Freitag, 11. September 2026

Rezension: Entrissen!: Alles holt dich wieder ein von Winfried Lobe

 

Rezensionsexemplar

Frank, ein erfahrener Polizeiausbilder, wird unerwartet nach Chicago delegiert und sieht sich dort mit einer hochexplosiven Lage konfrontiert: Ein Drogendealer mit großen Ambitionen, ein eigenartiger Serientäter und ein überfordertes Polizeidepartment treiben die Handlung voran.

Grundsätzlich finde ich die Grundidee des Romans interessant: Das raue Chicago-Milieu, die Verflechtung von Drogenkriminalität, Gewalt und persönlichen Konflikten bietet viel Potenzial für einen packenden Thriller.

Allerdings fiel mir das Lesen stellenweise schwerer als erwartet. Die Wortwahl wirkt an manchen Stellen ungewöhnlich, und ich bin immer wieder über Formulierungen gestolpert, die für mich nicht ganz natürlich klangen. Der Schreibstil des Autors hat mich nicht durchgängig abgeholt; manchmal fühlte sich die Sprache eher konstruiert als flüssig an.

Positiv überrascht hat mich dagegen die Wendung in Franks Privatleben, insbesondere was seine Familie betrifft. Diese Entwicklung bringt eine emotionale Tiefe in die Geschichte, die ich so nicht erwartet hatte und die dem Plot gut tut.

Fazit

„Entrissen – Alles holt dich wieder ein“ ist ein Thriller mit einer spannenden Grundkonstellation und einigen überraschenden Momenten, besonders im privaten Bereich der Hauptfigur. Wegen des für mich stellenweise holprigen Schreibstils und der gewöhnungsbedürftigen Wortwahl kann ich das Buch jedoch nicht uneingeschränkt empfehlen. Wer bereit ist, über sprachliche Stolpersteine hinwegzulesen, könnte hier trotzdem einen interessanten, düsteren Thriller finden.

Gesamteindruck: solide Idee, interessante Ansätze, aber sprachlich nicht ganz rund für mich, daher nur bedingt empfehlenswert.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Deutsche Literaturgesellschaft
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 6. Juni 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 383 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3038313785
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3038313786

Donnerstag, 10. September 2026

Rezension: Die Legende von Una Everlasting von Alix E. Harrow


Mit „Die Legende von Una Everlasting“ hat mich Alix E. Harrow nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wirklich überzeugt. Es ist eine Geschichte über Legenden, Liebe und darüber, wie Geschichte geschrieben wird und was am Ende davon übrig bleibt.

Worum geht es in „Die Legende von Una Everlasting“?

Sir Una Everlasting ist eine Legende. Die Waise, die ein Schwert aus einer Eibe zog und zur größten Heldin des Königreichs Dominion wurde. Ihr Tod für Königin und Vaterland wurde besungen, in Kinderbüchern verewigt und schließlich auch für Regierungspropaganda genutzt.

Jahrhunderte später stößt Owen Mallory auf die Spur dieser Heldin. Er ist Historiker und Kriegsveteran und erhält ein lange verschollen geglaubtes Manuskript über Una. Die Kriegsministerin Vivian Rolfe schickt ihn daraufhin in die Vergangenheit. Seine Aufgabe: Er soll dafür sorgen, dass Una genau zu der Heldin wird, als die sie später in den Geschichtsbüchern bekannt sein wird.

Meine Eindrücke:

Ich muss ehrlich sagen, dass ich am Anfang etwas Mühe hatte, um in die Geschichte hineinzukommen. Der Erzählstil ist ungewöhnlich und auch die Struktur des Buches ist nicht unbedingt etwas, woran man sich sofort gewöhnt. Mit der Zeit bin ich aber immer besser hineingekommen und wollte dann doch wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Sehr gut gefallen hat mir die Aufteilung des Romans in zwei Teile. Der erste Teil, „Der erste Tod von Una Everlasting", wird aus Owens Perspektive erzählt, der zweite, „Der zweite Tod von Una Everlasting“, aus Unas Sicht. Dadurch  bekommt man beide Figuren noch einmal aus einem anderen Blickwinkel mit. Gerade bei Una fand ich das spannend, weil sie als Legende natürlich zunächst ganz anders wirkt als die Frau, die man im Laufe der Geschichte kennenlernt.

