem sich ihre Schwester wohl verlor. Patrice kehrt mit dem festen Willen aus Minneapolis zurück, etwas aus ihrem Leben zu machen.
Währenddessen setzt Thomas alles daran, die Bewohner Turtle Mountains auf den Widerstand gegen das Emanzipationsgesetz einzuschwören, ich mochte ihn sehr, seine ruhige und besonnene Art machten ihn sehr sympathisch, ebenso wie seine Hartnäckigkeit mit der er für die Gerechtigkeit für sein Volk und damit für alle indigenen Völker kämpft.
Die Autorin führt uns in eine Zeit in der die systematische Ausrottung der Indianer per Gesetz vorangetrieben wurde, 1953 wird der Versuch unternommen, das *Emanzipationsgesetz* durch den Kongress der Vereinigten Staaten zu bringen und damit den Native Americans wichtige Lebensgrundlagen zu nehmen, denn es beinhaltete die Termination, das hört sich genauso schlimm an wie es im Endeffekt sein sollte. Die Native Americans sollten allen Bürgern der USA gleichgestellt werden, das klingt zunächst einmal positiv, hatte aber zur Folge das alle Vereinbarungen und Verträge die bis dahin zwischen den Indianervölkern und den USA geschlossen wurden hinfällig wurden. Ohne Unterstützung durch den Staat sind die Menschen nicht lebensfähig, sie sind schlicht zu arm um Schulen, das Gesundheitswesens oder Straßen selbst zu finanzieren und müssten über kurz oder lang ihr Land verlassen.
Zu behaupten, dass ich mir ein gutes Bild von den Lebensumständen der Indianer machen konnte, wäre übertrieben, dafür hätte Louise Erdrich ein umfangreicheres Buch schreiben müssen, aber das Bild war klar genug um für mich zu entscheiden auf welcher Seite meine Sympathien liegen. Louise Erdrich erlaubt ihren Lesern einen kleinen Blick in die Traditionen der Chippewa, da hätte ich mir etwas mehr gewünscht, einfach nur um meine Neugier während des Lesens zu befriedigen. Die Autorin spricht nicht alles aus, sie erspart ihren Lesern allzu erschütternde Details, aber das ist auch nicht nötig, die meisten ihrer Andeutungen reichen aus um die Leser wissen zu lassen was genau geschah. Vielleicht ist es das, was ihre Geschichten so besonders macht?
Der Nachtwächter ist ein Highlight am Bücherhimmel und bekommt von mir eine absolute Leseempfehlung.
- Herausgeber : Aufbau Verlag; 1. Edition (12. Juli 2021)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 496 Seiten
- ISBN-10 : 3351038577
- ISBN-13 : 978-3351038571
- Originaltitel : The Night Watchman
Hallo und guten Morgen,
AntwortenLöschenich mag Louise Erdrichs Bücher und musste gleich mal schauen, wie dir dieser Roman gefallen hat. Deine Rezi liest sich schlüssig und überzeugend, ich sollte mir den Titel noch auf den SuB legen.
Die Indianerthematik bringt sicher viel Leid ans Licht, wie nachsichtig, dass Erdrich auf erschütternde Details verzichtet hat.
Liebe Grüße und einen schönen Donnerstag,
Barbara
Das, was sie andeutet, reicht schon, damit sich jedem Menschen mit auch nur einem Hauch Vorstellungskraft und Empathie der Magen umdreht.
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