Samantha hat ihren gewalttätigen Ehemann Nelson angezeigt. Nach seiner Verurteilung zu 13 Jahren Haft scheint die Gefahr zunächst gebannt. Doch noch im Gerichtssaal schwört er, sie eines Tages zu finden. Auf Anraten des Staatsanwalts verschwindet Samantha daraufhin vollständig aus ihrem bisherigen Leben. Als Mary Smith fängt sie noch mal ganz von vorne an. Mehrfach zieht sie um, passt sich immer wieder neu an, versucht, so unauffällig wie möglich zu bleiben. Aber die Angst sitzt ihr im Nacken: Jedes Geräusch, jeder fremde Blick könnte bedeuten, dass er sie gefunden hat. Was erst wie ein Neuanfang wirkt, wird schnell zum psychologischen Kräftemessen zwischen der Hoffnung, endlich frei zu sein, und der ständigen Frage: Reicht es diesmal?
Am Anfang begleiteten wir Mary durch das Gerichtsverfahren und sahen, wie sie jedes Detail plante, um nicht aufzufallen. Man merkt richtig, wie sie versucht, unsichtbar zu werden. Doch je weiter die Story voranschreitet, desto mehr kippt die Stimmung. Aus dem vorsichtigen Aufbau wird ein Psychothriller, der mich so richtig mitfiebern lässt. Schicht für Schicht wird Marys neues Leben offengelegt, während Chris Carter die Handlung mehrfach in Richtungen lenkt, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet habe. Gerade wenn ich glaubte, den weiteren Verlauf durchschaut zu haben, überraschte er mich mit einer neuen Wendung.
Besonders gelungen finde ich, dass Carter diesmal weitgehend auf explizite Gewaltdarstellungen verzichtet. Die Spannung entsteht nicht durch blutige Szenen, sondern durch die allgegenwärtige Unsicherheit und die Entscheidungen, die Mary treffen muss, um zu überleben. Diese unterschwellige Bedrohung sorgt dafür, dass die Anspannung während der gesamten Lektüre erhalten bleibt.
Auch die Figuren haben mir gut gefallen. Mary ist keine klassische Opferfigur, sondern entwickelt sich glaubwürdig weiter. Sie lernt, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und schwierige Entscheidungen zu treffen, selbst dann, wenn jede davon neue Risiken birgt. Dadurch wirkt sie authentisch und macht es leicht, mit ihr mitzufiebern.
Das Erzähltempo empfand ich gerade zu Beginn als etwas zu langsam, doch im Rückblick sehe ich das nicht unbedingt als Mangel. Die Handlung entfaltet sich bedächtig. Jeder Ortswechsel, jede neue Begegnung fühlt sich an wie ein weiterer Schachzug in einem größeren Spiel. Genau diese sorgfältige Aufbauarbeit macht die späteren Überraschungen so wirkungsvoll und verwandelt das Buch schließlich in einen echten Pageturner. Denn sobald die Wendungen einsetzen, will man nicht nur wissen, wie die Geschichte endet, sondern vor allem verstehen, warum sich alles genau so entwickeln musste.
Ein kleiner Kritikpunkt bleibt für mich dennoch. Einige Nebenfiguren hätten durchaus etwas mehr Tiefe vertragen. Gerade die Menschen, denen Mary auf ihrem Weg begegnet, bleiben teilweise etwas blass. Der Spannung schadet das allerdings kaum. Es ist eher der Wunsch, noch stärker in diese Welt eintauchen zu können.
Fazit: „Du kriegst mich nicht“ gehört für mich zu den überraschendsten Romanen von Chris Carter. Wer psychologische Thriller mit intelligent aufgebauter Spannung schätzt und auch ohne blutige Schockmomente bestens unterhalten werden möchte, sollte diesem Buch unbedingt eine Chance geben. Ich habe es sehr gerne gelesen.
- Herausgeber : Ullstein Taschenbuch
- Erscheinungstermin : 30. Juli 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 464 Seiten
- ISBN-10 : 3548074901
- ISBN-13 : 978-3548074900
- Originaltitel : Hide and Seek

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