Una und Owen könnten dabei kaum unterschiedlicher sein. Una ist die Kämpferin, die andere beschützt und körperlich unglaublich stark ist. Owen ist dagegen eher der ruhige und nachdenkliche Historiker. Beide haben ihre Stärken, aber eben auch ihre Schwächen. Das hat sie für mich glaubwürdig gemacht. Vor allem Una mochte ich sehr, weil sie eben nicht die perfekte Heldin ist, sondern durchaus Fehler macht und ihre eigene Meinung hat.

Auch die Mischung aus Fantasy, Zeitreise und Liebesgeschichte hat für mich gut funktioniert. Die Liebesgeschichte ist zwar wichtig, nimmt aber nicht die komplette Handlung ein. Das war für mich genau das richtige Maß.

An den Schreibstil musste ich mich, wie gesagt, erst gewöhnen. Harrow schreibt sehr bildhaft und teilweise auch poetisch. Manche Stellen sind etwas ungewöhnlich formuliert, andere fand ich dafür wirklich schön. Die wiederkehrenden Motive und Schleifen im Text haben mir ebenfalls gefallen, weil sie gut zu den Zeitzyklen der Geschichte passen.

Am interessantesten fand ich aber eigentlich die Frage, wie aus einem Menschen eine Legende wird. Una ist in der Gegenwart die große Heldin, deren Geschichte jeder kennt. Aber je mehr man über sie erfährt, desto deutlicher wird, dass die bekannte Geschichte nicht unbedingt die ganze Wahrheit erzählt.

Das fand ich einen der stärksten Punkte des Romans. Es geht nicht nur darum, was damals passiert ist, sondern auch darum, wer später entscheidet, wie man sich daran erinnert. Und vor allem darum, was eine solche Legende für den Menschen bedeutet, der dahintersteht.

Auch die Beziehung zwischen Owen und Una hat mir gefallen. Sie ist für die Geschichte wichtig, ohne dass das Buch dadurch zu einem reinen Liebesroman wird. Gleichzeitig ist sie stellenweise sehr schön, aber auch ziemlich traurig. Besonders die Frage, ob man das Schicksal eines Menschen verändern kann, wenn man weiß, wie seine Geschichte enden soll, zieht sich für mich gut durch den Roman.

Fazit

„Die Legende von Una Everlasting“ ist keine ganz einfache Fantasygeschichte und sicher auch nicht für jeden etwas. Ich habe ein bisschen gebraucht, um mit dem Erzählstil und der Struktur warm zu werden. Danach hat mich die Geschichte aber zunehmend interessiert.

Besonders Una und Owen sind mir dabei im Gedächtnis geblieben. Aber auch die Idee, eine bekannte Heldengeschichte aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen und dabei zu zeigen, was hinter einer solchen Legende steckt, hat mir gut gefallen.

Wer Fantasy mit Zeitreisen mag und Lust auf eine Geschichte hat, die sich auch mit Mythos, Erinnerung und Heldentum beschäftigt, könnte mit dem Buch viel Freude haben.


Erscheinungsdatum: 2026
Verlag: Goldmann Verlag
Seitenzahl: ca. 320 Seiten
ISBN-13: 978-3442302757

Dienstag, 8. September 2026

Rezension: Ein Leben in Songs von Mary Austin

 

Wer, wie ich, seit Jahrzehnten Queen-Fan ist, kommt an diesem Buch eigentlich kaum vorbei. Meine erste selbstgekaufte Platte war „We Are the Champions“ und seitdem ist die Musik von Queen ein Teil meines Lebens. Mary Austins „Ein Leben in Songs“ ist allerdings keine klassische Biografie. Das Buch ist eher ein persönlicher Blick auf Freddie Mercury und seine Arbeit. Und genau das fand ich interessant, denn Mary Austin war jemand, der ihn über viele Jahre sehr gut kannte und ihm besonders nahestand.

