Klappentext: Der erste Teil der "Hashtag Glückskinder"-Romanreihe rund um einen namenlosen Protagonisten. "Er hatte gelernt, dass es besser für die eigene Psyche war, sich davon abzuschotten und nichts mehr zu empfinden, wenn man sich selbst nicht völlig kaputt machen wollte." Eine kurz vor der Fertigstellung stehende, von einer künstlichen Intelligenz entwickelte überdimensionale Kuppel aus Plexiglas, in der Menschen durch ein perfides Leistungsprinzip resozialisiert werden sollen. Eine neue Mitarbeiterin, die er von früher kennt und die das für grundlegend falsch hält. Zwei für das Projekt Verantwortliche, die sich selbst Mutter und Vater nennen, und dazu noch ein kleines Mädchen, das bereits dort untergebracht ist. Als ob das nicht schon genug Herausforderungen wären, beginnt während einer Dienstreise auch noch sein Körper damit, Probleme zu machen.
Lässt man den Klappentext mal außer Acht, könnte man zu Beginn der Story denken, dass es sich bei „Hashtag Glückskinder: I. Habgier“einfach nur um die Geschichte eines Mannes handelt, der mit einigen Problemen zu kämpfen hat, interessant, aber nicht spektakulär. Nach und nach allerdings wurde mir bewusst, wie düster die Welt ist, in der der namenlose Erzähler lebt, eigentlich ist.
Vor diesem Hintergrund hat der Auftrag ,den er gemeinsam mit seiner neuen Kollegin Aurora
die er von früher kennt und am liebsten sofort wieder loswerden würde, einen beklemmenden Beigeschmack. Sie werden für ein besonderes Projekt abgestellt. Die beiden sollen ein Vorhaben begutachten, bei dem „schwierige“ Menschen wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden.
Ein zentraler Bestandteil des Buches sind die Lebensbedingungen der Menschen, die in dieser Kuppel untergebracht werden sollen. Sie sollen in Bretterhütten oder in einfachen Bauernhäusern leben und in der Landwirtschaft arbeiten, angeblich alles nur zu ihrem eigenen Besten. Das behaupten zumindest die Verantwortlichen, die sich „Vater“ und „Mutter“ nennen lassen. Dass diese die Menschen, für die sie die Verantwortung haben sollen, wie Sklaven halten werden, wurde mir schon nach wenigen Seiten klar. Selten begegneten mir in der Literatur Menschen, die mich vom ersten Satz, den sie sprachen, so angewidert haben.
Zwar haben die Bewohner die Möglichkeit, sich innerhalb des Systems hochzuarbeiten und die Kuppel irgendwann wieder zu verlassen, doch je länger man die Abläufe beobachtet, desto weniger wirkt diese Aussicht wie eine echte Chance. Vielmehr entsteht der Eindruck, dass die vermeintliche Aufstiegsmöglichkeit vor allem dazu dient, Kontrolle auszuüben und die Menschen gefügig zu machen. Der Autor zeigt sehr eindringlich, wie aus einem scheinbar geregelten System ein Ort werden kann, an dem die Bewohner nach und nach ihre Selbstbestimmung verlieren.
Besonders erschreckend fand ich den Umgang mit den Kindern. Auch sie sollen in dieser abgeschotteten Welt aufwachsen und dort ihren Platz finden. Als der Erzähler und Aurora eintreffen, lebt zunächst nur ein kleines Mädchen namens Mina in der Kuppel. Die beiden freunden sich mit ihr an und verbringen Zeit mit ihr. Durch ihre Erzählungen bekam ich einen ersten Eindruck davon, was den Kindern möglicherweise bevorsteht.
Die „Eltern“ erwarten vom Erzähler und von Aurora, Prognosen darüber zu erstellen, für welche Aufgaben die Kinder geeignet sind. Dabei geht es sicher nicht darum, was die Kinder selbst möchten oder was ihnen guttut. Sie sollen möglichst früh auf ihre spätere Funktion innerhalb des Systems vorbereitet und für dessen Zwecke brauchbar gemacht werden. Gerade dieser Gedanke hat mich beim Lesen sehr beschäftigt, weil den Kindern damit jede Möglichkeit genommen wird, ihren eigenen Weg zu wählen.
Die Geschichte hat mich an mehreren Stellen wirklich schlucken lassen. Das Szenario, das Lupo Lito entwirft, ist vor allem deshalb so erschreckend, weil einige der angesprochenen Themen gar nicht so weit von unserer heutigen Welt entfernt wirken. Es geht um künstliche Intelligenz und ihren Einfluss auf unser Leben, aber ebenso um Korruption, Machtgier und die Frage, wie leicht ein System, das zunächst vernünftig und gut organisiert erscheint, zur Unterdrückung von Menschen eingesetzt werden kann.
Der namenlose Erzähler hat mir dabei besonders gut gefallen. Er wirkt oft wie jemand, der einfach funktioniert und gelernt hat, bestimmte Dinge lieber nicht zu hinterfragen vielleicht auch, weil es für ihn selbst einfacher ist. Während Aurora ungeachtet möglicher Konsequenzen am liebsten laut gegen die Ungerechtigkeiten protestieren würde, die sie dort beobachten muss, bleibt der Erzähler zurückhaltend und vorsichtig.
Gerade dieser Gegensatz macht die Geschichte für mich so bedrückend. Man erkennt, wie leicht man sich an Einschränkungen gewöhnen kann, wenn sie nicht plötzlich über einen hereinbrechen, sondern sich langsam und beinahe unbemerkt in den Alltag einschleichen.
„Hashtag Glückskinder: I. Habgier“ ist kein leichtes Buch, aber für mich eines, das noch lange im Kopf bleibt. Es geht um Technologie, Macht und Überwachung, zugleich aber auch um die Frage, wie viel Freiheit man bereit ist aufzugeben, wenn Einschränkungen als notwendig oder sogar als etwas Positives verkauft werden.
Besonders die Geschichte der Kinder und die Art und Weise, wie die Verantwortlichen ihr Handeln rechtfertigen, sind mir im Gedächtnis geblieben. Darin liegt für mich eine der größten Stärken des Buches: Es macht deutlich, wie schnell sich Kontrolle und Ausbeutung hinter scheinbar guten Absichten verbergen können.
Die Geschichte gewinnt an mehreren Stellen durch ihre Ausführlichkeit. Gelegentlich hätte ich mir dennoch eine etwas kompaktere Erzählweise gewünscht, wobei das natürlich meinem persönlichen Empfinden entspricht. Am Ende gab es eine Szene, die mir wirklich wehgetan hat – aber was genau passiert, müsst ihr natürlich selbst lesen.
Jetzt freue ich mich jedenfalls schon auf den zweiten Teil der Reihe.
- Herausgeber : BoD – Books on Demand
- Erscheinungstermin : 22. April 2025
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 360 Seiten
- ISBN-10 : 3819263691
- ISBN-13 : 978-3819263699
- Buch 1 von 3 : Hashtag Glückskinder





