Dienstag, 18. August 2026

Hashtag Glückskinder: I. Habgier von Lupo Lito


Klappentext: Der erste Teil der "Hashtag Glückskinder"-Romanreihe rund um einen namenlosen Protagonisten. "Er hatte gelernt, dass es besser für die eigene Psyche war, sich davon abzuschotten und nichts mehr zu empfinden, wenn man sich selbst nicht völlig kaputt machen wollte." Eine kurz vor der Fertigstellung stehende, von einer künstlichen Intelligenz entwickelte überdimensionale Kuppel aus Plexiglas, in der Menschen durch ein perfides Leistungsprinzip resozialisiert werden sollen. Eine neue Mitarbeiterin, die er von früher kennt und die das für grundlegend falsch hält. Zwei für das Projekt Verantwortliche, die sich selbst Mutter und Vater nennen, und dazu noch ein kleines Mädchen, das bereits dort untergebracht ist. Als ob das nicht schon genug Herausforderungen wären, beginnt während einer Dienstreise auch noch sein Körper damit, Probleme zu machen.


Lässt man den Klappentext mal außer Acht, könnte man zu Beginn der Story denken, dass es sich bei „Hashtag Glückskinder: I. Habgier“einfach nur um die Geschichte eines Mannes handelt, der mit einigen Problemen zu kämpfen hat, interessant, aber nicht spektakulär. Nach und nach allerdings wurde mir bewusst, wie düster die Welt ist, in der der namenlose Erzähler lebt, eigentlich ist.

Überwachung gehört dort längst zum Alltag, und der Staat dringt Schritt für Schritt in die Privatsphäre der Menschen ein.

Vor diesem Hintergrund hat der Auftrag ,den er gemeinsam mit seiner neuen Kollegin Aurora
die er von früher kennt und am liebsten sofort wieder loswerden würde, einen beklemmenden Beigeschmack. Sie werden für ein besonderes Projekt abgestellt. Die beiden sollen ein Vorhaben begutachten, bei dem „schwierige“ Menschen wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden.

 Unter einer KI-gesteuerten Kuppel und vollständig von der Außenwelt abgeschottet, sollen dort Kinder und Erwachsene leben. Was zunächst fast wie ein soziales und menschenfreundliches Experiment klingt, entwickelt sich jedoch schon bald zu etwas ausgesprochen Bedrohlichem.
Ein zentraler Bestandteil des Buches sind die Lebensbedingungen der Menschen, die in dieser Kuppel untergebracht werden sollen. Sie sollen in  Bretterhütten oder in einfachen Bauernhäusern leben und in der Landwirtschaft arbeiten, angeblich alles nur zu ihrem eigenen Besten. Das behaupten zumindest die Verantwortlichen, die sich „Vater“ und „Mutter“ nennen lassen. Dass diese die Menschen, für die sie die Verantwortung haben sollen, wie Sklaven halten werden, wurde mir schon nach wenigen Seiten klar. Selten begegneten mir in der Literatur Menschen, die mich vom ersten Satz, den sie sprachen, so angewidert haben.

Zwar haben die Bewohner die Möglichkeit, sich innerhalb des Systems hochzuarbeiten und die Kuppel irgendwann wieder zu verlassen, doch je länger man die Abläufe beobachtet, desto weniger wirkt diese Aussicht wie eine echte Chance. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die vermeintliche Aufstiegsmöglichkeit vor allem dazu dient, Kontrolle auszuüben und die Menschen gefügig zu machen. Der Autor zeigt sehr eindringlich, wie aus einem scheinbar geregelten System ein Ort werden kann, an dem die Bewohner nach und nach ihre Selbstbestimmung verlieren.

Besonders erschreckend fand ich den Umgang mit den Kindern. Auch sie sollen in dieser abgeschotteten Welt aufwachsen und dort ihren Platz finden. Als der Erzähler und Aurora eintreffen, lebt zunächst nur ein kleines Mädchen namens Mina in der Kuppel. Die beiden freunden sich mit ihr an und verbringen Zeit mit ihr. Durch ihre Erzählungen bekam ich einen ersten Eindruck davon, was den Kindern möglicherweise bevorsteht.

Die „Eltern“ erwarten vom Erzähler und von Aurora, Prognosen darüber zu erstellen, für welche Aufgaben die Kinder geeignet sind. Dabei geht es sicher nicht darum, was die Kinder selbst möchten oder was ihnen guttut. Sie sollen möglichst früh auf ihre spätere Funktion innerhalb des Systems vorbereitet und für dessen Zwecke brauchbar gemacht werden. Gerade dieser Gedanke hat mich beim Lesen sehr beschäftigt, weil den Kindern damit jede Möglichkeit genommen wird, ihren eigenen Weg zu wählen.