Blick ins Freddie Mercury Archiv: Handgeschriebene Songtexte und Notizen

Schon beim ersten Durchblättern fiel mir auf, dass dieses Buch anders aufgebaut ist als viele andere Queen-Bücher. Auf mehr als 320 Seiten findet man jede Menge Material aus Freddies privatem Archiv: handgeschriebene Songtexte, Zeichnungen, Notizen, verworfene Ideen und Fotos. Vieles davon war mir tatsächlich neu. Besonders spannend fand ich die Seiten zu Songs wie „Bohemian Rhapsody“ oder „Don’t Stop Me Now“. Man kennt die fertigen Lieder natürlich seit Jahren, aber hier sieht man plötzlich frühere Textzeilen, Streichungen und kleine Anmerkungen. Dadurch bekommt man einen ganz anderen Eindruck davon, wie diese Songs entstanden sind.
Auch Mary Austins Art zu erzählen hat mir gefallen. Sie schreibt nicht distanziert über Freddie, sondern aus ihrer eigenen Erinnerung heraus. Dabei bleibt sie angenehm ruhig und drängt sich selbst nicht in den Vordergrund. Es geht um die Anfangszeit von Queen, um Freddies Solo-Projekte wie „Barcelona“, um Live Aid, aber eben auch um persönlichere Momente.
Für mich ist gerade diese Mischung das Besondere an dem Buch. Es gibt Informationen, die man als langjähriger Fan vielleicht schon kennt, aber durch die vielen Originaldokumente sieht man manches plötzlich mit anderen Augen.

Von „Killer Queen“ bis „Barcelona“: Der Aufbau des Buchs

Die Illustrationen und Faksimiles sind dabei für mich mehr als nur schöne Ergänzungen. Freddies Handschrift zu sehen, seine Korrekturen oder kleine Zeichnungen am Rand, fand ich erstaunlich persönlich. Man bekommt dadurch ein besseres Gefühl dafür, wie er an seinen Liedern gearbeitet hat. Gleichzeitig ist das Buch so aufgebaut, dass man nicht unbedingt alles von vorne bis hinten lesen muss. Die Kapitel orientieren sich unter anderem an Songs und bestimmten Stationen seines Lebens, zum Beispiel „Killer Queen“, „Bohemian Rhapsody“, „Live Aid“ oder „Barcelona“. Ich habe deshalb auch immer wieder einfach irgendwo aufgeschlagen und weitergelesen.

Mein Fazit: Keine Enthüllungsbiografie, sondern ein respektvoller Blick auf ein Genie

Natürlich sollte man keine Enthüllungsbiografie erwarten. Mary Austin erzählt nicht jede private Geschichte und geht auch nicht auf alles ein, was möglicherweise interessant oder spektakulär wäre. Sie setzt ihre Schwerpunkte klar auf Freddie als Musiker und Künstler. Mir hat das besonders gefallen. Dadurch wirkt das Buch für mich respektvoll und persönlich und nicht wie der Versuch, noch einmal möglichst viele Schlagzeilen aus Freddies Leben herauszuholen.
„Ein Leben in Songs“ hat mir vor allem noch einmal gezeigt, wie viel Arbeit hinter Freddies Musik gesteckt hat. Die fertigen Songs wirken oft so selbstverständlich, aber in den Notizen und Entwürfen sieht man, wie viel ausprobiert, verändert und wieder verworfen wurde.
Für mich als Queen-Fan war das Buch deshalb eine wirklich schöne Ergänzung zu dem, was ich über Freddie Mercury und Queen schon wusste. Wer sich besonders für die Entstehung der Songs interessiert oder einfach gerne einen Blick auf Freddies kreative Arbeit werfen möchte, dürfte mit diesem Buch viel Freude haben. 

  • Herausgeber ‏ : ‎ C.H.Beck
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. September 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3406853315
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3406853319



Montag, 7. September 2026

Rezension: Seizouh – Das Urteil der Rune von Fabiano Docimo


Fabiano Docimos „Seizouh – Das Urteil der Rune“ ist für mich ein Fantasy-Auftakt, der vor allem durch seine besondere Atmosphäre im Kopf bleibt. Es ist nicht unbedingt die Art von Fantasy, die ich sonst ab und zu lese, und gerade deshalb hat mich die Geschichte neugierig gemacht.

Handlung und Setting: Eine von heiligen Runen geschützte Fantasy-Welt

Die Handlung spielt in einer Welt, die durch heilige Runen vor der Dunkelheit geschützt wird. Im Mittelpunkt steht der junge Seizouh, der im Tempel seines Großvaters Pelbar aufwächst. Sein Leben besteht dort hauptsächlich aus Training, Disziplin und der Frage, welchen Platz er eigentlich in dieser Welt einnehmen soll.

Atmosphäre, asiatische Einflüsse und der Protagonist im Fokus

Besonders gut gefallen hat mir die Stimmung des Buches. Die Tempel, Prüfungen, alten Schriften und die geheimnisvolle Atmosphäre rund um den Wald haben etwas Ruhiges, aber gleichzeitig Bedrohliches. Dabei wirkt die Welt nicht unnötig überladen. Auch der asiatisch angehauchte Einfluss hat für mich gut dazu gepasst und dem Ganzen einen eigenen Charakter gegeben, ohne dabei zu klischeehaft zu wirken.
Seizouh selbst war mir als Protagonist sympathisch. Er ist kein typischer Held, der von Anfang an alles kann und genau weiß, was er will. Er zweifelt, macht Fehler und muss seinen Weg erst noch finden. Genau das fand ich eigentlich ganz angenehm, weil er dadurch menschlicher wirkt. Auch sein Großvater Pelbar ist mir im Gedächtnis geblieben. Selbst kleine Dinge wie seine Pfeife geben ihm irgendwie Persönlichkeit.

Schreibstil und Magiesystem: Meine Kritikpunkte zum Buch

Beim Schreibstil hatte ich allerdings am Anfang ein bisschen meine Schwierigkeiten. Einige Sätze wirkten auf mich zunächst etwas steif und ich musste erst in die Sprache hineinfinden. Mit der Zeit wurde das aber besser, vor allem als die Handlung mehr Fahrt aufgenommen hat. Dann ließ sich das Buch deutlich flüssiger lesen und auch die Spannung nahm spürbar zu.
Die Magie ist eher zurückhaltend gestaltet und nicht bis ins kleinste Detail erklärt. Mir persönlich hat das eigentlich ganz gut gefallen, auch wenn sich Leser, die komplexe Magiesysteme mögen, vielleicht etwas mehr wünschen könnten. Was mir dagegen gefehlt hat, war eine kleine Übersicht oder ein Glossar. Bei manchen Begriffen oder Gegenständen musste ich während des Lesens kurz überlegen, was genau damit gemeint war. Auch einige Nebenfiguren blieben für meinen Geschmack gerade am Anfang noch etwas blass. Da hätte ich mir stellenweise etwas mehr Tiefe gewünscht.

Fazit: Ein kompakter Fantasy-Auftakt mit 4 von 5 Sternen

Mit ungefähr 300 Seiten ist das Buch angenehm kompakt und hinterließ bei mir nicht das Gefühl, unnötig in die Länge gezogen zu werden. Das Ende macht auf jeden Fall neugierig auf den nächsten Band. Der Cliffhanger kam für mich nicht völlig unerwartet, hat aber trotzdem seinen Zweck erfüllt: Ich möchte wissen, wie es weitergeht.
Insgesamt hatte ich mit „Seizouh – Das Urteil der Rune“ eine interessante Leseerfahrung. Es ist sicher kein perfekter Fantasy-Auftakt und gerade beim Einstieg braucht man ein wenig Geduld, aber die besondere Atmosphäre, die Welt und vor allem Seizouh selbst haben dafür gesorgt, dass ich gerne weitergelesen habe.

Von mir gibt es deshalb 4 von 5 Sternen. Ein etwas holpriger Start, aber eine Welt, in die ich durchaus gerne zurückkehren möchte.