Die Geschichte hat mich an mehreren Stellen wirklich schlucken lassen. Das Szenario, das Lupo Lito entwirft, ist vor allem deshalb so erschreckend, weil einige der angesprochenen Themen gar nicht so weit von unserer heutigen Welt entfernt wirken. Es geht um künstliche Intelligenz und ihren Einfluss auf unser Leben, aber ebenso um Korruption, Machtgier und die Frage, wie leicht ein System, das zunächst vernünftig und gut organisiert erscheint, zur Unterdrückung von Menschen eingesetzt werden kann.

Der namenlose Erzähler hat mir dabei besonders gut gefallen. Er wirkt oft wie jemand, der einfach funktioniert und gelernt hat, bestimmte Dinge lieber nicht zu hinterfragen vielleicht auch, weil es für ihn selbst einfacher ist. Während Aurora ungeachtet möglicher Konsequenzen am liebsten laut gegen die Ungerechtigkeiten protestieren würde, die sie dort beobachten muss, bleibt der Erzähler zurückhaltend und vorsichtig.

Gerade dieser Gegensatz macht die Geschichte für mich so bedrückend. Man erkennt, wie leicht man sich an Einschränkungen gewöhnen kann, wenn sie nicht plötzlich über einen hereinbrechen, sondern sich langsam und beinahe unbemerkt in den Alltag einschleichen.

„Hashtag Glückskinder: I. Habgier“ ist kein leichtes Buch, aber für mich eines, das noch lange im Kopf bleibt. Es geht um Technologie, Macht und Überwachung, zugleich aber auch um die Frage, wie viel Freiheit man bereit ist aufzugeben, wenn Einschränkungen als notwendig oder sogar als etwas Positives verkauft werden.

Besonders die Geschichte der Kinder und die Art und Weise, wie die Verantwortlichen ihr Handeln rechtfertigen, sind mir im Gedächtnis geblieben. Darin liegt für mich eine der größten Stärken des Buches: Es macht deutlich, wie schnell sich Kontrolle und Ausbeutung hinter scheinbar guten Absichten verbergen können.

Die Geschichte gewinnt an mehreren Stellen durch ihre Ausführlichkeit. Gelegentlich hätte ich mir dennoch eine etwas kompaktere Erzählweise gewünscht, wobei das natürlich meinem persönlichen Empfinden entspricht. Am Ende gab es eine Szene, die mir wirklich wehgetan hat – aber was genau passiert, müsst ihr natürlich selbst lesen.

Jetzt freue ich mich jedenfalls schon auf den zweiten Teil der Reihe.


  • Herausgeber ‏ : ‎ BoD – Books on Demand
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 22. April 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 360 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3819263691
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3819263699
  • Buch 1 von 3 ‏ : ‎ Hashtag Glückskinder



Freitag, 14. August 2026

Die an den Tod nicht glauben: Ein Fall für die Totenleserin | Ein historischer Kriminalroman beruhend auf wahren Begebenheiten (Gerichtsmedizinerin Perdita Menke ermittelt, Band 1)

Die nominierten Romane für den HOMER 2026
Ich stelle euch 
Die an den Tod nicht glauben 
von 
Cleo Sternberg 
vor.



Werbung: Das Buch wurde mir als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

"Wir sind die, denen sich der Tod auf den Tisch legt."

Dieser Sinnspruch hängt im Zuhause der jungen Perdita Menke, der Berliner Gerichtsmedizin. Hier ist sie aufgewachsen, als Tochter des Faktotums Menke, und hier hat sie beschlossen, Gerichtsmedizinerin zu werden – auch wenn ihr das als Frau Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst unmöglich gemacht wird. Stattdessen hilft sie aus und schrubbt die Seziertische. Menke, der seine Tochter allein großgezogen hat, begegnet ihr mit viel Liebe und Verständnis. Trotzdem sieht er sie lieber als Krankenschwester im Dienst der Lebenden als am Seziertisch.

Als eine junge Frau, arm, alleinlebend, Mutter eines Kindes und vermutlich alkoholkrank, in die Rechtsmedizin gebracht wird, steht das Urteil des zuständigen Arztes schnell fest: Selbstmord, keine weiteren Untersuchungen nötig. Doch Perdita sieht das anders und beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln.

Bei ihren Nachforschungen stößt sie immer wieder auf den Leichenbestatter Charon Czerny. Er macht aus dem Tod beinahe eine Show, wirkt charmant, gleichzeitig aber auch zwielichtig und eiskalt. Zwischen den beiden knistert es zwar, doch das steht zum Glück nicht im Mittelpunkt. Das hat mir persönlich gut gefallen. Entscheidend bleiben der Fall und die Frage, wer die junge Frau wirklich getötet hat und warum.