  • ASIN ‏ : ‎ B0H6LN6BD1
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 3. Juli 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 302 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8184034768

Kurze Tage des Glücks von Alexander Häusser

Beim Titel „Kurze Tage des Glücks“ denkt man vielleicht im ersten Moment an eine leichte Liebesgeschichte. Doch das ist dieser neue Roman von Alexander Häusser ganz und gar nicht. Es ist ein tiefgründiges Buch über Liebe, Verlust, Trauer, Schuld und das Überleben nach einem schweren Schicksalsschlag. In meiner Rezension erfährst du, warum mich dieses historische Drama so stark bewegt hat.
Worum geht es in „Kurze Tage des Glücks“?
Die Handlung spielt im Bremerhaven der 1930er-Jahre. Die Hauptperson Annegret lebt dort mit ihrem Mann Richard und dem kleinen Sohn Karl. Die Familie hat ihr kleines Glück gefunden – bis dieses durch den plötzlichen Unfalltod des kleinen Karls komplett zerstört wird.
Für Annegret bricht eine Welt zusammen. Sie zieht sich immer mehr zurück, findet keinen Weg aus der Trauer, versucht sich das Leben zu nehmen und landet schließlich in der Psychiatrie. Der Autor Alexander Häusser beschreibt diese tragische Entwicklung sehr ruhig und ohne große Worte. Genau diese emotionale Zurückhaltung macht Annegrets Verzweiflung beim Lesen besonders spürbar.
Vielschichtige Charaktere im emotionalen Ausnahmezustand
Die Figurenentwicklung ist für mich die größte Stärke des Romans:
  • Annegret: Sie ist für mich die eindrucksvollste Figur. Sie wirkt unsicher sowie zerbrechlich und möchte einfach nur alles richtig machen.
  • Richard: Auch er kämpft schwer mit dem Verlust. Er liebt seine Frau, ist aber völlig überfordert und flüchtet in die Arme einer Prostituierten. Die Verantwortung für die entlassene Annegret überlässt er der Nachbarin Maria. Das macht ihn nicht sympathisch, aber absolut menschlich. Er versucht auf seine eigene, unvollkommene Art, mit dem Schmerz klarzukommen.
  • Erich: Er hat den Unfall zufällig miterlebt. Aus dieser Begegnung entsteht eine besondere Verbindung. Erst kümmert er sich um die Logistik des Schmerzes (die Gerichtsmedizin), später entwickeln sich langsame, zarte Gefühle zwischen ihm und Annegret. Über Erichs Rolle erfahren wir am Ende noch Überraschendes – weshalb ich hier nicht zu viel vorwegnehmen möchte.
Das Besondere: Es fühlt sich nie wie eine typische, kitschige Liebesgeschichte an. Vielmehr stellt der Roman die universelle Frage, ob nach einem so großen Verlust überhaupt wieder Vertrauen, Nähe und echte Gefühle möglich sind.
Die bedrohliche Atmosphäre der 1930er-Jahre in Bremerhaven
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Buches ist die historische Kulisse. Die Handlung beginnt zu einer Zeit, in der die Nationalsozialisten immer mehr Einfluss gewinnen. Sogenannte „Hakenkreuzler“ gehören zum Stadtbild. Die Menschen müssen vorsichtig sein, was sie sagen und wem sie vertrauen.
Besonders fasziniert hat mich, wie Alexander Häusser die politische Entwicklung einwebt. Sie bleibt nicht einfach nur stumpfer Hintergrund, sondern wird für die Figuren spürbar bedrohlicher, ohne sich unnatürlich in den Vordergrund zu drängen.
Eine Szene blieb mir dabei nachhaltig im Gedächtnis: Als die Nachbarin Maria nach ihrem Namen gefragt wird, entstand in meiner eigenen Vorstellung sofort das Bild eines abwertenden Naserümpfens des Fragenden. Obwohl das so nicht im Buch steht, vermittelt der Erzählstil diese Atmosphäre von Misstrauen und latenter Bedrohung perfekt.
Mein Fazit zu „Kurze Tage des Glücks“
„Kurze Tage des Glücks“ ist kein langes Buch, aber ein Roman, der im Kopf bleibt und lange nachwirkt. Mich hat die Geschichte beim Lesen intensiv beschäftigt. Sie wirft existenzielle Fragen auf: Wie kann man nach einem solchen Verlust überhaupt weiterleben? Ist es möglich, irgendwann wieder glücklich zu sein, ohne das Vergangene zu vergessen?
Für Fans von anspruchsvollen historischen Romanen und emotionalen Familiendramen ist dieses Buch eine absolute Leseempfehlung.
Meine Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternen)

  • Herausgeber ‏ : ‎ Pendragon
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 7. September 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 164 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3865329667
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3865329660
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 16 Jahren