Die Autorin hat es geschafft, mir ihre Figuren näherzubringen. Neben Perdita sind da zum Beispiel der angehende Kriminalbeamte Dieter Schultz und seine Verlobte Isolde. Schultz unterstützt Perdita bei ihren Ermittlungen, denn er kann nur Karriere machen, wenn er einen spektakulären Fall löst. Beide bremsen Perdita allerdings manchmal etwas aus, wenn sie wieder einmal zu forsch vorprescht.

Besonders gut gefallen hat mir das Bild, das die Autorin von Berlin um 1910 zeichnet. Sternberg führt ihre Leserinnen und Leser in Sprechzimmer, Leichenkammern, Bestattungsinstitute und Hinterhöfe. Armut, Krankheit und Tod gehören dort zum Alltag. Wie der Tod einer armen Frau einfach abgetan wird, wirkt unangenehm realistisch und zeigt, welchen geringen Wert das Leben einfacher Menschen damals hatte.

Auch Perdita passt gut in diese Welt. Als Frau, die sich in einer von Männern bestimmten Welt ihren eigenen Weg sucht, ist sie eine interessante Hauptfigur. Sie möchte in der Medizin arbeiten und lässt sich davon nicht abbringen. Das macht sie sympathisch, auch wenn sie nicht immer perfekt handelt.

Dass die Geschichte auf einem realen Mordfall beruht, fand ich besonders interessant. Um welchen Fall es sich dabei genau handelt, konnte ich allerdings nicht herausfinden.

Beim Lesen brauchte ich allerdings etwas Geduld. Der bewusst altmodische Schreibstil mit seinen langen Sätzen und der gehobenen Sprache passt gut zur Zeit, in der die Handlung spielt, und schafft eine passende Atmosphäre. Gleichzeitig liest sich das Buch dadurch stellenweise etwas langsamer. Gerade am Anfang musste ich mich erst an den Erzählstil gewöhnen. Die Sprache ist sehr bewusst gewählt, was mir grundsätzlich gut gefallen hat, auch wenn ich dafür etwas mehr Aufmerksamkeit brauchte.

Auch die vielen Figuren machen das Buch stellenweise etwas anspruchsvoller. Die Autorin führt zahlreiche Charaktere ein und spielt geschickt mit den Erwartungen der Lesenden. Dadurch bleibt lange offen, wem man trauen kann und wem nicht. Das sorgt für Spannung und einige interessante Wendungen, kann aber zwischendurch etwas unübersichtlich werden.

Das Buch dürfte vor allem Leserinnen und Leser ansprechen, die historische Krimis nicht nur wegen des Falls lesen, sondern auch Interesse an der Zeit und ihren gesellschaftlichen Verhältnissen haben. Wer gern in vergangene Epochen eintaucht und Wert auf gut ausgearbeitete Schauplätze und Figuren legt, wird hier einiges entdecken. Auch Perdita ist eine Hauptfigur, die Spaß macht: Sie geht ihren eigenen Weg in einer Welt, in der Frauen viele Türen verschlossen blieben.

„Die an den Tod nicht glauben“ ist ein ruhiger, atmosphärischer Auftakt einer neuen Krimireihe. Besonders gefallen haben mir die Darstellung des Berliner Kaiserreichs, die ungewöhnliche Ermittlerin und die gesellschaftlichen Themen, die immer wieder in die Handlung einfließen. Der Roman nimmt sich Zeit für seine Geschichte und für seine Figuren. Wer historische Krimis mit viel Atmosphäre, glaubwürdigen Charakteren und einem Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit mag, findet hier einen lesenswerten Reihenauftakt. Wer dagegen ein hohes Tempo, kurze Kapitel und einen modernen, geradlinigen Schreibstil bevorzugt, könnte sich mit dem Buch etwas schwerer tun.

Schaut in den nächsten Tagen auf jeden Fall bei den anderen Bloggerinnen und Bloggern vorbei, euch erwarten großartige Beiträge.



📖 Alexandra von @lesebuch_meinebuecherundich
📖 Verena von @kapitel11
📖 Dorinne von @thenerdybookbird
📖 Carmen von @carmensbuecherkabinett
📖 Eliza und James von @elizasbuecherparadies
📖 Patricia von @patno_nichtohnebuch
📖 Sabine von @buchmomente
📖 Anni von @im_lesehimmel
📖 Tanja von @hasirasi2_nichtohnebuch
📖 Anke von @svanvitheanke


  • Herausgeber ‏ : ‎ Droemer TB
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 3. November 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 400 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3426449730
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3426449738

Donnerstag, 13. August 2026

Alleinruhelage: Roman von Eva Menasse


Werbung:Rezensionsexemplar


Das Buch beginnt mit den Worten: „Haus, ich verkaufe dich.“ Und da hatte  mich die Autorin Eva Menasse eigentlich schon. Ich spreche nämlich auch mit unserem Haus. Aber ich würde ihm wahrscheinlich nicht verraten, wenn ich es verkaufen wollte.

Dann erzählt die Erzählerin von ihrem ersten Versuch, das Haus zu verkaufen. Sie kommt mit einem Makler nach längerer Abwesenheit dorthin zurück und es herrscht das vollkommene Chaos. Ausgeleerte Schubladen, übervolle Aschenbecher und alles, was eigentlich ziemlich traurig und trostlos sein sollte doch Eva Menasse schreibt darüber, als würde sie von einer freundlichen und einladenden Szenerie erzählenanders kann ich meinen ersten Eindruck nicht beschreiben. Dieser Ton hat mir von Anfang an gefallen und zieht sich durch das ganze Buch. Auch wenn es um Trennungen, Krisen oder andere schwierige Dinge geht, bleibt er erstaunlich leicht.

Das Haus liegt allein am Waldsee, irgendwo in der ostdeutschen Provinz bei Berlin, unweit einer Datschensiedlung aus DDR Zeiten. Gekauft wurde es in den Nachwendezeiten, als es noch ein Ost Schnäppchen für Nicht Ostler war.
In diesem Haus erlebt die Erzählerin ungefähr zwanzig Jahre ihres Lebens. Sie zieht mit ihrem Mann dort ein, Kinder kommen dazu, die Ehe geht irgendwann auseinander, es gibt neue Liebe und wieder Trennungen. Eigentlich also ziemlich viel Leben für ein einziges Haus.
Und nun soll es renoviert werden, dabei helfen Alla aus Moldawien eine Baufrau, wie sie sich selber bezeichnet und Bolek aus Polen, zwei Kettenraucher, die offenbar alles können. Dazu kommen die Nachbarn, mit denen es natürlich auch schon mal Ärger gibt. 

Es wird nicht alles groß erklärt. Das Dahinsterben der Ehe wird nicht ausgebreitet, die schwierigen Geschichten werden nicht dramatisiert. Menasse erzählt einfach weiter. Mal vorwärts, mal rückwärts und manchmal ganz woanders hin.

Vielleicht hat mir das Buch auch deshalb so gut gefallen. Es ist eigentlich ein Roman über Abschiede und schwierige Dinge, liest sich aber überhaupt nicht schwer.Denn es ist auch ein Roman über Neuanfänge.

Ob das Haus am Ende verkauft wird oder ob es sich mit wieder mit einer lila Farbexplosion der Clematis wie zu Beginn des Buches ganz fest in das Herz der namenlosen Erzählerin verankert, so das ein Verkauf nicht in Frage kommt, verrate ich euch nicht.

Ich habe das Buch von der ersten Seite an geliebt und kann es wirklich nur weiterempfehlen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kiepenheuer&Witsch
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 13. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 224 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3462002627
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3462002621

Sonntag, 9. August 2026

„Ein Schleuser kommt niemals allein“ – Maria Braig

Werbung. Ich habe dieses Buch als Rezensionsexemplar von der Autorin erhalten. Meine Meinung ist davon unabhängig.

Hannes Kobler ist ein Polizist der alten Schule. Seine Methoden wirken manchmal etwas umständlich, doch er arbeitet akribisch und hartnäckig. Seit seiner Scheidung und dem Umzug seiner Tochter Lena-Lisa nach Dresden lebt er größtenteils allein. Sein Alltag besteht aus Arbeit, Tiefkühlpizza und Polizeiserien, bis ihn ein neuer Auftrag nach Pirna führt.
Dort soll Kobler die sächsische Polizei dabei unterstützen, Schleusernetzwerke an der Grenze zu Polen und Tschechien aufzudecken. Der Wechsel vom Einbruchsdezernat in Nürnberg kommt ihm gelegen: Er wäre seiner Tochter näher und könnte in der Sächsischen Schweiz seiner Wanderleidenschaft nachgehen.

Für sein Team wählt er Sophie aus, eine junge Kollegin, die er noch aus ihrer Praktikumszeit kennt. Kobler hält sie für leicht lenkbar, da sie während des Praktikums jede seiner Anweisungen widerspruchslos befolgte, doch Sophie ist alles andere als ein „Mäuschen“. Sie bietet ihm Paroli, hinterfragt seine Entscheidungen und setzt sich kritisch mit den moralischen Grenzen des Einsatzes auseinander.
Schon bald entwickelt sich der Fall zu einer persönlichen Herausforderung. Die Ermittlungen führen Kobler tief in die kriminellen Strukturen der Region und zugleich in eine Vergangenheit, die eng mit der innerdeutschen Fluchtgeschichte verbunden ist. Durch Asal, der Freundin von Koblers Tochter, die ebenfalls eine erschütternde Fluchtgeschichte hat, erhält Sophie einen neuen Blick auf die Unterschiede zwischen heutigen Schleusern und den einst gefeierten Fluchthelfern der DDR.


Maria Braig hat mich mit diesem Krimi vor allem deshalb erreicht, weil sie die eigentliche Ermittlungsarbeit mit den persönlichen Geschichten der Figuren verbindet. Die Schleuserkriminalität bleibt dabei nicht einfach ein Fall, den Kobler lösen muss. Immer wieder geht es auch um die Menschen, die von Flucht betroffen sind, und darum, wie unterschiedlich Fluchthilfe bewertet wird. Besonders interessant fand ich dabei Asals Geschichte und die Erfahrungen von Koblers Eltern, weil dadurch auch die Vergangenheit der innerdeutschen Grenze eine Rolle bekommt.

Gut gefallen hat mir außerdem, dass die Figuren nicht einfach in gut und böse eingeteilt werden. Gerade Kobler macht im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durch. Anfangs war er mir mit seiner sturen und teilweise ziemlich altmodischen Art eher unsympathisch. Durch Sophie bekommt er aber immer wieder einen Spiegel vorgehalten und man merkt, dass er durchaus bereit ist, über sich selbst nachzudenken.

Der Schreibstil ist angenehm klar und lässt sich flüssig lesen. Die Ermittlungen nehmen einen großen Raum ein, trotzdem bleiben die Menschen dahinter präsent. Für mich war es vor allem die Mischung aus Kriminalfall, den interessanten Figuren und dem Blick auf die unterschiedlichen Bewertungen von Schleusern und Fluchthelfern, die den Roman lesenswert machen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ epubli
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 26. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 14.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 258 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 356552863X
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3565528639
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 18 Jahren


Mittwoch, 5. August 2026

„Andere Welten: Phantastische Geschichten, Ausgabe 3“ (Herausgeber Tobias Radloff)


Es gibt Bücher, die man zuklappt und am liebsten sofort weiterlesen würde. Genau so ging es mir mit der dritten Ausgabe von Andere Welten: Phantastische Geschichten. Nach der letzten Seite blieb vor allem ein Gedanke: Davon hätte ich gerne noch mehr.

Hinter der Anthologie steckt die Lesereihe Potsdams andere Welten, die seit 2022 im Urania-Planetarium Potsdam stattfindet. Dort lesen Autorinnen und Autoren aus Fantasy, Science Fiction und Horror ihre Texte, häufig noch unveröffentlichte Geschichten oder Auszüge aus aktuellen Projekten. Herausgeber Tobias Radloff bringt die spannendsten Beiträge in dieser Reihe zusammen und gibt dabei auch neuen Stimmen eine Bühne.

Besonders gut gefallen hat mir die Mischung aus klassischen Kurzgeschichten und Romanauszügen. Die Kurzgeschichten sind in sich abgeschlossen, atmosphärisch und oft mit einer gelungenen Pointe oder einer interessanten Idee versehen. Die Romanauszüge funktionieren dagegen eher als Appetithappen. Spannende Figuren und faszinierende Welten machen neugierig  darauf wie es weitergeht.

Wer gerne Kurzgeschichten liest und neue Autorinnen und Autoren für sich entdecken möchte, wird hier sicher fündig. Wer ausschließlich abgeschlossene Geschichten bevorzugt, könnte sich an den Romanauszügen stören. Für mich ist Andere Welten: Phantastische Geschichten, eine abwechslungsreiche Sammlung,  Einige Geschichten enden genau dann, wenn es am spannendsten wird, aber gerade das zeigt, wie gut sie funktionieren. Am Ende bleibt vor allem die Lust, mehr von diesen Autorinnen und Autoren zu lesen.




Mit Geschichten von:

Andrea Völkner
Anja Stürzer
Anna Hellmich
Chtistian Handel
Christian Stobbe
Heidi Ramlow
Jonas Müller
Josefine Lyda
Julius Hilker
Kathrin Tordasi
Nia L. Avenel
Philipp C. Niklas
Tobias Radloff